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Gender-gerechte Bezeichnungen in Romanen

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Lothen:
Hallo ihr Lieben,

nachdem ich an diesem Thema jetzt schon eine Weile knabbere, dachte ich, mach ich mal einen Thread dazu auf in der Hoffnung, ein paar interessante Eindrücke zu sammeln.

Für mein aktuelles Projekt möchte ich mich bemühen, das generische Maskulinum im Plural zu vermeiden und stattdessen sinnvoll alle Geschlechter zu repräsentieren, sofern sie in der jeweiligen Gruppe vertreten sind. Leider ist die deutsche Sprache da extrem holprig und der Vorsatz nicht so leicht einzuhalten, denn alle zwei Sätze ein "Kriegerinnen und Krieger" oder "Händlerinnen und Händler" einzuflechten, macht die Sätze sehr sperrig. Und die in einigen Bereichen gängige "-nde"-Endung funktioniert leider auch nur sehr begrenzt. In meinen Blogartikeln, Essays und wissenschaftlichen Arbeiten nutze ich am liebsten das *, aber das scheint mir für Prosa-Texte irgendwie nicht passend, oder?

Deswegen meine Frage: Habt ihr Tipps, um damit umzugehen? Habt ihr gute Ideen für neutrale Begriffe oder gute Literatur/Links zum Thema? Ich freue mich auf Input.

Liebe Grüße,
Lothen

Disclaimer: Ich fände es schön, wenn sich die Diskussion auf das "wie" beziehen könnte, nicht auf "sollte man", deswegen auch die Platzierung hier im Sprachbastelboard. Wenn jemand das Für und Wider von gendergerechter Sprache diskutieren möchte, wäre ich dankbar, wenn dafür ein zweiter Thread aufgemacht werden könnte, damit der Fokus hier auf dem technischen bzw. handwerklichen Aspekt bleiben kann.

Ary:
Puh, schwierig. In Berichten und wissenschaftlichen Texten nehme ich auch das Gendersternchen, aber in Prosatexten habe ich das auch noch nie gesehen, und ich fürchte, das wird potentielle Leser*innen auch abschrecken. Ich habe mich inzwischen ziemlich dran gewöhnt und es fließt mir ziemlich locker in die Finger, mit Stern zu gendern. Vor allem, weil das Sternchen ja wirklich alle Ausprägungen von Geschlecht einschließt und nicht nur "Männlein/Weiblein".

In meinen Geschichten benutze ich schon hin und wieder sowas wie "Händlerinnen und Händler", aber eben nur sparsam aus den von dir genannten Gründen. Wenn ich die Formulierung "der eine oder andere" gebrauche, wandle ich sie inzwischen in "der eine oder die andere" oder andersrum ab. Vielleicht wäre ein Work-around, mal von Händlerinnen und mal von Händlern im allgemeinen zu sprechen und dann zu spezifizieren: die buntgekleideten Frauen und Männer .... die Männer und Frauen mit ihren Waren ... nur so als Beispiele. Schön finde ich es in dem Zusammenhang auch immer, wenn Stereotype aufgebrochen werden und eine Schmiedin oder Waffenhändlerin auftaucht statt des typischen Schmieds oder ein Schneider statt einer Schneiderin, oder mal ein Vater mit zeternden Kindern über den Markt turnt und nicht die Mutter (die vielleicht gerade auf See ist und fischt).

Evanesca Feuerblut:
Ich suche auch nach einer Lösung.
Nicht zuletzt, weil in meiner Atlantis-Reihe das zugehörige Conlang generell keine grammatischen Genera kennt (Wenn also die Königin sagt "Die Wächter haben eine Gefangene in den Kerker gebracht", lautet der Satz in der Originalsprache, wenn man es wörtlich übersetzt "Die Wächter*innen haben ein*e Gefangene*n in den Kerker gebracht". Es geht aus dem Satz nicht hervor, wen sie gefangen haben. Erst, als nachgehakt wird, kommt heraus, dass es sich um eine junge Frau handelt.) und gleichzeitig die Gesellschaft matriarchal organisiert ist. Ich müsste also theoretisch kulturbezogen das generische Femininum nutzen bei diesem Volk.
Oder eben eine prosagerechte gendergerechte Sprache. Da habe ich auch noch keine Lösung.

Tintenteufel:
Ich versuche, mich auf das Wie zu konzentrieren. Wenn ich abrutschen sollte, dann bitte nicht als böswillig auslegen, das ist keine Absicht.

Persönlich schreibe ich in wissenschaftlichen Texten ohne Sternchen oder Binnen-I, außer es ist explizit Thema und wird explizit behandelt oder schwingt implizit im Thema mit. Wenn es im Thema mitschwingt, gendere ich nicht, sondern suche nach neutralen Ausdrücken.
Z.B. das Andere statt der Andere, wenn es um Othering, Intersubjektivität usw. als Abstraktum geht, sofern es ein argumentativer Punk ist, vorgeschlechtlich zu arbeiten. Für mich war es bis dato selten relevant, insofern kam die Frage bei mir nie auf.

In Prosatexten würde mir die Sternchenlösung in den allermeisten Fällen sauer aufstoßen, weil es zwei große Probleme gibt, die ich für relevant für einen guten handwerklichen Umgang damit halte:
1. Sprache konstruiert und transportiert Sozialität, Kultur usw.
2. Wissenschaftliche gendergerechte Sprache ist enorm sperrig und ungewohnt.

Fangen wir mit dem zweiten an, weil ich das für leichter zu lösen halte. Die Sperrigkeit geht meines Erachtens nach das handelsübliche oder alltägliche Sprachgefühl von Lesern an. Gendergerechte Sprache wirkt aufgesetzt, weil sie - aus was für Gründen auch immer - nicht der umgangssprachliche Standard ist. Entsprechend fällt sie auf, was ich mal als "dissonant" bezeichnen würde, sofern der Fokus bei Prosasprache auf Umstandslosigkeit, Verständlichkeit, Harmlosigkeit usw. liegen soll. Prosasprache neigt nicht dazu, Aufmerksamkeit auf die Sprache selbst zu lenken, das passt mit handelsüblicher gendergerechter Sprache wenig zusammen.
Mögliche Lösungen wären hier m.M.n. die Sprache selbst in den Fokus des Textes zu rücken - d.h. originell nicht durch den Plot und die Welt zu sein sondern durch den Stil und die Sprache.

Sprache als sozialer Konstruent ist etwas komplizierter. Ich denke es ist wenig kontrovers das zu sagen. Gerade bei Phantastik wird es aber interessant, weil es zu einem Konflikt kommt. Evanesca hat das ja schon angeschnitten: Wenn sich die durch unsere (deutsche) Sprache transportierte und dargestellte (phantastische) Welt und Gesellschaft signifikant voneinander unterscheiden, werden solche kleinen Abweichungen relevant.
Ich denke die Lösung liegt in so einem Fall darin, das ins World Building selbst zu integrieren und einen cleveren Weg zu finden, die Texte zu präsentieren. Also nicht einfach naiv als "so und so ist es" den fiktionalen Text als Realitäten beschreibend hinstellen, sondern als Übersetzung oder als Bericht. Hat dem Herrn der Ringe keinen Abbruch getan.

So aus der Hüfte geschossen.

caity:
Ich habe bei meinem aktuellen Projekt im Exposé versucht, abzuwechseln. Die Rückmeldung war dann: die gibt es doch nicht nur im Maskulinum und die anderen nicht nur im Femininum. Stimmte und ich verstand auch, weshalb das im Exposé, da die Begriffe dort nicht so oft vorkommen, schwierig ist. In einem Roman würde ich es aber für möglich halten, also ausgewogen mal von Kriegern und mal von Kriegerinnen zu schreiben, wann immer beide Geschlechter gemeint sind. Es ist auch nicht optimal, und wird sicherlich auch dem einen oder der anderen aufstoßen, aber ich finde es noch die einzige Möglichkeit. Sternchen, Gap oder Binnen-I ginge für mich zumindest gar nicht...

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