• Willkommen im Forum „Tintenzirkel - das Fantasyautor:innenforum“.
 

Zu viel Welt, zu wenig Geschichte?

Begonnen von Villyana, 28. November 2022, 12:55:40

« vorheriges - nächstes »

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Czara Niyaha

Ich stimme Maja zu. Zuviel Worldbuilding kannst du später immer noch streichen, aber es später unterzukriegen, gestaltet sich weitaus schwieriger. Guter Weltenbau zeigt sich für mich unter anderem darin, dass ich als Leser das Gefühl habe, die Welt ist offen und es gibt Geheimnisse zu entdecken, aber ich erfahre auch nicht alles. Das macht eine Welt spannend, wenn ich das Gefühl habe, es endet nicht mit der Sichtweise des Charakters, sondern es geht darüber hinaus, zumindest in der Fantasie.
Trotzdem kann man sich auch ganz schön im Weltenbau verrennen. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Weltenbau ist eine persönliche "Hassliebe" von mir. Ich verliere mich gerne in meiner Welt, aber stoße immer wieder auf Probleme wie z.B.: Zeit, Kalender, Monate, Götter, usw.
Du solltest dir durchaus Inspiration holen in der Geschichte, Mythen und Sagen, aber dich für sichere Säulen entscheiden, die das Grundgerüst deiner Welt sind. Es dürfen nicht zu viele, unterschiedliche Einflüsse in der Welt auftauchen, weil sie dadurch zu überladen wirkt. Irgendwo hatte ich mal im Internet einen Fragenkatalog gefunden zu dem Thema Weltenbau, den ich ganz hilfreich fand. Leider weiß ich nicht mehr wo das war.
Deine Welt muss beim Schreiben bei weitem noch nicht fertig sein, aber zumindest das Grundgerüst sollte in der Theorie stimmig sein. Alles andere ergibt sich beim Schreiben, wenn du deine Charaktere durch die Welt begleitest.

Was deinen größten "Alptraum" (Albtraum) betrifft, gestaltet sich etwas schwieriger, da die meisten mit diesem Wort böse Träume in Verbindung bringen. Von der eigentlichen Assoziation wegzukommen, und eine andere Verknüpfung zu erstellen, ist nicht ganz einfach, aber mit Sicherheit nicht unmöglich. Ist der Albtraum denn essentiell für deine Geschichte?  Du darfst nicht vergessen, du als Autorin hast den Überblick, und für dich ist alles verständlich und logisch, aber für den Leser nicht.

75 Seiten für ein Kapitel finde ich ganz schön lang. Ist es zumindest zwischendurch "unterbrochen", sprich Szenenwechsel usw.?

Alana

#16
Aus Leserinnen-Sicht muss ich sagen, dass ich ein neues Wort für schlechte Träume deutlich schneller akzeptieren könnte als neue Worte für Dinge wie Wochentage, Längenmaße etc. Ich empfinde es oft auch als aufgesetzt, dass in manchen Romanen einfach alles neu benannt werden muss und mich strengt das als Leserin sehr an. Daher wäre meine Anwort auf deine Frage: Da, wo es passt, bin ich immer dafür, bei den bekannten Begriffen zu bleiben und nur dort, wo es wirklich Sinn ergibt, etwas neues zu erfinden. Neue Wörter sollten dabei möglichst sinnvoll abgeleitet und einfach sein, jedenfalls für mich. Wenn unsere Bezeichnungen nicht in dein Worldbuilding passen (unsere Wochentage zum Beispiel können in einer rein erfundenen Fantasy-Welt ja einfach komplett unlogisch sein), ist es natürlich richtig, andere zu erfinden. Ich bin auch definitiv nicht die Zielgruppe für Romane mit so intensivem Hintergrund-Worldbuilding. Ich denke nur, wenn du so viele Dinge neu erfindest, warum empfindest du gerade das Wort Albtraum als unersetzlich? Du kannst es doch neu benennen, einmal erklären und fertig. :)

Abgesehen davon geht es mir wie @Petitcreiu , dass mir viele Bücher in letzter Zeit viel zu flach und wenig atmosphärisch sind, was das Worldbuilding betrifft. Ich mag gutes Worldbuilding wahnsinnig gerne und liebe es, wenn es sich durch jeden Satz und jede Figur durchzieht. Für mich ist dabei allerdings eher das Aussehen der Welt interessant (also die optische Wirkung) und eben, wie es sich auf den Charakter der Figuren auswirkt, also Verhaltensregeln etc.. Deswegen ist High Fantasy mit kompliziertem politischen, historischen oder geografischen Weltenbau mit vielen Völkern gar nicht mein Ding und ich weiß auch nicht so genau, wieviel Weltenbau diese Zielgruppe am Ende mag. (Das nur als Erklärung für den scheinbaren Widerspruch in dem, was ich geschrieben habe.)

Übrigens kann ein gutes Worldbuilding für mich auch spannender sein als die Geschichte selbst, wenn es gut eingeflochten ist. In "Das Juwel" von Amy Ewing war das so. (Inhaltlich ist das ungefähr The Handmaid's Tale als Jugendbuch.) Da wurden einem immer nur kleine Teile des Worldbuildings verraten, gerade so viel, dass man angefixt war, aber so wenig, dass man immer unbedingt wissen wollte, wie alles funktioniert. Leider war dieser Effekt in Teil 2 vollkommen weg, so dass ich den dann auch abgebrochen habe. :P Es kommt also weniger auf die Menge an, denke ich, sondern auf die Pränsentation.
Alhambrana

Villyana

Zitat von: Czara Niyaha am 06. Dezember 2022, 12:30:3575 Seiten für ein Kapitel finde ich ganz schön lang. Ist es zumindest zwischendurch "unterbrochen", sprich Szenenwechsel usw.?

Ja, unterbrochen ist es schon, auch durch Szenenwechsel und es sind auch mehrere Tage, also nicht EIN Text am Stück, sondern einfach logisch gesehen für mich eine Einheit, daher ein Kapitel. Für mich zum überarbeiten habe ich ihn in mehrere Texte gegliedert und komme hier auf 10 Texte, die inhaltlich für mich zusammen gehören. Diese sind zum Teil auch nochmal durch Sternchen unterteilt :)

@Alana: Ja, ich verstehe was du hier meinst. Sachen mit viel Politik oder Vorgeschichte empfinde ich auch als sehr anstrengend. Auch Elemente die nur so 2-3 mal vorkommen und keine richtige Rolle spielen, sich wiederholen und mit der Geschichte gar nicht so Recht zusammen zu gehören scheinen... Also erfinden, um was erfunden zu haben... ich habe Ulldart von Markus Heitz ein wenig so empfunden.

Vielleicht für alle zum Verständnis:
Ich habe eine Hauptperson, die ihr ganzes Leben in einem Land aus Eis in einem Tempel verbringt. Daher basieren die Wochentage auf den Göttern und sind wichtig für den täglichen Ablauf. Dabei leidet sie immer wieder unter Albträumen, die ihr auch Visionen offenbaren. Daher ist dieser Begriff wichtig in der Geschichte. Ich nutze ihn auch ganz natürlich, aber eigentlich wäre er in meiner Geschichte nicht richtig.
Historisch gab es nur einen großen Krieg, der schon lange zurück liegt. Es scheint aber, dass die Konflikte von damals wieder aufflammen.
Von der Welt weiß man Anfangs nicht viel, bis sie den Tempel verlässt und der Leser quasi mit ihr die für sie (und den Leser auch) komplett neue Welt erkundet. Ein bisschen Überforderung gehört da vielleicht am Anfang dazu  ;) und natürlich auch viel Neugier, fremde Pflanzen und Tiere, andere Umgangsformen etc.
Und auch eine naive Sichtweise der Welt.
Oh da! Die netten fremden Männer, die sie zu sich ans Feuer einladen und dabei etwas seltsam lächeln und sie ein wenig zu aufdringlich mustern ;)

So mache ich das im Moment. Ein Freund - der allerdings noch nie etwas von mir gelesen hat - meinte, es ist sicher langweilig, wenn man immer über Dinge "spricht", die sie nicht versteht. Natürlich möchte ich nicht alles ansprechen und erläutern. Aber ganz ohne geht es in einer ganz anderen Welt auch nicht.

Es ist auch nicht einfach, ist ein Problem gelöst, kommen gleich 2 neue dazu :) Auch wie das mit dem Titel einer spirituellen Führung ist. Wie spricht man denn eine Hohepriesterin an?

Manche Probleme sind nur Kleinigkeiten, die man dann noch klären kann. Dass aber z.B. die militärischen Ränge so viel Einfluss nehmen würden, da man auch versucht in einen höheren Rang befördert zu werden, was man dafür braucht oder was mit dem verbunden ist, hätte ich im Vorfeld auch nicht erwartet. Eigentlich ging es nur darum, dass der Bruder der Hauptperson General ist und welchen Rang dann wohl sein Adjutant hat  :rofl:

Coppelia

Früher habe ich oft sehr umfangreiche Welten erschaffen und hatte dann Probleme, weil viele zusätzliche Infos im Text untergebracht werden mussten, um Dinge zu verstehen, die eigentlich für die Handlung nicht relevant waren. Außerdem sind mir die Geschichten manchmal aus dem Ruder gelaufen, weil ich vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen bin. Daher habe ich vor einigen Jahren beschlossen, nur noch das zu bauen, was ich für die Geschichte brauche. Damit fahre ich seitdem sehr gut.

Einfach nur neue Bezeichnungen machen in meinen Augen keine andere Welt aus. Es muss Unterschiede zu unserer geben. Wichtig finde ich, die Konsequenzen dieser Unterschiede bis ins Letzte zu durchdenken. Denn schon Kleinigkeiten machen viel aus, und einige Aspekte bleiben oft unbeachtet (z. B. wer eine Welt erschafft, in der es nicht einen Mond gibt wie bei uns, sondern mehrere Monde oder keinen, verändert viele Parameter, und die Welt wird sich stark von unserer unterscheiden. Um die Unterschiede abzuschätzen, sind Kenntnisse in Astrophysik hilfreich - sofern die Welt ähnlichen Gesetzen unterliegt wie unsere, was ja nicht zwangsläufig der Fall ist).

Bei meinem letzten Roman habe ich (ziemlich zu meiner Überraschung) viel positives Feedback zum Weltenbau bekommen. Dabei habe ich mich weitgehend auf eine Sache konzentriert
Sorry but you are not allowed to view spoiler contents.
. Die gesellschaftlichen, sozialen, religiösen usw. Folgen habe ich dann durchdacht. Das war's weitgehend. Ich hielt den Weltenbau eher für minimalistisch und etwas schlampig. ;D

Wichtig finde ich auch die Atmosphäre, die ich für eine Welt für wichtiger halte als Fakten. Dafür sehe ich mir meist anderes an, was eine Atmosphäre hat, die ich selbst darstellen möchte, z. B. Games. Dann prüfe ich, wodurch diese Atmosphäre zustande kommt, und versuche mit Worten etwas Vergleichbares abzubilden.

Den Alptraum würde ich übrigens Elbtraum nennen. ;D Wenn du nichts gegen Wortspiele hast.

Coppelia

Eine Sache war mir noch eingefallen, die ich für wichtig halte. Nämlich dass es nicht günstig ist, davon auszugehen, dass die Leser*innen mitdenken uns sich alle Details merken. Sie haben ein eigenes Leben und schaffen es vielleicht nur, zwischendurch ein paar Seiten zu lesen. Um sich etwas zu merken, sind mehrere Wiederholungen notwendig. Viele Informationen, die zwischendurch nicht aufgefrischt werden, wirken verwirrend. Daher achte ich immer darauf, ggf. Informationen zu wiederholen. Wenn ich beispielsweise Götter erfinde und einbinde, nenne ich quasi bei jedem neuen Nennen des Götternamens noch mal genug Infos, damit niemand lange überlegen muss, welcher Gott das noch einmal war.
Mache ich natürlich nur bei Dingen, die nicht absolut zentral sind.

Villyana

Das ist ein guter Hinweis. Ich habe mich schon gefragt, ob solche Wiederholungen zu viel sind oder was da angemessen ist, aber es stimmt: nicht jeder ließt alles am Stück. Ob zu viel oder nicht, die Infos muss ich mir evtl. einfach bei ein paar Lesern abholen, aber da warte ich leider immernoch auf Feedback... Bei manchen schon seit einem Jahr   ::)