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Figuren erstellen - Techniken und Ratgeber

Begonnen von Mondfräulein, 28. Januar 2023, 18:03:34

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Mondfräulein

In Schreibratgebern und im Internet finden sich viele Methoden und Ansätze, um Charaktere zu erstellen. In letzter Zeit habe ich festgestellt, dass sie alle irgendwie auf ihre Art sinnvoll sind, deshalb dachte ich, vielleicht können wir ja mal gemeinsam verschiedene Methoden sammeln und eine Übersicht erstellen. Es geht mir gar nicht darum, zu diskutieren, welche Methode die beste ist. Ich glaube, verschiedene Methoden funktionieren wunderbar für verschiedene Autor*innen und vielleicht auch für verschiedene Figuren. Aber einen Überblick zu haben kann vielleicht helfen, die richtige Methode auszusuchen.

In den meisten Fällen ist es glaube ich trotzdem sinnvoll, die Originallektüre zu lesen, um zu verstehen, worauf eine Methode genau abzielt, aber die Übersicht hilft vielleicht dabei, zu sortieren, welche Lektüre sich überhaupt lohnt.

Figur steht hier stellvertretend für Protagonist*in oder Held*in oder Romancharakter. Aber Figur ist kurz und geschlechtsneutral, das fand ich am einfachsten. Ihr versteht hoffentlich, was ich meine! Ansonsten würde ich mich freuen, wenn ihr hier weitere Methoden vorstellt und dann eure Beiträge hier im ersten Post zitieren oder auf eure Beiträge verlinken, damit wir am Ende eine schöne Sammlung haben.


Psychological and Moral Need/Weakness (The Anatomy of Story – John Truby)

John Truby unterscheidet zwischen Need (Was braucht die Figur, um ein glückliches Leben führen zu können?) und Desire (Was will die Figur und worauf arbeitet er*sie aktiv hin?). Psychological Needs betreffen nur die Figur selbst, Moral Needs noch mindestens eine Person darüber hinaus, die die Figur durch ihr Verhalten in irgendeiner Art und Weise verletzt. Weakness meint hier etwas, das die Figur zurückhält, oft haben Psychological und Moral Need damit zu tun, die eigenen Schwächen zu überwinden. Ebenso gibt es häufig eine Lüge, die unsere Figuren glauben und im Moment der Selbsterkenntnis erkennen sie die Wahrheit hinter der Lüge. Die Lüge bezieht sich oft auf das Selbstbild der Figur. 

John Truby beschreibt in seinem Buch eine Schritt für Schritt Anleitung, die seiner Meinung nach der einzige Weg ist, eine gute Geschichte zu schreiben. Ich glaube nicht, dass das der einzige Weg ist, viele Tipps beziehen sich vor allem auf Drehbücher und teilweise wirkt das Konzept etwas formelhaft und restriktiv. Wenn man das aber nicht zu ernst nimmt, beinhaltet das Buch durchaus nützliche Tipps. Die einzelnen Schritte bauen aufeinander auf, zu Need, Desire und Weakness gibt es also noch sehr viel mehr zu sagen, als ich es hier wiedergeben kann, weil John Truby sie für jeden weiteren Schritt nutzt. Insgesamt fand ich viele Aspekte dennoch sehr nützlich für mein eigenes Schreiben, aber eher um mir einzelne Schritte herauszupicken, die helfen können, falls meine Geschichte nicht funktioniert, nicht um jedes Buch zwanghaft danach aufzubauen.

Belief & Instinct (Burning Wheel)

Burning Wheel ist ein sehr kompliziertes Rollenspielsystem. Jede Figur hat mehrere Beliefs, Instincts und Traits, die beim Rollenspiel helfen sollen, die ich aber auch für die Charakterisierung von Figuren nützlich finde.

Ein Belief enthält ein Statement und eine Handlung oder Handlungsrichtung, die daraus resultiert. Formuliert werden sie typischerweise als ,,Ich werde..." oder ,,Ich werde nicht...", also zum Beispiel: ,,Mein Gott ist der beste Gott. Ich werde jedem, den ich treffe, von meinem Gott erzählen." oder ,,Der König ist für den Tod meines Bruders verantwortlich. Ich werde ihn rächen." und so weiter. Es geht also um ein Statement (entweder ein Glaubenssatz oder etwas mit ethischer/moralischer Komponente oder irgendetwas anderes, was die Figur wirklich glaubt und wovon sie überzeugt ist) und eine Handlungskomponente (wie die Figur das in die Praxis umsetzen will, auf welche Weise sie danach handelt, wie sie das Ziel umsetzen will). Ein übergreifendes Statement und ein unmittelbares Ziel. Ein Belief ist oft auch ein Ziel, das die Figur langfristig verfolgt. 

Ich mag, dass ein übergeordnetes Konzept auf die Verhaltensebene heruntergebrochen wird, was es uns als Autoren leicht macht, diese Werte zu zeigen statt sie auszuschreiben. Außerdem bietet sich hier oft schnell eine Möglichkeit an, die Beliefs einer Figur herauszufordern oder zu nutzen, um Konflikte zu konstruieren. Ein Belief ist typischerweise sehr wichtig für die Figuren und kann sich im Laufe des Spiels ändern. Es gibt auch logischerweise nur eine begrenzte Anzahl pro Figur.

Ein Instinct im Kontext des Rollenspiels ist eine Handlung, die eine Figur automatisch durchführt, ohne es den Spielleiter*innen mitteilen zu müssen, zum Beispiel: ,,Ich sitze immer mit dem Rücken zur Wand, um den Raum im Blick zu haben." oder ,,Ich verberge die Tätowierung an meinem Hals immer mit einem Schal."  Ich finde es hilfreich, ein paar Instincts für meine Figuren zu definieren, ohne zwanghaft alle davon in den Roman einbauen zu müssen, weil sie mir helfen, die Figuren voneinander abzugrenzen. Insgesamt finde ich Beliefs nützlicher als Instincts, aber bei manchen Figuren hat es mir geholfen, über Instincts nachzudenken.

The Positive Trait Thesaurus: A Writer's Guide to Character Attributes – Angela Ackerman & Becca Puglisi

Die Kategorien kommen nur in einem Kapitel vor und sind nur ein kleiner Aspekt des Buches, aber für mich haben sie herausgestochen, weil ich das so noch nie irgendwo gesehen habe. Es gibt Eigenschaften, die 1. mit einer moralischen Überzeugung zusammenhängen, 2. dabei helfen, ein Ziel zu erreichen, 3. die Interaktionen mit anderen Figuren beeinflussen und 4. ihre Identität definieren. Die Autorinnen empfehlen, Hauptfiguren Eigenschaften aus allen vier Kategorien zu geben. Das Buch enthält darüber hinaus dann viele Eigenschaften, von denen man sich für die eigenen Figuren inspirieren lassen kann, enthält aber auch Listen, in denen die Eigenschaften den verschiedenen Kategorien zugeordnet werden.

Psychologische Konstrukte

Wissenschaftliche Konstrukte können hilfreich sein, um seine Figuren besser kennenzulernen. Häufig gibt es dazu Fragebögen, die man aus der Sicht der Figur beantworten kann, was hilft, neu über seine Figur nachzudenken.

In der Persönlichkeitspsychologie sehr geläufig sind die Big Five (speziell das OCEAN-Modell). Hier gibt es fünf Persönlichkeitsmerkmale (Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus) ein Spektrum, auf dem man sich irgendwo befindet. Hier lohnt es sich darüber nachzudenken, wo die jeweilige Figur steht, wie sie im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung steht und wie sich das auf ihr Leben auswirkt. Es gibt Tests, um die Big Five zu messen, einige findet man frei verfügbar im Internet. So hilfreich, wie die Big Five für die Wissenschaft sind, finde ich sie nicht besonders hilfreich beim Erstellen von Figuren.

Esoterische Modelle

Hier sammle ich Modelle, die nicht wissenschaftlich sind und es auch nicht behaupten, bei der Erstellung von Figuren aber auch hilfreich sein können, wenn man so etwas hilfreich findet.

Das Enneagramm unterscheidet zwischen neun Typen (Perfektionist, Geber, Dynamiker, Tragischer Romantiker, Beobachter, Advokat des Teufels, Epikureer, Boss und Vermittler), die bei Personen unterschiedlich ausgeprägt sein können. Von allen esoterischen Modellen, die mir bisher begegnet sind, finde ich es am hilfreichsten, weil es komplex genug ist, um eine Vielzahl von Persönlichkeiten abzubilden, gleichzeitig aber noch überschaubar genug, um nicht an der Fülle von Möglichkeiten zu verzweifeln. Nachteil ist aber, dass das Modell wieder in Kategorien einteilt, was bei Persönlichkeit aus wissenschaftlicher Sicht immer ein Problem ist. Hilfreich kann das Modell aber sein, wenn man die  Typen als Archetypen betrachtet, die als Ausgangspunkt für eine komplexe und vielschichtige Figur dienen. Zu den Typen gibt es Beschreibungen der verschiedenen Entwicklungsstufen (unreif, normal und reif), die helfen können, Charakterschwächen zu finden. Ebenso geht das Enneagramm von prägenden Verletzungen in der Kindheit aus, die vielleicht Inspiration für Backstory sein können. 

Der Myers-Briggs-Typenindikator ist weder seriös noch wissenschaftlich (tut aber so) und ich erwähne ihn hier nur, um davon abzuraten. Die Erfinderinnen haben außerdem einen ziemlich offen rassistischen Hintergrund (sucht mal nach einer Zusammenfassung des Romans Give Me Death von Isabel Briggs Myers wenn euch das interessiert, aber Achtung, Content Note für sehr offenen Rassismus). Das Konzept erinnert mich auch viel zu sehr an Eugenik. Nach der klassischen Lehre sind die Merkmale auch für Männer und Frauen unterschiedlich gewichtet, weil die Autorinnen von einem grundlegenden Unterschied zwischen den Geschlechtern ausgingen. Außerdem ist Persönlichkeit nach Myers Briggs angeboren und verändert sich im Laufe des Lebens nicht, was einfach nicht stimmt (Persönlichkeit ist ein relativ stabiles Merkmal, aber sie kann sich im Laufe des Lebens ändern) und eben auch wieder zu sehr in Richtung Eugenik geht. Die strikten Kategorien finde ich auch ehrlich gesagt nicht hilfreich. Persönlichkeit ist ein Spektrum und lässt sich nicht so einfach in Kategorien einteilen. Die Beschreibungen sind nicht besser als Horoskope. Der Test basiert auf der Typenlehre von C.G. Jung, gibt das Konzept aber sehr unzureichend wieder.

Die Typenlehre von C.G. Jung ist so ein Zwischending aus Wissenschaft und Esoterik. Jung war sehr esoterisch unterwegs, findet aber auch in der Psychologie immer noch Anwendung. Richtig wissenschaftlich ist die Methodik jedoch nicht, deshalb ist Jung in diese Kategorie. Grob zusammengefasst gibt es Einstellungen (Introversion und Extraversion) und Grundfunktionen (Denken, Fühlen, Empfinden, Intuition), die helfen, sich der Umwelt anzupassen. Jede der Funktionen können an eine introvertierte (nach innen schauend) oder extravertierte (nach außen gerichtet) Einstellung gebunden sein. Die Funktionen sind nicht gleich gewichtet. Insgesamt gibt es dazu noch viel mehr zu sagen, aber Jung ist generell nicht so zugänglich wie andere Theorien finde ich. Als Einstiegswerk empfehle ich C.G. Jungs Landkarte der Seele von Murray Stein, aber wirklich nur, wenn ihr euch wirklich dafür interessiert. Insgesamt finde ich das Konzept für die Charakterentwicklung nicht besonders hilfreich, sofern man sich nicht sowieso schon mit Jung auskennt oder total Lust hat, sich da reinzulesen, weil das Konzept doch ziemlich kompliziert ist. 

Horoskope können auch hilfreich sein, allerdings ist das auch wieder so ein System, das wahrscheinlich vor allem dann gut für einen funktioniert, wenn man sich schon damit auskennt. Die 12 Tierkreiszeichen, die wir alle kennen, sind nur die absolute Spitze des Eisbergs. Ein ausführliches Horoskop betrachtet Aszendent, Mondzeichen, Planeten, Mondknoten, manche Kometen, Häuser, Aspekte. Das zu deuten ist eine Wissenschaft für sich. Es gibt viele Variablen, die viele Variationen zulassen, aber eben auch sehr viele Variablen. Horoskope haben auch viel mit Potenzial zu tun. Wenn man sich da mal so richtig reinliest, kann man bestimmt eine Menge Inspiration für Figuren finden, aber man muss sich dafür eben auch erstmal so richtig reinlesen.

Eigene Methoden

Wenn ihr eigene Methoden habt, um Figuren zu erstellen, dann können wir das hier auch gerne sammeln. Ich bediene mich immer verschiedener Methoden und das hier ist nicht alles, was ich mache, wenn ich Figuren erstelle, aber ich fange gerne mit diesen Aspekten an, weil mir das hilft, Figuren im Roman vorzustellen:
Prämisse: Wenn ich meine Figur in einem Satz beschreiben müsste, also zum Beispiel so etwas wie ,,Ein selten nüchterner Kronprinz, der sich hinter seiner Weinflasche vor der Verantwortung der Krone versteckt".
Äußere Merkmale: Das meint keine körperlichen Merkmale oder das äußere Erscheinungsbild, sondern oberflächliche Persönlichkeitsmerkmale. Wenn jemand, der die Figur mittelmäßig gut kennt, sie beschreiben müsste, welche Worte würde er*sie wählen? Also zum Beispiel: Trägt nur Schwarz obwohl er damit blass aussieht. Trinkt zu viel. Riecht immer nach Wein. Baut auch betrunken noch sehr gute Kartenhäuser aus Bierdeckeln. Hat immer ein offenes Ohr für die betrunkenen Probleme von Fremden in der Taverne und gibt wohlwollende Ratschläge. Solche oberflächlichen Merkmale bleiben auch bei Leser*innen hängen.
Gute und schlechte Seiten einer Eigenschaft: Viele Charaktereigenschaften sind Schwäche und Stärke zugleich. Nehmen wir meinen Prinzen: Er ist sehr empathisch. Er ist ein guter Zuhörer und sorgt sich ehrlich um andere Menschen, auch Fremde. Das ist eine positive Eigenschaft. Auf der anderen Seite führt das aber auch zu besagter Schwäche: Er kümmert sich mehr um die Probleme anderer als um seine eigenen. Er geht seinen eigenen Problemen aus dem Weg. Er macht die Probleme anderer zu sehr zu seinen eigenen und kann sich schlecht von ihnen distanzieren. Im Prinzip ist also eine Eigenschaft Stärke und Schwäche zugleich. Manchmal mache ich eine  Tabelle, in der ich Charaktereigenschaften einer Figur notiere und dann für jede Eigenschaft positive und negative Aspekte notiere.
Maladaptive Verhaltensmuster: Das ist oft dasselbe wie eine Schwäche, aber es denkt hier etwas weiter. Hier geht es auch darum zu fragen, woher Schwächen kommen und welche Funktion sie vielleicht haben. Zum Beispiel mein widerwilliger Prinz: Eine seiner Schwächen ist, dass er sich mehr mit den Problemen anderer Leute beschäftigt als mit seinen eigenen. Das ist eine Schattenseite seiner Empathie. Aber warum handelt er so? Vielleicht hat er gelernt, seine eigenen Probleme nicht mehr wichtig zu nehmen, weil sein Vater sich immer über seine Probleme lustig gemacht hat. Vielleicht nimmt er die Probleme anderer deshalb so ernst, weil er nicht will, dass es ihnen genauso geht. Vielleicht hat er in seinem Leben nur dann Aufmerksamkeit bekommen, wenn er emotional für andere da war und er hat Angst, andere zurückzuweisen, auch wenn er dadurch mehr schultert, als er eigentlich kann. Seine Schwäche ist somit also eine logisch wirkende Konsequenz verschiedener Erfahrungen, an die er sich angepasst hat, indem er diese Schwäche entwickelt hat.
Der Rest von dem, was ich mache, ist eigentlich eine Kombination aus verschiedenen anderen Methoden, deshalb führe ich das jetzt nicht nochmal aus. Aber das sind Aspekte, über die ich bei so gut wie allen meinen Figuren nachdenke.

Was kennt ihr für Techniken? Ich bin total gespannt, was ihr noch alles vorstellt!