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Realismus in der Fantasy

Begonnen von Moni, 01. Januar 1970, 01:00:00

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Fianna

Aus aktuellem Anlass schiebe ich das mal hoch: andere Leute sehen es als "Realismus in der Fantasy", ich erahne teilweise Mainstream-Umsetzungen von S&S - jedenfalls ist das wieder Trend.
Schon eine ganze Weile.

Verwirrter Geist

Der Faden ist zwar schon sehr alt, aber meine Fragen lässt sich doch so gut unter diese übergeordnete Frage fassen, dass ich mir erlaube, ihn zu pushen. Im Zweifelt haut mich dafür ruhig mit der Pfanne.

Ich hadere gerade sehr mit der Verquickung von Fantasy und Realismus. Folgender Plot(Anfang): Mädchen mit Handicap (Querschnittslähmung unterhalb der Hüfte) landet in Fantasywelt.
Hier verbringt sie einige Tage im Bett, ihr Verstand versucht verzweifelt sich die etwas seltsame Umgebung so hinzubiegen, dass sie nur entführt wurde und alles "Übersinnliche" des Weltenübertritts eine logische Erklärung haben muss. Schließlich muss sie sich aber mit der (neuen) Realität anfreunden und integriert sich in die dortige Situation.

Problem: Mein Prota weigert sich beharrlich. Sie fragt sich die ganze Zeit nur: Wo ist sie genau? Was soll sie da? Wie kommt das eigentlich alles? Kommt sie jemals wieder zurück?
Anfangs fand ich solche Fragen noch ganz gut, weil der Roman grundsätzlich durchaus ernste Themen ansprechen soll (Handicaps, Mobbing in Fantasywelten), aber irgendwie nervt dieser Realismus und das "nicht-loslassen" können mich gerade sehr.

Wie löst ihr solche Spannungsfelder auf?




Siara

Hallo, verwirrter Geist  :D

Ja, kenn ich gut, wenn die Protas sich weigern, sich so zu entwickeln, wie man es gern hätte.

Ich mache normalerweise Folgendes: Ich schreibe so, wie ich es haben will. In deinem Fall also, als ob sie sich mit der neuen Situation plötzlich anfreunden kann. Dabei kommt es natürlich zu einem starken Bruch, weil es ein sehr plötzlicher innerer Umschwung ist. Trotzdem, ich schreibe dann zwanghaft und vielleicht auch etwas überspitzt so weiter, wie ich es geplant hatte. Nach einer Weile fühlt es sich nicht mehr ganz so falsch an, das Verhalten wirkt natürlicher und man muss sich nicht mehr davon abhalten, ständig in die alten Muster zurückzuverfallen.

Wenn ich mich einigermaßen wohl fühle und mich daran gewöhnt habe, gehe ich zurück zu der Bruchstelle. Dann habe ich meist ein Gefühl dafür, wie sich der Prota verändern müsste, und kann die Stelle reparieren. Auch der Anfang des neuen Verhaltens, der meistens doch sehr übertrieben und gezwungen ist, lässt sich dann abflachen. Den Übergang so lange glätten, bis es stimmig ist und dann sehen, ob alles passt.

Eine andere Möglichkeit wäre, erst einmal mit den Zweifeln weiter zu schreiben, die entsprechenden Stellen dann rauszustreichen oder abzumildern und durch entgegengesetzte Denkweisen zu ersetzen.

Am einfachsten ist es, finde ich, wenn man erst mal Text hat, mit dem man arbeiten kann.  ;)
I'm going to stand outside. So if anyone asks, I'm outstanding.

Churke

Zitat von: Verwirrter Geist am 28. März 2014, 23:06:20
Problem: Mein Prota weigert sich beharrlich. Sie fragt sich die ganze Zeit nur: Wo ist sie genau? Was soll sie da? Wie kommt das eigentlich alles? Kommt sie jemals wieder zurück?
Ganz ehrlich? Solche Fragen stellt man sich, wenn man keine richtigen Probleme hat. Für mich klingt das so, als ob du deinen Plot etwas nachpfeffern müsstet. Dann sollten solche Fragen von selbst an den Rand gedrängt werden.

Pygmalion

Also, Siaras Methode ist sicher nicht schlecht, ich hatte das Problem noch nie, weil meine Geschichten immer in einer Welt spielen, in die auch die Leute gehören, die da rumlaufen. Ich finde das inzwischen ein bisschen inflationär, dass immer irgendwelche Jugendlichen in Fantasywelten landen ;)

Churke hat auch Recht, mit passenden Wendungen in der Geschichte erledigen sich solche Fragen von alleine, weil der Prota dann keine Zeit mehr hat, rum zu sitzen und darüber nach zu grübeln, was sie da soll... Wenn irgendeine Aufgabe kriegt, stellen sich vermutlich solche Fragen irgendwann nicht mehr.

KaPunkt

Außerdem sollte man den Faktor der Gewöhnung nicht unterschätzen.
Klar, solange alles neu ist, dreht sie vielleicht am Rand, aber wenn jeden Morgen ein Apfel an ihrem Kopf vorschwebt (blödes Beispiel, ersetzte durch beliebiges eigenes) ... dann ist das spätestens nach zwei Wochen einfach so. Versteht sie vielleicht immer noch nicht, ist aber kein Grund mehr, zusammenzuzucken.

Liebe Grüße,
KaPunkt
She is serene
with the grace and gentleness of
the warrior
the spear the harp the book the butterfly
are equal
in her hands.
(Diane di Prima)

canis lupus niger

#66
Zitat von: Verwirrter Geist am 28. März 2014, 23:06:20
Mein Prota weigert sich beharrlich. Sie fragt sich die ganze Zeit nur: Wo ist sie genau? Was soll sie da? Wie kommt das eigentlich alles? Kommt sie jemals wieder zurück?
Anfangs fand ich solche Fragen noch ganz gut, weil der Roman grundsätzlich durchaus ernste Themen ansprechen soll (Handicaps, Mobbing in Fantasywelten), aber irgendwie nervt dieser Realismus und das "nicht-loslassen" können mich gerade sehr.

Ha, genau diese Problematik habe ich in einem begonnenen Projekt auch (der Prota hat einen Flashback in seine eigene Jugend). Bei mir passt es aber sehr gut, dass diese Verstörung, dieses Zurücksehnen sich durch den Rest des Buches zieht. Der Zeitraum der Erzählung ist ein ganzes Jahr, und ich mache es zu einem Teil seiner Persönlichkeitsentwicklung, dass der Prota sich gezwungenermaßen langsam mit der Situation abfindet und seine Verzweiflung zu verdrängen versucht. Am Ende gibt es natürlich eine Aufklärung und es stellt sich heraus, dass es gut ist, dass er keinen von seinen Lösungsversuchen in die Tat umgesetzt hat. Das, was für Dich also ein Plotproblem ist, bildet bei mir einen gewollten und wichtigen Teil der Grundproblematik.

*edit*
Man sollte doch alle vorangegangenen Beiträge lesen, dann hätte ich gemerkt, dass KaPunkt die gleiche Lösung vorschlägt: Gewöhnung über einen längeren Zeitraum.

Und ... Realismus in einer Fantasywelt (Im Sinne von: Würde sich wirklich jemand so verhalten?) kann auch ein gewollter Stil sein. Deins wäre nicht das erste Beispiel. =D

Guddy

Hallo verwirrter Geist,
hab darüber gerade mal mit meiner Co-Autorin darüber gesprochen.
meine Herangehensweise wäre ein bisschen anders als die von Siaraam. Persönlich ändere ich das Wesen meiner Charaktere eher ungern und lieber die einflußnehmende Umgebung. Also ist mein erster Schritt erst mal der Versuch zu verstehen warum sie so reagieren.

Ich gehe meistens davon aus, dass die Charaktere ihre Gründe haben und in dem Fall fallen mir spontan drei Gründe ein, die Auslöser für ihr widerspenstiges Verhalten sein könnten.
Erstens, es gibt tatsächlich ganz konkret etwas in ihrer Umgebung (oder in ihrer Vergangenheit), das sie daran hindert zu glauben was passiert. Mit Gründen in der Vergangenheit meine ich z.B. hatte sie als Kind schon eine Traumwelt und hat man ihr damals mit allen Mitteln ausgeredet dass es so etwas gibt? Ich vermute jetzt einfach mal, dass deine Welt stimmig ist und es nicht die äußerlichen Faktoren sind, dann bleiben jetzt meiner Meinung und Erfahrung nach hauptsächlich noch zwei innere Motiven: Angst und/oder Trotz.
Hat sie eventuell Angst vor der neuen Situation? Fühlt sie sich überfordert? Ist es zu schön für sie um wahr zu sein, sprich hat sie Angst, die neue Welt wieder zu verlieren, wenn sie echt wäre? Oder hat sie die Schnauze voll, dass die Dinge ihr einfach passieren und sie keinerlei Kontrolle und Einfluss hat? In dem Fall kann die innere Machtlosigkeit dazu beitragen, dass sie sich einfach entschließt in dem kleinen Handlungsspielraum in dem sie agieren kann ihre Wahl zu treffen und sei es nur offen zu sagen: Nein, ich glaube es einfach nicht.
Beides Auslöser lassen sich abschwächen, sobald man erst mal durchgedrungen ist. Gegen Angst hilft meistens Sicherheit und etwas vertrautes, das sie mitnehmen kann. Manchmal auch der Umgang mit einem Tier: Schutz/Sicherheit vermittelt man am Besten, wenn man nicht selber Angst hat. Bei Trotz und Kontrollverlust hilft es gelegentlich ihr tatsächlich eine gewisse Entscheidungsmacht einzuräumen und ihr ein klares Ziel zu geben. Manchmal reicht es auch schon ihr ein Refugium zuzugestehen oder die Abhängigkeit abzumildern. Hat sie eigenen Geld, eigene Sachen oder gehört alles jemand anderem und sie ist auf Gnade und Verderb ausgeliefert? Ich hab hier im Forum irgendwo einen Bereich gesehen, wo man den Charakteren Fragen stellen kann. Hast du das schon bei deinem Charakter, bezüglich der Weigerung sich anzupassen, gemacht?
(So als grobe Idee, was du deinen Charakter fragen könntest:
Was stört dich hier genau? Warum ist genau das so ein großes Problem für dich?
Was ist soviel besser dort wo du herkommst?
Wen oder was vermisst du am Meistens und warum?
Gibt es etwas was du hier gut findest? Ein klares Nein wird nicht akzeptiert, irgendetwas muss erträglich und gut sein.
Wenn du einen einzigen Wunsch hättest um deine Situation hier erträglicher zu machen, was wäre das? / Wenn du eine Wahl hättest, was würde dir helfen die jetzige Situation erträglich zu machen?
So ein Weltenwechsel bedeutet emotionalen Stress. Was entspannt dich ausreichend, damit du dich darauf einlassen kannst? Wie bist du früher mit Stressphasen umgegangen?
Was genau löst deine Unzufriedenheit aus? Ist es ein Dauerzustand oder mit bestimmten Personen oder Orten verknüpft.)

Grundsätzlich hat auch Churke recht, dass viel um die Ohren und Druck die Auseinandersetzung mit solchen Problemen erst mal in den Hintergrund stellen können. Das Problem wäre für mich, dass die meisten meiner Charaktere, wenn sie mit der Gesamtsituation unzufrieden sind und dann auch noch verdammt viel vor den Latz geklatscht bekommen resignieren und zynisch werden oder im schlimmsten Fall einfach aufgeben.

Und natürlich hat auch canis lupus niger ihren Punkt. Wenn man weiß, was den Charakter nervt muss man es noch lange nicht ändern

canis lupus niger

#68
Der Weltenwechsel bedeutet nicht nur emotionalen Stress, sondern kann eine komplette Desorientierung nach sich ziehen, je nachdem, wie sehr die Fantasy-Welt sich von "unserer" unterscheidet. Wobei "Unsere" Welt ja auch sehr unterschiedlich erlebt werden kann, abhängig von der Weltgegend und sozialen Umgebung.

Mal unterstellt, ein junges gehandicaptes Mädchen aus Deutschland (oder, wie immer wieder gerne genommen, aus den USA?) gerät in eine Fantasywelt ohne Elektrizität, mit Dampf- oder Tierkraft als Hauptenergiequelle, mit einem Nachrichtennetz, das aus mündlich übermittelten Botschaften besteht (weil niemand schreiben kann), mit entsprechender medizinischer und sanitärer Ausstattung und einem sozialen und Rechtssystem, das von unserem Grundgesetzt seeehr weit entfernt ist. Die hätte bestimmt größere Probleme, als jemand, der in einem indischen oder südamerikanischen Elendsviertel aufgewachsen ist.

Coppelia

#69
Ich weiß nicht, ob das Thema noch aktuell ist, aber für mich ist die Reaktion völlig normal. Ich fände es eher schlecht gemacht, wenn das Mädchen zu schnell akzeptieren würde, dass sie "woanders" ist. Wenn mir das passieren würde, würde ich auch immer nur denken "das ist unmöglich!" und absolut nicht darüber hinwegkommen. Und selbst, wenn es lebensgefährlich zuginge, würde mich dieser Gedanke, vermute ich, nicht verlassen.

Ich glaube, ich würde versuchen, ihr Problem über eine andere Person zu lösen. Wenn sie einem freundlichen Menschen begegnet, mit dem sie auf einer Wellenlänge liegt (es geht nicht um eine Liebesgeschichte) und bei dem sie merkt, dass sie ihm vertrauen und sich auf ihn verlassen kann, hat sie etwas, was sie an die neue Welt bindet. Weil es die Welt ist, in der die andere Person lebt, könnte auch sie dieser Welt über die andere Person näher kommen.

FeeamPC

Insbesondere Kriege und andere Katastrophen haben gezeigt, dass Menschen sich sehr schnell an eine total veränderte Situation anpassen können (ausgebombt = von heute auf morgen heimatlos, eventuell verletzt, usw). Das heißt natürlich nicht, dass sie die Situation gleich verarbeiten können, das passiert oft erst Jahrzehnte später. Aber sie adaptieren sich, um zu überleben. Da das ein grundlegender menschlichr Charakterzug ist, sollte das auch in einer Fantasy-Welt gelten.
Wichtig ist erst mal, funktionieren, um zu überleben und seinen Verstand zu bewahren. Fragen klären kann sehr viel später kommen.

Coppelia

Es hängt vielleicht davon ab, wie man drauf ist, aber ich könnte mir vorstellen, dass es da einen Unterschied gibt zwischen Dingen, die möglich sind und welchen, die unmöglich sind. Wenn meine Heimat aus irgendeinem Grund atomar verseucht wird oder wenn ein Flugzeug auf mein Haus abstürzt, ist das tragisch, aber möglich. Ich hätte vielleicht Probleme, es wirklich zu verstehen, aber es würde mein Weltbild nicht durcheinander bringen. Wenn ich in eine andere Welt oder andere Zeit reise, ist es noch mal eine andere Sache. Das würde mich absolut an meinem Verstand zweifeln lassen, weil es mit der Welt, so wie ich sie kenne, nicht vereinbar wäre.
Aber das hängt sicher auch von der Person ab - wenn ich einen Geist sehen würde, würde ich dadurch schrecklich verwirrt werden, weil ich nicht an Geister glaube. Meine Oma aber, die an Geister glaubt, hat schon einen Geist gesehen und es sehr gut weggesteckt.

Aber da kann ich natürlich nur hypothetisch sprechen, weil man den ersten Fall leider erleben kann, den zweiten aber nicht. ;)

Pygmalion

Ich denke, gerade Kindern fällt es leichter, das, was "unmöglich" ist, einfach hinzunehmen. Sie verstehen sowieso in unserer Welt wenig genug, was für Erwachsene selbstverständlich ist. Mit zunehmendem Wissen und Alter mag sich das etwas verändern. Möglicherweise bricht gerade für jene Menschen ein Weltbild zusammen, die von sich denken, die Welt verstanden zu haben und den Überblick zu haben, wie alles funktioniert.
Aber ich würde mich wohl auch recht schnell mit "Magie" oder Grinsekatzen abfinden können. Es gibt soviel auf dieser Welt, das ich nicht nachvollziehen kann, um es frei mit Terry Pratchett zu sagen: Je komplizierter unsere Technik wird, desto mehr gleicht sie der Magie. Wer weiß denn schon genau, wie die Dinge funktionieren, die wir täglich benutzen? Also ich meine, so genau, dass man es nachbauen könnte.

In Träumen nehmen wir ja auch die seltsamsten Dinge hin, die so in unserer Welt gar nicht möglich sind. Meine Fragen wären also gar nicht, was in dieser neuen Welt normal ist und wie ich es erklären kann, weil ich wüsste, dass ich es nicht kann, sondern vielmehr, wie ich zurück komme :D Und sobald man eine Weile in dieser "unmöglichen" Welt verbracht hat, lernt man ja auch die dortigen Gesetzmäßigkeiten kennen. Irgendwann wundert dich dann nicht mehr, wenn neben dir Riesen und Einhörner durch die Gegend laufen und du mit Mäusen Tee trinkst.

Cailyn

Drachenkrieger,

Als Leserin könnte ich mich mit beiden Varianten problemlos anfreunden. Es kommt halt darauf an, wie sich der Autor das Wechseln er Parallelwelten (oder Dimensionen) so vorstellt. Die Regeln, nach welchen der Übertritt in die andere Welt erfolgt, macht ja der Schreibende. Aber egal wie diese Regeln sind, als Leserin würde ich beides akzeptieren, da ich ja erahnen kann, dass beide Varianten einer gewissen Logik unterstellt sein "könnten". Das einzige, was nicht plausibel wäre: Wenn es zwei Figuren gäbe, die auf andere Weise in die andere Welt reisen. Wenn es also zwei Gehbehinderte gäbe, und nur einer könnte in der anderen Welt laufen, dann wäre das unglaubwürdig. Ausser wiederum, es wird explizit begründet.

Mit der Frage, ob etwas jetzt realistisch ist / sein sollte oder sein muss, beschäftige ich mich auch des öfteren. Grundsätzlich bin ich für ziemlich vieles offen, was unrealistisch daher kommt. Nicht nur in Büchern, auch z.B. in diesen martial-art-Filmen, wo Kämpfer fliegend über Bambusbäume rennen ;). Da habe ich nichts dagegen. Für mich muss aber irgendwo klar sein, was die Intention des Schreibers (oder auch Filmemachers) ist. Es muss spürbar sein, warum die Autorin es so gemacht hat.

Wenn z.B. groteske Dinge vorkommen und das Buch auch was sehr Komödiantisches hat, dann ist mir ja sofort klar, dass dieses Groteske bewusst so gemacht ist. Aber wenn im Gegensatz etwas Groteskes (i.S.v. Unrealistisches) in einem Buch passiert, das kein komödiantisches Element innehat, dann wirkt es auf mich unüberlegt. In Filmen finde ich da grad ein paar bessere Beispiele als von Büchern. Im Beispiel von martial-arts merkt man z.B. schnell, dass diese unrealistischen Körperfähigkeiten vor allem der Ästhetik dienen, welche wiederum den Mythos der Kämpfer bestärkt. In einem Jackie Chan-Film hingegen ist mir rasch bewusst, dass unrealistische Verrenkungen mit Absicht gemacht wurden, um Situationskomik zu erreichen.

Was ich allerdings kritisch betrachte oder nicht gut finde, ist, wenn ein Autor normalerweise sehr genaue Überlegungen preis gibt (z.B. ein ausgeklügeltes Magie-System), dann aber andere "magische" Dinge passieren, die überhaupt nicht erklärbar sind. Das wirkt dann wie ein Fehler.

RaphaelE

Zitat von: Drachenkrieger am 04. April 2014, 20:19:28Ein Tizi meinte mal, die Leser wissen, dass Helden auch schlafen und essen und mal müssen, deswegen muss man es nicht erwähnen.
Aber so mancher Leser sieht das eben nicht so! Er will keine Superhelden, sondern Personen, die seine Seele berühren.
;D Sorry, ich kann nicht anders: 'XY verspürt einen Drang zu einer gewissen Bequemlichkeit und sucht ein stilles Örtchen auf...' "Ach, das berührt meine Seele! <3<3<3"  :rofl:

Ich sehe es auch so, dass solche Normalitäten nciht unbedingt erwähnt werden müssen, will aber trotzdem keinesfalls darauf verzichten. Ich meine: Nicht mal in einem Tagebuch dokumentiert man seinen heutigen... Stuhlgang. Ich schreibe solche Szenen schlicht un einfach nicht, wenn dabei nichts passiert, was erwähnenswert wäre. Dabei meine ich nicht, dass jedesmal, wenn ich den Prota auf die Toilette schicke, oder er gerade isst ihm eine Horde von kampfwütigen Zwergen entgegentrommle, sondern nutze solche Situationen, um zu reflektieren. Ich beschreibe dann beispielsweise, wie sich der Prota fühlt, über was er sich Gedanken macht, wie seine geistige Verfassung von Vergangenem gezeichnet wurde etc. Oder ein abschliessender Satz an einem Kapitel/Absatz: "XY legte die betrübenden Gedanken ab und begab sich zur Theke, um sich seinen freien Abend mit einer Tasse Tee zu versüssen."

Wenn es aber um Logikbrüche in der jeweiligen Welt(speziell Übernatürliches, Magisches) geht, bin und bleibe ich hart: Wenn mir die Erklärung des Autoren die Fragen zur Realistik nicht beantworten kann, schaue ich böse auf dessen Initialen hinab. Ich erwarte, dass die Fantasywelten aus der unseren abgewandelt wurde und die Unterschiede möglichst früh erklärt/erwähnt werden, um magisches etc. begründen zu können. Ich erwarte regelrecht vom Autor, dass er sich an nicht explizit abgeänderte Gesetze der Physik zu halten hat: An Thermodynamik, Mechanik, Statik, Mathematik, etc. erwarte ich Genüge getan zu haben, wenn über Übernatürliches geschrieben wird. Eben ausser, es wurde schlüssig auf andere Weise ausgehebelt und umgangen. Zum Beispiel mag ich es nicht so besonders(kann aber damit leben), wenn Magier Lasten Kraft ihrer Gedanken heben, ohne die Last zu spüren, oder sie irgendwo abgeleitet zu haben. Denn ich frage mich immer, wo kommt denn diese Energie her, die den Felsen in der Luft hält. Wenn die Antwort lautet, dass sie per Gedanken gehalten wird...  :omn: Ich sehe da nur zwei Möglichkeiten(die ich auch in meinem Magiesystem integriert habe):

       
  • Die Gedanken erschaffen eine Stütze aus Magie, die die Gewichtskraft des Felsens zum Boden hin ableitet - scheint sehr verbreitet zu sein. Manche führen die Kraft auch direkt über den Körper der Magier ab.
  • Die Gedanken erschaffen ein Kraftfeld um den Felsen, das genauso stark ist, wie das der Gravitation. Da das System dann dem berühmten Satz "Die Summe aller Kräfte ist gleich Null." folgt, kann es auch stabil sein. Ansonsten würde der Felsen herunterkrachen.

Was mir auch noch auffällt: Die von unserer Welt abgewandelten Fantasywelten übernehmen praktisch immer deren physikalischen Gesetze und erweitern sie dann um die selbst erschaffenen Magiegesetze. Mal ehrlich: Wer hat schon von einem Fantasybuch gehört, wo die Erdanziehungsbeschleunigung NICHT ca. 9.81m/s^2 beträgt? Wo gilt das Periodensystem NICHT? Wo ist der Planet, auf dem alles spielt NICHT so gross wie die Erde und kreist in der habitablen Zone eines Sonnensystems(mehrere Sonnen gibts ja manchmal)?
und wenn schon so Vieles gleich ist, erwarte ich auch die gleichen Gesetze. Wasser als das kurioseste Material auf der Welt(Tripelpunkt, grösste Dichte bei 4°C, etc.) und funktionierende Kräftelehre. Die Wissenschaftler der Fantasywelt müssen doch auch was Funktionierendes haben, das sie erforschen können, oder nicht?