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Autoren wissen alles?

Begonnen von Adiga, 27. August 2009, 13:12:41

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Adiga

Manchmal habe ich das Gefühl, dass Autoren gerne so tun, als hätten sie auf alles eine Antwort. Aber vielleicht Bemühen sich Schreiberlinge auch einfach nur mehr wie andere Antworten zu finden.

Ich bin ja nicht der Typ-Autor der gerne Fragen stellt, und wenn ich es mache, tue ich es, um dieselbige auch gleich selbst zu beantworten. Eigentlich stelle ich schon Fragen meist so, dass sie zugelich eine Art Antwort darstellen. Oder oft sage ich schon vorher die Auflösung und stelle erst hinterher die Frage.

Aber meine Antworten sind oft auch keine Antwort, sondern nur die Aufzeichnung meiner gedanklichen Irrgänge die zu einem auflösenden Ende führen.

Danach frage ich mich oft selbst, hat diese Viertelstunde "Denken" ein verwertbares Ergebnis gebracht, oder gings nur darum, einen inneren Prozess am laufen zu haben. Der mir eine Art geistige Befriedigung verschafft.

Falls es jemanden gibt der mit dieser Art sich gedanklich im Kreis zu drehen auskennt, kann sich vermutlich denken, weshalb ich dieses Thema geöffnet habe.

Ich jedenfalls bin mir nicht mehr sicher, warum ich es getan habe, aber ich denke, es ist dieser Prozess, der in mir oft abgeht, der mich dazu bringt meinen Protas in den Geschichten verworrene Dinge Denken zu lassen und vor kiffligen Rätseln zu stellen, dass sie nicht mehr ein noch aus wissen.

Und der Inhalt der Geschichte besteht dann darin, dass für so eine konstruierte Frage-Antwort-Konstellation eine Lösung gefunden werden muss, bevor die simble Haupthandlung vorangehen kann.

Das alles ist die Antwort, aber wie lautet nun die Frage: Vielleicht, wie denken Autoren? Wie funktionieren sie? Oder wo sind ihre inneren Störrungen, dass sie immer auf der Suche nach Antworten sind, auf Fragen die sie selbst noch gar nicht kennen? - (Adiga mag Fantasy - soviel steht jedenfalls ohne Zwiefel fest.)

Lucien

Ein spannendes Thema und sicher auch eine geistige Herausforderung.

Mein Deutschlehrer sagte einmal, Autoren hätten einen schärferen und kritischeren Blick auf ihre Gesellschaft. Und somit auch auf alles, was damit zusammenhängt. Daraus ergibt sich logischerweise, dass er auch mehr Anlass zum Fragen und Antworten hat (ebenso wie auch andere Künstler, welcher Richtung auch immer).

Und dann muss sich der Autor gezwungenermaßen auch noch mit den ganzen Fragen beschäftigen, die unumgänglich beim Schreiben auf ihn zukommen. Wie geht es weiter? Ist das so gut? Und vielleicht ganz entscheidend: Will das jemand lesen?

Der Autor muss wissen, was den Leuten gefällt, sonst kann er seine Bücher kaum unters Volk bringen.

Wir schreiben Fantasy, da ist das vielleicht nicht ganz so ausgeprägt mit dem Antworten finden wollen. Da beschränkt es sich eher auf das Werk selbst, wie erzeuge ich die richtige Stimmung? Und sicher gibt es unter uns auch welche, die in ihre phantastischen Geschichten etwas einbauen, was sie bewegt. Ein sanfter Stich in die Wunden der Gesellschaft.

Aber da gibt es ja auch noch diejenigen, die sich vielleicht sogar knallhart gegen Fantasy und "in andere Welten flüchten" stellen und sich als die Erzieher der Menschheit aufspielen. Natürlich meinen die, auf alles eine Antwort zu haben. Wie alles sein müsste, wo unsere Fehler liegen und bla bla.

(Ich muss ehrlich gestehen, dass solche Autoren oder überhaupt Menschen mir häufig nicht sehr sympatisch sind, weil viel zu verbohrt.)

Ich persönlich bin philosophisch veranlagt. Ich stelle gerne Fragen und genieße es, eine Antwort zu suchen, auch wenn es vielleicht keine eindeutige gibt.

Liebe Grüße

Jenny

ChaldZ

Was ein eine Geschichte angeht, so hört es sich für mich gar nicht so abwegig oder verkehrt an, dass ein Autor "alles" weiß. Was die Figuren denken, wie sie denken, warum sie denken... das gehört dazu, um eine Geschichte gut zu machen.
Das, was du beschreibst, diese verworrenen Gedanken oder Antworten auf Fragen, die im Grunde keine Antworten sind, kenne ich sehr gut. Ich würde das sogar als eigenen Denkprozess sehen, durch die mir die Figur klar macht, was sie im Moment fühlt und was sie will. Bei mir sind das oft typische innere Prozesse, die stattfinden, wenn ich ein wenig in der Geschichte hänge und ich werde mir so klar, wie es weiter gehen soll, weil ich durch diese Gedanken und Antworten auf Fragen, die keine wirklichen Antworten sind dahinter komme, was meine Figur will.

Interessant wäre auch die Frage - und ich weiß nicht, ob du das so gemeint hast -, ob man dieses Verhalten auf das reale Leben übertragen kann. Dass also ein Autor versucht oder denkt, auf alles eine Antwort zu haben oder haben zu müssen. Dass es ihm missfällt, keine Antworten auf Handlungen oder Verhalten zu haben, wie er es in seinen Geschichten gewohnt ist.
Das jedenfalls trifft auf mich nicht zu. Was ich aber bemerke ist, dass ich - wenn ich denn mal auf diese sanfte Eingebung höre und nicht einfach tauben Ohres durch die Welt laufe - sehr sensibel bin und oft weiß, was in anderen Menschen vorgeht. Ob das jetzt davon kommt, dass man sich als Autor in Form anderer Figuren so viele Gedanken macht, weiß ich allerdings nicht.

Artemis

Interessantes Thema  :)

Ich hab gemerkt, dass ich durch meine Schreiberei wesentlich wissbegieriger geworden bin, als andere Leute es vielleicht sind. Sobald ich irgendetwas aufschnappe, sei es ein mir unbekanntes Land, eine Sagenfigur oder einfach ein interessant klingendes Fremdwort, sause ich direkt ins Internet und recherchiere, was sich so alles auftreiben lässt. Mag sein, dass man dieses Wissen nie in seinem Leben brauchen wird, aber ich lerne gern, ich sauge alles Neue in mich hinein wie ein Schwamm und erfreue mich daran, wieder was gelernt zu haben. Und wenn wirklich mal in einem Gespräch das Thema darauf kommt, kann ich mein Wissen einbringen, und das macht mich stolz.
Ich gebs zu, manchmal bin ich wirklich gern ein Besserwisser  :engel:


ZitatMein Deutschlehrer sagte einmal, Autoren hätten einen schärferen und kritischeren Blick auf ihre Gesellschaft.

Kann ich unterschreiben. Manchmal ertappt man sich selbst dabei, wie man die Umgebung beobachtet und kritisch analysiert, die Menschen versucht einzuschätzen und die Situation zu erkennen. Und dadurch wird man auch wesentlich sensibler für kaum sichtbare Zeichen anderer Leute.

Lucien

Zitat von: ChaldZ am 27. August 2009, 19:02:09
Was ich aber bemerke ist, dass ich - wenn ich denn mal auf diese sanfte Eingebung höre und nicht einfach tauben Ohres durch die Welt laufe - sehr sensibel bin und oft weiß, was in anderen Menschen vorgeht. Ob das jetzt davon kommt, dass man sich als Autor in Form anderer Figuren so viele Gedanken macht, weiß ich allerdings nicht.

Zitat von: Artemis am 27. August 2009, 20:26:59
Manchmal ertappt man sich selbst dabei, wie man die Umgebung beobachtet und kritisch analysiert, die Menschen versucht einzuschätzen und die Situation zu erkennen. Und dadurch wird man auch wesentlich sensibler für kaum sichtbare Zeichen anderer Leute.

Genau dieses Phänomens des "Menschenkennens" habe ich ganz extrem in der Schule bemerkt, seit ich angefangen habe, noch ernsthafter mit meine Figuren umzugehen.
Plötzlich konnte ich mich in gewisse Lehrer besser hineinversetzen, konnte besser nachvollziehen, was sie mir klar machen wollten und auch manche vermeintlich unsympatischen Lehrer, über die ich mich vorher lustig gemacht habe, habe ich mit der Zeit in einem anderen Licht gesehen. Andere wiederum mochte ich noch lieber, weil ich bemerkte, dass sie in gewisser Weise so wie ich ticken. Wieder andere konnte ich dadurch aber noch weniger leiden.  ::) Eine wahre Freude war es für mich dann immer, wenn die Lehrer noch das Plaudern über sich anfingen  :vibes: Vor einer Lehrerin habe ich sogar meine Angst verloren.
Bin mal gespannt, was mir diese "Fähigkeit" an der Uni noch bringen wird.

Übrigens: In Deutsch haben wir uns im letzten Jahr mit "Kassandra" von Christa Wolf auseinander gesetzt und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Kassandra nicht wirklich eine Hellseherin ist. Sie ist einfach nur aufmerksamer als andere und kann die Zeichen richtig deuten.

Wir sind alle kleine Seher!  ;D :vibes:

Adiga

Wie ich jünger war, hatte ich gehofft, ich könnte etwas verbessern oder wenigstens dazu beitragen, heute zweifle ich daran ob ich überhaupt mich selbst zu einen besseren Menschen machen kann. (durch schreiben, nein, nein, nein)

Natürlich bin ich manchmal enttäuscht, wenn keine meiner Bemühungen zu fruchten scheint, und dann frage ich mich, gibt es überhaupt ein Wissen gibt - das sich lohnt anzueignen. - Oder ist es am schönsten so sorgenfrei und gedankenlos wie möglich in den Tag hineinzuleben. Sich um gar nichts mehr zu kümmern und alles so geschehen zu lassen wie es kommt und ist.

Letztlich scheint vieles viel zu willkürlich zu sein, dass ich dahinter eine funktioniernende Ordnung erkennen könnte, die Sinn ergibt, geschweige dass ich sowas wie eine steuernde Beeinflussung hervorbrächte, die am Ende ein abzusehendes Ergebnis erzielen würde. Ein Ergebnis so wie ich es gewollt hätte... (nein, n..., n...)

Es liegt vermutlich daran, dass ich grad jetzt von eimem Gefühl ausgefüllt bin, dass mich nur soviel erkennen lässt, dass mir die wichtigen Dinge niemals gelingen (gelingen werden), zumindest nichts was eine Bedeutung hätte.

"erfolglose" Autoren und ihre Selbstzeweifel.

Nachtaktive

Ich stelle wie andere vor mir fest, dass ich einfach dadurch das ich Handlungen meiner Protas für die Leser verständlich machen muss anderen Leuten gegenüber toleranter bin, weil ich genug Fantasie habe um sehen zu können, dass hinter ihrem Verhalten immer etwas steht das vorher gegangen ist. Andere Menschen kapieren das zwar auch irgendwo, beziehen das aber nicht in ihre Überlegungen mit ein. Zum besseren Verständnis: seitdem ich schreibe änderte sich die Welt von schwarz und weiß in einen alles umfassenden Grauton.
Das Autoren glauben alles zu wissen denke ich nicht (sonst gäbe es dieses Forum ja nicht ;) ). Diese Theorie reserviere ich jetzt mal ganz rassistisch (nicht so wörtlich nehmen, ist eine gewollte Übertreibung ;) ) für die Buchkritiker dieser Welt  :engel:

Moa-Bella

Ich weiß nicht alles über meine Figuren, aber ich kann so ziemlich alles über sie erfahren, wenn ich mir selber Fragen stelle. Andererseits weiß ich schon alles über sie, weil ich alles weiß, was es über sie zu wissen gibt.
Dass ich einen kritischeren Blick auf die Gesellschaft habe, würde ich sofort unterschreiben, ebenso, dass ich mich gut in Menschen hineinversetzen kann. Oft merke ich, wie sich jemand fühlt oder was er denkt, weil mir dieser Tonfall bekannt vorkommt oder so etwas, schwer zu erklären. Auf jeden Fall bin ich ein sehr kritischer Mensch und das so ziemlich allem Gegenüber.

Maran

Wenn Autoren (oder Wer-oder-was-auch-immer) ständig analysieren, hinterfragen, sich mit Themen auseinandersetzen, dann können sie nicht alles wissen, weil sie es sonst nicht tun würden. ;) Ich denke eher, daß solche Menschen - und ja, ich gehöre auch dazu - eher versuchen zu verstehen, versuchen das Gesamtbild zu erkennen, oder auch einzelne Aspekte dessen zu begreifen. Wenn ich im Nachhinein etwas lese, das ich geschrieben habe, dann passiert es mir manchmal, daß ich im Geschriebenen die Antwort auf eine Frage finde, die mich beschäftigt hat. Das passiert auch manchmal während des Schreibprozesses. Es ist, als ob sich ein Knoten löst und mich aus dem Gedankenkarussell herausführt. Plötzlich ist dort ein Weg zur Lösung - und Schritt für Schritt mit dem Helden vervollständigt sich das Puzzle zu einem Bild. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum ich so ungern plotte. Der Plot engt mich ein ...  :hmmm: