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[Recherche] Seegefecht: Wurden die Segel eingeholt oder nicht?

Begonnen von Sarina, 04. Februar 2011, 12:43:38

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Sarina

Ich bin kurz vor Ende meines Romans und stehe vor folgendem Problem:

Meine Protas fliehen  auf einem großen Segelschiff. Die Crew hilft ihnen. Doch sie werden verfolgt. Die Angreifer haben das schnellere Segelschiff und holen sie ein. Es kommt zur Seeschlacht.  (Schiffe sind ähnlich wie bei Fluch der Karibik)

Ich habe versucht im Internet zu recherchieren und mir ist aufgefallen, dass auf Bildern bei Seegefechten (z.B. Kupferstichen) die Segelschiffe ihre Segel anscheinend eingeholt hatten. Weiß jemand, ob dies tatsächlich gemacht wurde?
Einerseits wollen sie ja entkommen und da kommt mir das widersinnig vor, wenn die Segel eingeholt werden. Andererseits könnten sie es auch gemacht haben, damit die Segel keinen Schaden (etwa durch Kanonen) nehmen.

Wie war es nun wirklich?
Hoffe, das jemand mir da weiterhelfen kann. Bis auf die Bilder habe ich bisher keine eindeutige Anwort gefunden. Filmen traue ich da nicht ;-)

PS: Wenn jemand ein gutes Buch kennt, in dem solche Seegefechte/Seeschlachten beschrieben wurden (Ablauf), wäre ich auch sehr dankbar.

Luna

#1
Ich denke mal,  bei der Verfolgung des gegnerischen Schiffes, bzw. beim Flüchten müssen sie ja die Segel setzten, um schnell voranzukommen. Kommt es dann zur Seeschlacht, also die Verfolger haben das andere Schiff eingeholt, müssen sie ja nicht mehr fahren (auf dem Wasser schwimmen). Beide Schiffe treiben nur noch auf dem Wasser. So eine Schlacht in voller Fahrt kann ich mir nicht vorstellen. Und da sie die Segel dann nicht mehr brauchen, holen sie sie ein, damit sie keinen Schaden durch Kanonen nehmen. Das wäre jetzt meine Vermutung. 

Sprotte

Ich erwarte meinen Bruder bald von der Arbeit zurück.
Er wird Dir massive Bücherlisten nennen und die Fragen beantworten können.
Kleinen Moment Geduld noch *starrt in strömenden Regen und wartet auf Brüderchen*

Die Eifersucht

Also Ahnung von Seegefechten habe ich leider nicht, kann aber eine Empfehlung geben.

Die Sturmweltentrilogie von Christoph Hardebusch spielt sich, wie der Name schon sagt, größtenteils auf Schiffen ab.
Gerade im letzten Teil (Jenseits der Drachenküste) werden Gefechte sehr ausgiebig und spannend beschrieben.
Wie gut Hardebusch das recherchiert und wahrheitsgetreu wiedergibt weiß ich allerdings nicht.

Sprotte

So, er ist da!

Die Gemälde mit gerefften Segeln basieren auf Linien- oder Flottenschlachten. Da war das Prinzip: Stelle Dich an gute Position, bleibe da und feuere aus vollen Rohren. Idealposition: Mit Breitseite das verletzliche Heck zu treffen (Ruder beschädigen, Kugeln gehen einmal durch Länge des Schiffes und machen max. Schaden, wenig Gegenwehr). Segel wurden auch gerefft, damit sie eine kleinere Zielfläche boten.
ca. 1660/70 in dem ersten und zweiten englisch- niederländischen Krieg entwickelte sich das Liniengefecht. Alle Schiffe einer Nation in einer langen Feuerreihe. Vorher war die Meléemethode verbreitet: Alle ins Getümmel und wild um sich ballern.

Ideal für kleinere Schiffe in von Dir beschriebener Situation: Unter Segeln bleiben, um die Manövrierfähigkeit zu erhalten und ggf. spätere Flucht.

Karteschkugeln (Traubenmunition, im Prinzip Schrot) gegen Mannschaften, Kettenkugeln (siehe Pirates of the Carribean) gegen Masten und Kugeln, um Löcher in den Rumpf zu schlagen. Bei Kaperungswunsch des Angreifers wurde das Deck "leer gefegt" (Karteschkugeln), meiste Verletzungen durch Holzsplitter.

Position vorm Wind: Das Schiff, das mit dem Wind angreift (siehe Master & Commander), bestimmt den Angriff, das andere Schiff kann sich eher zurückziehen. Windseite (mit dem Wind angreifen) wurde normalerweise bevorzugt.

Wenn sich ein Schiff mit dem Wind dreht, ist es wendiger, als wenn es gegen den Wind drehen muß.

Jetzt rennt der Kerl nach Diktat davon.  :o Wahrscheinlich holt er jetzt eines seiner vielgelesenen, uralten Bücher. Moment bitte.

Buchtip: Peter Kirsch "Die Galeone", heute wohl nur noch über Antiquariat zu kriegen.
Brüderchen bietet an, 11 Buchseiten zu scannen, wenn Du da Bedarf hast.

Fragen? Fragen!

Sarina

@Eifersucht und Luna: Danke für Eure Einschätzungen. Werde mal schauen, ob ich die Bücher bekomme. Danke! :winke:

@Sprotte: Wow! Mit so vielen Infos habe ich nun nicht gerechnet. SUPER! Vielen Dank!
Und auch gleich, wie sie gekämpft haben! Aber was sind Karteschkugeln und woraus wurden sie verschossen?

Ich glaube, Master & Commader sollte ich mir doch mal zulegen (wegen der Stimmung an Bord - außerdem mag ich Billy Boyd -Pippin aus HdR-, der da auch in einer Minirolle mitspielt).
Wenn dein Bruder die Zeit hat, wäre ich für die gescannten Seiten sehr und ewig dankbar!!!
  :bittebittebitte:

Da das Schiff der Angreifer schneller ist, hätten sie Segel vermutlich keinen Sinn, denke ich.

Es werden sicher noch Fragen kommen... Wenn sich die Infos gesetzt haben...  :jau:

Sprotte

#6
Karteschkugeln sehen wohl wie normale Kugeln aus und wurden auch so verschossen, "zerbröselten" aber wie eine normale Schrotladung. Beschuß ließ also das Beuteschiff relativ heil, machte aber die Crew nieder.

EDIT: Stoffbeutel mit Musketenkugeln darin, wurden wie Kugeln aus Kanonen verschossen und platzten beim Aufprall/Abschuß und streuten wie Schrot. Zum Teil wurden Fäßchen mit Schrot aus Carronaden (leichte, sehr großkalibrige, kurzläufige Spezialkanonen, GB ab 1800) verschossen.

Ich hau ihn an, wann er scannen mag. Aber vor morgen wird das wohl nichts werden.

EDIT 2: Ein Großschiff (dementsprechend stärker und mehr bestückt) kann aus einem Kleinschiff Konfetti machen. Größenvergleiche: Interceptor (klein) gegen Dauntless (groß) aus Pirates.
Viele Kauffahrteischiffe (Ostindienfahrer wie die Pearl) waren schwer bewaffnet.

Wenn jemand was über Lokomotiven wissen möchte - immer her mit den Fragen. Das ist sein liebstes Themengebiet. Oder Flugzeuge WK II oder oder.  :wums:

Maran

Die Segel total zu reffen, erscheint mir unsinnig, da dadurch auch die Möglichkeit eines Positionswechsels abhanden kommt.

Bücher ... hmm ... versuch es einmal mit den Bolitho-Bänden, oder den Hornblower-Geschichten.

Volker

Die Idealposition für ein Schiff im Kanonengefecht ist wenn Bug oder Heck des Gegners (mit vergleichsweise wenigen Kanonen) zur eigenen Breitseite (= möglichst viele Kanonen) zeigt.
Jeder der Kontrahenten wird daher versuchen, sich in diese Position zu manövrieren.
Manövrieren geht aber nur mit Antrieb - vor dem Industriezeitalter bedeutet dies: Segel oder (wenn viel älter) Ruderer.

Wer die Segel verliert (weggeschossen oder blöderweise selbst eingeholt), verliert mit dem Vortrieb auch die Manövrierfähigkeit - und damit die Möglichkeit sich zu positionieren und damit bei halbwegs vergleichbaren Schiffen meist auch das Gefecht.

Eventuell werden "überzählige" Segel eingeholt, damit man möglichst schnell manövrieren kann - insbesondere solche die nicht schnell umgesetzt werden können oder sonstwie Manöver stören könnten. Aber alle Segel einzuholen wäre im Duell oder Getümmel ... ungeschickt.

Shay

Ah, das ist mein Thema.
Ich muß aber zuerst mal betonen, daß ich mich vor allem in der goldenen Epoche der Segelkriegsschiffe auskenne, das heißt im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts.

Man hat die Segel definitiv nicht eingeholt. Selbst die Liniengefechte, wenn sich zwei Flotten bekämpften, fanden klassischerweise so statt, daß die beiden Gefechtslinien nebeneinanderher fuhren. Kreative Geister wie Admiral Nelson haben dann die Gegner total in Verwirrung gestürzt, weil sie sich daran nicht hielten, sondern die gegnerische Linie kreuzten.
Daß man versucht hat, Bug oder Heck des Gegners vor die eigene Breitseite zu kriegen, wurde schon gesagt, und das geht eben nur unter Segeln. Tatsächlich war es eine der größten Katastrophen, wenn einer der Masten fiel, weil damit die Manövrierfähigkeit massiv eingeschränkt war (ganz abgesehen davon, daß ein Mast, der neben dem Schiff im Wasser hängt, ein super Treibanker ist). Ein komplett entmastetes Schiff war Kanonenfutter.
Ob "zusätzliche" Segel eingeholt wurden, weiß ich nicht. Mir ist zumindest keine Darstellung bekannt, auf der in einem Gefecht Leesegel zu sehen wären. Aber das waren sowieso absolute Schönwettersegel. Allerdings hat man recht regelmäßig die untersten Rah-Segel gerefft ("aufgegeit"), obwohl die am größten sind. Der Grund dafür war die Feuergefahr, wenn man die Kanonen auf dem Oberdeck verwendet hat.

Und noch was: durch das Abfeuern der Kanonen entstand oft eine lokale Flaute um die Schiffe herum. Deswegen hängen auf den meisten Darstellungen die Segel schlaff herunter. Warum das so ist, weiß ich allerdings nicht.