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Folgeband mit sehr ähnlicher Struktur: Zu langweilig?

Begonnen von Arcor, 03. März 2021, 16:39:02

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Arcor

Ich habe die letzten Tage angefangen, meiner Karibik-Seefahrer-Fantasy-Reihe eine größere, zusammenhängendere Struktur zu geben. Dabei ist mir jetzt aufgefallen, dass der vierte Band dem dritten in seiner Struktur vermutlich frappierend ähneln wird: In beiden steht eine Entführung im Mittelpunkt und treibt die Geschichte an.
Zwar wird in Band 3 Prota A entführt und Prota B versucht, ihn (unter anderem) zu retten, während in Band 4 eine Nebenfigur entführt wird, vermutlich auch schon am Ende von Band 3, und dann beide Protas zusammen die Figur befreien wollen; zwar hat der eine zwei getrennte Perspektiven, der andere führt beide zusammen, zwar spielt der eine zur Hälfte auf See, während der andere zu 80 % an Land spielen wird
...
und trotzdem stellt sich mir gerade die Frage, ob da potenzielle Leser*innen nicht mit den Augen rollen und denken "Jung, das hatten wir doch schon mal, denk dir mal was Neues aus!"

Wie würdet ihr das beurteilen - und wie geht ihr mit ähnlichen Gedanken um? Achtet ihr in Reihen darauf, von Band zu Band viel Abwechslung reinzubringen, oder haltet ihr euch eher an "more of the same"?
Not every story is meant to be told.
Some are meant to be kept.


Faye - Finding Paradise

Maja

Wenn die Fragestellung ist "Wie würdet ihr das angehen?" und nicht "Wie soll ich das in meinem speziellen Fall angehen?", gehört das nicht nach "Autoren helfen Autoren", sondern in den Workshop. Daher verschoben. :)
Niemand hantiert gern ungesichert mit kritischen Massen.
Robert Gernhardt

Zit

Wenn wir über Serien reden, ist es, denke ich, völlig okay, wenn ähnliche Ereignisse mehrmals vorkommen. (Wenn man es darauf anlegt, könnte man eine Entführung auch zum Running Gag machen.) In deinem Fall sehe ich eher das Problem, dass beide Entführungen direkt aneinander schließen. Ich würde, gefühlsmäßig, eher drei bis vier Bände dazwischen ansiedeln bevor ich eine Entführung als zentralen Auslöser wieder hernehmen würde. (Je nachdem wer mit wem welche Scharmützel führt, können Entführungen, oder der Austausch von Gefangenen, regelmäßig vorkommen, aber sind dann eher kleinere, kurzfristige Nebenquests als das große Hauptproblem.)
"I think therefore I am
getting a headache."
Unbekannt

Jen

Ich würde das Thema auch nicht direkt wiederholen, außer es gibt dann DEN Twist, aber bis dahin müssten die Leser:innen schon am Ball bleiben.
Guilty feet have got no rhythm.

Alana

#4
Grundsätzlich sehe ich das nicht sooo kritisch, aber bei Entführungen wäre ich vorsichtig. Das ist ja schon sehr spezifisch und Entführungen mag ich persönlich sowieso nicht, weil sie mir oft wie bequeme Plot-Devices vorkommen, die die Story nicht weiterbringen, sondern nur künstlich Drama erzeugen, und einfach zu oft bedient werden. Da bin ich aber vermutlich von den ganzen Histo-Romances verdorben worden, weil das dort eine Weile lang in JEDEM Buch vorkam. Also ja, ich würde bei so spezifischen Ereignissen aufpassen und abwechseln. Wenn die Erzählstruktur etwas ähnlich ist, finde ich es hingegen nicht so schlimm, oder wenn du aus der Wiederholung ein Feature machen kannst, das die Story besser macht. Dann merkt man beim Lesen vielleicht gar nicht, dass sich was wiederholt. :)
Alhambrana

Herbstblatt

Hm, nettes Thema. Ich hab ein ähnliches Problem und überlege, ob ich es ändern kann, es würde bloß so viel über den Haufen werfen, dass mich die Gedanken am Ende regelrecht erschlagen.  :P

Deswegen kann ich auch keine eindeutige Antwort abliefern, aber möchte trotzdem dir oder uns ein paar Inputs liefern. Ich weiß ja nicht, ob die Die Tribute von Panem gelesen hast. Im ersten Band ging es um die Hungerspiele und die lagen auch im Fokus. Im zweiten Band ging es zu Beginn abermals um den Kampf in der Arena, allerdings wurden neue Details offenbart und abgesehen davon stand der Kampf nicht im Mittelpunkt, sondern wurde kurz abgehandelt.

Harry Potter lief größtenteils auch so ab, dass Harry in nahezu jedem Band Hogwarts besucht und jedes Mal hat er sich einer Bedrohung gestellt. Wobei ich dieses Beispiel schon fast zu unkonkret finde...

Schwieriger Fall bei dir, wenn die beiden Entführungen so zentral sind, hm... Es ist ja auch die Umsetzung wichtig, die macht dann auch nochmal viel aus. Ich würde mir an deiner Stelle ein alternatives Event zu einer der beiden Entführung überlegen und schauen, wie das so wirkt am Papier? Was würde es ändern, wie wirkt sich eine Alternative auf den Rest der Handlung aus?

Zu deiner eigentlichen Frage: Ich achte auf Abwechslung, ja, darum geht mir mein Problem momentan so gegen den Strich. Wenn ich keine Alternative finde, wäre es für mich auch in Ordnung, da die Folgebände dann sowieso anders aufgebaut sind.

Nikki

Von Sailor Moon sagt man, der Anime war gerade wegen der repititiven Struktur der Folgen bzw. der Staffeln so erfolgreich. Da gibt es ein Monster of the Week in den meisten Folgen und einen übergreifenden Spannungsbogen, der gegen Ende der Staffel zum Endboss führt. 80% der Folgen einer Staffel waren gleich aufgebaut - Alltag der Mädels, ein neues Opfer bekommt ein paar Minuten, um vorgestellt zu werden, bevor es ins Fadenkreuz des Bösen gerät, die Sailor Kriegerinnen sind persönlich betroffen und retten das Opfer zuletzt, vielleicht lernen sie sogar noch etwas von dem geläuterten Opfer bzw. von der Läuterung.

Sowas funktioniert also, wenn man die Muse hat, sich immer zu wiederholen. Deine Frage nach der Entführung scheint mir in diesem Fall vergleichbar zu sein mit dem Endboss in Sailor Moon und da ist die Sache etwas vertrackter. In Sailor Moon werden, soweit ich mich erinnere, auch immer wieder Personen von unterschiedlichen Endbossen entführt, was mir beim Schauen gar nicht so recht aufgefallen ist - woran liegt das? Weil einfach XX Folgen zwischen der jeweiligen Entführung liegen und jeder Boss so individuell war, dass auch die Entführung individuell abgelaufen ist.

Was ich damit sagen will: Strukturelle Wiederholungen sind meiner Meinung total okay (vgl. 3-Akt-Modell, ist ja nichts anderes als die immer wieder selbe Struktur auf sehr abstraktem Niveau), doch zu offensichtliche Ähnlichkeiten funktionieren nur, wenn sie entweder als Charakteristikum der Serie wahrgenommen werden (Monster of the Week) oder so viel dazwischen passiert, dass man nicht ununterbrochen denkt "Kommt das schon wieder so?".

Wie jemand schon vorgeschlagen hat, würde ich noch ein paar weitere Bände dazwischenquetschen, um dieses Gefühl bei deinen Leser*innen nicht aufkommen zu lassen. Eine Entführung ist wirklich arg spezifisch und kann, v.a. wenn sie als "Twist" verwendet wird, beim nächsten Mal ziemlich abgegriffen sein. Zwei meiner Bände, die direkt aufeinanderfolgen, folgen zum Beispiel demselben Muster, indem ein und dieselbe Figur am Ende schwerverletzt wird - die Umstände rundherum sind aber vollkommen unterschiedliche, von daher ist der Aufbau zwar ähnlich, aber nicht zu ähnlich. Würde sie beim zweiten Mal genau dieselben Verletzungen auf dieselbe Art und Weise bekommen, wäre das Spannungsmoment wohl dahin.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wiederholung bestimmter Motive völlig legitim, doch eine Variation und Abwechslung derselben ebenso wichtig.

Volker

Kennen sich die Protagonisten dann aus der ersten Befreiung, sind die Entführer ggfs. Wiederholungstäter?
Dann muss man das gar nicht kaschieren, sondern kann damit sogar aktiv spielen.
Dann kann zwar der Grundplot bzw. die Ausgangslage grundsätzlich dieselbe sein, aber dann kommen diese ganzen Psycho-Spielchen mit ins Boot: jede Seite denkt, die andere Seite dächte, dass der Gegner vielleicht meint, dieselbe Story nochmal durchzuziehen zu können. Aber vielleicht ist auch das nur eine Ablenlung? Oder sollten wir sie lieber glauben machen, dass wir vermutenten, dass das nur eine Ablenkung sei? Viele Möglichkeiten für Finten und Planungs-Sackgassen. Am Ende kann die tatsächliche Befreiungsaktion dann sogar fürchterlich ttrivial sein Beispielsweise dass der Gefangene schlicht die totmüde Wache bei der Essensausgabe überrumpelt, weil die das halbe Buch lang von Phantomplot zu Phantomplot gescheucht wurde - und beide Parteien sind völlig überrascht, als der Gefangene plötzlich nicht mehr da ist, wo sie ihn vermuten - wo sie doch gerade mitten im Plot stecken, ihn zu befreien (bzw. dies zu verhindern).

Akirai

Danke für den Hinweis, mir ist gerade auch aufgefallen, dass in Band 3 und Band 4 jeweils eine Entführung vorkommt  :rofl:

Ich würde es so sehen: wenn genug andere Ereignisse stattfinden, dann würde ich als Leser nicht denken "Ja, kennen wir schon, denk dir mal was anderes aus".

Marlemee

Interessante Frage. Ich denke, jemand, der zum dritten oder vierten Band einer Serie greift, erwartet da auch, dass es in eine ähnliche Richtung geht wie in den Bänden zuvor. Ich persönlich wäre über eine solche Wiederholung nicht enttäuscht. Vorausgesetzt, es ist ein neuer Ansatz und ein neues Setting dabei, wie du geschrieben hast. Und dass die Charaktere sich irgendwie weiter entwickeln und nicht die gleichen Fehler machen wie beim letzten Band.
Man könnte, um etwas Abwechslung rein zu bringen, den "Tatbestand" der Entführung ja auch verschleiern. Ich denke an so etwas wie Gedankenkontrolle, Erpressung, Manipulation oder ähnliches, was später erst aufgelöst wird.

Arcor

Danke für euren Input. Ich dachte schon, dass man das kritisch sehen kann.  :-\

Die zweite Entführung würde sich quasi aus der ersten ergeben (die Nebenfigur ist auch im Band vorher mitentführt, kann jedoch nicht gerettet werden am Ende von Band 3). Theoretisch kann ich das ändern, allerdings gibt es dann erstmal keinen Grund mehr, warum meine Protas im 4. Band da sein sollten, wo ich sie haben möchte, und in der aktuellen Fassung wird durch die neue Entführung der Erfolg am Ende von Band 3 abgeschwächt, da eben nicht alles astrein gelingt.

@Akirai
Sorry, dass ich dich darauf jetzt aufmerksam gemacht habe.  ;D



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Faye - Finding Paradise

Mondfräulein

Die Entführung in deinem Fall wird sich auf jeden Fall wie eine Wiederholung anfühlen, aber das kannst du auch nutzen. Welche Parallelen gibt es zwischen den Entführungen? Lernen sie beim ersten Mal etwas Wichtiges, das sie hier nun anwenden können?

Wenn sich Muster wiederholen, dann ist es wichtig, dass ich als Leser trotzdem das Gefühl habe, dass etwas vorankommt. Deshalb ist es wichtig, sich darauf zu fokussieren, was sich von Wiederholung zu Wiederholung verändert. Die Lockwood-Bände von Jonathan Stroud haben alle eine ähnliche Struktur (es gibt einen Geist, der im Finale gebannt werden muss), aber am Ende des Buches ist die Situation anders als zu Beginn. Es bewegt sich etwas, es verändert sich etwas, der Plot dahinter schreitet voran, während sich bestimmte Muster wiederholen und dem einzelnen Roman an sich Struktur geben. Die wiederholende Struktur ist wichtig, damit sich die Bücher anfühlen, als hätten sie ein ordentliches Ende mit einem befriedigenden Abschluss. Das große Rätsel im Hintergrund ist nicht gelöst, doch der Geist ist erstmal gebannt. Ähnlich ist es bei der Peter Grant Reihe von Ben Aaronovitch.

Es ist wichtig, dass es trotz der Wiederholungen einen Plot gibt, mit dem es stetig voran geht und dass sich die Figuren verändern. Sie sollten lernen, sich entwickeln, Fehler machen und daraus lernen.