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Wenn eine geliebte Figur sterben muss...

Begonnen von Ryadne, 27. August 2012, 12:01:45

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Ryadne

Zitat von: Moni am 30. November 2012, 12:06:38
Ist zwar schon was her, aber dafür gibt es doch die Nekropedia;D
Das Projekt ist genau für solche Fälle gedacht, ist allerdings schon was älter und daher hier im Zirkel wohl in Vergessenheit geraten.

Haha, das ist ja eine ähm... interessante Website, allein die Liste der Todesarten... Wobei mir da noch das ein oder andere einfallen würde.  ;)

Zitat von: Farean am 29. November 2012, 14:50:16
Ich habe den Eindruck, derzeit gehört "as dark & gritty as possible" in der einstmals heroischen Fantasy zum guten Ton, zum Mainstream. Dabei ist das im Übermaß auf Dauer genauso ermüdend wie rosarotes Eititütidei. Eine gute Geschichte braucht eine ausgewogene Mischung an Licht und Finsternis - und das möglichst im Wechselspiel, damit der Leser die Höhen und Tiefen auch richtig spürt. :snicker:

Jaa, es geht schon recht finster zu in der jüngeren Fantasy, das merkt man zum Beispiel ja auch an den Superhelden-Filmen. Gewissermaßen finde ich das gut, denn es kommt der Charaktertiefe, der Atmosphäre und mitunter auch der Ambivalenz oder Interpretationsfreiheit zugute.

Aber ich glaube, es ist wichtiger, dass "lightere" Fantasy auch düstere Momente halt als umgekehrt - womit wir wieder beim Thema wären, dass diese gewisse Dramatik einfach auch nötig ist. 300 Seiten Gänseblümchen kommen selbst in der Kinderliteratur nicht unbedingt an. Andererseits braucht ein Ende auch immer den Hauch eines Hoffnungsschimmers (hat hier auch schon jemand geschrieben, aber ich finde gerade den Abschnitt nicht mehr). Wenn du das unter einer ausgewogenen Mischung verstehst @Farean, dann stimme ich dir zu. Aber eine durchaus auch sehr deutliche Tendenz in Richtung "Licht"/"Finsternis" kann denke ich dennoch sehr gut klappen, vor allem zweiteres.

Zitat von: Snöblumma am 29. November 2012, 15:00:12
Mir tut es eigentlich auch um jede Figur leid, die ich umbringen muss, vor allem aber um Nebenfiguren. Ich kenne bei vielen Nebenfiguren die Lebensgeschichte, und ich habe wirklich Mitleid mit ihnen, weil diese Geschichte niemals an das Licht der Welt tritt - nur weil sie ein langweiliges, einfaches Leben hatten, beispielsweise. Das finde ich viel unfairer als den Tod des Helden, der wenigstens noch seine gute Geschichte bekommen hat.

Das kenne ich auch sehr gut, so geht es mir auch beim Lesen oft. Der arme Wachmann, der nur seinen Job gemacht hat und kaltblütig umgebracht wird, während Abenteurer, die sich wissentlich in Gefahr gebracht haben, mit großem Tamtam gerettet werden. Das Vampiropfer, das nur deshalb noch umgebracht wurde, damit die Vampirjägerin bedauern kann, nicht etwas früher gekommen zu sein... Hach je.

Luna

Zitat von: Szazira am 30. November 2012, 21:52:54
Das "Women in Refrigerators"-Syndrom versuche ich zu vermeiden.
Mal eine kurze Zwischenfrage. Frauen in Kühlschränken Syndrom? Was ist das denn?

Szazira

[OT]
Zitat von: Luna am 30. November 2012, 21:57:48
Mal eine kurze Zwischenfrage. Frauen in Kühlschränken Syndrom? Was ist das denn?

Benannt wurde die Internetseite nach der Geschichte als Green Lantern seine Freundin im Kühlschrank gefunden hat - tot.

In der Liste werden ziemlich viele Superheldinnen der Comik-Welt genannt, die allein um einen anderen Helden zu pushen umgebracht / verstümmelt / gefoltert  oder um den Verstand gebracht wurden.

http://www.unheardtaunts.com/wir/women.html

Eine ähnliche Seite gibt es noch einmal für männliche Sidekicks (die mindestens genauso oft Opfer wurden).

Der Held kommt aus einer unmöglich scheinenden Situation raus (z.B. Anfall von Tod, z. B. Superman), die gleiche Situation bringt Sidekick / Freundin / Frau / Kind / etc. endgültig um.
[/OT]

Alessa

Ich ringe oft lange mit mir, ob ich eine Figur sterben lasse oder nicht. Aber wenn ich es tue, dann haben diese Figuren immer eine Geschichte und Zukunftsträume, die ich dem Leser auch vermittel. Sie sterben bei mir nie, ohne einen groben Umriss ihrer Lebensgeschichte erzählen zu dürfen, da ich denke, dass sie sich das verdient haben.

Denn nur so hat ihr Tod auch einen Sinn. Er ist nicht verschwendet, nur weil der Plot es jetzt so hergibt und der Tod zwar sinnlos erscheint, aber leider zum Leben dazugehört. Zudem ist ihr Tod tragischer, wenn man ihre Träume und Hoffnungen kennt und sie nicht nur ein paar Zeilen wert waren, die den Leser wenig berühren.

Adiga

Wenn jemand Sterben muss, dann entscheidet sich das bereits in der Entwurfsphase und ich geh dann Wochen lang mit dem Gedanken herum, damit es am Ende sitzt.

Zu Tränen gerührt an einem Text zu schreiben ist nicht das Schlechteste was es gibt. Ich finde sogar, dass es gute Tränen sind, die da fließen. Aber ich weine  öfter, wenn ich gerade noch jemanden in letzter Sekunde retten konnte. Weshalb das töten einer Figur und sie dann auch wirklich Sterben zu lassen nur dann in Frage kommen, wenn die Geschichte selbst ohne so eine Maßnahme zum Scheitern verurteilt wäre.

Merlinda

Ich habe neulich eine geliebte Figur sterben lassen. Sie war eine meiner Protas und irgendwie tut es mir jetzt schon wieder leid. Vor allem, die Umstände, wie sie gestorben ist.
Am Anfang des Projekts war eigentlich ein Happy End geplant, doch dann kam das zweite Mädchen und meine Prota wurde zwangsverheiratet. Mit einem wirklichen A****
Nachdem sie gemerkt hat, dass sie von ihrem toten Ex-Geliebten schwanger war, ist sie abgehauen. Gemeinsam mit der verwitweten Partnerin ihres Ex.
Unmittelbar nach der Geburt des Kindes bringt sie sich selbst um.
Als ich diese Szene geschrieben habe, musste ich wirklich weinen. Ich mochte sie wirklich. Sie war düster und geheimnisvoll. Und gleichzeitig geheimnisvoll und verzweifelt.

Ich finde der Tod einer geliebten Figur ist leider nötig. Zum einen um den Plot weiterführen zu können und zum anderen um den Leser zu schocken. Ich hasse es, aber wie gesagt, manchmal ist es einfach nötig. Aber wenn bei mir jemand sterben muss, dann ist es meistens jemand, den der Leser schon über einen längeren Zeitraum kennt, der ihm vertraut ist und den sie ins Herz geschlossen haben.   :-[

Mithras

Ich habe bisher noch keinen meiner Haupt- und Nebencharaktere umgebracht, allerdings lebt meine gesamte Geschichte davon, dass mindestens drei der zentralen Handlungsträger das Zeitliche segnen werden. Eine dieser Personen habe ich allein deshalb eingeführt, denn ihr Tod soll weitere Ereignisse ins Rollen bringen. Ein anderer Charakter war für den Beginn wichtig, aber ich konnte nicht so recht etwas mit ihm anfangen, nachdem er seine wichtigste Aufgabe erfüllt hatte - er hätte sich sehr wahrscheinlich zu einem 0815-Protagonisten ohne erkennbare Individualität und Tiefe entwickelt, also musste ich ihn unbedingt loswerden.

Wirklich leid wird es mir nur um einen einzigen Charakter tun, dessen Tod ursprünglich ebenfalls nicht vorgesehen war. Ursprünglich stellte er nur einen Schatten aus der Vergangenheit einer Hauptfigur dar, bis ich mich entschieden habe, die Beziehungen zwischen den beiden besser auszuarbeiten. Der Weg dahin führte mich immer wieder auf Umwege und in Sackgassen, aber mittlerweile zählt er zu meinen Lieblingen, weil ich mir bei seiner Ausarbeitung die meiste Mühe gegeben habe. Nicht, dass er es nicht verdient hätte, den Tod zu finden - er ist skrupellos, berechnend und manipulativ, tut allerdings auch nichts anderes als das, was er für seine moralische Pflicht hält. Der durchaus edle Zweck seiner Taten heiligt für ihn alle Mittel. Ich liebe derart graue, zwiespältige Charaktere. Tatsächlich hätte ich wohl mehr Skrupel, solche Figuren zu opfern als sympathische Helden ohne allzu viele Schattenseiten, da ich solche Charaktere in der Regel langweilig finde.

Trotzdem werde ich besagte Person an die Handlung opfern, da diese ohne deren Tod keinen Sinn ergäbe. Es wird mir leidtun, aber mir bleibt nichts anderes übrig, und daher ist das für mich auch völlig in Ordnung. Wenn es vollbracht ist, werde ich vermutlich mit mir zufrieden sein, dass ich diesem Weg konsequent bis zum Ende gefolgt bin, und besagter Person nicht hinterhertrauern.

Naudiz

Ich bin der GRR Martin meines Freundeskreises, fürchte ich :schuldig: Es ist nicht so, dass ich tausend Figuren umbringen würde (es sei denn, in Schlachten, aber da sind die meisten Personen ja ohnehin nur Strohpuppen ;)), aber Perspektivträger leben bei mir sehr gefährlich. In meinen beiden Hauptprojekten ist der Großteil von ihnen am Ende tot. Aber nicht, weil ich besonders sadistisch (oder eher masochistisch) bin, sondern, weil die Geschichte es verlangt. Viele Entwicklungen, vor allem politische, wären gar nicht möglich, würde ich die entsprechenden Figuren am Leben lassen.

In einem Fall ist der Tod die logische Konsequenz eines früheren Erlebnisses - eine Mutter begeht Selbstmord, nachdem sie nicht in der Lage war, ihr Kind zu beschützen. Beide Tode werden extrem hart für mich als Autorin werden, weil ich sehr an den Figuren hänge. Aber sie sind wichtig, weil sich sonst ein anderer, für die weitere Handlung extrem wichtiger Charakter nicht entwickeln kann.

Ich bin generell der Meinung, dass es erst dann schwer fällt, eine Figur zu opfern, wenn sie wirklich, wirklich gut ausgearbeitet ist. Wenn sie funktioniert. Erst dann weint man um sie. Alle anderen, Nebenfiguren, denen man keine ordentliche Vorgeschichte gegeben hat, zum Beispiel, bringt man einfach so nebenher um, ohne eine Träne zu vergießen. So ist das jedenfalls bei mir. Deswegen schreibe ich auch manchmal probeweise Todesszenen bestimmter Charaktere, um zu schauen, wie 'lebendig' sie sind. Haue ich sie einfach so weg, weiß ich, dass ich noch an ihnen arbeiten muss.

Mogylein

Zitat von: Naudiz am 03. Januar 2013, 12:55:27
Ich bin generell der Meinung, dass es erst dann schwer fällt, eine Figur zu opfern, wenn sie wirklich, wirklich gut ausgearbeitet ist. Wenn sie funktioniert. Erst dann weint man um sie. Alle anderen, Nebenfiguren, denen man keine ordentliche Vorgeschichte gegeben hat, zum Beispiel, bringt man einfach so nebenher um, ohne eine Träne zu vergießen. So ist das jedenfalls bei mir. Deswegen schreibe ich auch manchmal probeweise Todesszenen bestimmter Charaktere, um zu schauen, wie 'lebendig' sie sind. Haue ich sie einfach so weg, weiß ich, dass ich noch an ihnen arbeiten muss.

Dem kann ich mich nicht anschließen. Auch wenn die Figur nur eine Nebenfigur war und vielleicht nicht so gut ausgearbeitet und dreidimensional war, kann es für mich die Hölle sein, sie umzubringen. Das hat dann aber nichts mehr damit zu tun, dass es mir so furchtbar wehtut, sie zu verlieren, sondern meinen Hauptfiguren, die vielleicht einen Vater, einen Freund oder ein Kind verloren haben. Ich weiß besser als jeder andere, was es für meine Figuren bedeuten, wen sie da gerade verloren haben, und das ist für mich meistens noch härter, als wenn ich einen Charakter töten muss, der mir selbst ans Herz gewachsen ist.
   "Weeks of Writing can save you hours of plotting."
- abgewandeltes Programmiersprichwort

Naudiz

Hm, nun ja, bei mir ist das so, dass jeder Nebencharakter, der irgendwie wichtig für meine Protas ist, komplett ausgearbeitet ist. Von daher sind sie für mich im Prinzip vollwertige Figuren, nur eben ohne eigene Perspektive. Zum Beispiel das Kind, das ich in meinem vorigen Post erwähnt habe. Es hat keine Dialoge, weil es stumm ist, kommt nicht ganz so oft vor, wie ich es gern hätte, weil es die meiste Zeit auf der Ladefläche versteckt wird, damit ihm nichts passiert. Eine wirkliche Bindung habe ich zu ihr nicht. Trotzdem wird es mir schwerfallen, sie umzubringen, weil es ihrer Mutter wehtut und damit eine meiner Lieblingsfiguren tötet.

canis lupus niger

Als ich das erste Mal einen wichtigen Charakter auf den Vorschlag eines Betalesers (Michael wars! Er ist schuld!) hin habe sterben lassen, habe ich mich damit schwer getan, schon alleine weil ich für ihn eigentlich noch viel geplant hatte. Aber es hat dem Text echt gut getan, und deshalb habe ich es so gelassen.

Inzwischen fällt mir das Morden auf dem Papier leichter, aber ich muss zugeben, dass ich mich nicht in jedem Fall traue, das meiner 11jährigen Tochter zu erzählen. Sie weiß immer noch nicht, dass das geliebte Pferd meines Prota im nächsten Band meiner Reihe stirbt. Ich bin ein Feigling!  :versteck: 

Manja_Bindig

Mendrik... Mavrud.... als ich die in meinem ersten Entwurf meines Wohl-nie-beendetem Machwerks umgebracht habe, hab ich morgens um 6 in der Küche geheult wie ein schlosshund. (und meine Mutter geweckt, die nebenbei bemerkt nur schlaftrunken überlegt hat, wo man die Leichen verscharren kann.)

Beim zweiten Entwurf Jahre später wars ebenso übel. Und ich bezweifle, dass sich das je ändern wird.

... und wenn ich daran denke, welche Tränen ich um meine akuten Todesopfer im "Mühlenteufel" vergieße... da bin ich fast so schlimm wie der, der in-story die Tode verursacht.

Also. nein, es is nie schön.

Ryadne

Habe gerade meine Lieblingsfigur umgebracht. Bin das im Kopf vorher so oft durchgegangen, dass ich dachte, es wär nicht mehr so schlimm.
Hab mich geirrt.  :'( (<-ganz viel)

Janika

Ohje ... :knuddel:

War es ein unvergesslicher Tod, auf den die Figur gewissermaßen stolz sein kann? Vielleicht tröstet dich das ja! :knuddel:
Immer eine Handbreit Plot unter dem Federkiel haben.

Robin

:knuddel: Ryadne...

Ich habe zwar durch das Rollenspielen 'gelernt', eine Figur sterben zu lassen... aber leicht fällt mir das nie, wenn sie wirklich sehr lieb gewonnen ist. :'( Da krieg ich dann auch immer feuchte Augen und schniefe vor mich hin.

Könnte bald wieder so weit sein, dass es etwas tödlicher wird... och meh... :(
~Work in Progress~