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Autor Thema: Warum wir zweifeln - und was man dagegen machen kann  (Gelesen 832 mal)

Offline Feuertraum

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Warum wir zweifeln - und was man dagegen machen kann
« am: 18. Januar 2019, 11:39:23 »
Dieses Posting habe ich geschrieben, um dem Zweifel ein wenig auf die Spur zu kommen und einige seiner Tricks zu demaskieren. Dabei gilt mein besonderer Dank an @Lothen, die den Text gegengelesen hat und ihr Fachwissen einfließen ließ, um Fehler auszumerzen und Verbesserungen vorzuschlagen, die helfen sollen, dem Zweifel den Kampf anzusagen.   :knuddel:


„Ich kann das nicht“, „Was ich da mache, ist bescheiden“, „Ich bin schlecht“, „Andere sind besser“, „Ich gebe es auf“.

Sätze, die wohl so gut wie jeder kennt und die gelegentlich den Klingelknopf in unserem Kopf drücken und es sich in unserem Denken gemütlich machen. Dann packen diese negativen Gedanken uns, breiten sich aus, ziehen einen runter
Warum aber zweifeln wir an uns selbst? Und kann man dieses verhindern?

Die Nährstoffe des Selbstzweifels

Um es vorwegzunehmen: Ich gebe hier nur eine oberflächliche Beschreibung des ganzen, möchte auch nicht mit Fachbegriffen um mich schmeißen. Dennoch richte ich den Fokus auf das Gehirn des Menschen und gehe etwas auf bestimmte Fähigkeiten unseres Denkapparates ein.
Im Grunde genommen ist unser Gehirn ja ein faszinierendes Körperteil, besser als mancher Computer, zu vielen geistigen Dingen in der Lage. Zu diesen vielen geistigen Aktivitäten gehört auch das Aufnehmen von Informationen und das Lernen respektive Behalten von Gesagtem/Gehörtem. Was sich jedoch im ersten Moment als etwas Positives zeigt, kann auch eine negative Seite mit sich bringen. Abhängig von der Information und teilweise der Art des Transports dieser Information kann diese unterschiedliche Reaktionen in uns hervorrufen. Fragt man jemanden nach der Uhrzeit, löst die Antwort aufgrund der Neutralität eben eher Neutralität in uns aus, während zum Beispiel eine dramatische Szene in einem Film - zudem noch mit Herzschmerzmusik untermalt - einem das Wasser in die Augen schießen lässt oder eine Beleidigung einen wütend werden lassen kann. Und genau da liegt ein wenig das Problem, genau da liegt die negative Seite: Unser Gehirn nimmt diese Information auf, und unser Gehirn „lernt“ dabei. Es kann erst einmal nicht entscheiden, ob die Information gut oder schlecht ist, falsch oder richtig. Es nimmt auf. Positive und negative Informationen (auch Erlebnisse werden als Information gewertet, nehmen wir nur mal als Beispiel das versehentliche Berühren der heißen Herdplatte) werden abgespeichert und sind erst einmal „abrufbereit“, so dass eine Wiederholung wieder zu den Reaktionen führt/führen kann (dazu an anderer Stelle etwas), die man zum damaligen Zeitpunkt zeigte.
Warum aber ist das so, und wieso führt das zu Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten?
Es gibt mehrere Quellen, die den Grund für Selbstzweifel speisen und dafür Sorge tragen, dass der innere Zensor immer wieder zuschlägt:

Der Bremser
Als Bremser bezeichne ich jene Menschen, die Anderer Träume schlecht machen, sie ins Lächerliche ziehen. Grund dafür ist meistens Neid, weil sich diejenigen, die schlecht machen, als unzulänglich ansehen und so versuchen, sich über die andere Person zu stellen.

Der Vergleich
Hin und wieder lesen oder sehen wir etwas, von dem wir begeistert sind. Meistens sind es Bücher, Geschichten, mit Worten gemalt, die uns regelrecht zu flashen scheinen, die uns ins Träumen versetzen, von denen wir uns wünschen, dass die Geschichte nie zu Ende geht. Gegen diese Wortwahl schreiben wir nur banal und langweilig. Wir kommen nie auf solche Worte, nie auf solche Sprachmelodien. Wir finden uns unzulänglich.

Die eigenen Erwartungen
Ist eng mit dem Vergleich verknüpft. Wir erwarten von uns, dass wir das Besondere aufs Papier zaubern, dass unsere Worte funkeln, strahlen, sich zu schmetterlingsfarbenen Sätzen bilden, die sozusagen den Kopfkinofilm in HD mit Dolby 7.1-Surround erzeugen. Dennoch wirkt das Geschriebene blass, noch nicht mal wie HD-Ready. Ja, sogar ein wenig wie ein Film auf einer alten VHS-Videokassette, die schon zigmal überspielt worden ist und gezeigt auf einem Fernsehen, der mittlerweile eine so hohe Auflösung hat, dass das Bild mehr mau als wow ist.

Das Denken, was für Erwartungen die Leser haben
Auch das ist ein Punkt, der einem zu schaffen machen kann. Wird meine Geschichte den Geschmack des Lesers treffen? Habe ich für ihn die richtigen Worte gewählt? Werde ich gelobt oder werde ich zerrissen werden? Fünf Sterne oder einen? Großes Lob oder harsche Kritik?
Das ganze wird auch noch dadurch verstärkt, in dem man die Präsenz anderer (berühmter) Personen im Fernsehen oder in Zeitungen mitbekommt, wie diese gehypt werden (ich selber habe das Denken, dass das Publikum, vor dem ich meinen Stand-Up spiele, jene Erwartungen hat, dass ich genauso gut sein wie die ganz Großen in der Branche, sprich: mindestens 92% meines Programms ein Brüller, nur die anderen acht % dürfen Rohrkrepierer sein.)

Das sind mit die Haupttäter, die sich immer wieder mal gerne in unseren Köpfen einnisten und uns einreden wollen: DU nicht. Jeder andere, aber mit Sicherheit nicht eine kleine, unwichtige, unbedeutende Nummer wie du.

Nun stellt sich die spannende Frage: Kann man überhaupt etwas dagegen tun?
Die Antwort: Nein. Und Ja.

Wie schon eingangs erwähnt, werden Informationen grundsätzlich gespeichert. Manche verschwinden nach einigen Augenblicken wieder, andere halten sich länger, bleiben aber so lange im Verborgenen, bis sie durch irgendeine Kleinigkeit wieder ans Tageslicht gebracht werden.
Nun gibt es aber diverse Strategien, um dem Negativen entgegenzuwirken (was allerdings ein Prozess ist, der etwas länger andauern kann).
Der erste Schritt dazu: Kommt unser innerer Miesmacher dazu, wieder großartig Gift und Galle zu streuen, sollte man diese seine Aussagen kritisch hinterfragen.
Kommen wir zum Bremser. Derjenige, der meint, er müsse sich besser darstellen, in dem er andere herunterputzt. Fragen wir uns doch: Ist er deswegen ein fähiger (!) Kritiker? Kann dieser Mensch überhaupt beurteilen, was man aufs Papier gebannt hat (oder anderes)? Kritik darf, ja, sollte man sogar annehmen, aber eben nur, wenn sie fundiert ist und einen weiterbringt. Meint jemand, dass er andere schlechtmachen muss, kann man davon ausgehen, dass es nur heiße Luft ist und von daher unbedenklich ignoriert werden.

Ich fasse die Strategie für den Vergleich und die eigenen Erwartungen einmal zusammen, weil sie doch sehr eng miteinander verknüpft sind. Gerade für einen Autoren ist es schnell möglich, in diese Falle hineinzutappen, lesen wir doch anders als der „Otto-Normal-Leser“. Wir achten mehr auf Worte und Stil, bewundern Satzstellung, schwärmen für die Sprachmelodie, eventuell für die Figuren, den Plot ...
Das ist auch vollkommen okay und legetim, darf aber niemanden dazu verleiten, jetzt unbedingt so zu werden wie der Autor. Wir haben unseren eigenen Stil, unsere eigene Art und Weise, mit Worten umzugehen, Szenen zu gestalten, unsere eigene Art von Sprachmelodie und das Erschaffen von Figuren.
Es sollte für einen Autoren nicht wichtig sein, so zu schreiben, wie es ein anderer Autor macht. Es sollte wichtig sein, dass der Autor seine eigene Handschrift einfließen lässt und die Geschichte zu dem macht, was sie sein soll: Sein Werk (davon abgesehen: wissen wir, ob es tatsächlich der Autor war, der alles genau so geschrieben hat, wie wir es lesen? Vielleicht hat er ja auch Vorschläge von Betalesern und Lektoren bekommen, was man wie verbessern könnte ...;-) )

Als letzter Punkt sei noch der Punkt des Denkens, was andere von einem selber erwarten, erwähnt.
Die lakonische Antwort: Nichts.
Zumindest nichts, so lange auf dem Buchumschlag nicht so ein Schmarrn steht wie „Für Fans von Büchern von ...“ oder man sich noch keinen Namen gemacht hat und somit noch nicht zur Marke avanciert ist.
Leser beurteilen selten Wörter oder Stil. Sie beurteilen die Gesamtheit der Geschichte, beurteilen die Ideen.
Und da sind die Geschmäcker zudem unterschiedlich, so dass es zwischen einem und fünf Sternen alles geben kann.

Fassen wir nochmal zusammen:

Die Kritik von Bremsern taugt nichts. Kommt der innere Zensor an und meint, gehässlicherweise sagen zu müssen, dass man schlecht ist, kommt das von jemanden, der keine Ahnung hat und von der Seite her absolut nicht ernst genommen werden braucht.

Vergleiche sind eine Medaille mit zwei Seiten. Einerseits können sie einen Autoren dazu motivieren, besser zu werden, zu lernen, zu üben, einem den Ehrgeiz herauskitzeln und dafür sorgen, dass man seine geglaubten Grenzen erweitert. In diesem Fall ist der Zweifel etwas Positives und sollte wie ein guter Freund empfangen werden.
Ist er jedoch nur Willens, einen madig zu machen und runterzuziehen, ihn sogar dazu bewegen wollen, seine Träume aufzugeben (a la Träume sind Schäume), dann ist er sehr schlecht. Ihm darf man getrost  :hand: zeigen, darf einen auf Türsteher machen und sagen: Du kümmst hier net rein!"
Und die eigenen Erwartungen?
Klar möchte ein jeder, dass sein Baby wohlgeraten auf die Menschheit losgelassen wird, aber realistisch betrachtet betrachtet es ohnehin ein jeder ein wenig anders als man selbst. Manche mögen die Geschichte, andere mögen sie nicht. Da wird es auch nichts ändern, ob man mit seinem Geschriebenen glücklich ist oder nicht, ob man immer wieder Wörter austauscht oder Sätze umstellt.
Von daher sollte man nur eine Erwartung haben: Die Geschichte zu schreiben, wie sie einem zusagt, vielleicht ein paar Mal überarbeiten, um noch einen gewissen Feinschliff zu erzielen und dann dieses Buch als fertig zu betrachten.
Solange man noch nicht so bekannt ist, haben andere Menschen keinerlei Erwartungen an das Werk, außer vielleicht, dass sie (gut) unterhalten werden. Wenn sie sich gut unterhalten fühlen, prima. Mission erfüllt. Und wenn nicht ...?
Wie sagte neulich ein Kumpel zu mir: Es wird immer Leute geben, denen es nicht passt, wie ich etwas mache. Aber seien wir ehrlich: Das ist deren Problem, nicht meines.
Und damit hat er recht.

Zweifel kommen auf. Immer wieder. Erfreulicherweise verschwinden sie auch immer wieder. Irgendwann stellen sie sich hin und haben keine Lust mehr, einen runterzuziehen und madig zu machen. Und damit hat man gewonnen.
Von daher: Kommen negative Zweifel, dann einfach aussitzen.
Damit sie aber seltener auftauchen, hilft es, sich ein stabiles Gedankenbollwerk aufzubauen, eine Mauer, die es dem Zweifel schwerer macht, zu einem durchzudringen. Eine gute Möglichkeit sind Zettel, auf denen sinngemäß Sätze stehen, die sich positiv aufs Denken auswirken:

Ich bin ein guter Autor!

Es gibt viele Menschen, die meine Geschichten mögen, und für diese schreibe ich, nicht für die Bremser und Miesmacher.

Zweifel sind wie ein Hammer: Man kann damit einen Nagel in die Wand schlagen, um ein Bilderrahmen mit einem schönen Bild aufzuhängen. Man kann sich aber auch auf die Finger hauen. Ersteres ist gut, weil es mir die Chance bietet, besser zu werden. In diesem Fall lasse ich ihn zu. Zweitem weise ich die Tür.

Das sind jetzt nur Vorschläge und können so angepasst werden, wie man es für sich selber lesen mag. Wichtig ist, dass man einen Satz auf einen Zettel schreibt und ihn so platziert, dass man ihn des Öfteren zu lesen. Wiederholungen sorgen dafür, dass sich Wissen festigt.

In diesem Sinne: Strecken wir dem Zweifel den Mittelfinger entgegen und  :pfanne: wir ihn. Was anderes hat er eh nicht verdient.



 


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Offline Mia Nordstern

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Re: Warum wir zweifeln - und was man dagegen machen kann
« Antwort #1 am: 18. Januar 2019, 12:47:21 »

Ein Zeichen für Intelligenz ist der stetige Zweifel. Idioten sind sich immer todsicher, egal was sie tun.
– Jaggi Vasudev

Vielleicht sollte man die Zweifel auch einfach als Motor des Schaffens sehen. Sie gehören zu uns, weil wir intelligent sind. Und sie bringen uns weiter als die "Dummen", die stolz und zufrieden mit dem Erstbesten sind, was sie tun. Sie bringen uns dazu, unsere Leistung zu steigern. Wir dürfen nur nicht zulassen, dass wir daran verzweifeln. Die Zweifel hinterfragen und schauen, wie sie uns weiterbringen können.
   So we beat on, boats against the current, borne back ceaselessly into the past. (F. Scot Fitzgerald, The Great Gatsby)

Churke

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Re: Warum wir zweifeln - und was man dagegen machen kann
« Antwort #2 am: 18. Januar 2019, 13:29:15 »
Zweifel ist ein Warnsignal für Versagensängste. Es ist wie bei allen Ängsten: Man sollte sie ernst nehmen, sich ihnen aber nicht ausliefern.

Trippelschritt

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Re: Warum wir zweifeln - und was man dagegen machen kann
« Antwort #3 am: 18. Januar 2019, 14:25:49 »
Als ich beschloss, ein Belletristikautor zu werden - im Fach-, Sach- und Lehrbuchbereich war ich es schon -, setzte ich mir ein Ziel. Ich wollte als Hobbyautor so gut schreiben können, dass die Professionals mich als einen der Ihresgleichen anerkennen würden. Von den Ideen, vom Schreibstil, vom Handwerk.

Ich habe nie gezweifelt, dass ich auf diesem Weg vorankommen würde, durchaus aber am Gelingen.
Ich wusste aber auch, dass ich damals nicht gut genug schrieb, denn Erzählstrukturen sind etwas anderes als ein didaktisches Konzept. Ich hatte mich mit meinem Ziel verpflichtet zu lernen. Das war allerdings nicht schwer und auch kein Mühlstein um meinen Hals, weil ich immer gerne gelernt habe, wenn ich von einer Sache überzeugt war.

Dieses Ziel habe ich mittlerweile durch andere ersetzt. Ich lerne immer noch, denn man wird nie fertig damit, es macht immer noch Spaß und - vielleicht ganz wichtig - ich vergleiche mich und meinen Fortschritt immer mit dem, was ich vorher konnte. Ich lese nicht Alice Munro und verzweifele, weil ich nie solche Kurzgeschicihten werde schreiben können.

Und der Zweifel? Lauert überall herum in allen möglichen Kleinigkeiten. Er hat keine Macht über mich, weil ich weiß, dass ich gut bin. Vielleicht nicht sehr gut, nur ganz gut. Ganz bestimmt ginge es noch viel besser. Aber gut genug, dass ich zufrieden bin mit dem, was ich erreicht habe, und unzufrieden genug, dass ich noch mehr erreichen möchte.  Das mag jetzt vielleicht etwas hochnäsig klingen, aber irgendwann kommt der Punkt, da muss man es auch mal wagen, an sich zu glauben. Und das ist dann ein guter Zustand.

Ich drücke allen Zweifler die Daumen. Wer verzweifelt, lässt fallen. wer fallen lässt, tut nichts mehr. Wer nichts mehr daran tut, ändert nichts. Also einfach machen. Wer einen Satz reden kann, kann auch einen Satz schreiben. Und ein einzelner Satz kann manchmal sehr schön sein.

Trippelschritt

Nebula

  • Gast
Re: Warum wir zweifeln - und was man dagegen machen kann
« Antwort #4 am: 25. Januar 2019, 17:40:34 »
Also meine stärkste Waffe gegen den Zweifel ist Hoffnung und Selbstvertrauen. :)

Ich bin wohl einer von den Menschen, die die Hoffnung erst zum Schluss aufgeben, und ich glaube fest daran, dass ich alles machen kann, was ich mir in den Kopf gesetzt habe. Natürlich wird man früher oder später Blockaden und Zweifeln begegnen, die können von innen oder von außen kommen, aber wenn man diesen Grundglauben nicht aufgibt, dann kann man diese überwinden. Wenn man allerdings tief in sich drin glaubt, dass man es eh nicht schafft und eh nicht gut genug ist, dann kann das wie eine selbsterfüllende Prophezeiung sein.

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