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Show, don’t tell – Charaktereigenschaften

Begonnen von Frostschimmer, 13. Oktober 2023, 12:50:56

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Frostschimmer

Hallo, mich würde es mal interessieren, wie ihr diesen Punkt in euren Geschichten handhabt. Charaktere haben bestimmte Eigenschaften, die sie prägen und ausmachen, die sie innerhalb der Geschichte zu Sympathieträgern oder zu Antipathiefiguren machen, die sie als Identifikationsfigur zeichnen oder mystisch verzerren und noch vieles mehr.
Nun ist es – meiner Meinung nach – die große Kunst des Autors, die Eigenschaften niemals wörtlich zu benennen, sondern innerhalb der Geschichte glaubhaft darzustellen.
Ich persönlich habe zudem große Schwierigkeiten damit, wenn einem Charakter eine bestimmte Eigenschaft durch Nennung zugeschrieben wird, die nicht dargestellt ist. Besonders häufig habe ich das beim Faktor ,,Intelligenz" beobachtet. Charaktere, die immerzu als intelligent benannt werden, diese Eigenschaft aber nie zeigen.
Wie haltet ihr das mit dem Verhältnis Nennung zu Beschreibung?

Biene

Ich sehe das genauso. So schwer es auch ist, das Darstellen der Charaktereigenschaften macht einen Text erst lebendig. Behauptungen sind schnell aufgestellt (und nichts anderes ist die simple Nennung der Eigenschaften). Und wenn man nicht aufpasst, gerät man rasch in Widerspruch, wenn die Figur dann doch einmal handelt und dabei etwas von ihrem Charakter verrät, was nachher nicht wirklich zu der Behauptung passt. Man kann sich selbst besser in die Figur hineinfühlen, wenn man show anstatt tell benutzt.
Tu erst das Notwendige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst du das Unmögliche. (Franz von Assisi)

Christopher

#2
Verstehe die Frage ehrlich gesagt nicht ganz. Durch jegliches Handeln zeigt eine Figur gewisse Charaktereigenschaften. Sofern die Figur also nicht die ganze Geschichte starr in einer Ecke verbringt, zeigt sie zwingend Charaktereigenschaften.

Wenn sie jedoch so etwas wie "Intelligenz" nicht zeigt, liegt das daran, dass sie keine Gelegenheit dazu hat, ergo: Diese Eigenschaft für die Geschichte nicht erforderlich ist.

Es fühlt sich beim drüber nachdenken so an, als würdest du gerne den Charakter mehr zeigen wollen. Zeigen, was du dir ausgedacht hast um diesem Charakter Tiefe zu geben. Aber leider tragen die Dinge, die für dich zum Charakter dazu gehören, nicht zur Geschichte bei.
Ich denke, das geht dann einfach nicht. Das sollte dir aber auch keine Sorgen machen, denn die Dinge sind für die Geschichte ja nicht relevant.


Beispiel:
Ein Charakter mag sehr gerne Erdbeereis. Da es aber in einem postapokalyptischen Szenario spielt, gibt es kein Erdbeereis mehr. Ich könnte jetzt eine Situation erzeugen, in der doch welches auftaucht um diesen Aspekt zu beleuchten.
Aber: Was gewinnt denn die Geschichte daran? Eher nichts. Da erzeuge ich eine Situation, die viele Worte benötigt, aber nichts beiträgt, außer eine Charaktereigenschaft zu beleuchten, die aber nicht wirklich relevant ist.


EDIT:
Ich hab den ersten Absatz noch mal gelesen, da wurde dein Problem dann deutlicher.

Der Punkt bleibt aber ca. derselbe. Lass Situationen passieren, in denen deine Figuren dann handeln. Das kann alles sein. Jede Form von Handeln der Charaktere zeichnet sie. Gib ihnen einfach die Gelegenheit, Charaktereigenschaften, die du ihnen zuschreiben möchtest, zu zeigen.
Nicht "Er spendete jeden Sonntag großzügig bei der Kollekte."
Sondern "Er steckte die Scheine, die er jeden Sonntag mitnahm, in die Kollekte und reichte sie weiter."
Be brave, dont tryhard.

Frostschimmer

Ein Problem besteht hier eigentlich (aus meiner Sicht) nicht. Ich selbst handhabe es ja so, dass ich Eigenschaften innerhalb der Geschichte darstelle. Ich kenne einfach (leider) zahllose Beispiele, die das nicht so handhaben und wollte wissen, wie andere Sichtweisen von Autoren aussehen, was das Benennen von Eigenschaften betrifft.
Kürzlich habe ich etwa eine Geschichte gelesen, in der wiederholt behauptet wurde, die Protagonistin sei ganz besonders clever, leider hat sie sich in jeder Situation absolut dümmlich verhalten. Auch in Filmen und Serien taucht sowas gerne mal auf.
Ich dachte, vielleicht haben andere Autoren andere Meinungen dazu. Und natürlich freue ich mich auch über ein paar Beispiele, wie andere Autoren Charaktereigenschaften darstellen, nicht nur Intelligenz, sondern auch bestimmte Ansichten, etc.

Michael W

Ich finde es auch besser, wenn Charaktereigenschaften gezeigt und nicht behauptet werden. Das Tolle daran ist ja, dass ein "Show" viele Interpretationsmöglichkeiten bietet.
Ein konkretes Beispiel wäre, wenn zwei Figuren, die sich gegenseitig noch nicht kennen, zusammenarbeiten müssen, um dasselbe Ziel zu erreichen. Am Ende ist aber nur A siegreich und B nicht. Je nachdem, mit welchem der Charaktere man sich beim Lesen angefreundet hat, wird man unterschiedlich darüber urteilen, ob der Sieg verdient ist. Fans von A können sagen, dass A sehr clever ist und gute Tricks auf Lager hat, während Fans von B sagen können, dass A gefährlich und manipulativ ist.
Um das zu erreichen, sollten im Text möglichst keine Wertungen stehen, der Effekt ergibt sich durch die Handlungen und aus den Leseerwartungen.

Ich muss dazusagen, dass ich eher Geschichten schreibe, die vorwiegend von der Handlung getrieben werden und weniger von den Charakteren. Da ist die Beleuchtung der Charaktereigenschaften sozusagen Bonus. Aber ich mache mir darüber trotzdem gerne Gedanken.

Mondfräulein

Ich stimme nicht zu, dass diese Eigenschaften nie benannt werden dürfen. Das darf man durchaus. Das Problem besteht aber erst dann, wenn zentrale Eigenschaften nur benannt werden, aber nie gezeigt werden. Ich kann ja durchaus beides machen: Die Eigenschaft benennen und dann konkret zeigen. Da kommt es immer auf den Kontext an. Wer redet über wen? Warum?

Die Eigenschaften einer Figur finden dabei aber immer in Interaktion mit der Geschichte statt. Wenn ich zum Beispiel eine Figur habe, deren zentrale Eigenschaft ihre kompromisslose Ehrlichkeit ist, dann sollte ich diese Ehrlichkeit in der Geschichte in der Regel auch herausfordern und auf die Probe stellen. Zentrale Eigenschaften der Hauptfiguren sollte der Plot herausfordern, aber auch bei Nebenfiguren ist das möglich. Eine Nebenfigur, die sich kompromisslos an die Regeln hält, kann sehr interessant werden, wenn sie deshalb die Hauptfigur hintergeht, weil sich die Hauptfigur nicht mehr an die Regeln hält. Dafür muss diese Eigenschaft vorher aber gut etabliert werden, zum Beispiel, wenn die Nebenfigur auf einen kleinen Regelverstoß reagiert.

Zitat von: Christopher am 13. Oktober 2023, 17:02:21Ein Charakter mag sehr gerne Erdbeereis. Da es aber in einem postapokalyptischen Szenario spielt, gibt es kein Erdbeereis mehr. Ich könnte jetzt eine Situation erzeugen, in der doch welches auftaucht um diesen Aspekt zu beleuchten.
Aber: Was gewinnt denn die Geschichte daran? Eher nichts. Da erzeuge ich eine Situation, die viele Worte benötigt, aber nichts beiträgt, außer eine Charaktereigenschaft zu beleuchten, die aber nicht wirklich relevant ist.

Außer: Die Person vermisst Erdbeereis. Denn dann wird das Erdbeereis auch zu einem Sinnbild dessen, was die Figur durch die Apokalypse verloren hat.

Zitat von: Christopher am 13. Oktober 2023, 17:02:21Nicht "Er spendete jeden Sonntag großzügig bei der Kollekte."
Sondern "Er steckte die Scheine, die er jeden Sonntag mitnahm, in die Kollekte und reichte sie weiter."

Das finde ich hier tatsächlich gleichwertig. Es ist in beiden Fällen eine Handlung, die beschreibt, dass die Figur großzügig ist und dass ihr die Kirche wichtig ist, die aber nicht viel zum Plot beiträgt, weil sie eher beiläufig beschrieben wird. Beides finde ich okay. Der Kontrast dazu wäre eher, wenn jemand einfach nur sagt, dass die Figur großzügig ist.

Zitat von: Frostschimmer am 13. Oktober 2023, 18:29:11Kürzlich habe ich etwa eine Geschichte gelesen, in der wiederholt behauptet wurde, die Protagonistin sei ganz besonders clever, leider hat sie sich in jeder Situation absolut dümmlich verhalten.

Hier ist das Problem finde ich nicht vor allem, dass behauptet wird, dass die Figur clever ist, sondern dass das Gegenteil gezeigt wird. Hier widersprechen sich Handlung und Beschreibung.

Mir fallen jetzt spontan folgende Möglichkeiten ein, eine Charaktereigenschaft zu zeigen:

Beschreibung: Jemand benennt eine Charaktereigenschaft konkret, zum Beispiel: "Lisa ist der großzügigste Mensch, den ich kenne." Wichtig ist dabei, dass diese Beschreibung konsistent mit dem Rest der Geschichte ist. Wenn nicht: Warum ist sie das nicht? Warum sieht die Hauptfigur Lisa hier als großzügige Person, wenn Lisa in anderen Szenen zeigt, dass sie es nicht ist? Was sagt das über ihre Beziehung aus? Das macht die Eigenschaften aber wenig greifbar und plastisch. Wenn die Hauptfigur so über sich selbst redet, dann ist besonders wichtig, dass das konsistent mit späteren Szenen ist.

Anekdoten: Quasi eine Erweiterung der Beschreibung. Zum Beispiel: "Lisa ist der großzügigste Mensch, den ich kenne. Sie spendet bei der Kollekte jeden Sonntag mehr, als alle anderen, und mehr, als sie sich eigentlich leisten könnte." Das lässt es plastischer wirken, es gibt aber auch die Möglichkeit, die Eigenschaft näher einzugrenzen. Spendet Lisa nur an die Kirche? Warum tut sie das? Hat es vielleicht mit Schuldgefühlen zu tun? Ist sie in anderen Situationen auch so großzügig, zum Beispiel, wenn sie an einem Obdachlosen vorbeigeht? Was sagt das über Lisas Weltbild aus? Das macht die Eigenschaft gleich viel greifbarer und plastischer.

Szenen: Die Eigenschaft wird in einer Szene gezeigt. Das kann ganz unterschiedlich aussehen, aber hier gibt es meiner Meinung nach auch viele Abstufungen. Zum Beispiel: "Lisa warf mehrere Scheine in die Kollekte und reichte sie weiter. Sie spendete jeden Sonntag mehr als die meisten anderen. Mehr, als sie sich eigentlich leisten konnte." Das finde ich ehrlich gesagt ungefähr gleichwertig zur Anekdote, weil es keine Auswirkungen auf die weitere Handlung hat.

Handlungsabfolgen: Anders sieht es aus, wenn Figuren konkret vor einer Entscheidung stehen, die Auswirkungen auf die weitere Handlung hat. Zum Beispiel: Lisa hat kürzlich eine kleine Summe im Lotto gewonnen. Sonntags sieht die Hauptfigur dann, dass Lisa das ganze Geld in die Kollekte wirft, obwohl sie es eigentlich dringend bräuchte, um das kaputte Dach zu reparieren. Das hat Folgen und Konfliktpotenzial. Das hat Konsequenzen. Vielleicht kommt das auch nur in einer weiteren Szene vor, aber dadurch, dass die Eigenschaft hier konkrete Auswirkungen hat, wird sie schon sehr viel plastischer. Auch alleine dadurch, dass mögliche Konsequenzen angedeutet werden. Das müssen nicht immer negative Konsequenzen sein und es muss nicht zu Konflikten kommen, aber es macht die Eigenschaft viel plastischer, weil sie hier mit einem Umfeld und der Welt interagiert und dadurch Wellen schlägt.

Christopher

#6
Zitat von: Mondfräulein am 13. Oktober 2023, 19:45:38
Zitat von: Christopher am 13. Oktober 2023, 17:02:21Nicht "Er spendete jeden Sonntag großzügig bei der Kollekte."
Sondern "Er steckte die Scheine, die er jeden Sonntag mitnahm, in die Kollekte und reichte sie weiter."

Das finde ich hier tatsächlich gleichwertig. Es ist in beiden Fällen eine Handlung, die beschreibt, dass die Figur großzügig ist und dass ihr die Kirche wichtig ist, die aber nicht viel zum Plot beiträgt, weil sie eher beiläufig beschrieben wird. Beides finde ich okay. Der Kontrast dazu wäre eher, wenn jemand einfach nur sagt, dass die Figur großzügig ist.

Entschuldige - das war undeutlich. Bei ersterem Zitat meinte ich tatsächlich den konkreten Satz so im Manuskript. Das andere war eher eine Beschreibung was in der Handlung konkret passieren würde, so wie du es dann beschrieben hast ;D
Be brave, dont tryhard.

Mondfräulein

Zitat von: Christopher am 13. Oktober 2023, 22:05:03Entschuldige - das war undeutlich. Bei ersterem Zitat meinte ich tatsächlich den konkreten Satz so im Manuskript. Das andere war eher eine Beschreibung was in der Handlung konkret passieren würde, so wie du es dann beschrieben hast ;D

Ich habe das schon so verstanden, dass das nicht unbedingt die konkrete Formulierung im Text wäre. Aber sofern die Spende in der Kollekte einfach passiert, ohne dass sie Auswirkungen auf etwas anderes hat, ist der Effekt ziemlich ähnlich. Es ist in beiden Fällen eine Handlung und transportiert die Information, dass er spendet, die ich als Leserin dann interpretiere und eine Eigenschaft davon ableite. Solange die Informationen dieselben sind, kann ich das als Anekdote erzählen oder in der Szene selbst zeigen. Beides hat Vor- und Nachteile, aber beides kann gut funktionieren. Beides ist Show, weil ich die Eigenschaft ja in beiden Fällen nicht direkt benenne.

Soly

Ich denke auch, dass "Show, don't tell" eine sehr gute Daumenregel ist, aber kein unumstößliches Gesetz sein muss. Man kann manche Dinge gut zeigen und andere Dinge gut benennen, ohne dass die Qualität darunter leidet.

Manche Charaktereigenschaften sind sehr "breit" und weitreichend, wie zum Beispiel Intelligenz, andere etwas enger gefasst, wie zum Beispiel Großzügigkeit, wieder andere sehr eng und konkret wie zum Beispiel die Vorliebe für Erdbeereis - wobei ich das streng genommen gar nicht mal als Charaktereigenschaft bezeichnen würde.

Ich kann sehr gut nachvollziehen, was @Frostschimmer im Eingangspost beschrieben hat, dass Figuren immer wieder als intelligent bezeichnet werden, sich dann aber gar nicht mal so intelligent verhalten, dass das Gezeigte also nicht zum Erzählten passt. Das liegt meiner Meinung nach vor allem daran, dass Intelligenz ein wahnsinnig breit gefächerter Begriff ist, unter dem wir alle etwas Ähnliches verstehen, aber für das wir wahrscheinlich doch alle eine leicht andere Definition hätten, wenn wir danach gefragt würden (die fachsprachliche Definition mal außer Acht gelassen, die kennt eh niemand ;)). Wir erwarten also alle etwas leicht Unterschiedliches, und vor allem: Sobald eine Figur als "intelligent" betitelt wird, erwarten Leser:innen implizit, dass diese Figur sich immer intelligent verhalten muss, obwohl auch intelligente Menschen manchmal echt dumme Dinge tun können.
Bei solchen breiten Begriffen wie Intelligenz, aber auch zum Beispiel Sozialverträglichkeit oder Gewissenhaftigkeit wäre ich deshalb sehr vorsichtig, sie überhaupt zu benutzen. Da wäre es besser, einfach immer wieder zu zeigen, wie die Figur sich intelligent verhält oder sozialverträglich oder gewissenhaft, je nachdem, was die Situation hergibt und wie es sich dort äußert, ohne jemals aufs Tell zurückzugreifen.

Bei sehr konkreten Dingen wie dass Lisa jeden Sonntag in der Kollekte spendet, finde ich, gibt es eigentlich keinen Unterschied zwischen Show und Tell, so wie @Mondfräulein auch geschrieben hat. Es ist eine extrem konkrete und eng gefasste Beschreibung einer einzelnen Handlung innerhalb einer einzelnen Situation, und darunter können wir alle uns mehr oder weniger das Gleiche vorstellen. Ich würde behaupten, die Tatsache, dass Lisa jeden Sonntag in der Kollekte spendet, ist ein Show für die darüber liegende Charaktereigenschaft, dass sie großzügig ist, jedenfalls gegenüber der Kirche, und dass sie offensichtlich auch eine gewisse Bindung zu ihrer Kirche hat. Ob ich als Leser:in direkt dabei sitze und die gesamte Situation geschildert bekomme, oder ob ich nur in einem gerafften Erzählblock unter anderem erzählt bekomme, dass das so ist, macht tatsächlich keinen Unterschied, weil es mir in beiden Fällen zeigt, was Lisa für ein Mensch ist.

Also meine Antwort auf die Eingangsfrage ist:
Je konkreter und verhaltensnäher es ist, was ich rüberbringen will, desto weniger Unterschied gibt es zwischen Show und Tell, und desto eher würde ich aufs Tell zurückgreifen. Je abstrakter und weit gefasster es ist, desto schwieriger finde ich Tell. Aber ich kann auch über viele verhaltensnahe Tells ein Show für eine darüber liegende Charaktereigenschaft haben, und das finde ich genauso okay.
Veränderungen stehen vor der Tür. Lassen Sie sie zu.

Manouche

Ich bin ebenfalls der Meinung, dass "Show" meistens besser ist als "Tell". Aber eben meistens. Manchmal ist es für mich durchaus auch okay etwas zu erzählen. Es kann zB überflüssig sein, sich eine Handlung auszudenken, nur um eine Eigenschaft zu zeigen. Aber im späteren Verlauf muss die Eigenschaft auf jeden Fall von Bedeutung sein und auch "gezeigt" werden. (meine Meinung ;) )
Da ich gerne sehr nahe an der Figur schreibe, also ihre Gedanken und Reaktionen sehr stark aus ihrer Perspektive, bietet sich auch das "über jemanden nachdenken" an. Damit will ich sagen, dass die Protagonistin bei einer anderen Person etwas beobachtet, oder sich darüber ärgert etc. Dann sind Charaktereigenschaften einer Person geschildert, aber nicht durch ein reines erzählen. Es kann auch sein, dass eine Figur mit einer bestimmten Charaktereigenschaft aufgezogen wird. Geht für mich auch. Auch hier immer vorausgesetzt, die Eigenschaft hilft der Handlung und bringt sie weiter.

Zit

ZitatDann sind Charaktereigenschaften einer Person geschildert, aber nicht durch ein reines erzählen.

Was aber normalerweise mehr über den Beobachter erzählt als über den Beobachteten. Stark personenbezogene POVs neigen mMn. dazu, unzuverlässig zu sein. Dh., wenn ich jemanden nicht leiden kann, könnte ich viel häufiger negative Eigenschaften und Verhaltensweisen sehen bzw. sie negativ deuten als würde ich die Person mögen und es erst überhaupt nicht registrieren, weil es für mich als neutrale Eigenschaft zu der Person dazugehört.
"I think therefore I am
getting a headache."
Unbekannt

Frostschimmer

Spontan fällt mir dazu noch ein, dass man als Autor natürlich auch immer abwägen muss, welche Eigenschaften man überhaupt in die Geschichte einarbeitet. Die vier Optionen, die @Mondfräulein herausgearbeitet hat, finde ich sehr gut beschrieben.
Schweirig wird es, meiner Ansicht nach, dann, wenn eine Figur "übercharakterisiert" wird, dann wirkt es schnell konstruiert. (Das kenne ich aber, wie ich zugeben muss, eher aus dem Anime-Genre)
Eine andere Sache ist das Problem mit unglaubwürdigen Setups. Um mal bei meinem Beispiel der Intelligenz zu bleiben: einem Charakter wie Sherlock Holmes nehme ich das jederzeit ab, sein gesamtes Verhalten, seine Art zu sprechen und seine Handlungen spiegeln das wider, ohne Probleme.
Bei einem Aaravos (Prinz der Drachen - hoffe mal, das kennt hier jemand  ::) ) habe ich da mitunter Schwierigkeiten, seinen angeblichen scharfen Verstand zu glauben. Vor allem in der aktuell jüngsten vierten Staffel wirken die Situationen teils sehr gestellt und spielen seinem Plan hübsch in die Karten - was ja sein kann, aber eben nicht für seinen Verstand spricht, eher für sein Glück.

Soly

Zitat von: Frostschimmer am 15. Oktober 2023, 17:00:40Bei einem Aaravos (Prinz der Drachen - hoffe mal, das kennt hier jemand  ::) ) habe ich da mitunter Schwierigkeiten, seinen angeblichen scharfen Verstand zu glauben. Vor allem in der aktuell jüngsten vierten Staffel wirken die Situationen teils sehr gestellt und spielen seinem Plan hübsch in die Karten - was ja sein kann, aber eben nicht für seinen Verstand spricht, eher für sein Glück.
Den Prinz der Drachen kenne ich nicht, aber die Beschreibung hat mich an etwas Anderes erinnert, nämlich Captain Jack Sparrow. Der kommt nicht aus jeder Gefahr heraus, weil er so ein genialer Stratege ist, sondern weil er dieses krasse Talent hat, glückliche Umstände sofort zu erkennen und zu nutzen, und es dann im Nachhinein so wirken zu lassen, als wäre es ein ausgeklügelter Plan gewesen. Das ist auch eine Art von Intelligenz, aber eben keine lange Planung, sondern spontane Adaptionsfähigkeit. Das wird auch nie ausgesprochen, aber es zeigt sich jedes Mal, wenn er einer unausweichlichen Gefahr doch entkommt, und sogar die anderen Figuren wundern sich irgendwann "Plant er das alles oder nimmt er es einfach, wie es kommt?"
Veränderungen stehen vor der Tür. Lassen Sie sie zu.

Manouche

Schönes Beispiel @Soly 
Solche Dinge machen einen Charakter interessant und geben der Geschichte die nötige Würze. 

ZitatWas aber normalerweise mehr über den Beobachter erzählt als über den Beobachteten. Stark personenbezogene POVs neigen mMn. dazu, unzuverlässig zu sein. Dh., wenn ich jemanden nicht leiden kann, könnte ich viel häufiger negative Eigenschaften und Verhaltensweisen sehen bzw. sie negativ deuten als würde ich die Person mögen und es erst überhaupt nicht registrieren, weil es für mich als neutrale Eigenschaft zu der Person dazugehört.

Ich sehe was du meinst @Zit , allerdings weiss ich nicht sicher, ob wir vom selbe sprechen.
Wenn ich aus der Perspektive meiner Protagonistin schreibe, erscheint es mir ganz richtig, dass die Charaktereigenschaften der anderen eben von ihrer Sympathie oder Antipathie gefärbt ist. Ebenso wenn von einer anderen Figur die Protagonistin "beobachtet" wird. Ich gehen davon aus, dass die Leser:innen dies erkennen und richtig auffassen können.

Yamuri

Beim Faktor "Intelligenz" kommt erschwerend hinzu, dass es eigentlich keine richtige Definition dafür gibt. Was ist Intelligenz? Wann bewerten wir jemanden als intelligent? Ich würde sagen, das hängt ganz stark von der subjektiven Wahrnehmung ab. Wenn ein Mensch eine Handlung ausfphrt,

Bei der Serie Be Reborn beispielsweise, wird bereits in den Keywords festgelegt, dass der Protagonist intelligent sei. In den ersten 5 Folgen wirkt er auch sehr klug durch sein Handeln. Aber dann trifft er Entscheidungen, deren Gründe nicht auf den ersten Blick erkennbar sind, die von den Zuschauer:innen psychologische Kenntnisse erfordern, um dahinter zu blicken, weshalb er jetzt diese groben Fehler macht, obwohl er doch augenscheinlich intelligent ist.

Ich denke, dass es schlicht unterschiedliche Formen von Intelligenz gibt und Erfahrungen auch noch mit reinspielen. Ein unerfahrener Mensch kann auch dann Fehler machen, wenn er intelligent ist, es ihm aber an Lebenserfahrung mangelt. Und kommt es eben noch darauf an welche Erfahrungen und Kenntnisse die Zuschauer:innen haben.

Wenn eine Person jetzt sehr intelligent oder erfahren ist in einem bestimmten Bereich, wird sie eine Figur unter Umständen schneller als "weniger intelligent" wahrnehmen, als eine Person die selbst unerfahren und nicht so intelligent ist.

Daher wurde mir auch schon in Rollenspielen bescheinigt, meine Figuren seien angeblich "zu schlau" für ihr Alter oder "Überflieger". Ich sehe das aber nicht so. Die Figuren sind lediglich intelligenter als die ehemaligen Schreibpartner:innen, die ich damals hatte. Dadurch wirkte es auf sie so, als seien die Figuren sehr intelligent. Würde ein Mensch, der intelligenter und erfahrener ist, als ich, wovon es sicher genügend geben wird, darauf schauen, würde dieser Mensch sicherlich zu einem anderen Ergebnis kommen und die Figuren vielleicht sogar als "sind doch gar nicht so intelligent" bewerten.

Letztlich steht und fällt die Bewertung immer mit der persönlichen Wahrnehmung und die ist halt subjektiv und individuell. Es gibt keine zwei Menschen mit derselben Wahrnehmung.
"Every great dream begins with a dreamer. Always remember, you have within you the strength, the patience, and the passion to reach for the stars to change the world."
- Harriet Tubman