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Autor Thema: Kulturelle Aneignung in Romanen  (Gelesen 6575 mal)

Offline Kati

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Kulturelle Aneignung in Romanen
« am: 02. Juli 2013, 21:48:54 »
So, ich hoffe diesen Thread gibt es so noch nicht. Über Political Correctness und dergleichen haben wir bereits ausgiebig diskutiert und darum soll es mir nicht gehen, ich möchte nicht, dass wieder Streit über diese Themen ausbricht. Was mich im Moment interessiert ist "cultural appropriation", ich habe es mal mit kultureller Aneignung übersetzt, bei der es darum geht, dass Menschen sich eben die Kultur anderer aneignen und im schlimmsten Fall sehr nachlässig damit umgehen. Mich würde nun einfach mal interessieren, wie ihr dieses Thema im Zusammenhang mit Romanen seht. Schreibt ihr Romane, die in fremden Kulturen spielen und wie geht ihr damit um?

Ich komme darauf, weil mir gerade der Roman "Tsarina", den die bekannte Autorin Jackson Pearse unter Pseudonym nächsten Winter veröffentlichen wird, aufgefallen ist. Es ist ein Fantasyroman, der zur Zeit der russischen Revolution spielt und mich hat die Inhaltsangabe sofort interessiert. Dann ist mir auf Goodreads jedoch eine Leserin aufgefallen, die das Buch auf ihre Liste der Bücher, die sie niemals lesen wird, gesetzt hat. Mit der Begründung, dass die Autorin keine Russin ist, aber ein russisches Setting schreibt. Jackson Pearse selbst kommentierte die Begründung und sagte, sie sei selbst auch kein Teenager, aber ihre Hauptfigur. Und sie hätte auch noch nie im Jahr 1917 gelebt, aber das wäre ja der Sinn von Fiktion. Mir leuchtet der Kommentar ein, aber ich kann auch verstehen, dass man sich ärgert, wenn westliche Autoren die eigene Kultur falsch darstellen.

Was sagt ihr dazu? Und, wenn das wirklich problematisch sein sollte, wo zieht man dann die Grenzen? Russland ist nicht okay, aber was ist mit Frankreich? Oder kann man eurer Meinung nach doch alles machen? Mich interessiert das im Moment, weil auf meiner eigenen Liste auch ein Roman mit ähnlichem, russischem Setting steht. Was sagt ihr?
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Offline Cairiel

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Re: Kulturelle Aneignung in Romanen
« Antwort #1 am: 02. Juli 2013, 21:58:08 »
Einem Autor nicht zuzugestehen, über Russland zu schreiben (um dieses Beispiel aufzugreifen), nur weil er kein Russe ist/nicht in Russland lebt, halte ich für völlig absurd. Erstens stellt sich da die Frage nach der Grenze, wie du schon geschrieben hast. Zweitens finde ich ein Zitat von Eschbach (glaube ich war's) hier relativ passend: Man muss nicht in der Pfanne gebraten werden, um über ein Schnitzel schreiben zu können. Solange man einen Willen zeigt, sich intensiv mit der Kultur, über die man schreiben will, auseinanderzusetzen und eingehend darüber zu recherchieren, halte ich es für völlig in Ordnung, darüber zu schreiben. Sonst wäre man in seiner Schreiberei ja lokal viel zu sehr eingeschränkt, wenn man nicht gerade Fantasy in einer selbst erdachten Welt schreibt.

Ich könnte diese Leserin verstehen, wenn sie das Buch gelesen und festgestellt hätte, dass es totalen Humbug über die russische Kultur verzapft, aber es gleich im Voraus so zu verurteilen, nur weil die Autorin keine Russin ist, halte ich für überzogen.

Offline Antigone

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Re: Kulturelle Aneignung in Romanen
« Antwort #2 am: 02. Juli 2013, 22:12:39 »
Man möge sich nur vorstellen, alle Krimiautoren hätten tatsächlich mal einen Mord begannen.... Die Gefängnisse wären überfüllt!

Wobei es ohne Zweifels viel Arbeit benötigt, glaubhaft über eine andere Kultur zu schreiben. Und wahrscheinlich würde einem "Einheimischen" auch nach bester Vorarbeit der eine oder andere kleine Fehler auffallen. Schwierig wirds halt bei Autoren, die meinen, über ein anderes Land zu schreiben, nur weil sie dort mal 2 Wochen Urlaub gemacht haben. Aber wenn es gut gemacht ist, sehe ich da kein Problem darin.

Offline Kati

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Re: Kulturelle Aneignung in Romanen
« Antwort #3 am: 02. Juli 2013, 22:17:45 »
Ich frage mich nur, wo die Grenze zwischen "okay" und "schlecht" ist. Ich denke da an die ganzen Jugendromane von deutschen Autoren, die in England oder Amerika spielen, das ist ja an sich auch eine andere Kultur und wir nehmen das einfach so hin, aber bei Kulturen die unserer so unähnlich sind, stutzt man ja schon. Ich sehe das wie du, mit guter Recherche kann man eigentlich alles machen und sich von der Kultur, in die man hineingeboren wurde, verbieten zu lassen, was man darf und was nicht finde ich auch nicht in Ordnung. Aber auf der anderen Seite gibt es auf dem Markt genug Bücher, die eben totalen Unsinn verzapfen. Das fängt damit an, dass in einem Roman ein männlicher Charakter einen typisch weiblichen russischen Nachnamen hat (mit dem angehängten a dran) und das Buch bei einem großen Verlag erschienen ist. Hat das dort keinen interessiert? Wusste es einfach keiner? Oder war es egal, weil es so schöner klang und man sich dachte, den Lesern fällt es eh nicht auf?

Ich denke ja fast, kleine Recherchefehler sind auch noch zu verzeihen, aber wenn es an Ignoranz grenzt, gibt es ein Problem. Also, wenn man merkt, dass der Autor das Setting wirklich bloß wegen des Coolness-Faktors gewählt hat und keine große Lust hatte, sich damit auseinander zu setzen. (Ich muss da gerade an dieses Buch denken, in dem so viele Fehler über die Türkei steckten, das stammte von einem amerikanischen Bestseller-Autoren. Im Forum wurde mal darüber diskutiert, dass der Mann denen, die auf die Fehler hinwiesen böse Kommentare geschrieben hat, aber es wäre doch auch interessant mal von der Seite ranzugehen, was für ein falsches Bild von der Türkei er zeichnet...)
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Offline Ryadne

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Re: Kulturelle Aneignung in Romanen
« Antwort #4 am: 02. Juli 2013, 22:41:24 »
Ein Buch von vornherein zu verteufeln, weil die Autorin über Russland schreibt, obwohl sie keine Russin ist, halte ich für absurd. Wie Cairiel schon sagt, da wäre man lokal ziemlich eingeschränkt als Autor, wenn man nur über die eigene Kultur schreiben dürfte. Und was heißt das schon, "eigene Kultur"? Vielleicht fühlen sich Polizisten von meiner Darstellung ihrer Arbeitskultur auf den Schlips getreten, vielleicht fühlen sich die Niedersachen verunglimpft, wenn ich als Rheinland-Pfälzerin einen niedersächsischen Side-Kick einbaue. Um jetzt nur mal zwei willkürlich gewählte Beispiele zu nennen. Und auch wenn man das nicht so eng sehen würde - heißt das dann, dass man auch keine Angehörigen anderer Kulturen in seine Geschichten einbauen darf, auch nicht als Nebenfiguren? Na super.

Allerdings bin ich persönlich in diesem Bereich teils schon sehr, sehr vorsichtig. Ich lese beispielsweise viele Ethnographien und stoße dabei oft auf indigene Völker, mit deren Traum-Konzepten ich (z.B.) gerne arbeiten würde. Aber sie 1:1 zu übernehmen, habe ich mich bisher nicht getraut, weil ich mir denke, dass ich aus einem Buch nicht genug herauslesen kann, um mir wirklich ein realistisches Bild davon zu machen, wie das von diesen Menschen verstanden wird. Da ist mir die Gefahr zu groß, im romantischen Ethnokitsch zu landen oder etwas völlig verfremdet darzustellen. Um mich da ranzutrauen und mich an den Konzepten nicht nur fantasy-mäßig anzulehnen, bräuchte ich dann schon einen Erste-Hand-Informanten.

Offline Malinche

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Re: Kulturelle Aneignung in Romanen
« Antwort #5 am: 02. Juli 2013, 22:46:56 »
(Ich muss da gerade an dieses Buch denken, in dem so viele Fehler über die Türkei steckten, das stammte von einem amerikanischen Bestseller-Autoren. Im Forum wurde mal darüber diskutiert, dass der Mann denen, die auf die Fehler hinwiesen böse Kommentare geschrieben hat, aber es wäre doch auch interessant mal von der Seite ranzugehen, was für ein falsches Bild von der Türkei er zeichnet...)

Ah! Das war das, was mir als erstes zu dem Thema einfiel, aber ich konnte nicht mehr zuordnen, um welches Land es dabei ging. Die Diskussion hatte ich allerdings noch unter genau diesem Aspekt der kulturellen Aneignung im Hinterkopf.

Im Wesentlichen kann ich alles unterschreiben, was Cairiel so prägnant gesagt hat.

Die Gedanken an sich kenne ich übrigens auch. Meine Geschichten spielen ja zu einem sehr großen Teil in Südamerika. Meine Figuren sind teilweise Indigene aus dem Andenhochland. Da bleiben die Gedanken um kulturelle Aneignung nicht aus: Ich als Autor spiele da ja schon eine gewisse Macht aus. (Und ich behaupte mal, dass das gerade vor kolonial geprägten Schauplätzen eine Frage von besonderer Brisanz sein kann.)

Ein anderes Beispiel ist, dass ich ja noch immer ein Projekt in der Schublade habe, das den peruanischen Terrorismus thematisieren soll. Ein Thema, auf das Peruaner ungefähr so sensibel reagieren wie Deutsche auf die NS-Zeit, nur, um das mal zu verdeutlichen. Und das ist ein Thema, bei dem ich wirklich mit Fingerspitzengefühl arbeiten möchte und mir auch schon die Frage gestellt habe: "Darf" ich als Deutsche, als Nicht-Peruanerin, eigentlich über so etwas schreiben? Interessanterweise sagte mir eine peruanische Freundin hierzu einmal, es sei unter Umständen sogar gut, wenn ich das aus dieser Distanz heraus bearbeiten würde. Eben, weil es in Peru noch immer ein Thema ist, an dem man sich - gerade als Peruaner - leicht die Finger verbrennen kann.

Ich denke, grundsätzlich sehe ich auch für mich die Maxime: "Erlaubt" und akzeptabel ist, was gewissen Ansprüchen an Recherche und Einfühlvermögen genügt. Dass es viele Bücher auf dem Markt gibt, die schlampig recherchiert sind und Mist verzapfen, heißt ja im Umkehrschluss nicht, dass das gut ist. Aber pauschal lässt sich da eh nichts sagen. Es ist eine Entscheidung, die jeder Autor immer wieder für sich treffen muss, wenn er bestimmte Schauplätze wählt, und als Kulturanthropologin halte ich es auch für gut und richtig, diese Entscheidung angemessen zu reflektieren.

Zum Abschluss noch folgendes: Vor vielen Jahren hielt ein Mädchen in meinem Spanischkurs ein Referat über Frauen in Lateinamerika. Sie war selbst ein Jahr in Bolivien gewesen, konnte sich also sehr stark auf eigene Erfahrungen berufen, und das tat sie auch. Machismo und Unterwürfigkeit der Frau spielten eine sehr große Rolle bei dem Vortrag. Reichlich überraschend saß an genau diesem Tag noch eine mexikanische Austauschschülerin mit im Kurs. Und die Referentin kam böse, böse ins Straucheln. Weil sie in der Mexikanerin als lateinamerikanischer Frau eigentlich genau das Thema ihres Vortrags vor sich hatte. Plötzlich war es ihr extrem unangenehm, was sie zu erzählen hatte.

Die kleine Episode beschäftigt mich noch immer. Ich habe daraus so meinen kleinen persönlichen Indikator abgeleitet, der mir meistens bei Referaten und Vorträgen hilft, aber grundsätzlich auch beim Schreiben: Ich frage mich, ob ich das, was ich da über Land/Region/Ethnie XY schreibe, einem Angehörigen von XY ins Gesicht sagen könnte, ohne zu stottern oder mich unwohl zu fühlen. Das heißt nicht, dass ich keine unangenehmen Sachen sagen darf. Das Problem der Referentin damals bestand nicht primär darin, dass sie über Machismo redete, sondern die Art, wie sie es tat - relativ schlecht recherchiert und auf einer Handvoll subjektiver Erfahrungen basierend, die sie verallgemeinerte. Inhaltlich habe ich aus diesem Vortrag nichts mitgenommen, aber insgesamt habe ich sehr viel daraus gelernt, weil ich mir jetzt selbst immer wieder diese Frage stelle: Wenn ein Peruaner vor dir steht, kannst du selbst vertreten, was du über Peru geschrieben hast? Solange man diese Frage mit Ja beantworten kann, denke ich, sollte alles im grünen Bereich sein - zumindest als grobe Faustregel funktioniert das, wenigstens für mich.
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Offline Tanrien

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Re: Kulturelle Aneignung in Romanen
« Antwort #6 am: 03. Juli 2013, 09:30:10 »
Meine Geschichten spielen ja zu einem sehr großen Teil in Südamerika. Meine Figuren sind teilweise Indigene aus dem Andenhochland. Da bleiben die Gedanken um kulturelle Aneignung nicht aus: Ich als Autor spiele da ja schon eine gewisse Macht aus. (Und ich behaupte mal, dass das gerade vor kolonial geprägten Schauplätzen eine Frage von besonderer Brisanz sein kann.)

Mir fielen bei der Frage hier auch zuerst deine Geschichten ein - nämlich als absolutes Positivbeispiel. (Und das ohne, dass ich bisher viel von dir gelesen hätte, Malinche.) Es ist ja ein riesen Unterschied, ob man sich bewusst ist, dass es cultural appropriation gibt (was ich bei dir annehmen konnte, selbst bevor du hier geschrieben hast), weiß, warum Teenager und Teil einer Ethnie sein nicht das gleiche bedeutet (ditto), und man sich mit der Herkunftskultur ausführlich auseinander gesetzt hat (was du für Lateinamerika definitv hast) oder ob man mit einer "Das darf man doch eh, also mach ich das jetzt"-Haltung daran geht.

Das große Problem bei cultural appropriation in Fiktion ja nicht, dass jetzt die Nicht-Russin über Russland schreibt. Sondern, gerade im Fantasy-Bereich, dass so viel aus anderen Kulturen geklaut wird. Da wird über indische Götter phantastiert, da wird mit "Wilden" im Federschmuck gearbeitet, etc. Alles das, was eben nicht historische Geschichte ist (wie jetzt zum Beispiel griechische Götter), sondern was Leuten heutzutage tatsächlich noch etwas bedeutet und sie dadurch, dass diese Teile ihrer Kultur geklaut werden, sie auch die Definitionsmacht über die Symbole und über ihr eigenes Bild verlieren.

Deswegen, Kati, würde ich auch deine Frage, wo der Unterschied zwischen Russland und Frankreich (und Peru) ist, so beantworten, dass man dann mehr aufpassen muss, wenn die übernommenen Bilder die Überhand in der Definitonsmacht gewinnen. Für Frankreich oder England oder die USA ist es ja absolut nicht schlimm, in Romanen schlecht dargestellt zu werden, was du schon daran merkst, dass die Leser protestieren, wenn die Darstellung schlecht ist - eben, weil sie schon mehr darüber wissen, aus den Medien, von Freunden, vielleicht waren sie selber da.

Wenn der russische Charakter dagegen nur Vodka trinkt, wird es schon stiller, weil weniger über Russland Bescheid wissen; und wenn dann alle Peruaner 24/7 lustige Alpaka-Hüte tragen, nun, whatever. Und in Fantasy werden auch genau diese Teile übernommen und dienen als Symbole, um Charaktere anders zu machen und der Leser dann "weiß", Froschschenkel = Frankreich, etc. Dann kommt es, wie gesagt, meiner Meinung nach darauf an, ob das dann die Kultur definiert. Dass französische Kultur mehr als Baguette, Wein und Froschschenkel sind, weiß jeder, es ist also nicht so dramatisch. Dass Peruaner mehr als lustige Alpaka-Farmer sind oder der Federschmuck von Native Americans mehr als Schmuck ist oder dass es Gründe gibt, warum es in Russland oft Alkoholprobleme gibt... das wissen viele nicht. Und da bist du dann als Nicht-Peruanerin, Nicht-Native American und Nicht-Russin diejenige, die das Bild hier maßgeblich (mit-)definiert. Und da wird es problematisch, wenn du alle Macht hast und die, über die du schreibst, keine.

(Wobei das natürlich am System liegt, am ganzen Komplex: Wenn mehr Autoren aus Minderheiten und anderen Ethnien und Ländern verlegt würden und übersetzt und wenn mehr in den Medien berichtet werden würde und Leser mehr Interesse zeigen würden und wenn nicht oft die Leute aus den Ländern massivst ausgebeutet werden würden, wäre über Peru zu schreiben das gleiche wie über Frankreich. Etc. pp.)

Deswegen stimme ich da Malinche zu:
Wenn ein Peruaner vor dir steht, kannst du selbst vertreten, was du über Peru geschrieben hast?
Und füge hinzu: Du musst dir halt deiner Verantwortung bewusst sein und dich dementsprechend verhalten, ob du deine Geschichte dann letztendlich schreibst oder nicht.
  

Offline Fianna

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Re: Kulturelle Aneignung in Romanen
« Antwort #7 am: 03. Juli 2013, 17:54:40 »
Ich frage mich nur, wo die Grenze zwischen "okay" und "schlecht" ist. Ich denke da an die ganzen Jugendromane von deutschen Autoren, die in England oder Amerika spielen, das ist ja an sich auch eine andere Kultur und wir nehmen das einfach so hin, aber bei Kulturen die unserer so unähnlich sind, stutzt man ja schon.
Ich würde mal sagen, sobald man ein "kleinteiliges" alltägliches Setting vor sich hat, gibt es auch bei dem Schauplatz England oder Amerika viele böse Fallen, in die man tappen kann, angefangen bei dem typischen Aufbau eines amerikanischen Reihen-Hauses (bzw. eines Hauses in dieser Gegend, Amerika ist ja groß) bis hin zur Esskultur und hundert anderen Kleinigkeiten.
Ich hab einen Amerikaner und ein Ex-Aupair in meiner Hotelfach-Berufsschulklasse, und da prallen auch oft Welten aufeinander. Gerade bei allen Dingen, die sich um Essen drehen, fällt das stark auf, und das ist nichts, was man mal so eben in einem Film gesehen hat oder bei Google findet. (Falls man überhaupt auf die Idee käme, danach zu suchen.)

Da ist eben nur das "Glück", dass offensichtlich wenige Amis/Engländer solche deutschen Bücher lesen, es dagegen viele deutschsprachige Immigranten oder Immigrantennachfahren aus Russland gibt, die sowohl den Einblick in die russische Kultur haben als auch das deutsche Sprachverständnis, um deutsche Romane zum Vergnügen zu lesen.

Ich denke, bei den von Dir angebrachten Büchern gibt es ungefähr genau so viele Fallen, nur eben weniger "Insider" die entsprechende Bücher auf Deutsch lesen, so dass die ganzen Fehlinformationen zu amerikanischem/britischem Alltagsleben eben nicht so stark auffallen wie bei russischen Settings.
   

Offline Lavendel

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Re: Kulturelle Aneignung in Romanen
« Antwort #8 am: 04. Juli 2013, 10:48:06 »
Schmeißen wir hier nicht zwei Dinge durcheinander? Bei Cultural Appropriation/Cultural assimilation geht es um die Übernahme von kulturelle Praktiken - wenn also Japaner sich einen Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer stellen oder Mutti Yoga macht.
Im Grunde ist die "Durchlässigkeit" von Kulturen durchaus etwas Gutes. Ich habe letztens ein Buch einer einer Weltreisenden gesehen, das die Wohnzimmer der Menschen in allen möglichen Ländern zeigte. Ich fand das ziemlich daneben, weil so Menschen aufgrund ihrer Herkunft gleich bestimmte Stereotypen zugeschoben werden (so sehen Wohnzimmer in China halt aus ...), unabhängig davon, dass die Vielefalt in Wahrheit viel größer ist. Es verschleiert, dass in einer globalisierten Welt eigentlich jeder sowieso schon "cross cultural" lebt. Wir kochen indisch, tragen Rastazöpfe, Tribaltattoos oder Irokesen, sehen amerikanische Serien, lesen Mangas, hören vielleicht französische oder finnische Musik und lassen uns mit traditioneller chinesischer Medizin, Akkupunktur, Klangschalen oder weiß der Kuckuck behandeln.
Dabei kann es passieren, dass gewisse sozio-kulturelle Zusammenhänge verlorengehen oder ignoriert werden, so wie zum Beispeil beim Yoga, das bei uns halt nur noch Fitnessprogramm ist und wenig bis gar nichts mehr mit Spiritualität zu tun hat. Es kann auch passieren, dass Minderheiten durch die Übernahme ihrer kulturellen Praktiken durch die Mehrheitsgesellschaft noch mehr an den Rand gedrängt werden. Auch das ist natürlich weniger gut.

Eine andere Sache ist die Darstellung anderer Kulturen in Romanen. Das hat aber weniger mit Cultural approriation/assimilation zu tun (Der Roman ist ja aus der literarischen Tradtion Europas hervorgegangen) Natürlich können Romane unangemessene Stereotypen oder Tropen kolportieren. Da sollte man schon aufpassen. Nicht jedes chinesische Wohnzimmer sieht gleich oder auch nur ähnlich aus. Wenn man nicht viel über eine andere Kultur lernt, über Sicht- und Denkweisen, über Brüche, Widerstände und Diversität, dann läuft man immer Gefahr, etwas zu simpel darzustellen. Das ist aber nicht cultural appropriation, sondern schlechte Recherche.

Das nur, um mal auf die Begrifflichkeiten einzugehen.
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Offline Snöblumma

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Re: Kulturelle Aneignung in Romanen
« Antwort #9 am: 04. Juli 2013, 11:27:36 »
Ich fürchte, ich sehe das Problem nicht ganz.

In fantastischen Romane spielen wir natürlich mit Klischees, Stereotypen und angeblich kulturellen Eigenheiten. Wenn ich ein Volk (A) konstruiere, das im kalten Norden lebt, immer nur Met trinkt und nur aus harten Kerlen besteht, lehne ich mich - bewusst oder unbewusst - an Klischees an, die über Wikinger herumgeistern. Wenn ich nun Volk (B) danebensetze, das in Steinhäusern wohnt, die Ordnung schätzt, ein schlagkräftiges Militär aufzuweisen hat und unter seinem Kaiser die Weltherrschaft anstrebt, wird es zwar etwas weniger offenkundig, aber höchstwahrscheinlich verwende ich Klischees, die ich irgendwann einmal als "römisch" kennengelernt habe. So what? In der (High) Fantasy bin ich meiner Meinung nach frei, Klischees und Stereotypen zu nehmen, mich an scheinbar echten kulturellen Vorbildern zu orientieren, diese zu mischen, sehen, was passiert, wenn ich ein Volk mit einer strengen Hierarchie in eine unwirtliche Umgebung setze, usw. Weltenbauen ist natürlich immer auch Anleihen nehmen, und ich werde immer auch Klischees mitaufnehmen, allein der Einfachheit willen.

Auch beim realistischen Roman sehe ich das Problem nicht wirklich. Wenn ich als deutscher Autor einen Roman schreibe, der im angeblich nur vodkatrinkenden Russland spielt und außer Prostituierten und Zuhältern und noch mehr Vodka nicht differenziert, sage ich damit doch höchstens etwas über mein eigenes Bild von der Welt - solange ich offenlege, dass ich als deutscher Autor schreibe, und nicht vorgebe, einen angeblich wahren Tatsachenbericht über das heutige Russland zu verfassen. Dass mich Menschen mit etwas differenziertem Weltbild dann meiden, damit muss ich dann wohl leben. In solchen Fällen sehe ich das Problem weniger auf Seiten des Autors als auf Seiten des Publikums, das nicht in der Lage oder nicht Willens ist, sich ernsthaft mit Gegebenheiten in fremden Ländern auseinanderzusetzen und liebend gerne altbekannte Klischees bedient sieht. Aber auch das sagt doch eigentlich mehr über das Publikum als über das Land, um das es geht, oder?

Schwer wird es natürlich, wenn bspw. bei in den USA angesiedelter Urban Fantasy die Details nicht stimmen, oder ich als Autor doch das Klischee der immer nur Auto fahrenden, die Umwelt verschmutzenden Amerikaner bediene. Nun ja, auch daran sehe ich nichts verwerfliches. Außen- und Eigenwahrnehmung differieren eben immer, und wenn ich als Leser dauernd übersetzten Büchern begegne, in denen die Deutschen die umweltfanatischen, superorganisierten Bösewichte sind, finde ich das als Darstellung einer gewissen Fremdwahrnehmung doch eigentlich eher spannend. Es regt mich an, darüber nachzudenken, wie wir uns nach außen verkaufen, und ob in dem Klischee vielleicht nicht doch irgendwo ein wahrer Kern steckt. Oder es ist gut gemachte Unterhaltung, die eben mit Klischees arbeitet, ich lese das Buch und lege es in die Ecke und vergesse es wieder ;).

Ob und wie weit man sich als Autor dem Problem aussetzen will, sollte man sich bei der Wahl des Schauplatzes eben überlegen. Aber, ganz ehrlich? Selbst wenn ich eine Story schreibe, die in meinem Dorf spielt, kommen hinterher die Nachbarn und fühlen sich auf die Füße getreten, weil es hier doch ganz anders zugeht. Bei Schauplätzen fließt immer mit ein, wie ich als Autor die kulturellen Begebenheiten vor Ort wahrnehme, und das muss doch  nie mit dem übereinstimmen, was andere wahrnehmen. Wenn ich München als hektische, überlaufene Großstadt mit zu viel Schicki-micki schildere, ist das mein persönliches Gefühl. Die meisten anderen Menschen lieben München als sonnige Dorf-Großstadt mit Alpenblick.

Aber ich lasse mir gerne das zugrundeliegende Problem noch mal näherbringen. Vielleicht ändere ich dann ja auch meine Meinung ;).
  Wer nicht auf seine Autorin hört, muss eben leiden. 


Offline Kati

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Re: Kulturelle Aneignung in Romanen
« Antwort #10 am: 04. Juli 2013, 12:13:27 »
Zitat
Schmeißen wir hier nicht zwei Dinge durcheinander? Bei Cultural Appropriation/Cultural assimilation geht es um die Übernahme von kulturelle Praktiken - wenn also Japaner sich einen Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer stellen oder Mutti Yoga macht.

 :versteck: Mir ist kein besserer Begriff eingefallen, weil es mir ja bewusst darum ging, dass sich ein westlicher Autor eine fremde Kultur zu Nutzen macht, um seinen Roman zu schreiben und zu verkaufen. Was du schreibst, stimmt schon, vordergründig ist es schlechte Recherche. Es gibt aber auch diese "Kein Bock"-Fälle, in denen Autoren eine fremde Kultur bloß als Hintergrund nehmen um eine x-beliebige Geschichte zu erzählen, die auch bei ihnen in der eigenen Straße hätte passieren können. Die fremde Kultur ist dann eben bloß für den Coolness-Faktor dabei und wird dann meist auch noch falsch dargestellt, weil man für einen Hintergrund keine Recherche betreiben möchte. Ich wusste nicht, wie ich sowas nennen sollte. Aneignung ist es eigentlich nicht, aber irgendwie ja doch: Ich nehme mir Teile einer Kultur und verbastle sie, wie ich das möchte, egal, ob Menschen aus dieser Kultur das gut oder schlecht finden. Ich habe den Begriff mal so erklärt gelesen: Man nimmt sich etwas, was jemand anderem viel bedeutet und zerhackstückelt das, wie man möchte, weil es einem ja selbst ja eigentlich nichts bedeutet, außer, dass es schön aussieht oder "cool" ist.

Als Beispiel vielleicht: „Stormdancer“ von Jay Kristoff. Es spielt nicht im echten Japan, ist aber sehr stark daran angelehnt. Der Autor vermischt jedoch chinesische und japanische Begriffe, die er in den Text einfließen lässt und romantisiert die ach-so-exotische japanische Kultur wie es ihm passt. Er mischt einfach indische und chinesische mythologische Wesen mit rein und die japanischen Anreden, die er benutzt, benutzt er falsch. Dem Roman merkt man richtig an, dass er aus westlicher Sicht geschrieben wurde, besonders bei diesen typischen Revolutionärfiguren, die die eigene Kultur, in der sie aufgewachsen sind, verteufeln und selbst einen sooo modernen europäischen Blick auf ihre Mitmenschen und Traditionen haben. Natürlich ist das Land, dass der Autor erschaffen hat, fiktional, eigentlich ist der Roman also High Fantasy, aber das ist meiner Meinung nach keine Ausrede dafür, was hier passiert ist: Mächtig schlechte Recherche? Ich glaube eher, der Autor wollte unbedingt die indischen mythologischen Wesen benutzen und hat deshalb statt „Japan“ einen neuen Namen für das Land erfunden. 

Snö: In der High Fantasy Anklänge aus der Wikinger- oder Römerzeit zu benutzen, ist meiner Meinung nach etwas ganz anderes, weil diese Kulturen so nicht mehr bestehen. Aber die japanische Kultur gibt es noch und Jay Kristoff macht eben dieses Ding: Er mischt mehrere asiatische Kulturen zu einer einzigen zusammen und, wenn ich als Leser da rangehe und nicht weiß, dass die Welt nicht nur an Japan angelehnt ist, glaube ich, was der da erzählt. Vielleicht ist das alles weniger problematisch als andere Dinge, aber es ärgert einen schon, finde ich.

Dass wir Deutschen es vielleicht weniger schlimm finden, immer die überpünktlichen Bösewichter zu sein, könnte daran liegen, dass wir eine westliche Kultur sind und sich die westlichen Kulturen großteils zu einer vermischt haben. Außerdem eignen wir uns, wie Lavendel schon sage, Bruchstücke aus anderen Kulturen an, was ich eine interessante und gute Entwicklung finde. Das Problem ist nur, dass es Kulturen gibt, die viel wert auf ihre Traditionen legen. Nicht, dass diese Kulturen sich nicht andere Dinge aneignen, das ist völlig klar, aber trotzdem finde ich es nicht in Ordnung die sehr europäische Sicht, dass Traditionen eigentlich egal und höchstens lustig sind, auf alle anderen Kulturen zu übertragen. Es zeugt doch auch von einer gewissen Missachtung einer Kultur schlecht recherchierte Romane auf den Markt zu werfen: „Wie ihr wirklich seid und was ihr wirklich macht, ist mir egal, ich finde die indische Kultur, wie ich sie durch Stereotypen und Klischees kennengelernt habe, cool und schreibe mein Buch darüber. Ob ihr euch falsch dargestellt oder sogar diffamiert fühlt, ist mir wurst, ich habe jetzt ein cooles Setting.“

Natürlich hast du schon Recht, dass es großteils ein Problem des Publikums ist, nicht des Autors. Aber viele Leser wissen nichts über Indien, sie kennen bloß die gängigen Vorurteile, und wenn dann im Buch steht, dass es wirklich so ist, macht es das nicht besser, oder? Ich selbst zum Beispiel weiß rein gar nichts über Indien und würde ich nun ein Buch lesen, was dort spielt, hätte ich große Probleme zu sagen, was nun richtig ist und was aus der Klischeekiste kommt, weil ich das nicht einschätzen kann und nicht weiß, wie gut das Buch recherchiert ist. Es gibt aber auch massig Leser, die das Interesse einfach nicht mitbringen und sich sagen, der Autor wird schon wissen, was er da schreibt. Und der Gedanke gefällt mir irgendwie nicht.
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Offline Snöblumma

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Re: Kulturelle Aneignung in Romanen
« Antwort #11 am: 04. Juli 2013, 13:31:08 »
Es zeugt doch auch von einer gewissen Missachtung einer Kultur schlecht recherchierte Romane auf den Markt zu werfen: „Wie ihr wirklich seid und was ihr wirklich macht, ist mir egal, ich finde die indische Kultur, wie ich sie durch Stereotypen und Klischees kennengelernt habe, cool und schreibe mein Buch darüber. Ob ihr euch falsch dargestellt oder sogar diffamiert fühlt, ist mir wurst, ich habe jetzt ein cooles Setting.“

Ja und ja. Und gleichzeitig nein. Vielleicht ist es einfach nur schlechte Recherche, dann liegt es m.E. in der Hand von Rezensenten, die mehr Ahnung haben, darauf hinzuweisen und die Schludrigkeit des Autors aufzudecken. Vielleicht ist es bewusste Missachtung oder Geringschätzung, dann muss ich m.E. ebenfalls damit leben. Vielleicht ist es nur ein Spiel damit. Ich kenne das konkrete Beispiel nicht, das du benennenst, darum kann ich da im konkreten leider nichts zu sagen. Und selbst wenn es nur Marketing/Coolness ist: Immer noch würde ich sagen, so what? Wenn es zieht, trifft der Autor wohl doch ein gängiges Klischee seiner Gesellschaft (ich sage nur: James Bond und die jeweiligen Bösewichte - treffendere Darstellungen weltpolitischer Befindlichkeiten und Vorurteile hat die Welt wohl noch nicht gesehen im Unterhaltungsbereich). Dann liegt das eigentliche Grundproblem an ganz anderer Stelle. Und wenn jemand sich wirklich getroffen sieht, steht es ihm ja frei, sich dazu zu äußern und das Bild richtig zu rücken. Was nicht immer ganz einfach sein wird, weil wir Menschen dazu neigen, einmal gefasste Meinungen nicht so schnell wieder loszuwerden - aber auch das liegt nicht an dem schlechten Buch.

Das Problem ist nur, dass es Kulturen gibt, die viel wert auf ihre Traditionen legen. Nicht, dass diese Kulturen sich nicht andere Dinge aneignen, das ist völlig klar, aber trotzdem finde ich es nicht in Ordnung die sehr europäische Sicht, dass Traditionen eigentlich egal und höchstens lustig sind, auf alle anderen Kulturen zu übertragen.
Provozierende Gegenfrage: Wenn es schlecht ist, anderen Kulturen meine europäische Sicht aufzudrücken - wieso ist es dann gut, wenn ich mir dir Sicht dieser Kulturen aufdrücken lasse? Wir gehen inzwischen (in meinen Augen zum Glück, das sei an dieser Stelle zugestanden, aber schon mein Mann ist da anderer Ansicht) locker mit Traditionen und gerade Glauben um. Wir mixen, wie es uns gefällt, nehmen hier ein Stück und dort ein Stück. Das ist eine Sicht, die Welt zu sehen. Große Teile der Welt sehen es anders. Aber der gewissermaßen vorauseilende Gehorsam vor denen, die ein Problem mit freiem Mixen haben, nimmt mir meine Freiheit - und das mag ich nicht. Ganz einfach und plump ausgedrückt.

Und ehe es allgemein als Respektlosigkeit daherkommt: Ich bin als bekennender Heide gerne mal getroffen, wenn irgendwer sich in den üblichen Wikinger/Germanen-Klischees ergeht, darum fiel mir dieses Beispiel ein. Aber trotzdem würde ich es niemandem verbieten wollen, wenn er es doch tut. Ich lese solche Bücher halt nicht, bei denen ich vor Klischeehaftigkeit die Augen verdrehen muss. Wenn mir doch mal eines unterkäme, würde ich mich wohl zu einer schlechten Rezension hinreißen lassen. Aber denjenigen deswegen in irgendeiner Form anprangern oder verurteilen fände ich in Hinblick auf die gesellschaftliche Freiheit (und ja, so hoch hänge ich das jetzt mal zum Zwecke der Provokation und Diskussion auf ;) ) bedenklich.

 
Ach ja, und weil Malinche es oben angesprochen hatte: Im wissenschaftlichen Kontext ist das Verkürzen auf Klischees einfach nur übel und zeugt davon, dass man die Regeln wissenschaftlichen Arbeits wohl nicht ganz verstanden hat. Wenn jemand basierend allein auf persönlichen Erfahrungen über Machismo in Südamerika spricht, braucht er sich nicht zu wundern. Genausowenig finde ich das Gegenargument allerdings valide, dass eine einzige Person aus dem Kulturkreis, die es anders erlebt hat, in irgendeiner Form Aussagekraft hat. Das ist einfach zu wenig empirische Masse ;). Aber das nur am Rande, weil das nicht unsere Hauptfrage war.


Edit: Den Rest von Kathis Posting, der mir beim Zitieren vorher hängen geblieben ist, rausgenommen.
  Wer nicht auf seine Autorin hört, muss eben leiden. 


Offline Kati

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Re: Kulturelle Aneignung in Romanen
« Antwort #12 am: 04. Juli 2013, 13:40:06 »
Zitat
Wenn es schlecht ist, anderen Kulturen meine europäische Sicht aufzudrücken - wieso ist es dann gut, wenn ich mir dir Sicht dieser Kulturen aufdrücken lasse?

Sollst du ja nicht. Es geht darum, einen asiatischen Charakter, der sagen wir in China aufgewachsen ist, mit europäischem Blick auf China blicken zu lassen. Schreibe ich einen Europäer, der zum ersten Mal in China ist, ist es klar, dass er einen europäischen Blick hat, aber eine chinesische Figur mit dem Blick eines Europäers die Mangel der chinesischen Gesellschaft aufzählen zu lassen, finde ich grenzwertig. Deshalb muss man es noch lange nicht so sehen und darf seinen eigenen europäischen Blick natürlich behalten. In dem Buch wird mir auch so auffallen, was aus meiner Sicht nicht stimmt, dafür brauche ich hoffentlich keine Figur, die es mir lang und breit erklärt. Einen Roman zu lesen, mit einer chinesischen Hauptfigur, die nicht alles durch die Augen eines Europäers sieht, drückt dir ja nicht seine Sicht auf, oder?

In dem Buch, das ich angesprochen habe, gibt es zum Beispiel eine Szene, in der ein Charakter besonders schön beschrieben wird, weil er grüne Augen und hellere Haut als die anderen hat: Das europäische Schönheitsideal wird eben da auf pseudojapanische Figuren übertragen, die natürlich total attraktiv und schön finden, dass da jemand keine dunklen Augen hat. Mag ich nicht. Es gibt sicherlich Japaner, die das schön finden und welche, die es nicht schön finden, aber dieses Ideal auf die gesamte Bevölkerung zu übertragen (indem jede Figur das so sieht) finde ich merkwürdig.
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Thaliope

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Re: Kulturelle Aneignung in Romanen
« Antwort #13 am: 04. Juli 2013, 13:41:26 »
Ich würde mal sagen, es ist eine Frage dessen, was der Leser erwartet. Wenn ich nur eine nette Geschichte vor einer "exotischen" Kulisse lesen will, schadet es wenig, wenn der Autor seine Kulisse aus dem reproduziert, was wir alle aus dem Fernsehen oder anderen Büchern schon kennen.
Aber wenn ich etwas Authentisches lesen will, etwas davon, wie der Autor seine eigene Welt und sein eigenes Erleben verarbeitet und umsetzt, etwas Welthaltiges vielleicht, dann ist eine solche Kulisse definitiv fehl am Platze.

Ich habe neulich ein Interview mit einer Frau gesehen, die Drehbücher einkauft. Und die bemerkte, dass sehr wenig wirklich Originelles, Eigenständiges, Authentisches im Angebot sei, weil die Leute nicht mehr auf die Straße gehen und dem Leben zugucken, sondern nur noch das reproduzieren, was sie aus dem Fernsehen kennen.

Ich denke, in gewisser Hinsicht kann man das auf das Benutzen fremder Kulturen in Romanen übertragen. Es ist so leicht und bietet sich so an - gerade wenn es um die amerikanische Kultur geht - zu adaptieren, was man aus den unzähligen Serien und Filmen kennt. Aber all das ist keine eigenständige Verarbeitung von "Welt", sondern die Verarbeitung von etwas, das bereits Ergebnis der Verarbeitung von jemand anderem ist. (die Kopie einer Kopie einer Kopie ... wird auch nicht aufschlussreicher.)

Mit Verarbeitung meine ich hier übrigens nicht eine psychologische Aufarbeitung, sondern den Weg von den Sinneseindrücken des Autors bis zum fertigen Text.

Ich persönlich erwarte mir vom Lesen, dass ich etwas Neues über die Welt erfahre, eine neue Sichtweise, einen neuen Aspekt, eine neue subjektive Verarbeitung kennenlerne. Deshalb wäre mir persönlich ein gewissens Maß an Authentizität sehr wichtig. Da kann meines Erachtens aber durchaus jemand, der nur kurz in Russland war (um das Beispiel aufzugreifen) durchaus die Erlebnisse dieses kurzen Aufenthalts literarisch umsetzen, ohne jetzt den Anspruch zu erheben, die gesamte russische Kultur und Lebensweise widerspiegeln zu wollen. Letzteres ist ja schon bei der Kultur, in der man aufwächst und lebt quasi unmöglich.

Aber anderen Lesern wird dieses Maß an Authentizität nicht so wichtig sein, schätze ich. Ich denke, es gibt in dieser Frage nicht unbedingt Richtig und Falsch, sondern nur die Frage, was Leser in der eigenen Zielgruppe suchen. Die Verantwortung des Autors, keinen schlecht recherchierten Unsinn in die Welt zu setzen, weil die Leute das glauben und man damit dazu beiträgt, Landschaften in Köpfen zu gestalten ... steht vielleicht auf einem ganz anderen Blatt.

LG
Thali

Offline Lavendel

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Re: Kulturelle Aneignung in Romanen
« Antwort #14 am: 05. Juli 2013, 07:21:26 »

Provozierende Gegenfrage: Wenn es schlecht ist, anderen Kulturen meine europäische Sicht aufzudrücken - wieso ist es dann gut, wenn ich mir dir Sicht dieser Kulturen aufdrücken lasse? Wir gehen inzwischen (in meinen Augen zum Glück, das sei an dieser Stelle zugestanden, aber schon mein Mann ist da anderer Ansicht) locker mit Traditionen und gerade Glauben um. Wir mixen, wie es uns gefällt, nehmen hier ein Stück und dort ein Stück. Das ist eine Sicht, die Welt zu sehen. Große Teile der Welt sehen es anders. Aber der gewissermaßen vorauseilende Gehorsam vor denen, die ein Problem mit freiem Mixen haben, nimmt mir meine Freiheit - und das mag ich nicht. Ganz einfach und plump ausgedrückt.

Weil die europäische Kultur die Kultur der "Mehrheitsgesellschaft" ist (in Anführungsstrichen, weil wir eigentlich nicht die meisten sind). Der europäische/nordamerikanische Kulturkreis ist der Raum, an dem (noch?) die größte wirtschaftliche und politische Macht klebt (trotz Krise). Währenddes Kolonialismus sind die meisten anderen Kulturen systematisch ausgebeutet unterdrückt oder sogar ausgelöscht worden. Niemand verbietet, sich kulturelle Eigenarten aus anderen Regionen der Welt anzueignen, und niemand wird sich vermutlich beschweren, wenn man es auf respektvolle Weise tut.
Sowieso hat das in dieser Richtung wenig mit "aufdrücken" zu tun. Wir entscheiden doch, was wir gut finden und setzen es dannn in unsere eigene Kultur um. Ein Problem wird es dann, wenn man mit Traditionen einer lange marginalisierten Gruppe respektlos umgeht und sie zum Beispiel für rein kommerzielle Zwecke ausbeutet - weil sich dann eben das Muster der Ausbeutung auf einer anderen Ebene wiederholt und die betreffende Gruppe nur erneut marginalisiert wird, anstatt etwas näher in die Mitte zu rücken.

Aber zu Katis Beitrag:
Zitat
Mir ist kein besserer Begriff eingefallen, weil es mir ja bewusst darum ging, dass sich ein westlicher Autor eine fremde Kultur zu Nutzen macht, um seinen Roman zu schreiben und zu verkaufen. Was du schreibst, stimmt schon, vordergründig ist es schlechte Recherche. Es gibt aber auch diese "Kein Bock"-Fälle, in denen Autoren eine fremde Kultur bloß als Hintergrund nehmen um eine x-beliebige Geschichte zu erzählen, die auch bei ihnen in der eigenen Straße hätte passieren können. Die fremde Kultur ist dann eben bloß für den Coolness-Faktor dabei und wird dann meist auch noch falsch dargestellt, weil man für einen Hintergrund keine Recherche betreiben möchte. Ich wusste nicht, wie ich sowas nennen sollte. Aneignung ist es eigentlich nicht, aber irgendwie ja doch: Ich nehme mir Teile einer Kultur und verbastle sie, wie ich das möchte, egal, ob Menschen aus dieser Kultur das gut oder schlecht finden. Ich habe den Begriff mal so erklärt gelesen: Man nimmt sich etwas, was jemand anderem viel bedeutet und zerhackstückelt das, wie man möchte, weil es einem ja selbst ja eigentlich nichts bedeutet, außer, dass es schön aussieht oder "cool" ist.

Das steht ja auch oben so, nur die Diskussion ging in eine andere Richtung. Literaturhistorisch findest du da sicherlichich unglaublich viele Beispiele, die belegen, dass es gerechtfertigt ist, über andere Kulturen zu schreiben. Nur weil in dem Pass einer Autorin nicht eine bestimmte Nationalität steht, ist sie noch längst nicht unqualifiziert, über Menschen aus einem bestimmten Land/Kulturkreis zu schreiben.
Ich denke nicht, dass etwas dagegen spricht, außer vielleicht ein zu leichtfertiger Umgang mit Fakten, die man nur zur Hälfte kennt. Sich aber die Frage zu stellen, ob das, was man da schreibt, so in Ordnung ist oder ob es möglicherweise andere Leute vor den Kopf stoßen könne, ist schon eine Menge wert, denn da fängt ja schon das an, was eigentlich wichtig ist, nämlich der Respekt. Das Buch ist immer schon Kulturgut und Handelsware zugleich gewesen, deshalb wird sich dieser Konflikt nicht ganz auflösen lassen, weil man ja auch veröffentlicht, um Geld zu verdienen - bzw. es automatisch tut.

(allerdings dürfen Autoren durchaus mal Leute vor den Kopf stoßen, nicht dass ihr jetzt denke, ich würde meinen, man dürfte nichts kontroverses schreiben ... ;))
   My own brain is to me the most unaccountable of machinery - always buzzing, humming, soaring roaring diving, and then buried in mud. And why? What's this passion for?
Virginia Woolf

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