Tintenzirkel - Das Fantasyautorenforum

Handwerkliches => Das Sprachbastelboard => Thema gestartet von: Cailyn am 04. März 2016, 09:48:44

Titel: Präsens-Trend
Beitrag von: Cailyn am 04. März 2016, 09:48:44
Mir ist aufgefallen, dass es immer mehr Bücher gibt, die im Präsens geschrieben sind. Ich habe mich deshalb gefragt, ob das die Zukunft sein wird.

Was denkt ihr? Ist das nur ein Modetrend, der bald wieder versiegen wird oder setzt sich das immer mehr durch?
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Witch am 04. März 2016, 09:52:26
Ja, das ist mir auch aufgefallen! Ich hoffe sehr, dass es nur ein Trend ist, denn ich kann das ehrlich gesagt nicht haben. Und es gibt ja auch nach wie vor viele erfolgreiche Bücher, die im Präteritum geschrieben sind, von dem her denke ich, dass das schon wieder vorbeigehen wird. Oder es gibt dann eine Art Parallelexistenz.  ;D
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Alana am 04. März 2016, 09:58:13
Ist der nicht schon wieder vorbei? Es gibt halt Genres, in denen Ich und Präsens sehr gefragt ist. (z.B. New Adult, YA Dystopie) Ich mag das total gerne. Was ich gar nicht mehr mag, weil es sich für mich meistens unnatürlich liest, ist Ich und Präteritum. Habe zwar selbst zwei Bücher damit geschrieben, die ich auch sehr mag, aber in Zukunft schreibe ich nur noch Ich und Präsens oder 3. Person Präteritum. Ich glaube nicht, dass sich das Präsens Genreübergreifend durchsetzt. In letzter Zeit gibt es auch in den typischen Ich und Präsens Genres immer mehr Bücher in 3. Person Präteritum.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Aryana am 04. März 2016, 10:44:55
Inzwischen mag ich Erzählungen im Präsenz und habe auch schon ein bisschen mit Präsenz als Stilmittel in Traumszenen gespielt - ich dachte, ich könnte das nie schreiben, aber am Ende fiel es mir immer richtig schwer, aus den Präsenz-Szenen wieder in den normalen Präteritumsschreibfluss zu kommen. Lesen mag ich inzwischen auch beides gern.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Rakso am 04. März 2016, 10:55:23
Mir ist auch schon das ein oder andere Buch im Präsens untergekommen (jedoch noch nicht so häufig, dass es mir als Trend aufgefallen wäre).

Ich nutze es auch manchmal als Stilmittel, dann meist in Kombination in der 1. Person, etwa um Träume oder Gedankengänge einer Figur wiederzugeben. Das erzeugt, finde ich zumindest, eine gewisse Nähe und Intimität. Meist sind das aber nur wenige Szenen, der Rest ist dann meist 3. Person Präteritum.

Ich glaube, dass es schwer zu beurteilen ist, ob es nur ein Trend ist und in fünf/zehn Jahren wieder vorbei ist oder nicht. Wahrscheinlich wird es ähnlich wie die Frage ob 3. oder 1. Person, ein enstprechendes Stilmittel bleiben, dass Autoren je nach persönlicher Präferenz und/oder Möglichkeiten, die eine Geschichte bietet, nutzen werden.

Edit: Hat sich mit Aryana überschnitten
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Christian am 04. März 2016, 10:59:59
Ich dachte auch, das sei schon wieder durch. Ich mag es nicht, lese es nicht. Ebenso Geschichten in der 1. Person. Der sicherste Weg, mich dazu zu bringen, ein Buch zuzuschlagen, ist 1. Person in Kombination mit Präsens. Das sind ganz wenige Bücher, die ich da noch lesen mag. Aber gut, das ist zum einen eine Genresache und zum anderen Geschmackssache.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Mogylein am 04. März 2016, 11:21:29
Ich finde Präsens ist nur in Verbindung mit Ich-Perspektive wirklich haltbar. Aus 3rd person limited oder gar auktorial funktioniert es (für mich als Leser) einfach nicht.

Allgemein bin ich kein allzu großer Freund des Präsens, deshalb wäre ich froh, wenn es nur ein vorrübergehender Trend ist. Allerdings kann ich seine Wirkung, gerade wenn es spärlich eingesetzt wird (z.B. die von @Aryana angesprochenen Traumszenen), nicht leugnen. Es macht das ganze noch etwas dichter, näher dran am eigenen Kopfkino. Aber manche Verben, die man vielleicht im eigenen Sprachgebrauch nicht verwendet, die man aber öfter in Büchern liest, reißen einem dann im Präsens aus dem Lesefluss.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Leann am 04. März 2016, 11:30:19
Ich lese überhaupt nicht gerne Romane im Präsens. Kurzgeschichte gehen zur Not. Warum kann ich gar nicht objektiv begründen, ich mag es einfach nicht, vielleicht, weil es meinen üblichen Lesegewohnheiten nicht entspricht und ich mein ganzes Leben lang Präteritum-Romane gelesen habe, also Gewohnheit. Evtl. erinnert mich die Ich-Perspektive-Präsens auch zu sehr an schlechte Fan-Fiction. Sehr viel lese ich zwar nicht in dem Bereich, habe aber den Eindruck, dass diese Perspektive dort überwiegt. Noch weniger gern lese ich die "Du-Perspektive", die finde ich ganz gruselig und hoffe, dass der Trend bald vorbei ist.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Denamio am 04. März 2016, 11:48:00
Noch weniger gern lese ich die "Du-Perspektive", die finde ich ganz gruselig und hoffe, dass der Trend bald vorbei ist.

Die Du-Perspektive ist für mich eng mit CYOA Büchern und Rollenspiel verbunden und hat da durchaus ihren sinnvollen Platz. Allerdings habe ich es außerhalb dieser beschränkten Anwendungen noch kein Buch in der besagten Perspektive gefunden. Hast du zufällig ein Beispiel für diesen Trend, der an mir vorübergegangen ist?
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Alana am 04. März 2016, 11:51:21
Ich glaube, das ist alles eine Gewöhnungsfrage, wenn man sich mal daran gewöhnt hat und ein paar richtig gute Bücher gelesen hat, die in Ich und Präsens geschrieben sind, dann mag man fast nichts anderes mehr und die 3. Person fühlt sich distanziert und unnatürlich an. Gleiches gilt beim Schreiben. Mittlerweile kann ich zum Glück sehr gut switchen, sowohl beim Lesen als auch beim Schreiben. Bei der Fantasy habe ich mich übrigens, nachdem ich lange überlegt hatte und es auch für die Story eine gute Lösung fand, unter anderem auch deswegen gegen die 1. Person Präsens für meinen neuen Fantasyroman entschieden, weil gerade Fantasyleser diese Perspektive zu hassen scheinen und Verlage deswegen in den letzten Jahren (laut meiner Info) nach einigen gescheiterten Versuchen keine Fantasyromane mit Ich und Präsens mehr kaufen. (Bestseller aus den USA wie immer ausgenommen. :P ) Angeblich gibt es viele Lektoren, die sich solche Projekte nicht mal anschauen. Wäre es nun für meine Geschichte unbedingt nötig gewesen, hätte ich es trotzdem gemacht, aber so war es für die Geschichte und den Markt meiner Meinung nach die richtige Entscheidung. :)
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Blaurot am 04. März 2016, 11:55:29
Ich muss gestehen, dass ich sehr gerne mit den verschiedenen Perspektiven spiele. In einer Kurzgeschichte, die ich letztens geschrieben habe, verwende ich beispielsweise die "Du-Perspektive", um zu verdeutlichen, wie gehetzt und getrieben der Prota im Inneren ist, wechsele dann zur wörtlichen Rede in Form eines Interviews, um zu zeigen, wie das Verhalten des Protas auf die Außenwelt wirkte, um danach in der 3. Form teils personal, teils auktorial die Geschichte rund zu klopfen.

Sämtliche Perspektiven gehören in mein Repertoire, und mit jeder lässt sich irgendetwas anderes verdeutlichen bzw. ausdrücken.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Cailyn am 04. März 2016, 12:10:52
Ich mache mich ähnliche Gedanken wie Alana. Ist es nicht nur Gewöhnungssache? Wenn etwas noch fremd ist, fühlt es sich häufig erst unnatürlich an. Aber würden wir jetzt 2 Jahre nur noch im Präsens lesen, wäre es wohl plötzlich vertraut und somit sympathischer. Praktisch ist es ja auch, wenn man Dinge aus der Vergangenheit beschreibt. Dann muss man nicht immer dieses Plusquamperfekt anwenden, was ja immer etwas knorzig und schwer daher kommt.

Wenn der Trend aber schon wieder am abklingen ist, dann auch gut.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Fynja am 04. März 2016, 12:20:23
Ich denke auch, dass es Gewöhnungssache ist und stark darauf ankommt, ob man wie Leann meinte, bisher nur schlecht geschriebene Geschichten im Präsens kannte, oder bereits einige gut geschriebene Romane und dann eher die damit assoziiert. Am Anfang habe ich Geschichten im Präsens auch gar nicht gemocht und gemieden, aber irgendwann habe ich Bücher gelesen, in die ich eintauchen konnte, und mittlerweile stört es mich nicht mehr und fällt mir oft auch gar nicht auf - ich könnte im Nachhinein gar nicht mehr sagen, welche Bücher es waren, die meine Meinung geändert haben und welche Bücher in welcher Perspektive und Zeit geschrieben sind. Mir ist aber bei all den Diskussionen über Perspektiven und Tempus hier aufgefallen, dass es mir wohl insgesamt gleichgültiger ist und ich weniger große Unterschiede darin sehe, was nun verwendet wird. Dazu muss ich aber auch sagen, dass ich mittlerweile Romane fast nur noch in der Originalfassung lese, was meistens Englisch ist, und dieser Tempus-Wechsel mir im Englischen noch weniger auffällt als im Deutschen.

Nichtsdestotrotz bevorzuge ich dennoch das Präteritum, vor allem für mein eigenes Geschreibsel, weil ich zu faul bin, mich da umzugewöhnen. :P Deswegen hoffe ich auch, dass der Trend sich einfach zu einer von vielen Möglichkeiten, aber nicht zu einer Notwendigkeit ausweitet.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Evanesca Feuerblut am 04. März 2016, 15:11:24
Für mich ist "Präsens, erste Person", wenn es gut gemacht ist, unglaublich suggestiv. Fast so suggestiv wie eine Geschichte in der Du-Perspektive (da kenne ich einfach keine längeren Bücher, in denen das durchgehalten wird), aber auch Du-Perspektive funktioniert fast nur im Präsens.
Für mich ist Präsens weniger ein Trend, sondern ein (teilweise sehr starkes) Stilmittel, wie jedes andere auch. Man vergleiche einfach mal, von der Nähe her von oben nach unten:

Paul ging durch einen dunklen Gang. Der schwache Strahl seiner Taschenlampe beleuchtete teilweise vom Moos überwuchertes Mauerwerk, von jahrhundertealtem Moder durchsetzt und stinkend.

Paul geht durch einen dunklen Gang. Der schwache Strahl seiner Taschenlampe beleuchtet teilweise vom Moos überwuchertes Mauerwerk, von jahrhundertealtem Moder durchsetzt und stinkend.

Ich ging durch einen dunklen Gang. Der schwache Strahl seiner Taschenlampe beleuchtete teilweise vom Moos überwuchertes Mauerwerk, von jahrhundertealtem Moder durchsetzt und stinkend.

Ich gehe durch einen dunklen Gang. Der schwache Strahl meiner Taschenlampe beleuchtet teilweise vom Moos überwuchertes Mauerwerk, von jahrhundertealtem Moder durchsetzt und stinkend.

Du gehst durch einen dunklen Gang. Der schwache Strahl deiner Taschenlampe beleuchtet teilweise vom Moos überwuchertes Mauerwerk, von jahrhundertealtem Moder durchsetzt und stinkend.

Das ist vielleicht nicht der beste Beispielsatz dafür, aber mir wollte auf die Schnelle nichts Besseres einfallen. Was ich damit sagen will, ist, dass die Wahl der Zeitform genauso wie die Wahl der Perspektive (ich, er/sie, du, auktorial, personell, sonstwas) auch eine Frage von Nähe und Distanz ist.
Präsens ist näher am Leser dran bzw. lässt die Distanz zwischen Leser und Erzähler stärker verschwimmen. Das führt dann z.B. bei den "Tributen" zu so tollen Sätzen:
Spoiler (click to show/hide)
Wer sich nicht spoilern lassen will/es noch lesen möchte: Damit meine ich Sätze die den Leser emotional regelrecht ohrfeigen.
Für mich ist das also weniger ein Trend, vielmehr ein "Oh, eine Bestsellerautorin schreibt das so. Ich teste mal, ob meine Texte damit auch besser klingen". Manche tun es dann... und manche nicht :)
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Waldhex am 04. März 2016, 20:00:52
Also ich hoffe auch, dass das nur ein Trend ist. Wie auch andere hier mag ich 1. Person generell nicht und Präsens auch nicht.
Ich könnte jetzt auch nicht sagen, an was es genau liegt, aber auch bei Evanescas Beispielsätze kommt die 1. Person und insbesondere die 1. Person Präsens nicht gut an.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: JarlFrank am 04. März 2016, 22:51:44
Präsens gefällt mir ganz und gar nicht. Erste Person finde ich je nach Buch ganz okay, aber gerade da finde ich Präsens irgendwie störend, da die Ich-Perspektive ja das Gefühl vermittelt, dass der Hauptcharakter selbst seine Geschichte erzählt. Und wenn das dann im Präsens geschrieben ist... äh... ist er dann gerade mitten in der Actionszene dabei, dem Leser die Geschichte zu erzählen? Nee, ich kann mich überhaupt nicht damit anfreunden. Ich lese viel auf Englisch und gerade in der englischen YA Literatur scheint dieser Trend herumzugeistern. Mir gefällt es im Englischen genausowenig wie im Deutschen, weil es einfach nicht passt.

Bei Textlastigen Computerspielen (oder solchen die nur aus Text bestehen: Text-Adventures!) finde ich es passend, weil man selbst als Charakter in der Geschichte mitspielt und alles was passiert, im *Jetzt* passiert. Aber das ist für mich der einzige Fall, wo Präsens angebracht ist.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Lina Franken am 04. März 2016, 23:10:58
Ich habe mal ein (sehr kurzes) Kapitel in Ich-Präsens geschrieben und es hat eigentlich auch großen Spaß gemacht. Es fühlte sich an, wie BlairWichtProject oder Cloverfield: Eine verwackelte Kamera, die mir folgt.  :darth: Aber einen ganzen Roman möchte ich in dem Stil weder lesen, noch schreiben. Ich und Du erinnern mich auch meist an Rollenspiele und die machen mir inzwischen keinen Spaß mehr. Im Grunde ist es aber auch wirklich eine Gewohnheit. Früher mochte ich Ich-Perspektiven nicht, inzwischen komme ich damit klar, sofern mir der Ich-Erzähler sympathisch ist. Mit Trends spielen macht definitiv Spaß, aber klasische Autor-Präteritum-Version wird mir vermutlich immer die liebste bleiben.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Zitkalasa am 05. März 2016, 00:20:47
Um ehrlich zu sein, ist mir Präsenz in letzter Zeit gar nicht unter gekommen. Kann daran liegen, dass es nur in bestimmten Genres eingesetzt wird, wie Alana schon meinte. :hmmm: Insofern kann ich da natürlich keinen Trend ausmachen.
Nichtsdestotrotz finde ich es wie JarlFrank aus dem gleichen Grund seltsam. Ich könnte damit nur leben, wenn Charaktere das in wörtlicher Rede verwenden: "Ich stehe also in dieser Bruchbude von ihm und von der Decke tropft diese braune Brühe, tropft mir genau auf die Kopf, und ich will noch sagen: 'Hey, Alter, lass uns gehen, hier gibt's nix' -- da zieht der Wi*er seine Knarre. Stell dir das vor. In seiner abgefuckten, abgebrannten Bruchbude zieht der W* seine Waffe und zielt auf mich. Auf mich! Seinem beschissenen besten Freund." (Sry, es ging grad durch. :engel:) Aber ein ganzer Roman oder auch nur eine Kurzgeschichte in dem Stil wären mir zu anstrengend. Wenn mir ein Ich-Erzähler seine Geschichte erzählt, dann doch bitte schön im Präteritum wie jeder andere Erzähler auch. ;D

(Naja, und Du-Perpsektive finde ich immer sehr bevormundend und beleidigend.)
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Maubel am 05. März 2016, 00:23:31
Auch hier würde ich sagen, dass es Gewöhnungssache ist. Ich habe bisher nur im Rollenspiel im Präsens geschrieben, wo das natürlich Sinn macht. Aber als ich nach drei Jahren intensivstem Rollenspiel wieder ein normales Buch geschrieben hat, klang die Vergangenheit plötzlich ganz falsch. Albern oder? Da hatte ich dann auch nachgedacht im Präsens zu schreiben, aber mich dann doch relativ schnell an die Form zurückgewöhnt. Ich würde Präsens tatsächlich nicht für einen Roman wählen, aber ich muss auch sagen, dass ich den Trend nicht wirklich mitbekommen habe.

@Evanesca Feuerblut Vielleicht liegt das nur an mir, aber alle fünf Sätze geben mir genau die gleiche Wirkung. Vielleicht bin ich da etwas unempfindlich geworden. Auch dein Spoiler wirkt auf mich genauso wenn er in der Vergangenheit geschrieben wäre.  :hmmm: Vielleicht liegt es ja wirklich an mir, aber bei mir sind es die Worte selber, die den Effekt auslösen, nicht die Stilform.

Lediglich die Du-Perspektive kommt bei mir nicht so rüber. Nicht, weil sie generell doof ist oder unpassend, sondern einfach, weil sie mich direkt anspricht und mir sagt, wie ich mich gerade fühle, obwohl ich ganz genau weiß, wie ich mich gerade fühle. Da kann ich mich irgendwie nicht so gut reinversetzen. Das geht leichter mit dem Ich. Klar, die Abenteuerbücher von Stevenson waren total spannend, aber mitgefiebert habe ich nicht, weil ich ja doch ganz sicher war in meinem Zimmer ^^
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: JarlFrank am 05. März 2016, 01:36:25
Das Du funktioniert für mich NUR in Spielen, seien es Computerspiele oder eine gemütliche pen and paper Runde. Denn da spielt man wirklich den Charakter, der angesprochen wird, und da lasse ich mir auch so Sachen durchgehen wie "Du fühlst dich XY als du in den Raum hineingehst und siehst was da abgeht", weil das ja dann nicht direkt *meine* Gefühle sind die mir da vorgeschrieben werden, sondern die meines Charakters. Und wenn ich in einem Computerspiel einen Charakter spiele, der in dieser Welt verschiedene Beziehungen hat, dann ist es natürlich klar dass er gewisse Gefühle haben wird wenn er z.B. den Tod eines Freundes mitbekommt.

Aber in Büchern? Nee, gar nicht. In einem Rollenspiel ist zwar das "Du" an der Tagesordnung, aber damit wird nicht der Spieler, sondern der Charakter den man als Spieler verkörpert angesprochen. In einem Buch mit Du-Perspektive kann ich mir das nicht vorstellen. Warum sollte man die Perspektive verwenden, wenn man einen Protagonisten mit eigenen Eigenschaften einführt? Kommt dann erst so ein "Du bist ein hochgewachsener Mann mit blonden Haaren und starken Muskeln, der als Ritter im Dienste des Königs kämpft und sehr loyal ist"? Dann würde ich mich daran stören dass ich die Entscheidungen meines Charakters, anders als in einem Spiel, nicht steuern kann. Wenn jedoch bloß das generische "Du" verwendet wird und der Leser der Protagonist sein soll, dann würde mich es sogar noch mehr stören wenn der Protagonist dann Entscheidungen trifft, die ich nie im Leben getroffen hätte, oder Gefühle zeigt, die ich nie zuvor gefühlt habe.

Mit gut geschriebenen Charakteren kann man mitfühlen, man kann sich in sie hineinversetzen - deshalb stört das "Du" in einem Spiel auch nicht weil man sich in seinen Charakter hineinversetzt, und dieser Charakter angesprochen wird und nicht man selbst. Aber so in nem Buch das den Leser als Protagonisten annehmen würde... neee, kann ich mir so gar nicht vorstellen!

Hab bisher auch noch nie ein Buch gelesen in dem die zweite Person verwendet wird. Die Abenteuerbücher würde ich nicht als normale Bücher sehen, die sind ja auch mehr eine Art Spiel, da man während des Lesens Entscheidungen treffen kann: wenn du dich für X entscheidest, blättere zu Seite 100, wenn du dich für Y entscheidest zu Seite 110. Aber so ein ganz normales, lineares Buch in zweiter Person? Das kann doch gar nicht funktionieren.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Tigermöhre am 05. März 2016, 12:18:29
Ich lese eigentlich lieber in der Vergangenheitsform. Aber ich bevorzuge auch eindeutige die 3. Person.
Wobei mir gestern aufgefallen ist, dass ich die Zeitform nicht bewust wahrnehme. Kinderbücher werden ja auch häufig im Präsens geschrieben. Jetzt hat meine Tochter gerade ein Buch mit 6 Kurzgeschichten geschenkt bekommen. Ich las es durch und bei der 5. Geschichte stolperte ich über die Form. Es brauchte eine Weile, bis ich bemerkte, dass sie als Einzige in der Vergangenheit geschrieben war. (Wer macht sowas? Wo war da der Lektor?)
Also, ich lese beides, aber ein Wechsel mitten im Buch stört ich sehr.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Drachenfeder am 05. März 2016, 19:54:28
Ich spreche nicht gerne von Trends. Die meisten Bücher sind in den uns bekannten Vergangenheitsformen geschrieben. Zum Glück gab und gibt es aber auch Erzählungen im Präsens. Diese haben in der letzten Zeit erheblich zugenommen, aber warum nicht? Ich lese diese Bücher ab und an ganz gerne und ich finde es wundervoll, dass es so viele verschiedene Möglichkeiten für Leser gibt. Daher warum nur ein Trend? Ich habe nichts dagegen, auch wenn ich selbst eher zu Büchern im Präteritum greife.

Selbst schreibe ich meine Kurzgeschichten meistens in der Ich-Form und im Präsens. Bei Romanen habe ich mich noch nicht an die Gegenwart herangewagt.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Slenderella am 05. März 2016, 21:07:55
Ich-Form und Präsens wäre jetzt nix, was ich schreiben würde :)
Aber Präsens an sich habe ich immer gern geschrieben und würde ich auch durchaus mal wieder.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Acrosen am 05. März 2016, 21:38:06
Ich finde, es ist eigentlich egal, in welcher Zeitform und Perspektive geschrieben wird, solange es der Szene angemessen ist und der Autor/die Autorin es entsprechend beherrscht.
Ich würde auch nicht sagen, dass das ganze eine Art "Trend" ist. Es ist ein altbekanntes Stilmittel, welches momentan eine intensive Auslebung durch verschiedenste Genres erlebt.

Ich persönlich spiele sehr gerne mal mit dem Präsens, oft kombiniert mit einem Wechsel in die Ich-Perspektive oder (z.B. in Traumszenen) auch bei einer Art der Perspektivlosigkeit. Genauso habe ich mich mal daran versucht, eine komplette Gedankensequenz über emhrere Seite im Futur durchzuhalten. Das war zwar ein Fehlschlag, aber trotzdem eine interessante Erfahrung, und irgendein Autor/irgendeine Autorin wird garantiert auch daraus eine wunderbare Geschichte machen können.

Man sollte wissen, wo die eigenen Schwächen und Stärken liegen. In manchen neueren Büchern hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass eine Präsens-Szene oder ein Perspektivwechsel verwendet wurde, nur um dem aktuell vorherrschenden Stilmittel zu entsprechen. Sowas ist Quatsch. Der Leser merkt, wenn der Autor sich aus seinem eigenen Stil heraus verbiegt.

Es gibt aber auch positive Beispiele, wo das Präsens meiner Meinung nach eine unerreichte Wirkung entfalten kann.
Aber letztendlich ist das, wie hier im Thread bereits aufgezeigt, eine Geschmackssache.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Slenderella am 05. März 2016, 21:40:21
Kombiniert mag ich es zum Beispiel gar nicht. Das wirkt immer so (auf mich jetzt, ich unterstelle um Himmels Willen dem Autor nicht, dass er sich das dabei gedacht hat) - "Wechseln wir Stil und am besten Schriftart, damit der Depp von Leser merkt, dass es sich hier um eine Traumsequenz, oder Rückblende oder was auch immer handelt."

Keine Ahnung, warum ich das immer denke, aber das mag ich einfach nicht :D
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Eluin am 07. März 2016, 20:14:27
Ich persönlich denke alles ist Gewöhnungssache bei Perspektive und Zeitform. Wenn der Stil stimmt, dann ist es mir völlig egal. Auch beim Schreiben. Manche Projekte schreiben sich besser in der 1. andere in der 3. Person und ebenso verhält es sich bei mir auch beim Tempus.

Lediglich bei Kinderbüchern für die Jüngeren tendiere ich primär zum Präsens. Einfach weil erst ab einem bestimmtem Alter (hab das Jahr gerade nicht im Kopf) die Zeitwahrnehmung entsprechend vorhanden ist, dass die Kinder nicht mehr im "Jetzt" verwurzelt sind.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Cailyn am 10. März 2016, 09:46:47
Hätte ich den Thread hier nur nicht aufgemacht!   :d'oh:
Unterm Strich findet die Mehrheit die Ich-Perspektive zum Lesen ja nicht so toll, und meine Schreibbeine werden langsam wackelig, wo ich doch vorher noch so felsenfest überzeugt war, die 1. Person für meinen nächsten Roman zu wählen. Ihr seid schon ne Truppe... schafft es, meinen Dickschädel aufzuweichen. Tztz...
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Evanesca Feuerblut am 10. März 2016, 13:49:46
Cailyn  :knuddel:
Falls es dich beruhigt, ich mag erste Person und Präsens, so es denn gut gemacht ist.

Von mir kam in dieser Diskussion ja - wenn auch mit scheinbar ungeeigneten Beispielsätzen - das "alles ist erlaubt, womit der Text so, wie er von dir gedacht ist, am Besten klingt".

Das Problem sind die Lesegewohnheiten. Jemand, der schon so lange liest, wie ich überhaupt auf der Welt bin, dabei aber kaum Bücher mit 1. Person Präsens vorgefunden hat, für den ist das natürlich "seltsam", "komisch", ungewohnt, was weiß ich. Teenager, die eben erst anfangen zu lesen, sich auf YA stürzen und dort eine bunte Vielfalt in Bezug auf Perspektiven und Zeitformen vorfinden, sind da weniger vorbelastet und müssen nicht erst für eine bestimmte Erzählform "gebrochen" werden.

Merke ich bei mir selbst, verwöhnt von den modernen Erzählstimmen, wenn ich mal wieder einen Klassiker in der Hand halte und von der auktorialen, allwissenden dritten Perspektive eines belehrenden Autoren ganz schnell so genervt bin, dass ich das Buch an die Wand klatschen würde, wenn ich nicht so einen Respekt vor Büchern hätte. (Es gibt auch Klassiker, die auktorial, allwissend, dritte Perspektive sind und trotzdem gut und lesbar und alles, aber es auch die Bücher aus der Hölle, wo dauernd gesagt wird, was gottgefällig ist und alle drei Sätze ein anderer Charakter die Perspektive trägt und args...)
Als die von mir wenig euphorisch wahrgenommenen Bücher aktuell waren, war aber genau das progressiv und "in" im Vergleich zu irgendwas anderem.

Daher sehe ich Trends in der Literatur eher immer als Chance. Also als "Oh, so kann man es auch erzählen? Wusste ich gar nicht, ich teste das mal für mein nächstes Projekt, ob das gut klingt".

Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Eluin am 10. März 2016, 15:42:18
@Cailyn lass dich nicht verunsichern. Du bist die einzige, die wirklich sagen kann, was für dein Projekt passt. Bei manchen Projekten sind viele Perspektiven und Zeitformen denkbar. Bei anderen gibt es genau eine richtige. Im Zweifelsfall probier es aus. Schreib bspw. das erste Kapitel einmal aus dieser Perspektive und Zeitform, dann aus der anderen. Guck, was sich besser anfühlt. Wenn du dich nicht entscheiden kannst, zieh vielleicht 1-3 Testleser mit ins Boot. Aber auch da wirst du wahrscheinlich wieder ganz unterschiedliche Meinungen hören.

Ich vermute, dass du auch unterschiedliche Antworten zwischen "Autoren" und "nur Lesern" bekommen wirst. Ergo: nicht verunsichern lassen, sondern geh deinen Weg.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Cailyn am 11. März 2016, 07:58:33
Danke Evanesca und Eluin!  :knuddel:
Ich werde sicher beim Plan A) bleiben, aber eben auch eine andere Vairante machen, um zu sehen, was besser wirkt.

Und jetzt dürft ihr wieder übers Präsens verhandeln, was ich ja für meine Bücher ohnehin nicht in Betracht ziehe. Ich war dahingehend nur neugierig, ob man sich als Autorin nun auf den Präsens-Trend einstellen muss, ob sich das plötzlich etabliert und das Präteritum ersetzt oder ob der Trend (wie einige ja meinten) schon wieder zurückgeht.  :buch:
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Churke am 11. März 2016, 10:29:59
Ich war dahingehend nur neugierig, ob man sich als Autorin nun auf den Präsens-Trend einstellen muss, ob sich das plötzlich etabliert und das Präteritum ersetzt oder ob der Trend (wie einige ja meinten) schon wieder zurückgeht.  :buch:

Trends kommen, Trends gehen, aber das Präterium als Erzählzeit dominiert seit 5.000 Jahren. Und ebensolange gibt es Autoren, die mit guten Gründen das Präsens verwenden. Vielleicht bekommt man heute mehr Präsens durchs Lektorat als früher, aber in meinen Augen sollte man irgendwelchen Moden hinterherhecheln, sondern praxisbezogen anhand des Einzelfalls entscheiden.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Cailyn am 19. März 2016, 19:33:39
Hinterherhecheln war ja auch nie meine Absicht. Das läge schon mal gar nicht in meiner Natur.  ;D

Aber ich denke nicht, dass das Pritäritum sich in Sicherheit wähnen kann, nur weil es schon so lange angewandt wurde. Das ist eine Art Hochrechnung von dir persönlich. Allerdings hoffe ich, dass du Recht hast.  ;)
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Amberle am 19. März 2016, 20:21:06
Ich mag Präsens in Geschichten auch nicht. Tatsächlich habe ich mal ein halbes Buch gelesen bevor ich gemerkt habe, dass es im Präsens geschrieben wurde und ich die ganze Zeit ins Präteritum übersetzt habe ohne es zu bemerken.
Ich habe auch schon kurze Szenen im Präsens geschrieben, weil ich damit etwas über den Geisteszustand der Figur unterstreichen konnte, der in dem Moment ziemlich miserabel war. Aber ein ganzes Buch würde ich so auch nicht schreiben wollen. Ich lese es wenn es sein muss, aber Präteritum würde ich immer vorziehen.

Ich kann auch keinen Trend ausmachen. In den letzten Jahren kommt es in der Jugendliteratur öfter mal vor. Aber ich kann mich nicht daran erinnern wann ich das letzte Mal etwas im Präsens gelesen habe, das nicht YA war.

Das erinnert mich außerdem daran, dass ich immer noch eine Geschichte in 2. Person Futur schreiben muss.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: DodyLuNatic am 19. März 2016, 20:59:50
Ich habe mal ein (sehr kurzes) Kapitel in Ich-Präsens geschrieben und es hat eigentlich auch großen Spaß gemacht. Es fühlte sich an, wie BlairWichtProject oder Cloverfield: Eine verwackelte Kamera, die mir folgt.

Genau das ist es, was mich persönlich am Präsens stört. Der Text wirkt auf mich hektischer, als müsste ich beim Lesen eines Satzes den nächsten schon gleich mitlesen, damit ich nichts verpasse. Wobei auch für mich da die Ausnahme geschriebenes Rollenspiel ist, weil da die Geschichte ja gerade auch "lebt" und nicht bereits abgeschlossen ist. Dazu passt dann die erhöhte Aufmerksamkeit oder Alarmbereitschaft, wenn man so will, die ich beim Präsens empfinde.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Klecks am 19. März 2016, 21:07:27
Ich kenne den Präsens-Trend, wenn es ihn denn als Trend gibt, ebenfalls hauptsächlich aus YA-Romanen. Außerdem sind viele der Gay Romances, die ich gelesen habe, ebenfalls im Präsens geschrieben. Außerhalb dieser beiden Genres habe ich Präsens bisher nur extrem selten gelesen. In Gay Romances bin ich es schon sehr gewöhnt, weil es meinem Gefühl nach oft vorkommt.  ;D  Ich schätze, dass diese Erzähzeit in gewissen Genres - vielleicht auch noch anderen, zusätzlichen Genres als den genannten beiden - zu einer Konvention geworden ist, die oft eingehalten wird.  :hmmm:
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Cailyn am 21. März 2016, 09:12:15
Ich mag Präsens in Geschichten auch nicht. Tatsächlich habe ich mal ein halbes Buch gelesen bevor ich gemerkt habe, dass es im Präsens geschrieben wurde und ich die ganze Zeit ins Präteritum übersetzt habe ohne es zu bemerken.
Ich musste lachen, weil mir das auch mal passiert ist. Lange habe ich mich gefragt, was so komisch ist an diesem Buch, bis mir dann das Licht aufging.  ;D
Allerdings fand ich es bei diesem Buch dann ziemlich angenehm geschrieben und es sprach für sich, dass ich das Präsens gar nicht bemerkt habe.

DodyLuNatic
Die Sache mit der Hektik hat schon was. Präsens wirkt dann halt fast wie ein Film, wo alles schneller erzählt wird.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Regentänzerin am 12. April 2016, 14:36:30
Ich finde, es kommt ganz stark auf die erzählte Geschichte an. Zu manchen passt nun mal Präsens, zu anderen überhaupt nicht. Deswegen finde ich es manchmal ganz cool und manchmal stört es mich total. Ich denke, wenn da der Autor gut gearbeitet hat, ist alles in Ordnung.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Charlotte am 12. April 2016, 16:16:01
Präsens ist denke ich einfach sehr viel näher, das Präteritum wirkt oft ein wenig distanzierter. Deshalb wird Präsens glaube ich auch oft für Geschichten verwendet, in die man den Leser wirklich reinziehen will - Dystopien, aber auch oft Thriller - während man historische Romane oder Fantasy oft im Präteritum erzählt. Mir kommt es auch oft vor, als wäre die Sprachmelodie im Präteritum schöner, man kann mehr mit Atmosphäre spielen, was in Fantasy oft wichtiger ist, als viel Action (jedenfalls im Jugendbuchbereich). Das ist jedenfalls mein Eindruck.  :) Ich habe allerdings auch schon historische Romane im Präsens gelesen. Erst dachte ich, das ginge gar nicht, aber es war dann wirklich gut gemacht und wirklich sehr schön. Ich finde Ich-Perspektive im Präsens immer fast ein bisschen unangenehm, wenn sie gut gemacht ist, eben weil man plötzlich so nah dran ist, das mag ich aber besonders bei Thrillern oder bei düsteren Dystopien sehr gern. Die Hunger Games würden denke ich im Präteritum nicht so gut wirken, eben weil oft spontan gehandelt werden muss und die Hauptperson eher im Moment leben muss, was durch das Präsens sehr gut deutlich wird.

Ich schreibe mittlerweile auch gern beides und entscheide das eigentlich danach, worauf es mir ankommt: Möchte ich den Leser richtig reinziehen und gibt es viel Action, spontane Entscheidungen, spielt alles eher so "im Moment", ohne, dass die Figuren lange über etwas nachdenken können oder sich Gedanken über die Zukunft machen können, wähle ich Präsens. Bei Romanen, die ehr "ruhiger" sind und es eher ums Miträtseln geht, wähle ich dann das Präteritum. Das fußt aber natürlich nur darauf, was ich persönlich mit den beiden Zeiten verbinde und sicherlich empfinden andere Autoren oder Leser das komplett anders. Ich würde das Präsens aber gar nicht unbedingt als neuen Trend bezeichnen, besonders im Jugendbuch ist es mir auch schon früher öfter untergekommen. Dass es im Moment so allgegenwärtig wirkt, könnte daran liegen, dass Dystopien im Trend sind und diese sehr oft in Ich und Präsens erzählt sind. So oder so, ich finde es schön, dass es so verschiedene Mittel gibt Geschichten zu erzählen. Wenn man es gut macht, können beide Perspektiven ziemlich gut wirken.  :)
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: moonjunkie am 13. April 2016, 19:34:35
Ich lese auch gerade ein Buch im Präsens, Ich-Perspektive. Und hier passt es wirklich wunderbar, weil es auch um Wiedergeburten geht und es immer mal wieder Rückblenden gibt, wenn sich die Hauptfigur an frühere Leben erinnert. So kann man das sehr gut auseinanderhalten. Es ist ein Jugendbuch oder YA, da kommt es ja scheinbar öfter vor. Ich kann mich allerdings nicht dran erinnern, dass ich schon viele Bücher im Präsens gelesen hätte.

Mir wäre definitiv auch danach, es mal auszuprobieren. In Ich-Perspektive habe ich bisher erst einen einzigen Roman geschrieben (und da auch hinterher wieder geändert), aber ich probiere es mit Sicherheit noch mal aus.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: canis lupus niger am 14. April 2016, 19:16:49
Hm, spontan hätte ich geäußert, dass ich Erzählungen im Präsens gar nicht mag. Aber aktuell lese ich ein Buch, bei dem mir erst nach einigen Seiten überhaupt aufgefallen ist, dass im Präsens geschrieben wurde. Kann mich also doch nicht soo sehr stören.

Grundsätzlich hängt es wohl davon ab, was geschrieben wird. In den modernen Erlebnisbericht, den ich zurzeit lese, passt es irgendwie. In einem epischen Roman, Fantasy oder nicht, würde ich es für unpassend halten.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: magico am 30. Mai 2016, 14:17:06
Eindeutig eine Perspektivfrage. Wie schon erwähnt, sind Fantasy-Geschichten, Epen oder historische Romane im Präteritum ganz sinnvoll. Ich kenne allerdings auch historische Romane, die im Präsens funktionieren oder gerade deshalb. Ist eben mal etwas anderes.

Ich finde Präteritum für Science Fiction-Geschichten, Dystopien, Utopien oder allgemein alles, das in der Zukunft spielt, ziemlich fragwürdig. Man schreibt in der Vergangenheitsform über die Zukunft? :hmhm?:

Aber letztendlich ist eine gute und gutgeschriebene Geschichte wichtiger, als die Zeitform. Bei Präsens kommt man zumindest nicht in die Verlegenheit das doofe Plusquamperfekt anwenden zu müssen. ;D (Das gibt's ja tatsächlich nur in Schriftform.)
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: HSB am 30. Mai 2016, 21:54:47
Ich finde Präteritum für Science Fiction-Geschichten, Dystopien, Utopien oder allgemein alles, das in der Zukunft spielt, ziemlich fragwürdig. Man schreibt in der Vergangenheitsform über die Zukunft? :hmhm?:
Hm, da sehe ich kein Problem. Ich bin großer Fan der Präteritums-Erzählung in dritter Person. Für mich muss es immer so sein, dass der Erzähler irgendwie "dabei" war, selbst wenn er ein auktorialer Erzähler ist. Und wenn die Geschichte in der Zukunft spielt, dann ist sie eben schon passiert und der Erzähler erzählt aus seiner Sicht die Vergangenheit, da er ja in der Zukunft lebt.

PS: Danke für den Thread. Endlich ein Platz wo ich zum Ausdruck bringen kann, wie sehr mich die Ich-Perspektive im Präsens nervt. Ich dachte schon, ich sei der einzige, den das stört ...
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Lukas am 30. Mai 2016, 22:33:56

PS: Danke für den Thread. Endlich ein Platz wo ich zum Ausdruck bringen kann, wie sehr mich die Ich-Perspektive im Präsens nervt. Ich dachte schon, ich sei der einzige, den das stört ...
Ich wollte eigentlich nichts hierzu schreiben, weil ich nicht behaupten kann einen "Trend" ausmachen zu können. In der englischen Literatur (vor allem Contemporary) war es schon ewig so, dass man im Präsens geschrieben hat. Ich finde es interessant und mich "nervt" das alte, brottrockene und langweilige Präteritum. Ich schreibe allerdings trotzdem viel im Präteritum, nur um später festzustellen, dass ich meine Actionsequenzen soooo viel lieber im Präsens schreiben würde. Oder Dialoge. Die sind einfach schlagfertiger.
Aber dank der MAcht der Gewohnheit, hab ich im momentanen PRojekt von dritte Person personal Präteritum auf erste Person Präasens gewechselt. Und sowiet bin ich damit zufrieden. Außerdem macht es unfassbar viel Spaß zwischen Schreibstilen zu wechseln, sowie deine PoVs wechseln. Das lässt einen quasi 2-4 Bücher gleichzeitig schreiben und es wird nie langweilig.

P.S.: Ich verabscheue das Präteritum nicht halb so sehr, wie mein Statement vermuten lässt, ich wollte nur einen starken Konstrast zu dem "nerven" in Sturmbluths post bringen. Ich hab mich ein  bisschen angegriffen gefühlt, als jemand der jetzt fast ausschließlich Präsens schreibt. Nichts für ungut :knuddel: :knuddel:
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Evanesca Feuerblut am 30. Mai 2016, 22:40:31
Man kann mit Präsens übrigens faszinierende Effekte schaffen. Ich plane gerade einen Roman - und dazu gehört, einzelne Szenen schon mal zu schreiben und grob in eine Reihenfolge zu bringen - bei dem die Hauptprotagonistin in der Ich-Form und in Präsens dargestellt wird, während alle anderen Figuren in der dritten Person und im Präteritum agieren.
Das ist die einzige Form, die mir ermöglicht, die Hauptprotagonistin immer "im Augenblick" darzustellen. Sie hält eine intersexuelle Person für eine Frau? Also kann sie im Präsens auch von einer Frau sprechen und erst im Verlauf der Geschichte dann feststellen "Oh, doch keine Frau" und anders von der Person sprechen. Und ich vermeide alle Situationen, in denen ich rückblickend eigentlich anders hätte schreiben müssen.

Wenn Präsens einfach ohne besonderen Grund verwendet wird (zum Beispiel bei den Krimis von Lars Keppler, die vermutlich genauso gut im Präteritum gewirkt hätten) und die möglichen Effekte nicht genutzt werden, ist es für mich beliebig und unnötig.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: criepy am 30. Mai 2016, 23:05:41
Ich bin kein Freund des Präsens. Beim lesen wirkt das so unwirklich für mich, viel distanzierter als Präteritum. Ich finde es komisch etwas in der Gegenwart zu lesen, was schon vor längerer Zeit geschrieben wurde und demnach auch nicht mehr gegenwertig passiert...wenn das Sinn ergibt.
Allgemein wirkt diese Zeitform für mich holprig und irgendwie...falsch beim lesen. Und beim schreiben. Bei mir kommt da nie Stimmung auf.
Auch mag ich diesen Ich-Erzähler nicht und beides in Verbindung ist für mich einfach...neee.  :-[

Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Churke am 31. Mai 2016, 14:25:34
Das ist die einzige Form, die mir ermöglicht, die Hauptprotagonistin immer "im Augenblick" darzustellen. Sie hält eine intersexuelle Person für eine Frau? Also kann sie im Präsens auch von einer Frau sprechen und erst im Verlauf der Geschichte dann feststellen "Oh, doch keine Frau" und anders von der Person sprechen. Und ich vermeide alle Situationen, in denen ich rückblickend eigentlich anders hätte schreiben müssen.

Ich glaube, dass du das Präteritum unterschätzt. Man erzählt einen Witz ja auch nicht mit der Pointe zuerst, weil man die schon kennt, sondern stellt sich selbst dumm und führt die Zuhörer in die Irre. Das ist beim Schreiben genauso, völlig unabhängig von der gewählten Zeitform. Die dramaturgischen Unterschiede halte sich für sehr begrenzt, will sagen: Es geht fast immer auch im Präterium oder im Präsens, je nachdem. Ich sehe das eher als eine Frage von Stil und Wirkung auf den Leser.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Shedzyala am 31. Mai 2016, 14:37:38
Ich schreibe allerdings trotzdem viel im Präteritum, nur um später festzustellen, dass ich meine Actionsequenzen soooo viel lieber im Präsens schreiben würde. Oder Dialoge. Die sind einfach schlagfertiger.
Hier verwirrst du mich gerade: Dialoge stehen doch immer Präsens, außer jemand erzählt etwas, was ihm früher passiert ist. Oder beziehst du dich hier auf die Sätze drum herum? Die gehören für mich bei einem schnellen Schlagabtausch ganz weg ;)

Ich bin kein Freund des Präsens. Beim lesen wirkt das so unwirklich für mich, viel distanzierter als Präteritum. Ich finde es komisch etwas in der Gegenwart zu lesen, was schon vor längerer Zeit geschrieben wurde und demnach auch nicht mehr gegenwertig passiert...wenn das Sinn ergibt.
Da geht es mir ganz ähnlich. Präsens haut mich beim Lesen ständig raus, weil es irgendwie "anbiedernd" wirkt. Mir ist es schlicht noch nie gelungen, in einem Präsenstext ganz zu versinken und mich meinem Kopfkino hinzugeben.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Lukas am 05. Juni 2016, 15:01:32
Hier verwirrst du mich gerade: Dialoge stehen doch immer Präsens, außer jemand erzählt etwas, was ihm früher passiert ist. Oder beziehst du dich hier auf die Sätze drum herum? Die gehören für mich bei einem schnellen Schlagabtausch ganz weg ;)

Ich beziehe mich auf die Sätze drum herum. Ich bin ein Schreiberling, der gerne Dialoge mit körperlichen Reaktionen auf Gesagtes kombiniert und Gedanken meines Ich-Erzählers in O-Ton darstellt. Zum Vergleich, 2 Sätze:

XY riss die Augen auf. Ha, damit hatte die kleine Schlampe nicht gerechnet. [3.pers/Prät.]

Das lässt sich im 1.Pers/Präsens glaubhaft ,wie folgt, ausdrücken:

XY reißt die Augen auf. Ha, damit hast du nicht gerechnet, du kleine Schlampe.[1.pers/Präs.]

Bei ersterem ist das direkte Ansprechen(in Gedanken) der Gesprächsparterin schwerer möglich und in meinem SUBJEKTIVEN Empfinden ist das zweite irgendwie...schneller. Man fühlt sich näher an der Situation. Aber ich denke daran scheiden sich die Geister  ;)




Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Erdbeere am 05. Juni 2016, 20:02:10
Präsens ist ein Grund, warum ich ein Buch sofort wieder weglege. Ich habe mit der Ich-Form bereits meine Mühen, aber damit kann ich mich arrangieren. Präsens hingegen, nein. Ich glaube, ich habe bisher ein einziges Buch durchgezogen, und das war auf Englisch.
Selbst im Präsens schreiben könnte ich nicht einmal, wenn ich es versuche. Ich falle automatisch in den Präteritum. Schon beim Schreiben von Plots, die ich im Präsens halte, muss ich mich immer korrigieren.

@Lukas: Ich verstehe grad nicht ganz, was du meinst. Du kannst auch mit den Gedanken deiner Figuren spielen und die im Präsens halten.

XY riss die Augen auf. Ha, damit hast du nicht gerechnet, du kleine Schlampe. <- kursive Gedanken im Präsens in Kombination mit der "Action" in Präteritum funktioniert hervorragend. Weil die Gedanken in Präsens sind (=Dialog), jedoch kursiv, ist dem Leser sofort klar, dass es sich um die Gedanken deiner Figur handelt.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Lukas am 06. Juni 2016, 11:39:23
Hm, für mich klingt das irgendwie falsch. Ich sag ja, das ist subjektiv und im Endeffekt geht es um das eigene Bauchgefühl. Ich verwende kursive Schrift für besondere Betonungen in Dialogen und kursive Gedanken waren für mich als leser schon immer etwas, über das ich gestolpert bin. Aus dem Grund schreibe ich jedes Kapitel momentan in Präteritum 3.Person und 1.Person Präsens. Das ist super anstrengend, aber ich kann mich einfach nicht entscheiden.  :d'oh:
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Leon am 15. Juni 2016, 10:13:42
Gedanken müssen nicht immer im Präsens, sie können auch im Präteritum oder im Future stehen.

Beispiel:

In der Mitte der Brücke bleibe ich stehen, und schaue Gedankenverloren auf den Fluss. Ab hier kann ich gedanklich Vergangenes revue passieren lassen, oder Zukünftiges gedanklich durchspielen.

Liebe Grüße
Leon
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Gabryel am 15. Juni 2016, 16:27:40
Ich finde Präsens auch eher anstrengend, und ich finde auch nicht, dass das Präteritum den Schwung aus der Sache nehmen muss. Da bin ich ganz auf Erdbeeres Seite, das würde ich genauso machen.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Joban am 09. August 2016, 23:24:39
Für mich ist es beim Lesen kein großer Unterschied, ob ein Roman im Präteritum oder Präsens geschrieben ist. Ich finde beides interessant und würde nie wegen der Zeitform ein Buch weglegen. Präteritum wirkt auf mich distanzierter als Präsens, was für mich aber kein Qualitätsunterschied ist. Ich denke, es kommt vor allem darauf an, ob einem der Roman an sich gefällt, die Zeitform finde ich da weniger wichtig. Wobei ich nur wenig Erfahrung mit Büchern im Präsens habe, ich kann also nicht sagen, ob es mich stören würde, nur noch im Präsens zu lesen, aber ich rechne damit nicht.

Ich schreibe mein aktuelles Schreibprojekt (Fantasy) im Präsens, was ich noch nie gemacht habe, um zu sehen, wie sich das beim Schreiben so macht. Zuerst hatte ich irgendwie das seltsame Gefühl, kleinkindhafte Sätze zu schreiben, aber inzwischen habe ich mich daran gewöhnt und mir gefällt beim Schreiben und auch beim Noch-mal-drüber-Lesen die Direktheit des Präsens. Das gilt aber nur fürs Schreiben, beim Lesen von Romanen geht es mir wie oben beschrieben.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Araluen am 10. August 2016, 10:00:27
Ich lese gerade im Präsens udn war anfangs befremdet. Mitlerweile habe ich mich aber daran gewöhnt und empfinde es nicht als störend aber auch nicht als Offenbarung. Ob ich mal im Präsens schreiben würde... wäre vielleicht mal ein Experiment wert. Vermutlich muss ich da noch mehr als sonst Korrektur lesen, um ein Zeitenkauderwelsch zu vermeiden.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Tanja am 10. August 2016, 10:59:27
Ich tue mich mit dem Präsens auch sehr schwer.
Ähnlich wie einige andere hier ist es bei mir so, dass das Buch mich schon sehr stark ansprechen muss, damit ich es im Präsens kaufe.
Am Schlimmsten finde ich 1. Person Präsens:

"Ich renne um mein Leben. Ich sehe die Brücke vor mir. Unter mir sehe ich die aufgewühlten Fluten. Der Verfolger holt mich ein. Ich springe."
usw.

Das ist jetzt etwas überspitzt, aber so eine Szene kommt für mich total unwirklich rüber. Gerade während temporeicher actionszenen bringt es mich total raus, das im Präsens zu lesen.

Ich selber erwische mich beim Schreiben allerdings immer wieder beim Wechsel der Zeiten, das ist auf meiner "Lieblingsfehler-Liste"
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Araluen am 10. August 2016, 12:15:30
Gerade einen Ich-Erzähler im Präsens finde ich auch schwierig. Da kommt irgendwie so viel Hektik auf. Immerhin mus der Erzähler sein Abenteuer erleben und parallel dazu berichten und reflektieren im Grunde in Echtzeit. Das liest sich dann tatsächlich unwirklich.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: HSB am 10. August 2016, 12:30:40
Der Grund, warum ich das Präsens nicht mag, ist, dass ich immer das Gefühl brauche, die Geschichte hat bereits stattgefunden, und hinten im Eck des Raumes, vor dem Kamin mit dem prasselnden Feuer, sitzt der Erzähler und erzählt mir diese Geschichte.

Das ist für mich wichtig. Warum? Weiß ich nicht.  ???
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Leon am 10. August 2016, 13:41:49
Gerade einen Ich-Erzähler im Präsens finde ich auch schwierig. Da kommt irgendwie so viel Hektik auf. Immerhin mus der Erzähler sein Abenteuer erleben und parallel dazu berichten und reflektieren im Grunde in Echtzeit. Das liest sich dann tatsächlich unwirklich.

Der Erzähler und der Protagonist/in sind in der Regel, zweierlei getrennte paar Schuhe. Es sei denn, der Protagonist selbst erzählt Rückblickend. Aber auch hier übernimmt er als Erzähler nur den narrativen Teil der Geschichte. So jedenfalls wurde mir das auf der VHS beigebracht.  :)

Grüßle
Leon
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Araluen am 10. August 2016, 13:47:51
Sind sie in der Regel auch. Vor allem ist der Erzähler nicht der Autor. Das ist noch wichtiger. Nur wenn ein Ich-Erzähler berichtet, ist er für mich als Leser mittendrin dabei, vor allem wenn im Präsens erzählt wird. Zumal der Ich-Erzähler auch der Protagonist sein kann oder eben einfach nur ein "Beobachter". In jedem Fall ist der Ich-Erzähler Bestandteil der Geschichte und wenn die durch das Präsens genau jetzt in diesem Moment statt findet, kommt für mich rein subjektiv irgendwie Hektik auf.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Charlotte am 10. August 2016, 13:53:33
Beim Ich-Erzähler sind Erzähler und Protagonist aber durchaus oft identisch. Es geht natürlich auch anders. Bei "The Great Gatsby" ist der Ich-Erzähler nicht der Protagonist.  ;D Aber meistens sind Ich-Erzähler gleichzeitig die Protagonisten, ist ja auch einfacher so, obwohl es anders auch seinen Reiz hat.

Zitat von: Araluen
Gerade einen Ich-Erzähler im Präsens finde ich auch schwierig. Da kommt irgendwie so viel Hektik auf. Immerhin mus der Erzähler sein Abenteuer erleben und parallel dazu berichten und reflektieren im Grunde in Echtzeit. Das liest sich dann tatsächlich unwirklich.

Das ist glaube ich eine Stilfrage. Im Präteritum kann ein Ich-Erzähler ebenfalls unglaublich hektisch wirken. Man kann einen Ich-Erzähler im Präsens aber tatsächlich nicht genauso schreiben, wie einen Ich-Erzähler im Präteritum. Das ist mir aufgefallen, als ich versucht habe, eine Ich-Erzählerin vom Präteritum ins Präsens zu übertragen. Das ging überhaupt nicht, ich bin besser damit gefahren, den Text komplett neu zu schreiben. Das liegt wahrscheinlich wirklich daran, dass Präsens "in Echtzeit" stattfindet und Präteritum eine Art Rückblick auf das Geschehene darstellt. Mir gefällt Präsens ehrlich gesagt, zumindest für die Art, Roman, die ich im Moment schreibe, besser und ich bin auch überzeugt davon, dass es möglich ist, im Präsens Ich zu schreiben, ohne, dass Hektik aufkommt. Aber das ist einfach alles eine Frage des Stils, in dem man das Ganze aufzieht. Und es stimmt auf jeden Fall, dass man im Präsens nicht dieselben Stilmittel oder auch Satzstellungen verwenden kann, wie im Präteritum.

Was ich am Präsens mag ist genau diese Unmittelbarkeit. Alles passiert jetzt, in dem Moment, in dem ich es lese, ich bin direkt dabei. Das erzeugt, wenn gut gemacht, eine sehr eigene Spannung, weil ich mir nicht einmal sicher sein kann, ob die Geschichte gut ausgeht. Bei Geschichten im Präteritum kann ich mir zumindest denken, dass der Ich-Erzähler davon kommt, sonst könnte er mir die Geschichte ja nicht mehr erzählen. Aber im Präsens fällt das weg. Das ist denke ich der Reiz am Präsens für viele Dystopieautoren. Bei den "Hunger Games" war nie klar, dass Katniss davon kommt, dass nicht etwas unglaublich Schlimmes passieren wird, und dass man sich nie sicher sein konnte, lag denke ich mit am Präsens. Das Präteritum hätte der Geschichte sehr viel an Fahrt genommen. Für Dystopien, Horror und dergleichen halte ich das Präsens für ziemlich geeignet und ich lese es auch sehr gern. Und das kommt jetzt von mir, die vor etwas über einem Jahr noch gesagt hätte, dass sie Romane im Präsens überhaupt nicht mag, niemals schreiben würde und nicht gern liest.  ;) Geschmack verändert sich halt auch.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Khevira am 16. August 2016, 11:01:24
Beim ersten Lesen von "Hunger Games" ist mir die erste Person Präsens auch eher sauer aufgestoßen, da es eben so ungewohnt war. Es hat sich einfach "falsch" angefühlt, nicht wie ein richtiges Buch. Als ich dann den zweiten Band anfing, hat mich das Präsens plötzlich gar nicht mehr gestört und ich habe auch nicht mehr versucht die Sätze in Vergangenheit umzuformen. Der Mensch ist eben doch ein Gewohnheitstier.  ;D
Trotzdem ziehe ich auch das Präteritum vor (und die dritte Person vor der ersten Person), da es sich für mich durch seinen erzählenden Charakter einfach natürlicher anfühlt.
Titel: Re: Präsens-Trend
Beitrag von: Lisande am 16. August 2016, 21:02:28
Ich glaube, ich habe noch nie einen im Präsens geschriebenen Roman gelesen, der nicht in der Ich-Perspektive geschrieben war, und ich kann mir nur sehr wenige denken, bei denen es funktioniert. Das, was ich im Moment in Masse in Ich-Erzählung Präsens lese, sind die Romane von Philippa Gregory, aus der Sicht der Frauen der Rosenkriege und Tudorzeit. Und das funktioniert sehr gut, weil es dadurch ein bisschen anein Tagebuch erinnert, ohne wirklich Tagebuch zu sein.