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Autor Thema: Gleichberechtigung, Emanzipation und heutige Moralvorstellungen in Fantasywelten  (Gelesen 1429 mal)

Offline FeeamPC

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Wenn ich eine Welt brauche, in der ein Mann oder eine Frau einfach das bekommt, was er oder sie will, dann schreibe ich lieber Erotik als Fantasy.
Fantasy baut auf dem auf, was wir kennen. Und das bekannteste System ist nun mal auch heute noch das Patriarchat, mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt. Das dürfte vermutlich der Grund sein, weshalb in sehr vielen Fantasy-Welten die Frauen eben nicht gleichberechtigt sind, teils sehr deutlich sogar Menschen zweiter Klasse (Conan der Barbar lässt grüßen).
Ich schaue mir meine Leselektüre nicht nach dem Geselllschaftssystem aus, sondern danach, ob der Autor eine gute Geschichte erzählt. Die muss in sich schlüssig sein, und wenn die Basis ein Patriarchat ist, dann stehen die Chancen 99,99 %, dass die Frauen eben nicht gleichbereichtigt sind.
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Offline Trippelschritt

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@ Canis lupus niger

Ich folge lieber der FeeamPC als Deiner Argumentation. Und das nur aus einem einzigen Grund - oder sind es doch mehrere? Ich bin Schriftsteller und schreibe Geschichten. Und ich schreibe diese Geschichten, weil ich Menschen unterhalten möchte, sie zum Nachdenken anregen möchte, ihnen auch einmal eine andere Perspektive der Dinge zeigen möchte. Ich schreibe nicht, um die Welt zu verändern. Dafür schreibe ich lieber über Menschen. Und das steht alles im Zentrum menes Denkens.

Damit möchte ich Dir nicht widersprechen, dass vieles nicht in Ordnung ist im Verhältnis zwischen Mnn und Frau und es geboten wäre, da an einigen Stellen etwas zu ändern. Aber kaum etwas ist dafür weniger geeignet als Fantasyromane. Dieses Genre bietet einen Boden für ganz andere Dinge. Es gibt bereits große Erzählungen über das Rollenverständnis in sozialkritischer Literatur oder in Reiseliteratur vor ganz großen Schreibern. Rollen, die etwas mit Religion, arm und reich und vielen anderen Dinen zu tun haben. Sie sind ein würdiger und geeigneter Platz, wenn man dagegen anschreiben möchte.

Selbstverständlich kannst Du schreiben, was und in welchem Genre Du möchstest, weil diese Entscheidung jeder Autor immer für sich selbst trifft. Aber wenn er etws bewirken möchte, dann sollte er auch einen rahmen suchen, in dem er eine Chance dafür hat. Und abgesehen davon, so frauenverachtend ist die Fantasy gar nicht. Dafür sorgen schon die vielen guten Autorinnen. Und nicht nur die.

Liebe Grüße
Trippelschritt
Schreiben ist nichts anderes als seine Ideen zu Tisch zu bitten

Offline Guddy

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Gut, man könnte argumentieren, dass intellektuell eher anspruchslose Personen ohnehin nicht lesen, sondern RTL-Reality-Soaps gucken und Ballerspiele an PC oder Konsole zocken, aber wie zum Beispiel beim "Witcher" besteht zwischen Fantasy-Roman und Game oft nur eine hausdünne Trennung. Und es gibt leider genug Leute, die ihr moralisches Wertesystem nicht nur aus der realen Welt, sondern auch aus ihren bevorzugten Ballerspielen zusammenbasteln.

Aber beides - sowohl Belletristik, als auch virtuelle Literatur - dient in dieser Form primär der Unterhaltung. Das Videospiel ist nicht per se ein Ballerspiel. Ballerspiele sind nur ein Genre unter unendlich vielen. Genau, wie es intellektuell anspruchsvolle Bücher gibt, gibt es auch intellektuell anspruchsvolle Videospiele. Genau genommen hat sich die Videospielwelt derart gewandelt, dass einige mittlerweile vielschichtiger und tiefgründiger sind als die meisten Bücher.
Und nicht zuletzt: Ja, auch "intellektuell anspruchslose" Personen stecken ihre Nasen in Bücher. Und derer gibt es unheimlich viele. Wenn Bücher nur für die klugen Professoren unter uns wären, wäre das natürlich schön elitär, entspricht jedoch absolut nicht der Realität.

So, sorry für den Exkurs, habe mich ein wenig daran gerieben. ;) (Aber nicht falsch verstehen, bin nicht böse oder so, dachte nur ich sage es mal explizit. :) )


Zum eigentlichen Thema:
Ich liebe es, sozialkritische Themen in meinen Werken einfließen zu lassen, versuche dabei jedoch, es nicht mit dem Holzhammer anzugehen. Das Kritische kommt durch die Sicht des Protagonisten zustande. Hierbei (und nur hierbei, sonst darf der Protagonist sein wie er will) ist es mir persönlich tatsächlich wichtig, dass dieser in diesem Fall meine Ansichten teilt- oder im Laufe des Romanes diese annehmen wird.
Ich möchte, dass der Leser zum Nachdenken angeregt wird, indem er durch die Augen meines Protagonisten sieht - und nicht ständig direkt gesagt bekommt - wie abartig dieses und jenes ist. (Bei mir wird in erster Linie Rassismus und Ausbeutung angesprochen, das ist aber natürlich auch auf alles übertragbar).

Zum Thema "Fantasy und historische Korrektheit" hat Charlotte für mich schon alles gesagt. :)


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Online Denamio

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Gut, man könnte argumentieren, dass intellektuell eher anspruchslose Personen ohnehin nicht lesen, sondern RTL-Reality-Soaps gucken und Ballerspiele an PC oder Konsole zocken, aber wie zum Beispiel beim "Witcher" besteht zwischen Fantasy-Roman und Game oft nur eine hausdünne Trennung. Und es gibt leider genug Leute, die ihr moralisches Wertesystem nicht nur aus der realen Welt, sondern auch aus ihren bevorzugten Ballerspielen zusammenbasteln.

So Aussagen kann ich in einem Forum für Fantasy Handwerk nicht nachvollziehen. Mal davon abgesehen, dass es sehr diskriminierend ist, andere aufgrund ihrer Unterhaltungskultur als "intellektuell anspruchslos" zu verurteilen, gilt die Fantasy keineswegs als Hochkultur und wird häufig im gleichen Atemzug genannt. Thema Glashaus und so. Die zweite Aussage gehört in die 80/90er Jahre, zu Tipper Gore, Jack Thompson, Heavy Metal ist Satan und Dark Dungeons. 

---

Zum eigentlichen Thema:
Es gibt eine Sache, die mich bei Geschichten etwas langweilt: Eine Welt, die zu sehr versucht mit dem Hammer heutige Moralvorstellungen in ein dafür unpassendes Szenario zu pressen oder die zu ähnlich unserer eigenen Gesellschaft ist. In einem Genre was den gesamten Kosmos als Spielfläche anbietet, finde ich es einfach spannender, auch über andere komplett andere Gesellschaftskonzepte zu lesen. Was nicht heißt, dass George Martin und Co für mich pauschal lahm sind, aber mein Interesse daran ist schlicht geringer.

Warum nicht völlig neue Gesellschaften konzipieren? Zum Beispiel funktionierte in einem meiner Schubladenbücher die Gesellschaft mittels farbiger Bänder, welche Zugehörigkeit zu einer Person symbolisierten und manchmal reichte es ein kunterbuntes Armband zu zeigen um Mord und Totschlag zu vermeiden.
Eine andere Welt hatte solch komplizierte Moralregeln, dass jeder ein Regelbuch dabei hatte, um nachzuschlagen zu welcher Tageszeit jetzt wer wem was zu sagen hat. Manche dieser Welten waren gleichberechtigt, andere unterdrückten den ein oder anderen. Mal gab es Rituale, die für uns und unser Moralbild keinen Sinn machten und dann wieder agierte eine Figur nicht so, wie man es nach Moralvorstellungen erwarten würde. Warum? Weil sie/er in einer anderen Welt aufgewachsen ist als wir.

Also ist mein Ansatz für Gleichberechtigung, Moral und ähnliches schlicht: Eigene Gesellschaft entwerfen, die Figuren dort reinwerfen und sich dort ausleben lassen. Wenn aus dem Bauch heraus aufgrund der jeweiligen Gesellschaftsregeln Diskriminierung entsteht, dann wird sie auch in den Text reingeschrieben, selbst wenn Tumblr nachher explodieren sollte. ;)
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Offline Valkyrie Tina

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Das große Problem, was ich bei der gesamten Problemlage von wegen "Realismus" sehe, ist, dass viele Fantasyromane sich nicht anschauen, wie die Verhältnisse wirklich waren, sondern ihre Vorstellung davon.

Ich schreibe ja sehr viel in Skandinavischen Welten, und habe dutzende Bücher über die Vikingerzeit gelesen (buchstäblich, ich wohne 10 Minuten von der Stockholmer Bibliothek entfernt).
Wikinger, das wissen ja alle, sind eine patriarchalische Gesellschaft, aber auch die Frauen waren hart, und konnten im Notfall ihren Mann stehen und... und fast alles, was "Man" über die Wikingerzeit weiß, ist falsch! Es gab jetzt einen großen Artikel über den Heerführer von Birka, einer der großen Städte der Wikingerära, und Überraschung! Der Führer war ne Frau! Nicht Notfallösung, sondern der General einer großen Stadt.

Und der Spiegel hat hier http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/schweden-wikinger-krieger-von-birka-war-eine-frau-a-1166985.html diesen tollen Artikel dazu, der nur die Vorurteile und den Wissensstand der Leute wiedergibt. Artikel, die in schwedischen Zeitungen erschienen sind, sind ungleich nuancierter. Aber die Leute wissen natürlich über ihre eigene Geschichte mehr, als Leute aus anderen Ländern.

Würde man diese Figur jetzt in ein Buch reinschreiben, würden sich die Leute beschweren, dass das unrealistisch ist. Weil sie nur ihre eigene Sichtweise kennen.

Und das ist jetzt nur ein Beispiel, es gibt noch dutzende mehr. Die Mentalität der alten Zeit ist uns einfach fremd. 2. Beispiel: https://satwcomic.com/baby-daddy
Die Frauen dürfen mit anderen Männern schlafen, aber das Baby gehört zur Sippe des Hausherren. Das ist nicht nur eine andere Sichtweise. Das ist eine andere Welt. Und so etwas in einem Buch zu vermitteln, ist wahnsinnig schwer, ohne ins Schulmeistern abzugleiten.

Was mich an solchen Geschichten wie Martin o.ä. so nervt, ist diese partielle Genauigkeit: es dürfen auf keinen Fall Schwerter am Set sein, die nicht in die Zeit passen. Aber über Menschen und deren System gehen wir mal großzügig hinweg. Da tackern wir einfach ein bisschen Patriarchat drüber, wenns ganz abstrus wird, schreien wir "die Kirche ist böse", das ist auch schön modern, das weiß ja jeder (weil es ja niemals Heilige wie Hildegard von Bingen gab, die sich mit den Päpsten angelegt haben) und dann sind wir gritty und realistisch.  :darth:
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Offline Evanesca Feuerblut

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@Aphelion
Zitat
Authentische Darstellungen von der Moral des Mittelalters o.ä. halte ich modernen Romanen für unmöglich. Dabei muss es nicht einmal um sozialpolitische Themen gehen. Der damalige Zeitgeist war von unserem heutigen so verschieden, dass grundlegende Sichtweisen für uns nur noch abstrakt nachvollziehbar sind und wir in der Regel nicht mitfühlen können.
Finde ich jetzt nicht oder nicht so rigoros. Klar, es ist schlicht oft nicht genug belegt, wie die einfachen Menschen gedacht haben, aber man kann sich mit Empathie und Recherche dem so weit annähern, wie es möglich ist. Gerade das finde ich so spannend an historischen Stoffen. Zu versuchen, sich in die damaligen Gedankengänge reinzufinden und dabei trotzdem plausibel handelnde, auch für heutige Leser*innen "mögbare" Charaktere zu schaffen.
Es ist zwar trotzdem nur eine Näherung, aber es mit "ist unmöglich" gar nicht erst zu versuchen, ist schwach.

Zitat
Bloße Übertreibungen funktionieren nicht zuverlässig. Sie sind tatsächlichen Extremen zu ähnliche und können leicht damit verwechselt werden (wie Poes Gesetzt so treffend auf den Punkt bringt). Insbesondere Menschen, die entsprechende Ansichten tatsächlich vertreten, werden eine solche Übertreibung in der Regel nicht als solche erkennen - dazu ist sie noch zu sehr im Rahmen ihres Weltbilds.
Da bin ich dann wieder bei dir. Wenn man Menschen mit von unserer Moral abweichenden Vorstellungen darstellen will, muss man sich oft bewusst machen, dass die in ihren Augen nichts falsch machen. Nur in unseren. (In meinen Augen hat @FeeamPC genau das perfekt drauf. Man merkt genau, dass ihre Antagonist*innen sich für integer halten und innerhalb der Weltsicht ihrer Welt, aus ihrer Sicht, logisch handeln. Trotzdem stößt das mich als Leserin massiv ab und ich habe wenig Sympathie für diese Personen.)

Oft muss man aber nur konsequent genug etwas zu Ende denken. Ich habe eine Arcanepunkwelt, in der, Status Quo, die meisten Menschen bisexuell sind, also haben wir eine binormative Gesellschaft statt einer heteronormativen (und die Folgefrage ist dann: Werden die homo- und heterosexuellen Menschen ausgegrenzt oder werden sie nur etwas komisch angeschaut, weil sie sich nur auf ein Geschlecht "einschießen" und das den Meisten merkwürdig vorkommt?).
Daraus folgen dann weitere Fragen: Ist meine Gesellschaft trotzdem cis-normativ oder werden auch andere Geschlechtsidentitäten anerkannt? Müsste in einer binormativen Welt nicht auch die Dreierehe erlaubt sein? Generell polyamore Tendenzen verbreitet und viel mehr ein Thema? Sind sie bei mir allerdings nicht - etwas, was ich ändern muss, weil es unlogisch ist oder etwas, was ich erklären kann und das zusätzliches Konfliktpotential in die Geschichte bringt?
Und daraus natürlich Folgen wie "Was hat das für Auswirkungen auf die Alltagssprache?" Ein riesiger Rattenschwanz an Entscheidungen ... Der aber ganz von selbst kommt, wenn man auch nur EINEN Parameter der Welt ändert und dann die Folgen anschaut.

@canis lupus niger
Zitat
Deshalb halte ich es für erforderlich, (zumindest in meinen) Romanen solche Themen wie Diskriminierung -wenn sie denn angeschnitten werden - als Problem zu thematisieren. Auch wenn Diskriminierung zu meiner Fantasywelt dazu gehört, auch wenn die große Mehrheit darin, sowie Gesetz, Religion und Tradition Diskriminierung für richtig halten, so finde ich, ist es meine Pflicht als Autor, darzustellen, dass Diskriminierung trotzdem nicht in Ordnung ist. Vielleicht ist dies der kleine Beitrag, den wir (Künstler?) dazu leisten können, die Welt zu einem etwas weniger dunklen Ort zu machen.
Sehe ich genauso.

Zitat
Das große Problem, was ich bei der gesamten Problemlage von wegen "Realismus" sehe, ist, dass viele Fantasyromane sich nicht anschauen, wie die Verhältnisse wirklich waren, sondern ihre Vorstellung davon.
@Valkyrie Tina Definitiv und mich stört das oft genug auch beim Lesen so sehr, dass ich ein Buch erstmal weglegen muss.
Da muss man dann genau recherchieren. (Und ich werde dich bei Gelegenheit über Wikinger ausfragen müssen, ich habe nämlich einen in meinem Vampircast herumrennen.)
Mini-T12:

Offline Churke

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Um nochmal auf das Beispiel Song of Fire and Ice zurückzukommen. Da muss ich zugeben, dass ich persönlich sehr wohl ein moralisches Problem mit dieser Todesstrafeszene am Anfang habe. Das bedeutet aber nicht, dass ich deswegen den Autor ablehne oder finde, dass er sowas nicht schreiben dürfte, aber es mindert meine Sympathie für die Figur durchaus etwas.

Sicher macht er beim Leser damit keine Punkte, aber es entspricht der dramatischen Logik. Die Welt von Westeros wäre nicht so, wie sie ist, wenn aufrechte Charaktere vor der Todesstrafe zurückschreckten. Was ich damit meine: Die Todesstrafe muss eine sozial akzeptierte Notwendigkeit sein, damit sie von Tyrannen "missbraucht" werden kann.
In unserer Gesellschaft des Duckmäuser- und Schreibtischtätertums delegiert man die Verantwortung möglichst weit weg und wäscht sich die Hände öffentlich in Unschuld. Ein Mann ist ein Mann, wenn er sagt: "Wenn es getan werden muss, mache ich es selbst."

Authentische Darstellungen von der Moral des Mittelalters o.ä. halte ich modernen Romanen für unmöglich. Dabei muss es nicht einmal um sozialpolitische Themen gehen. Der damalige Zeitgeist war von unserem heutigen so verschieden, dass grundlegende Sichtweisen für uns nur noch abstrakt nachvollziehbar sind und wir in der Regel nicht mitfühlen können.

Da bin ich anderer Meinung. Ja, Menschen sind in aller Regel außerstande, kokurrierende Wertvorstellungen zu akzeptieren oder auch nur zu verstehen. In multikulturellen Staaten führt das regelmäßig zu Mord und Totschlag.
Aber: Ein Schriftsteller, der sich in Figuren hineinversetzen kann, sollte sich auch in Moralvorstellungen hineindenken können. Ob und wie das beim Leser ankommt, steht natürlich auf einem anderen Blatt.  ::)

Wenn ich eine Welt brauche, in der ein Mann oder eine Frau einfach das bekommt, was er oder sie will, dann schreibe ich lieber Erotik als Fantasy.
Ich erzähle gerne den Witz, dass das Wort "Krieg" von "kriegen" kommt. Der Krieg ist der Vater aller Dinge, denn wenn man ihn gewinnt, kann man sich alles nehmen. Das ist die unverschwurbelte Realität, und ich habe kein Problem damit, wenn ein Autor das so darstellt.

Und das ist jetzt nur ein Beispiel, es gibt noch dutzende mehr. Die Mentalität der alten Zeit ist uns einfach fremd. 2. Beispiel: https://satwcomic.com/baby-daddy
Die Frauen dürfen mit anderen Männern schlafen, aber das Baby gehört zur Sippe des Hausherren. Das ist nicht nur eine andere Sichtweise. Das ist eine andere Welt. Und so etwas in einem Buch zu vermitteln, ist wahnsinnig schwer, ohne ins Schulmeistern abzugleiten.

Eine ziemlich zeitgeistige Interpretation, fürchte ich.
Der Ehemann gilt immer als Vater des Kindes, ob er der Frau nun beigewohnt hat oder nicht. Das war schon immer so, bis auf den heutigen Tag.
Damit wollte man erstens Rechtssicherheit schaffen und zweitens das Kind vor dem Makel der Unehelichkeit schützen.
Wenn das dem Ehemann nicht gefällt, muss er die Vaterschaft anfechten, was früher deutlich weniger Erfolgsaussichten hatte als heute.
Das bedeutet aber noch lange keine offene Ehe.
Und, ganz nebenbei bemerkt, frage ich mich, was das in kindgerechten Webcomis verloren hat. Social Engineering durch Sexualerziehung?  :hmmm:


Cupitorum spes omnis Circus est maximus.
- Ammianus Marcellinus

Offline Mithras

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Auch wenn Diskriminierung zu meiner Fantasywelt dazu gehört, auch wenn die große Mehrheit darin, sowie Gesetz, Religion und Tradition Diskriminierung für richtig halten, so finde ich, ist es meine Pflicht als Autor, darzustellen, dass Diskriminierung trotzdem nicht in Ordnung ist.
Genau das meine ich. Nur weil ich Ungerechtigkeiten welcher Art auch immer in meine Geschichten einbaue (etwa als Stilmittel, um Konflikte zu erzeugen), bedeutet das noch lange nicht, dass ich sie gutheißen muss. Dazu braucht es nur eine entsprechende Erzählerstimme, etwa einen Perspektivträger, der sich über das System Gedanken macht, um den eigenen Standpunkt zu verdeutlichen. Ich versuche nicht zu moralisieren, würde aber wahrscheinlich lügen, wenn ich behaupten würde, meine Geschichten seien frei von persönlichen Meinungen und Weltanschauungen, denn ich muss mich ja mit ihnen identifizieren können. Mit einer Welt, wie Bakker sie beschreibt, kann ich das zunehmend weniger, denn das Maß an Misogynie, das er verwendet, erscheint mir absurd, auch wenn ich seinen Weltenbau ansonsten grandios finde.

Nur weil eine Welt sexistisch und patriarchalisch ist, muss man Frauen als etwas etwas Minderwertiges darstellen, wie Bakker es tut. Vielleicht sehe ich gerade deshalb Martins Ansatz als sehr ausgewogen an - ich weiß, wie extrem es noch geht. Martin erschafft starke, selbstbewusste Frauencharaktere, aber auch sie sind nur "Produkte" ihrer Lebenswelt und ticken anders als wir. Und bei Martin unterscheidet sich das Frauenbild von Region zu Region, bei Bakker hingegen nicht - ein entscheidender Unterschied. Auch wenn patriarchalische Denkmuster in unserer Welt weit verbreitet sind, bedeutet das ja nicht, dass alle Gesellschaften in Bezug auf Männer und Frauen die gleichen Vorstellungen haben. Mir fällt spontan keine Gesellschaft ein, die unserem heutigen Ideal gerercht wird, denn meistens existierten klar definierte Geschlechterrollen, die sich aber je nach Kulturkreis stark voneinader unterscheiden konnnten. Martin stellt das dar und verfällt nicht ins Extreme, und er stellt seine Charaktere als eigene, individuelle Persönlichkeiten dar. Klar, er hätte mit dem Thema Gleichberechtigung anders umgehen können - dann wäre es aber eine andere Geschichte geworden, und ich mag sie so, wie sie ist (von den Wartezeiten mal abgesehen). Mit unterschwelligem Sexismus oder Einfallslosigkeit hat das in meinen Augen nichts zu tun.


@Aphelion
Zitat
Authentische Darstellungen von der Moral des Mittelalters o.ä. halte ich modernen Romanen für unmöglich. Dabei muss es nicht einmal um sozialpolitische Themen gehen. Der damalige Zeitgeist war von unserem heutigen so verschieden, dass grundlegende Sichtweisen für uns nur noch abstrakt nachvollziehbar sind und wir in der Regel nicht mitfühlen können.
Finde ich jetzt nicht oder nicht so rigoros. Klar, es ist schlicht oft nicht genug belegt, wie die einfachen Menschen gedacht haben, aber man kann sich mit Empathie und Recherche dem so weit annähern, wie es möglich ist. Gerade das finde ich so spannend an historischen Stoffen. Zu versuchen, sich in die damaligen Gedankengänge reinzufinden und dabei trotzdem plausibel handelnde, auch für heutige Leser*innen "mögbare" Charaktere zu schaffen.
Es ist zwar trotzdem nur eine Näherung, aber es mit "ist unmöglich" gar nicht erst zu versuchen, ist schwach.
Und gerade davon geht ja auch der Reiz aus: Sich in die Köpfe von Menschen hineinzudenken, die gänzlich andere Moralvorstellungen haben als wir, und zugleich versuchen, mit ihnen fair umzugehen und sie nicht als Ar********* darzustellen, da sie schließlich auch nur die Produkte ihrer Zeit bzw. ihrer Lebensumstände sind.

Was mich an solchen Geschichten wie Martin o.ä. so nervt, ist diese partielle Genauigkeit: es dürfen auf keinen Fall Schwerter am Set sein, die nicht in die Zeit passen. Aber über Menschen und deren System gehen wir mal großzügig hinweg. Da tackern wir einfach ein bisschen Patriarchat drüber, wenns ganz abstrus wird, schreien wir "die Kirche ist böse", das ist auch schön modern, das weiß ja jeder (weil es ja niemals Heilige wie Hildegard von Bingen gab, die sich mit den Päpsten angelegt haben) und dann sind wir gritty und realistisch.  :darth:
Redest du von ASOIAF oder von GOT? Da muss man schon unterscheiden, denn die Serie vereinfach vieles! ;) Eine "böse" Kirche, die an allem Schuld ist, gibt es nicht - das merkt man schon daran, dass es die Religion der Sieben nicht groß zu stören schein, dass die Nordmänner Bäume anbeten, von einigen Fanatikern mal abgesehen - wobei sich deren Hass eher gegen den Glauben an R'hllor richtet als gegen die Alten Götter.

Ich denke, das Patriarchat in Westeros lässt sich vor allem auf die immense Bedeutung des dynastischen Prinzips zurückführen, das in Europa bis weit in die Neuzeit hinein den Söhnen Vorrang vor den Töchtern gegeben hat. Traditionell heiratet hier die Frau in die Familie des Mannes ein und die Kinder gehören der Familie des vaters an. Ich denke, das liegt auch daran, dass die patrilineare in einer archaischen Welt "sicherer" ist, da Frauen häufig bei der Geburt starben. Laut Wikipedia lag die Lebenserwartung von Frauen über die meiste Zeit des Mittelalters zwischen 24 und 25 Jahren, bei Männern zwischen 28 und 32 Jahren, was wohl vor allem an an Komplikationen im Verlauf von Schwangerschaftund Geburt lag. In den Instrieländern werden Frauen in der Regel deutlich älter al männer, doch je geringer der Entwicklungsstand, desto geringer werden auch die Geschlechtsunterschiede. Neben Faktoren wie Gewalt gegen Frauen spielt auch hier die unzureichende Versorgung von Frauen vor und nach der Entbindung eine Rolle.

Ich versuche nicht, das Patriarchat bzw. die patrilineare Erbfolge zu rechtfertigen, ich versuche nur zu ergründen, weshalb sie sich so oft durchgesetzt hat. Und ich denke, ein Faktor ist, dass Frauen häufig im Zuge von Schwangerschaft und Geburt starben und eine matrilineare oder gleichberechtigte Erbfolge daher ein gewisses Risiko darstellt, weil eine Frau bei der Geburt des ersten und einzigen Kindes sterben könnte, und auch das Überleben des Kindes nicht gesichert ist. Ein anderer grund mag die prüde Sexualmoral sein, die aber auch im mittelalterlichen Europa nicht immer und überall so strikt war,  wie sie in den Medien gerne dargestellt wird. Ein Beispiel dafür ist Wilhelm IX. von Aquitanien, der sich in selbst komponierten Liedern über die Sexualmoral der Kirche lustig machte. Seine Enkelin und indirekte Erbin als herzogin von Aquitanien, Eleonore, ist nicht nur als Ehefraue zweier Könige und Mutter von König Richard Löwenherz zu Berühmtheit erlangt, sondern war eine überaus selbstbewusste, eigenständige Herrscherfigur in ihrem eigenen Herzogtum.

Patriarchat bzw. patrilineare Erbfolge waren also in unserer nicht komplett undurchlässig für starke Frauenfiguren, und das ist auch bei Martin nicht der Fall. Erst unter Jaehearys I., dem vierten Targaryen-König, wurde die ausschießlich patrilinieare Erbfolge verankert, offenbar in Ahnlehnung an die Lex Salica der Merowinger, die für das dynastische Prinzip in Europa von zentraler Bedeutung ist. Jaehaerys war der Sohn von Aenys, dem erstgeborenen Sohn Aegons des Eroberers, folgte seinem Vater aber nicht direkt nach, weil die Thronfolge ungeklärt war und zunächst Aenys' Halbbruder Maegor ("der Grausame") die Macht an sich riss. Die Erbfolgeregelung entstand vor dem Hintergrund von Maegors sechsjähriger Schreckensherrschaft und zielte vor allem auf eine eindeutige Regelung der Thronfolge ab, da Jaehaerys während seiner 55 Jahre währenden Regierungszeit 13 Kinder zeugte und damit eine unüberschaubare Zahl an potentiellen Erben hinterlies. Da Jaehaerys' ältester Sohn und Erbe Aemon bereits vor dem Vater verstorben war und eine Tochter, Rhaenys, aber keine Sohn hinterlassen hatte, war unklar, wer von den vielen Erben denn nun den Thron besteigen sollte. Das Große Konzil von Harrenhal entschied sich für eine strikt patrilineare Erfolge, sodass Jahaerys' zweitältester Sohn Baelon als Thronfolger festgelegt wurde und Rhaenys' Ansprüche, die ihren Sohn Laenor Velaryon als Erben durchsetzen wollte (die Velaryons sind ihrerseits ein valyrischstämmiges Haus und eng mit den Targaryens verbandelt; die Mutter Aegons I. etwa war auch eine Velaryon), ignoriert wurden (deshalb wird sie in der Originalfassung auch the Queen Who Never Was genannt). Da Baelon kurz nach dem Konzil starb, bestieg dessen Sohn Viserys I. nach Jaehaerys' Tod den Thron. Viserys' selbst hielt sich allerdings nicht an die Beschlüsse des Konzils, da er seine Tochter Rhaenyra, das einzige Kind aus erster Ehe, das das Erwachsenenalter erreichte, als seine Erbin betrachtete, obwohl er einen Sohn aus zweiter Ehe, Aegon, hatte. Nach Viserys' Tod brach der als Tanz der Drachen bezeichnete Erbfolgekrieg zwischen Rhaenyra und Aegon aus, dem nicht nur die beiden Halbgeschwister, sondern auch fast alle Drachen der Targaryens und der Velaryons zum Opfer fielen.
Diese Geschehnisse zeigen mMn recht deutlich, dass das Patriarchat nicht zu allen Zeiten akzeptiert war und dass es durchaus starke Frauen gab, die ihren Anspruch durchsetzen wollten. Sowohl Rhaenyra als auch Rhaenys "the Queen Who Never Was" waren Drachenreiter und bewegten damit wie (viele andere Frauen der Targaryen und Velaryons auch) weitgehend jenseits der üblichen Kategorien, was von Männern und Frauen erwartet wurde. Für die valyrischen Drachenlords galt offenbar dasselbe.

In Dorne geht die Erbfolgeregelung auf die Einwanderung der Rhoynar zurück, bei denen Männer und Frauen in Erbangelegenheiten gleichberechtigt betrachtet wurden. Der Beibehalt dieser Regelung war eine Bedingung für den Anschluss Dornes und bietet natürlich sehr viel Potenteial für spannende Konflikte.

Offline Aphelion

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v.a. @Evanesca Feuerblut @Churke

[...]aber man kann sich mit Empathie und Recherche dem so weit annähern, wie es möglich ist. Gerade das finde ich so spannend an historischen Stoffen. Zu versuchen, sich in die damaligen Gedankengänge reinzufinden und dabei trotzdem plausibel handelnde, auch für heutige Leser*innen "mögbare" Charaktere zu schaffen.
Es ist zwar trotzdem nur eine Näherung, aber es mit "ist unmöglich" gar nicht erst zu versuchen, ist schwach.
Ich sehe darin kein Gegenargument, um ehrlich zu sein. Natürlich kannst du versuchen, dich historischen Settings anzunähern - vor allem in Fantasywelten, das ist ja gerade das Schöne an dem Genre! :) Aber indem du sagst, dass es nur eine Annäherung ist, bestätigst du ja im Grunde genommen meine These, eine (wirklich) authentische Darstellung sei nicht möglich. Auch habe ich nicht behauptet, man solle es nicht versuchen. Ich habe übrigens auch schon historische Sachen geschrieben, insofern musst du da irgendetwas missverstanden haben. :) Ich sage nur, dass man sich von dem Gedanken verabschieden sollte, eine solche Geschichte sei wirklich authentisch.

Empathie ist in dem Kontext verdammt schwierig und geht in den meisten Fällen sogar nach hinten los - was übrigens nichts mit persönlichen Stärken und Schwächen zu tun hat. :) Als moderne Menschen sind wir mental einfach zu weit weg. Geschlechterrollen wurden hier im Thread ja schon mehrfach aufgegriffen - aber die wirklich grundlegenden Probleme gibt es auch ganz woanders, für das Gender-Thema sind die meisten inzwischen sensibilisiert oder haben zumindest mal davon gehört.

Du hast z.B. eine implizite Vorstellung davon, was ein Kind ausmacht und was Kindheit bedeutet. Dazu gehören oberflächliche Aspekte wie Kleidung oder Spielzeug, aber auch Ansichten über Rechte und Pflichten, die angenommene Reife, den "Rang" im Vergleich zu Erwachsenen und Angehörigen anderer sozialer Klassen, ob du dem Kind überhaupt eine "Seele" zusprichst, ab welchem Alter aus dem Kind ein Erwachsener wird - oder erstmal ein Jugendlicher/ob es (aus der Perspektive der jeweiligen Gesellschaft) ein Übergangsalter gibt usw. Diese Vorstellung ist aber nicht universal und hat sich im Lauf der Geschichte stark verändert.

Ein paar andere Beispiele:
  • Es gibt individualistische und kollektivistische Kulturen, die vollkommen unterschiedlich "ticken".
  • Vorstellungen von Besitz sind nicht universal.
  • Unsere lineare Zählweise ist im Grunde genommen wider die Natur (da unser Gehirn ein logarithmisches Zahlsystem verwendet).
  • Wie Gefühle ausgedrückt werden "dürfen" ist in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich (was man als "Display Rules" bezeichnet).
  • Scham- und Schuldgefühle sind kulturell bedingt.
  • Schönheitsideale (nicht nur auf Menschen bezogen) verändern sich.
  • usw.
Dabei geht es in der Regel - erstmal - nicht darum, was universell richtig oder universell falsch ist. ("in der Regel", weil ich schon einige Ausnahmen sehe, z.B. alle Formen von sexuellem Missbrauch.) Menschen (und damit Gesellschaften) haben implizite Annahmen über alles. Ich nehme mich selbst davon übrigens nicht aus. Ich könnte keine vollständige Liste zusammenstellen, worauf Schreibende achten müssen (oder meiner Meinung nach sollten). Für AutorInnen besteht ein grundsätzliches Problem darin, erst einmal auf den Gedanken zu kommen, etwas zu recherchieren. Selbst ganz banale Dinge, die scheinbar selbstverständlich sind. Aber je historisch korrekter die Geschichte ist, desto mehr entfernt sie sich von der gemeinsamen Jetzwelt, in der wir leben, und wird für LeserInnen unzugänglicher.

Wenn Schreibende an "Authentizität" denken, geht es oft um Details: Keine Tomaten und keine 300 Hunderassen im europäischen Mittelalter. So etwas geht noch verhältnismäßig einfach; jedenfalls im Vergleich zu fundamentalen Annahmen. Aber selbst wenn wir alles über die Vergangenheit mit absoluter Gewissheit wüssten, wären authentische Geschichten, die als Geschichten funktionieren, nicht möglich.

Details kannst du manchmal einfach in eine Geschichte hineinwerfen oder sehr ökonomisch erklären - explizit oder implizit ("zeigen"). Von den o.g. Fundamenten kannst du nur eine begrenzte Anzahl den Lesenden näherbringen, bevor es anstrengend wird und es zu wenig Berührungspunkte zwischen ihrer Welt und der Welt der Geschichte gibt. Deshalb konzentrieren sich so viele historische Romane (mit oder ohne Fantasy) ja auch auf einzelne Kernthemen. :) Dadurch sind sie aber eben nicht authentisch, weil sie höchstens einzelne Aspekte in einer historischen Kulisse präsentieren, mit einem ansonsten modernen Gerüst. Das ist legitim und sogar notwendig, aber eben nicht authentisch. Wirklich auffällig wird das, wenn man historische historische Geschichten liest.

In manchen Geschichten sagt der Mentor: "Vergiss alles, was du bisher gelernt hast!" Aber das geht in der Wirklichkeit eben nicht wirklich. Empathie schießt sich hier oft ins Knie, denn Empathie ist von bisherigen Erfahrungen beeinflusst. Man kann (sollte!) natürlich versuchen, sich in andere hineinzuversetzen, aber je unähnlicher die Kulturen sind, desto größer wird die Verzerrung. Selbst innerhalb einer Kultur stellt das eine Herausforderung dar. Egal wie objektiv wir sein wollen: Wir sind es nicht. Und weil Menschen z.B. zu unrealistischem und defensivem Optimismus neigen, denkt jetzt mindestens eine Person, die das hier liest, "Üüüch aber nüch!" und merkt es nicht einmal oder ist trotz dieses Hinweises der festen Überzeugung, eine Ausnahme zu sein! :D Sogar es zu wissen ist kein ausreichender Schutz: Die Falle schnappt trotzdem zu, aber im besten Fall nicht ganz so stark.

In reinen Fanatsywelten, die nur grob auf unserer basieren, ist eine vermeintliche Authentizität keine Ausrede. So etwas ähnliches beschreibst du in deinem Post ja auch, denn diesem Rattenschwanz an Entscheidungen muss man sich eben stellen, sobald die Grundannahmen bzw. Fundamente erst einmal stehen. :)

Ein Freund von mir spielt LARP und hat dazu einen sehr schönen Satz gesagt: Letztlich geht es um das Ambiente (statt um buchstäbliche Authentizität). Dieses Ambiente entsteht durch Requisiten, den Plot, die Spieler und die Location. Das lässt sich auch auf geschriebene Geschichten übertragen. :)

Offline Charlotte

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Zitat von: Aphelion
Details kannst du manchmal einfach in eine Geschichte hineinwerfen oder sehr ökonomisch erklären - explizit oder implizit ("zeigen"). Von den o.g. Fundamenten kannst du nur eine begrenzte Anzahl den Lesenden näherbringen, bevor es anstrengend wird und es zu wenig Berührungspunkte zwischen ihrer Welt und der Welt der Geschichte gibt.

Das ist etwas, was ich so nicht unterschreiben würde. Man kann Lesern mehr zutrauen, als das. Und ich würde historische Gesellschaften nicht als so fremd einstufen, dass sich ein Leser in einem gut erzählten historischen Roman da nicht reinfuchsen kann, auch, wenn es anders ist, als die Lebensrealität, die er kennt. Dazu kommt auch, dass historische Gesellschaften nicht homogen waren, genauso, wie unsere moderne Gesellschaft nicht homogen ist. Es gab andere Denkrichtungen, Ansätze, Moralvorstellungen etc., aber diese lassen AutorInnen auch unbedingt Freiheiten, in welchem Ausmaß sie sie umsetzen und darstellen wollen. Weil trotz einem gewissen Zeitgeist nicht alle Menschen gleich gedacht haben, genauso wie heute. Ich muss meine Figuren in Bahnen denken lassen, die in der entsprechenden Epoche möglich bzw. wahrscheinlich waren. Aber das geht auf viele unterschiedliche Arten. Und wieso ein Leser das nicht verstehen sollte oder davon überfordert sein sollte, verstehe ich auch nicht so recht. Leser sind auch nicht überfordert, wenn sie Romane aus dem achtzehnten oder neunzehnten Jahrhundert lesen, die logischerweise zu 100% historische Denkweisen und gesellschaftliche Muster widerspiegeln, weil sie aus dieser Epoche stammen. Trotzdem erfreuen sich diese Romane ziemlicher Beliebtheit. Dass das bei modernen historischen Romanen plötzlich anders sein soll, ergibt für mich nicht so viel Sinn.

Alles, was du jetzt aufgezählt hast, sind auch unbedingt Dinge, die so gut wie alle Autoren historischer Romane, die ich hier im Forum und auch außerhalb davon kenne, unbedingt in ihrer Recherche beherzigen würden. Wir wissen natürlich, dass Recherche über reine Fakten hinausgeht und ich glaube nicht, dass das eine bahnbrechende Erkenntnis ist – die meisten Autoren historischer Romane beherzigen das und recherchieren auch dementsprechend. Kindheitskonstrukte, Schönheitsideale und dergleichen kann man recherchieren und, ja, mit etwas Übung auch nachempfinden, selbst dann, wenn man sie nicht gutheißt. Das geht. „Historisch authentisch“ bedeutet doch nicht „Zu 100% korrektes Abbild einer historischen Epoche“. Natürlich geht das nicht. Wir können nicht einmal die Zeit, in der wir selbst leben, zu 100% korrekt wiedergeben, weil unser Bild durch unsere eigenen Erfahrungen geprägt ist. Und genau darum geht es ja auch. Authentisch bedeutet „So hätte es gewesen sein können“, nicht zwingend „Genau so, wie ich es sage, war es“. Natürlich kann ich nicht alle Facetten einer Epoche im selben Roman darstellen. Natürlich muss ich mich auf ein Kernthema, über das ich schreiben möchte, konzentrieren. Sieh es so: Du erschaffst keine objektiv zu 100% korrekte Abbildung einer Epoche. Du erschaffst über deine Hauptfigur(en) eine mögliche subjektive Wahrnehmung einer historischen Epoche und die kann authentisch ausfallen oder eben nicht.
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Offline Churke

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Nur weil ich Ungerechtigkeiten welcher Art auch immer in meine Geschichten einbaue (etwa als Stilmittel, um Konflikte zu erzeugen), bedeutet das noch lange nicht, dass ich sie gutheißen muss. Dazu braucht es nur eine entsprechende Erzählerstimme, etwa einen Perspektivträger, der sich über das System Gedanken macht, um den eigenen Standpunkt zu verdeutlichen.

These: Ein System kann noch so ungerecht und unterdrückend sein. Es existiert, weil und so lange es die Menschen für die natürliche Ordnung der Dinge halten. Ihnen fehlt einfach die Fähigkeit, es in Frage zu stellen, weil sie nichts anderes kennen.
Wenn du im 18. Jahrhundert die Bauern befreien wolltest, warst du ein Terrorist und Unruhestifter, und die Bauern meldeten dich den Behörden.

Um das überhaupt nur zu problematisieren, braucht man einen Perspektivträger mit heutigen Vorstellungen. Bei historischen Themen geht das nicht. Da mache ich es so, dass die Dinge einfach so darstelle, wie sie sind. Die Wertung überlasse ich dem Leser. Und wenn der nicht werden will, dann ist das seine Sache.

In der Fantasy sind kritische Perspektivträger zwar nicht unauthentisch, aber es gibt andere Gründe, die dagegen sprechen. Wie oben ausgeführt, beruht die Macht jedes Systems darauf, dass es nicht in Frage gestellt wird. Genau dies tut der kritische POV aber und bedroht damit das System. Wenn genügend Frauen den Patriarchen den Gehorsam verweigern, ist es kein Patriarchat mehr. Indem sich solche Figuren einfüge, reiße ich bereits ein Loch in die Wand. Das System bröckelt.
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Offline Aphelion

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„Historisch authentisch“ bedeutet doch nicht „Zu 100% korrektes Abbild einer historischen Epoche“.
Wenn du authentisch so (nicht) definierst, sprechen wir ungefähr von derselben Sache. :) "Das ist nicht authentisch" ist auch nicht dasselbe wie "das darf man nicht" oder "das ist schlecht". Wie ich in meinem letzten Post ebenfalls bereits schrieb, sind Annäherungen und Versuche natürlich möglich.

Ich habe übrigens nie behauptet, irgendwas Bahnbrechendes geschrieben zu haben. ;) Ich habe lediglich (wie alle hier) meine Ansicht dargelegt. Das sind logischerweise Punkte, die naheliegen - aber es sind eben auch Punkte, die selbst bei auflagenstarken Publikationen viel zu oft nicht berücksichtigt werden. Das hat weder mit dir noch mit deinen Freunden noch mit TZ-Mitgliedern zwingend etwas zu tun. Ich spreche in dem Fall ja auch nicht von meinen persönlichen Freunden und Bekannten, sondern von Schreibenden im Allgemeinen. Übrigens ganz bewusst. :)

Zitat
Und wieso ein Leser das nicht verstehen sollte oder davon überfordert sein sollte, verstehe ich auch nicht so recht.
Beim Lesen von guten Geschichten geht es nicht nur um das rationale Verstehen. Um mit einer Person mitfühlen zu können, braucht es Berührungspunkte. Wie diese Berührungspunkte aussehen, kann ganz unterschiedlich sein.

Andererseits kann man natürlich auch sagen: Es gibt für alles Leser. Ich habe mich in meinem Beitrag allerdings nicht auf Einzelpersonen bezogen, sondern mir ging es um einen Durchschnitt, jedenfalls um einen ungefähren. Und auch das ist an sich keine Wertung, daraus kannst du unterschiedliche Schlussfolgerungen ziehen. :)

Bei Romanen aus dem 18./19. Jahrhundert würde ich (als Liebhaberin dieser Literatur, obwohl weniger des 18. Jhdts.) nicht von ziemlicher Beliebtheit sprechen. Jedenfalls nicht im Allgemeinen. In bestimmten Kreisen? Unbedingt! Aber das ist eine selektive Betrachtung.

Zudem werden diese Werke heute anders wahrgenommen als damals. "The Picture of Dorian Gray" galt als unmoralisch, als es erschien. Heute würe z.B. ich ;) sagen: Wieso? Es werden zwar unschöne Themen angesprochen, aber dafür bekommt Dorian am Ende auch die Quittung und es wird nicht als Heldentat dargestellt. Und ja, auch bei der Erstauflage fanden nicht alle das Buch unmoralisch. Aber dass es überhaupt unmoralisch sein könnte erschließt sich für viele oft nicht mehr - jedenfalls nicht ohne Überdenken oder Zusatzwissen, das nicht direkt aus dem Text selbst stammt. Wenn ich heute eine Geschichte schreibe, möchte ich sie nicht zusätzlich erklären. Sie soll für sich genommen funktionieren.

Das Beispiel von Dorian Gray fällt mir auch deshalb ein, weil ich das vor … Jahren :D in der Schule gelesen habe und wir darüber sehr rege Diskussionen hatten. Mit diesem Aspekt ("Was soll daran unmoralisch oder anstößig sein?") haben sich fast alle schwer getan. Diese Anekdote ist nicht repräsentativ, aber in meinen Augen schon etwas repräsentativer als z.B. deine oder meine schreibenden Bekannten, die mehr spezifisches Hintergrundwissen besitzen oder sich grundsätzlich bewusster mit Büchern auseinandersetzen.

Das Buch ist immer noch verständlich - aber wie das Buch insgesamt wahrgenommen wird, hat sich im Durchschnitt verändert. Du kannst durch andere Brillengläser blicken, aber nicht durch andere Augäpfel. Sowohl als Leserin als auch als Autorin. Und auch das bedeutet nicht "das darf man nicht" oder "das ist schlecht".

Das ist jetzt aber auch eine Grundsatzfrage und führt vielleicht ein bisschen vom Thema weg. ;) Ich halte es für wichtig, so etwas zur Kenntnis zu nehmen und aushalten zu können, dass nicht alles 100% super oder 100% schlecht ist. Ich bin mir auch im Klaren darüber, dass meine Beobachtungen genauso selektiv und subjektiv sind wie die aller anderen. Eine solche Beobachtung ist für mich nicht automatisch eine Wertung und mit dieser Unsicherheit, die dadurch entsteht, muss man leben können.

… wenn man denn will. Andere halten das für falsch oder gehen von ganzen anderen Voraussetzungen aus - und auch das ist vollkommen in Ordnung. :)

Offline Fianna

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Die meisten Statisken zur durchschnittlichen Lebenserwartung zählen doch die Kindersterblichkeit mit hinein. Wer da einmal das Erwachsenenalter erreicht, wird in der Regel etwas oder deutlich älter als die angegebene durchschnittliche Lebenserwartung laut Statistik.


Offline FeeamPC

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Leute, der Titel lautet: Fantasywelten!
Nix authentisch, alle diese Welten existieren real nicht und existierten nie.  Jeder Autor kann hineinfantasieren, was er möchte, und wie er es möchte. Damit der Leser mitzieht, muss das Systemlediglich in sich schlüssig und aus sich selbst heraus verständlich und verbindlich sein. Egal,ob mit oder ohne Emanzipation.
Und was die Leser angeht: a) halte ich sie für durchaus intelligent, b) denke ich, dass sie in erster Linie der Unterhaltung wegen Fantasy lesen und nicht, weil sie gesellschaftskritische Standpunkte beleuchtet sehen wollen, und c) ist das Hineindenken in klingonische Mentalität nicht schwieriger oder unmöglicher als in die eines Wikingers.
Klar recherchiere ich, wenn meine Handlung im Weltall spielt, damit sie nicht völlig unglaubwürdig wird. Keine Toneffekte im luftleeren Raum, da unmöglich.
Klar recherchiere ich, wenn ich Wikinger-Fantasy schreibe, damit die Kerle auf den ersten Blick einigermaßen echt und plausibel wirken. Er soll nicht gerade eine römische Toga und einen indischen Turban tragen. Auch keinen dieser unsäglichen Hörnerhelme.
Aber weder ich noch meine Leser wollen genau wissen, wie ein echtes Wikinger-Schwert aussieht, was für Schuhwerk der Held trägt und ob ein Dorschfilet für ihn häufiger auf den Tisch kommt als Bärenbraten.
   Biete für werdende Hexen folgende Kurse:
Giftmischen für Anfänger
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Total schräge Fantasie-Plots für Experten

Offline Mithras

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@Mithras
Die meisten Statisken zur durchschnittlichen Lebenserwartung zählen doch die Kindersterblichkeit mit hinein. Wer da einmal das Erwachsenenalter erreicht, wird in der Regel etwas oder deutlich älter als die angegebene durchschnittliche Lebenserwartung laut Statistik.
Das stimmt zwar, allerdings liegt die Säuglingssterblichkeit von Jungen auch im heutigen Mitteleuropa über der von Mädchen. Das liegt zum einen an der Größe der Neugeborenen (Jungen sind größer als Mädchen und so kommt es leichter zu Komplikationen bei der Geburt), zum anderen daran, dass Jungen anfälliger für verscheidene Erbkrankheiten sind, deren Gene auf dem X-Chromosom liegen, von dem Männer i. d. R. nur eines haben (vom Klinefelter-Syndrom mal abgesehen).
Auch im Mittelalter war die Sterblichkeit bei männlichen Säuglingen höher als bei weiblichen, der Unterschied in der Gesamt-Lebenserwartung lässt sich damit also nicht erklären.

Leute, der Titel lautet: Fantasywelten!
Nix authentisch, alle diese Welten existieren real nicht und existierten nie.  Jeder Autor kann hineinfantasieren, was er möchte, und wie er es möchte. Damit der Leser mitzieht, muss das Systemlediglich in sich schlüssig und aus sich selbst heraus verständlich und verbindlich sein. Egal,ob mit oder ohne Emanzipation.
Viele Autoren lehnen ihre Welt aber sehr stark an historische Vorbilder an, etwa Guy Gavriel Kay, der ganze Epochen inkl. deren Sprachen in eine fiktive Welt verlagert und damit praktisch alternative Geschichtsschreibung betreibt. Sein Ansatz liegt mit nicht, aber da er sich nun einmal in einem solchen Maße an der Realität orientiert, ist Authentizität umso wichtiger.
Und häufig geht es ja um ein bestimmtes Gefühl, das der Autor vermitteln will. Eine Adaption Alexanders des Grroßen wirkt umso "echter", je näher sie dem Vorbild kommt, und dazu gehört z. B. auch aristotelisches Gedankengut.

Wenn du im 18. Jahrhundert die Bauern befreien wolltest, warst du ein Terrorist und Unruhestifter, und die Bauern meldeten dich den Behörden.
Spricht etwas dagegen, einen solchen "Terroristen" zum Perspektivträger zu machen?
Sicher, das funktioniert bei weitem nicht in allen Fantasyromanen und wäre auf Dauer ermüdend, aber ich behaupte ja nicht, dass Chraktere, die sich Gedanken über das System machen, es automatisch in Frage stellen müssen. Wer  in diesem Denkmuster feststeckt, wird letztlich zum Schluss kommen, dass alles so bleiben soll wie es ist, doch es geht häufig ja nicht um das Resultat, sondern um den Denkprozess per se.

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