0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

  • Drucken

Autor Thema: Recherche: Wie korrekt sollten Bücher sein?  (Gelesen 4381 mal)

Offline Charlotte

  • Victoria-Versicherung
  • Blaustern
  • *****
  • Beiträge: 4.303
  • Gaiety Girl & Grüne Fee
    • Gaiety Girl
Re: Recherche: Wie korrekt sollten Bücher sein?
« Antwort #90 am: 23. Juni 2017, 20:13:23 »
Wenn du dir sicher bist, dass du es richtig gemacht hast, hast du keinen Grund dich über solche Kritiken auch nur aufzuregen, finde ich.  :knuddel: Sollen sie doch glauben, sie wüssten es besser, wenn du dir sicher bist, dass es richtig ist, reicht das. Als Autor Quellen angeben halte ich für total unnötig. Quellen lesen ist unabdingbar, aber die muss man nirgendwo hinterher breittreten. Wir schreiben Romane und keine wissenschaftliche Fachliteratur und falls jemand mehr über die Epoche wissen will, ist es eigentlich nicht meine Aufgabe als Autorin, ihm da zu sagen, was er lesen soll. Ich gebe auf Anfrage gern Buchtipps, habe ich über mein Blog auch schon öfter gemacht, aber sollte ich mal was Historisches veröffentlichen, werde ich da nicht meine gesamte Literatur angeben. Nachwort ist schon eine schöne Idee, für mich aber persönlich auch nicht unbedingt nötig. Ich lese Nachworte ehrlich gesagt selten, es sei denn, im Roman ist wirklich etwas aufgetaucht, das ich erklärt haben möchte. Ich würde wahrscheinlich persönlich ein Nachwort schreiben um zu erklären, wieso ich gerade über diese Epoche und dieses Thema geschrieben habe, auch, wenn ich Nachworte selbst selten lese, aber es gibt ja durchaus viele Leute, die die Hintergründe interessieren.

Quellentexte lesen würde ich aber allen Autoren von historischen Romanen raten. Es müssen nicht zehn sein und man muss sie auch nicht von vorn bis hinten durcharbeiten, aber für mich gehören Quellen zur Recherche dazu, weil sie einen viel besseren Einblick in die Epoche geben, als reine Fachliteratur. Lesen ist aber beim Recherchieren auch nicht alles.
"You know life isn't always like the end of your novels
All things might wind up but they always unravel"
The Lady Is Risen - Johnny Flynn

Offline Fianna

  • Elite
  • ******
  • Beiträge: 3.985
  • Geschlecht: Weiblich
  • Es wird wieder gemordet.
    • Fiannas Website
Re: Recherche: Wie korrekt sollten Bücher sein?
« Antwort #91 am: 23. Juni 2017, 20:41:43 »
Aber mir gefällt sie nicht, weil es mir zu viel Aufwand generiert. Wenn man das richtig machen will, muss man mehrere Quellen für den gleichen Fakt vorweisen, denn sonst kommt irgendwer und sagt: "Aber dort habe ich es anders gelesen."
Es doch nicht um das Anführen von Quellen, schließlich schreibt man einen Roman. Es reicht auch schon, wenn man wenig Bücher liest, dafür aber die richtigen (da kann man sich ja etwas entsprechend empfehlen lassen) und quellenkritisch. Ich habe sehr viele Bücher zu Hause, die mir von Leuten der entsprechenden Fachrichtung als umfassend, guter Einstieg oder sonstwas empfohlen wurden. So eine Kaltstart Recherche ist schwieriger und langwieriger, aber das muss man ja nicht machen.

Oder es reicht schon, wenn man einen Kontakt an einer entsprechenden Fakultät hat, der die Sachlage (oder sogar den Roman) prüft und sagt: das ist durchaus eine verbreitete Ansicht, in dem Lager xyz, die ebenfalls folgenden Umstand als wahrscheinlich ansehen. Dann gibt es noch das Lager abc, die das anders sehen weil... Und dann kann man sich raussuchen, was man für historisch zutreffend bzw. passend für den Plot hält.
Wenn man nicht will, muss man sich doch nicht so elend tief hinein arbeiten. Man sollte in dem Fall nur eine Kontaktperson haben, die einem die recherchierten (für den Plot relevanten) Fakten einordnet und bewertet.

Mir macht es so gar keinen Spass, Quellentexte aufzubereiten.
Wie gesagt, das ist nicht unbedingt erforderlich. Zudem kann man die meisten Primärquellen gar nicht richtig einordnen und bewerten, Primärquellen sind nicht der ideale Einstieg in ein Thema.

(Das nervt mich auch ein bisschen an dem Geschichtsforum, das immer jedermann auf die Primärquellen abzielt. Da denke ich mir immer: und was willst du dann damit anfangen?! Wer ist der Urheber, an wen richtet sich das, was ist der Zweck, wie glaubwürdig ist die Quelle.... steht da alles nicht bei. Aber ist bestimmt ganz unwichtig  ::)

Ich bin Romanautorin und nicht Wissenschaftlerin.
Ja, aber wenn das Ausmass der Recherche ein gewisses Maß unterschreitet, denke ich mir: Mensch. Warum schreibst du keine historisch inspirierte Fantasy?
Da ich nicht weiß, wieviel Du recherchierst, ist das jetzt nicht auf Dich gemünzt.
    "Egal, wie nahe zwei Menschen sich kommen: die Entfernung zwischen ihnen bleibt unendlich." Harry Morgan, "Dexter".

Offline Churke

  • Elite
  • ******
  • Beiträge: 2.503
  • Geschlecht: Männlich
  • Experte für nichts
    • Youtube:
Re: Recherche: Wie korrekt sollten Bücher sein?
« Antwort #92 am: 23. Juni 2017, 23:58:40 »
Bei historischen Themen arbeite ich fast ausschließlich mit Primärquellen. Warum? Ein Autor liest eine Quelle unter anderen Vorzeichen als ein Historiker. Der Autor gräbt nach dem Skandal, dem Knall-Effekt. Er braucht die subjektive, vielleicht sogar falsche, Sicht der Zeitgenossen für seine Figuren. Als Autor interessiert mich nicht, ob Nero ein Opfer von Geschichtsfälschung wurde oder ob es wirklich Orgien im Vatikan gab. Wenn ich so eine Platte finde, dann lege ich sie auf und drehe die Lautstärke nach rechts. Bis zum Anschlag.
Cupitorum spes omnis Circus est maximus.
- Ammianus Marcellinus

Offline Zitkalasa

  • Blaustern
  • *****
  • Beiträge: 4.003
  • Geschlecht: Weiblich
  • Fuchs im Federkleid
    • 50kwords
Re: Recherche: Wie korrekt sollten Bücher sein?
« Antwort #93 am: 24. Juni 2017, 00:14:33 »
Wenn man die entsprechende Sprache kann, ist das toll. Ansonsten ist man ja nur doch wieder auf die Übersetzung angewiesen und da kann dann nochmal allerlei anderes schief gehen.
"Be strong in the moments where you want to be weak cause life itself is worth living for. If you are not living the life that you want, you fight for that life." by Jensen Ackles"Wear your heart on the page, and people will read to find out how you solved being alive."
by Gordon Lish

Offline Fianna

  • Elite
  • ******
  • Beiträge: 3.985
  • Geschlecht: Weiblich
  • Es wird wieder gemordet.
    • Fiannas Website
Re: Recherche: Wie korrekt sollten Bücher sein?
« Antwort #94 am: 24. Juni 2017, 05:50:37 »
Bei historischen Themen arbeite ich fast ausschließlich mit Primärquellen. Warum? Ein Autor liest eine Quelle unter anderen Vorzeichen als ein Historiker. Der Autor gräbt nach dem Skandal, dem Knall-Effekt. Er braucht die subjektive, vielleicht sogar falsche, Sicht der Zeitgenossen für seine Figuren. Als Autor interessiert mich nicht, ob Nero ein Opfer von Geschichtsfälschung wurde oder ob es wirklich Orgien im Vatikan gab.
Die Quelle hat immer recht? Interessant.

Bei mir ist es genau umgekehrt, ich recherchiere sehr quellenkritisch. Wenn alle (eigentlich sehr heterogenen) Quellen sich in der Bewertung einer Person überraschend einig sind, mache ich mir Gedanken über den Grund. Und wenn diese Bewertung mir nicht so gut in den Plot passt, verwende ich einen oder mehrere dieser Gründe für eine abweichende Darstellung.
Man könnte also sagen, dass ich in gewissen Punkten eine alternative Geschichte erschaffe, allerdings immer in Übereinstimmung mit den Quellen.
Ich drehe Sachen ungern einfach um - ich glauhe, sowas habe ich bisher nie gemacht. Stattdessen gebe ich "in-time" eine Darstellung, die die abweichende Quellendarstellung erklärt.

Z.b. habe ich mal aus einem überlieferten Brand, der laut Quelle durch eine umgefallene Kerze verursacht wurde, eine unerkannte Brandstiftung gemacht.
Das passte zur Quellenlage. Eine Art terroristischen Akt oder ähnlich Aufsehen erregende Umstände hätte ich jedoch nicht ausgewählt, weil es der Quellenlage widerspricht.
    "Egal, wie nahe zwei Menschen sich kommen: die Entfernung zwischen ihnen bleibt unendlich." Harry Morgan, "Dexter".

Offline Cailyn

  • Forengott
  • *****
  • Beiträge: 1.063
  • Geschlecht: Weiblich
  • Auf ein Wort!
Re: Recherche: Wie korrekt sollten Bücher sein?
« Antwort #95 am: 24. Juni 2017, 07:39:35 »
Charlotte
Ja, ich halte es so wie du. Romane sind mir lieber als wissenschaftliche Exkursionen.  ;)

Fianna
Mit Fantasy hat mein Roman gar nichts zu tun. Es ist ein Historienroman, für den ich ausgiebig recherchiert habe. Ich bin auch gar nicht zu faul zum recherchieren, im Gegenteil. Ich bin nur zu faul (oder habe zu wenig Lust), meine Recherche in irgendeiner Form für Leser aufzubereiten. Das ist einfach nicht mein Ding und muss es meiner Meinung nach auch nicht sein. Ich lese viel, halte meine Recherchen auch fest, aber ich verpacke sie nicht für den Leser in ein schönes Packet - ausser eben im Roman selber.
Die Frage ist für mich also weniger, ob ich als Nachtrag Quellen wiedergeben oder meine Recherche erklären soll, sondern eher, ob ich im Buch selber etwas ändern sollte, damit keine Fragen offen bleiben. Doch ich glaube, das ist ein Fass ohne Boden. Man weiss ja nicht, welcher Leser an welcher Stelle irgendwas bezweifelt.

Churke
Deine Vorgehensweise finde ich gut. Nur gibt es natürlich Fakten, mit denen man nicht so verfahren sollte. Dazu gehören z.B. auch alle Belange, die in einer Epoche gesetzlich geregelt waren wie Erbrecht, Handhabung mit Delikten, Eheschliessung, Grundstückbesitz. Wenn da geschlampt wird, läuft das nicht mehr unter "künstlerischer Freiheit", sondern es ist einfach schlecht recherchiert.

Offline Fianna

  • Elite
  • ******
  • Beiträge: 3.985
  • Geschlecht: Weiblich
  • Es wird wieder gemordet.
    • Fiannas Website
Re: Recherche: Wie korrekt sollten Bücher sein?
« Antwort #96 am: 24. Juni 2017, 08:09:49 »
Schade. Auch wenn man kein Nachwort machen möchte, so etwas eignet sich doch gut als Bonusmaterial, auf dem Blog oder auf andere Art.
    "Egal, wie nahe zwei Menschen sich kommen: die Entfernung zwischen ihnen bleibt unendlich." Harry Morgan, "Dexter".

Offline Churke

  • Elite
  • ******
  • Beiträge: 2.503
  • Geschlecht: Männlich
  • Experte für nichts
    • Youtube:
Re: Recherche: Wie korrekt sollten Bücher sein?
« Antwort #97 am: 24. Juni 2017, 10:32:53 »
Die Quelle hat immer recht? Interessant.

Das heißt nicht, dass sie recht hat. Aber "toll trieben es die alten Päpste", historisch belegt, ist das, was die Leute lesen wollen. Da wäre ich schlecht beraten, den Augenzeugenbericht des Zeremonienmeisters als unglaubwürdig zu verwerfen und aus der Orgie einen Hausmusikabend zu machen.
Wo ich das noch wichtiger finde, ist die Wertung historischer Personen. Die heutige Geschichtswissenschaft ist extrem zurückhaltend und gibt nur Noten zwischen 2 und 4. Wie schön ist da Prokopios von Caesarea, der für das Kaiserpaar Justinian und Theodora jeweils die 6- vergibt. Davon lasse ich mich gerne inspirieren...  :D
Cupitorum spes omnis Circus est maximus.
- Ammianus Marcellinus

Offline Charlotte

  • Victoria-Versicherung
  • Blaustern
  • *****
  • Beiträge: 4.303
  • Gaiety Girl & Grüne Fee
    • Gaiety Girl
Re: Recherche: Wie korrekt sollten Bücher sein?
« Antwort #98 am: 24. Juni 2017, 11:59:01 »
Quellenkritik ist absolut wichtig, aber ebenso wichtig ist es auch kritisch mit Fachliteratur umzugehen, vielleicht am Ende sogar wichtiger, weil man da immer auf den Bias des Verfassers Acht geben muss. Wenn ich eine Quelle vor mir habe, habe ich zumindest eine zeitgenössische Interpretation vor mir, mit der ich arbeiten kann. Wie Churke schon sagte, es muss ja nicht wahr sein, was da berichtet wird, aber es ist zumindest eine zeitgenössische Meinung zu den Geschehnissen. Bei großen historischen Events kann man sich aus mehreren Quellen schöne Flickenteppiche zusammensetzen, die einen Überblick über verschiedene Meinungen und Interpretationen zu den Ereignissen ergeben. Es ist auch viel zu oft gar nicht möglich, wirklich herauszufinden, welche der Schilderungen jetzt der Wahrheit am nächsten ist, also finde ich auch Fiannas Herangehensweise richtig gut, einfach aufgrund der Quellen zu interpretieren, was gewesen sein könnte.

Fachliteratur finde ich oft viel schwerer umzusetzen, wie gesagt, wegen dem Bias. Confirmation Bias begegnet man da total oft: Der Autor hat eine Meinung, untermauert die mit Quellen und Fakten und lässt alles, was nicht dazu passt, unter den Tisch fallen. Ist normal, lernt man an der Uni ja auch teilweise so, wenn es ums wissenschaftliches Schreiben geht, man soll ja von seinem Standpunkt überzeugt sein und die meisten Bücher werden ja auch mit Fragestellung geschrieben, die man dann eben beantwortet. Für Autoren ist es aber nicht so toll, weil es sehr einseitig ist und man dann noch andere Werke mit Gegenposition dazuziehen muss (Ich habe hier im Moment zwei kurze Bände liegen, die komplett das Gegenteil von einander behaupten  ;D). Dazu kommt dann leider, dass man Probleme kriegt, wenn man über Minderheiten schreiben will, weil die besonders in älterer Fachliteratur gern mal vergessen werden, womit ich mich in letzter Zeit rumschlagen muss. Aber auch, wenn man das Problem nicht hat, schwingt bei Fachliteratur immer schon ganz stark die Interpretation des Autors mit, weshalb es nie verkehrt ist, sich die Originalquellen selbst auch nochmal kritisch anzuschauen, solang man das kann. Bei meinem momentanen Projekt kann ich das auch nur in der Übersetzung und muss halt darauf vertrauen, dass die Übersetzer mich da nicht im Stich lassen. Das ist halt manchmal so.
"You know life isn't always like the end of your novels
All things might wind up but they always unravel"
The Lady Is Risen - Johnny Flynn

Offline Churke

  • Elite
  • ******
  • Beiträge: 2.503
  • Geschlecht: Männlich
  • Experte für nichts
    • Youtube:
Re: Recherche: Wie korrekt sollten Bücher sein?
« Antwort #99 am: 24. Juni 2017, 13:05:59 »
Der Bias ist regelmäßig mehr als eine persönliche Meinung. Die Karriere eines Historikers hängt seit jeher davon ab, politisch korrekte Geschichte abzuliefern. Auch wenn alle Fakten stimmen, kann man sie doch so oder so gewichten.
Cupitorum spes omnis Circus est maximus.
- Ammianus Marcellinus

  • Drucken