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Autor Thema: Phantastische Kreaturen  (Gelesen 5849 mal)

Offline Denamio

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Re: Phantastische Kreaturen
« Antwort #30 am: 28. Januar 2016, 00:20:22 »
Bevor ich mit meinem Soziologie/Kulturanthropologie inspiriertem Exkurs anfange, unterschreibe ich erst einmal das hier:

Ich halte generell nicht so viel davon, immer nur danach zu schreiben, was auch gekauft & dann gelesen wird. In erster Linie muss mir das Schreiben an der Geschichte Spaß machen. In sofern... schreibt, was euch Spaß macht!

Absolut. Ich rede mir gerne ein das ein Autor nur dann wirklich erfolgreich wird, wenn er oder sie auch Spaß an der Sache hat. Als Leser bilde ich mir ein, das schnell zu merken. Bevor ich nun hier mit dem Exkurs beginne, all das ist nur meine Meinung und absolut nicht als "das muss so" gedacht.

Ich muss funkelsinlas Recht geben, die klassischen Fabelwesen sind ziemlich ausgelutscht

So als klassischer Elfenfeind geb ich euch da Recht und widerspreche dann doch. Was Fabelwesen im Stil von Orks/Elfen/Zwergen angeht wie sie oft in die Copypasta kommen, das ist tatsächlich ausgelutscht. Das lief in mehreren Etappen ab, der große Run kam zuletzt mit der Tolkien Verfilmung. Plötzlich stand auf jedem Klappentext "Die Elfen aus Tolkien", "Tolkiens stärkste Rasse". Hat bei mir als Leser dazu geführt, dass ich ein paar Jahre Buchhandlungen vermieden habe. Und als ich wiederkam war die Romantasy Welle - verflucht. Mir ist schon klar, dass diese gemeint sind, aber ich lauf mal irre lachend mit dem Thema weg und brech eine Lanze für Fabelwesen. Also:

Tolkien hat die Dinge ja nicht erfunden, sondern sich bei der Mythologie bedient und das ganze aufbereitet. In den eigentlichen Mythen steckt aber noch soviel an Potential. Wenn man statt auf das Destillat zur Quelle zurückgeht, dann sind Fabelwesen alles andere als ausgelutscht. Das gilt für Elfen wie für Zwerge (zum Beispiel in Form der Schwarzalben). Weiter noch, fernab von den Fantasyklassikern: Wann hat man das letzte mal von Schraten und Wolpertingern gelesen? Von Bergmännlein und Schiechperchten ganz zu schweigen?
Was Eigenkreationen angeht, gehe ich oft (alles natürlich nur für meinen Blickpunkt) von einem Grundsatz aus:
Sagenkreaturen erfüllen einen sozialen Zweck. Es sind Versuche einer kausalen Erklärung für unerklärliche, aber auch teils ganz alltägliche Ereignisse. Ein Beispiel dafür wären die Albträume, wo eine der Sagen geht, dass es ungestalte Kreaturen seien, die auf dem Oberkörper sitzen und dem Schlafenden die Luft abschnüren. Das oder es ist Schlafparalyse mit Halluzination. Trolle ist einfach ein fieses Wort für Zöllner, Sukkubi und liebestolle Nymphen sind Erklärungen für Fremdgeherei, und so weiter.

Oder explizit auf Eigenkreation ein Beispiel:
-> Ursprung:
Alchemisten mischen fröhlich Zeug zusammen. Manchmal kommt es zu furchtbaren Explosionen weil sich Säfte über die Zeit zersetzt haben. Einem ordentlichen Alchemisten passiert das nicht.
-> Sagenkreatur:
Das sind doch bestimmt kleine garstige Geister, ich nenne sie mal Garstelein. Sie lieben Ordnung sehr und belohnen holde Alchemisten mit wahrer Zauberkraft in den Tränken. Die faulen aber bestrafen sie. Da mischen sie nachts kichernd die Tränke, dass es morgens nur so furchtbar stinkt! Und wehe dem, der da nicht säubert. Dem nehmen sie in ihrer Raserei gar Haus und Herd auseinander (Explosion).

Dazu kommt dann das Fantasy Element: Jup, die gibt es wirklich und der Alchemist läuft ihnen nachts schlaftrunken über den Weg. Praktisch die Antromorphisierung von sozialen Gepflogenheiten und Übertritten. Bestraft oder begünstigt durch Geister. Wenn es verboten ist nach 12 zu zaubern, dann doch nur weil nachts die Arkanfresser unterwegs sind und den Magiern die Finger abknabbern, so sagt man. Tatsächlich sinds die genervten Wachen die ihre Nachtschicht Leid sind und genervt reagieren wenn der Magus mal wieder Feuerwerk macht.

Das ist die eine Seite der Medaille wenn es um Fabelwesen geht. Sollen es Monster sein, da gilt in meinen Werken: Monster gibt es nicht. Das sind Tiere oder Konstrukte, die entweder im natürlichen Kreislauf eingebunden sind oder für einen Zweck geschaffen wurden. Klar schreit der Bauer laut 'Monster!', wenn der Wolf seine Schäflein reißt. Aber zur inneren Glaubwürdigkeit im Text habe ich es gerne, wenn es eine Erklärung dafür gibt, warum der Wolf da jetzt auftaucht. Haben Menschen weiter oben einen Damm gebrochen und der heimische Wald ist weg gespült worden - treibt der Hunger die seltsamen Bestien her?
Wenn eine neue bisher nie gesehen Kreatur auftaucht, dann sollte sie für mich ins Ökosystem passen oder arkanen Plotklebstoff zur Glaubwürdigkeit dabei haben . Ein Biest welches sich von Goblins ernährt passt da gut rein. Oder ein Gebiet hat sauren Regen und deswegen haben sich Abarten von Tieren entwickelt; muskulöse Schabenwölfe mit einem metallhaltigem Pelz oder gepanzerte Steinwürmer. Finde ich persönlich interessanter zu schreiben und zu lesen.
Und schlußendlich kommt der Punkt der anderen zivilisierte Rassen. Ich finde da macht die Fantasy eigentlich den besten Job, wenn sie mal von den üblichen Tolkien Elfen und Co abweichen. Mit einer Ausnahme, wo sich bei mir die Nackenhaare aufstellen. Gemeint sind Völker mit homogener Rassenmeinung (außer es sind Schwarmintelligenzen). Wenig holt mich schneller aus einem Fantasybuch heraus als ein Volk von Elfen, die allesamt total naturverbunden sind. Wo sind die bockigen Teenager? Die Ausreißer und Kulturversager und Kulturverneiner? Sowas verleiht für mich Tiefe. Oft aber lese ich von Völkern die genausogut eine einzelne Person sein könnten, weil sie alle identisch denken. Schade.

/edit 273: Heiligsblechle, ich sollte um die Uhrzeit nicht mehr posten. Falls etwas seltsam ist, gebt dem Schlafmangel die Schuld.  ;D
Embrace the weaver of obsidian dreams under opportune skies.

Galén Pahlenorth

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Re: Phantastische Kreaturen
« Antwort #31 am: 28. Januar 2016, 10:15:05 »
Ich habe jetzt nicht jeden einzelnen Post gelesen, kann mich jedoch in einigen, der hier vertrenden Sichtweisen wiederfinden.

Zum Einen deutlich in Mithras Denkweise (ich schätze, da spricht bei uns beiden der Naturwissenschaftler aus uns ;D). Ich habe einen großen Faible für Biologie und Evolution. Darum gibt es in meiner Welt auch eine Evolutionsgeschichte: Wenn ein bestimmtes Volk, eine humanoide Rasse, einen stark ausgeprägten Kieferbau und spitze Zähne besitzt, dann hat das einen ganz bestimmten Grund. Ob ich diesen in meiner Geschichte dann auch wirklich deutlich auslegen werde, bezweifele ich jedoch! Solch eine Ausführung gehört für mich nicht in eine phantastische Epik (aber das ist natürlich nur meine Meinung). Trotzdem mache ich mir Gedanken darum:
In welchem Klima, welcher Umgebung lebt die Rasse? Mit welchen Randbedingungen ist sie konfrontiert und welche charakteristischen Merkmale und besondere Fähigkeiten kann ich für sie daraus folgern?
Doch wie gesagt, ist das eher ein interessanter Hintergrund des Großen und Ganzen für mich selbst - wenn dem Leser das auffallen sollte, schön, dann freut er sich vielleicht daran so sehr, wie ich es tun würde. Ansonsten bleibt es aber im Hintergrund.

Desweiteren mag ich es nicht, zu viele Dinge einfach mit Magie zu erklären. Da machen es sich einige Schriftsteller, meiner Meinung nach, einfach zu einfach - mir gefällt es zum Beispiel, wenn magiebegabte Wesen, nicht einfach nur ihre Magie wirken können, sondern, wenn da ein bestimmtes System hinter der Magie steckt und eine Geschichte, wie diese Form von Magie in die Welt kam.

Zur gleichen Zeit bin ich aber auch der Meinung, wie viele andere hier auch: Fantasy darf ruhig fantasievoll sein und nicht zu wissenschaftlich! Das bedeutet für mich:
Magie mit System, Struktur und Entstehungsgeschichte, absolut, ja! Aber wenn es dann am Ende heißt "Ursprünglich speißte sich die Anfangsform der Magie aus dem allmächtigen Kristall der zehn Elemente, der im Großen Krieg X zerstört ward. Darauf zerbarst der Kristall in eintausend Splitter, die sich auf den Welten verteilten...und so weiter" dann ist das völlig okay für mich! Wirklich wissenschaftlich ist das natürlich auch nicht, aber ich habe dann das Gefühl, der Autor hat sich Gedanken gemacht.
Selbiges gilt auch für die verschiedenen Völker: Für mich dürfen sie auch (in einer Welt, welche der unseren mit ihren Naturgesetzen ähnelt) unrealistische Züge bekommen - solange es nicht einfach nur so ist, um sie möglichst ausgefallen und fantasievoll zu gestalten, sondern wenn ich einen gewissen Sinn dahinter entdecken kann. :)

Offline Elona

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Re: Phantastische Kreaturen
« Antwort #32 am: 30. Januar 2016, 15:42:40 »
So, hier wären wir. 

Meine vorherige Fragestellung:
Zitat von: Aurora
So meine Fragen:
Was ich mich jedoch dem Letzt gefragt habe, als ich auf unsere bekannte Flora und Fauna zurückgegriffen habe: Ist es nicht irgendwie doof, wenn in einer Fantasywelt ein Rotkehlchen vorkommt? Wäre es dann nicht besser eine Art zu erschaffen? Wie seht ihr das? 
Nach Aussage von Dämmerunghexe (danke dafür) wollte ich es zuerst so lassen und habe mich nun der Atmosphäre wegen dagegen entschieden.
Sinn des Vögleins in der Geschichte ist überhaupt den einen Prota zu charakterisieren. Er ist aufgrund des Gesangs in der Lage den Vogel zu erkennen.

Jetzt habe ich mich dazu entschieden zwei, drei bekannte Vögel aufzuzählen und dann den erdachten (vorherige Rotkehlchen). Der Leser wird aus dem Zusammenhang wissen, dass es ein Vogel sein muss.
So habe ich dann den Mittelweg zwischen Bekannten und Eigenständigkeit, wie Dämmerungshexe schrieb, geschlagen.   

Eure Meinung dazu?   :)
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Offline Tigermöhre

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Re: Phantastische Kreaturen
« Antwort #33 am: 30. Januar 2016, 17:29:46 »
Die Frage nach dem Rotkehlchen ist ja auch, warum soll es diesen anderen Vogel geben? Und wenn du 2-3 andere bekannte Vögel aufzählst, warum ist dann ausgerechnet das Rotkehlchen doof?
Falls der Vogel noch wichtig wird, kann es sinnvoll sein, eine neue Art zu erfinden. Falls er nie wieder erwähnt wird, würde ich es wahrscheinlich lassen, und beim Rotkehlchen (oder einer anderen realen Art, wenn dir der Name besser gefällt) bleiben.
      Damals, als wir noch jung und unschuldig waren - jetzt sind wir nur noch und.

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