0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

  • Drucken

Autor Thema: Entwicklung am deutschsprachigen Fantasymarkt  (Gelesen 11495 mal)

Offline canis lupus niger

  • Forengott
  • *****
  • Beiträge: 969
  • Geschlecht: Weiblich
  • Tintenzirkel Rulez!!!
    • canis lupus niger
Re: Entwicklung am deutschsprachigen Fantasymarkt
« Antwort #105 am: 25. August 2016, 21:05:20 »
Wenn ich sage "Manchmal treffe ich auch der Autobahn auf verantwortungslose Vollidioten" - wäre das dann auch eine Beleidigung für alle Autofahrer?
Ein bisschen hast Du mir schon meine Aussage im Mund verdreht. Im Interview hieß es:
Zitat
Wir brauchen Autoren die schreiben können. Wir sind weder Schreibwerkstatt noch Schreibschule, sondern müssen Bücher verkaufen. Deutsche Autoren haben in manchen Fällen ein handwerkliches Defizit im Vergleich mit amerikanischen.
Und das heißt für mich: Wir haben kein Interesse, deutschen Autoren das Schreiben beizubringen. Wir wollen Geld verdienen, deshalb setzen wir auf amerikanische Autoren, die das schon können.

Auf Dein Beispiel übertragen: Ich setze mich nicht in das Auto eines deutschen Fahrers, weil da die Gefahr größer ist, an einen verantwortungslosen Vollidioten zu geraten.

Ist auch stark vereinfacht, beschreibt aber, warum ich das Interview als Beleidigung deutscher Autoren empfinde. Aber ich will nicht weiter darauf herumreiten, weil ich mich nicht gerne streite. Es handelte sich ja nur, wie ich versucht habe, deutlich zu machen, um meine persönliche Meinung. Jeder Mensch darf dazu herzlich gerne eine andere haben und meine für völligen Blödsinn halten. 

Die einzigen Bücher, die wir gelesen haben und besprechen durften, waren die üblichen Klassiker von Goethe, Schiller, Shakespear, Thomas Mann, Gottfried Keller ... Zeitgenössische durften wir uns nur raussuchen (bei den zwei Gelegenheiten, wo wir eigene Bücher aussuchen durften), wenn es ganz klar offiziell als anspruchsvolle Literatur angesehen wurde.
Wenn ich nicht schon seit meiner Kindheit gerne gelesen hätte, wäre meine Begeisterung fürs Lesen mit dem Deutschunterricht sicher abgetötet worden. Bei einigen Freunden war genau das der Fall. Wenn man Kindern schon in der Schule die Freude am Lesen nimmt, braucht man sich nicht wundern, wenn später so wenige lesen oder gar schreiben.
Hierzu wollte ich gerne noch ein Annekdötchen erzählen, um zu zeigen, dass sich doch inzwischen ein bisschen ändert.

Vor einiger Zeit durfte ich in unserer heimischen Stadtbibliothek eine Lesung zu meiner "canis lupus niger"-Fantasy-Reihe halten. (In der Bibliothek stehen je zwei Exemplare der beiden Bücher und sie sind zwei Jahre lang fast ununterbrochen ausgeliehen gewesen.)

Die Lehrerin meines alten Gymnasiums, die dort für die Schulbibliothek (in der auch je ein Exemplar meiner Machwerke steht) verantwortlich ist, und bei der ich seinerzeit schon Unterricht hatte, war ebenfalls auf der Lesung. Mann, was war ich ihretwegen nervös!
Sie leitet in der Schule u.a. eine Leseclub-AG, in der die verschiedensten Jugendbücher, u.a. Narnia, Krabat und Lapislazuli gelesen werden, um Kindern den Spaß am Lesen zu vermitteln.

Nach der Lesung gab es noch das übliche Gespräch, und die Lehrerin meinte, im Deutschunterricht käme Fantasy ja wirklich ein bisschen kurz, weil die Kern-curricula dafür kaum Zeit ließen. Darauf hab ich ihr geantwortet: "Stimmt, außer an Goethes "Faust" und Kafkas "Die Verwandlung" kann ich mich an keine Fantasy erinnern, die wir damals gelesen hätten." Sie stutzte erst, aber dann haben wir gemeinsam darüber gelacht. 

Offline Sascha

  • Blaustern
  • *****
  • Beiträge: 1.611
  • Geschlecht: Männlich
  • Fettnäpfchensuchgerät
    • Meine Autorenseite
Re: Entwicklung am deutschsprachigen Fantasymarkt
« Antwort #106 am: 26. August 2016, 10:02:10 »
Nach der Lesung gab es noch das übliche Gespräch, und die Lehrerin meinte, im Deutschunterricht käme Fantasy ja wirklich ein bisschen kurz, weil die Kern-curricula dafür kaum Zeit ließen. Darauf hab ich ihr geantwortet: "Stimmt, außer an Goethes "Faust" und Kafkas "Die Verwandlung" kann ich mich an keine Fantasy erinnern, die wir damals gelesen hätten." Sie stutzte erst, aber dann haben wir gemeinsam darüber gelacht.
Ja, da ist was wahres dran. Es wird gerne vergessen, daß auch solche Klassiker, wenn man es genau nimmt, heute unter den Begriff Fantasy fallen müßten. Den gab's damals nur noch nicht so. Und dann die Nibelungensage, mit Drachen, Zwergen, Zauberei usw., alles Fantasy. Warum die dann gerne rundweg als anspruchsloses Unterhaltungszeug abgetan wird …
»Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotenzial in sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen.«
Dalai Lama

Offline FeeamPC

  • Blaustern
  • *****
  • Beiträge: 5.676
  • Geschlecht: Weiblich
    • Machandel-Verlag
Re: Entwicklung am deutschsprachigen Fantasymarkt
« Antwort #107 am: 26. August 2016, 10:21:35 »
Selbst das hochgepriesene Werk der Antike, die Odysee, ist nichts als reinrassige Fantasy. Zauberinnen, Zyklopen, Sirenen und was noch alles.
Aladdin und die Wunderlampe- Fantasy. Shapespeares Sommernachtstraum - Fantasy. Mozarts Zauberflöte - Fantasy.
   Biete für werdende Hexen folgende Kurse:
Giftmischen für Anfänger
Dämonenwelten für Fortgeschrittene
Total schräge Fantasie-Plots für Experten

Offline Maubel

  • Blaustern
  • *****
  • Beiträge: 3.512
  • Geschlecht: Weiblich
    • Janna Ruth
Re: Entwicklung am deutschsprachigen Fantasymarkt
« Antwort #108 am: 26. August 2016, 10:34:15 »
Ja, das ist wirklich spannend, wie lange es dieses "neue" Genre doch gibt. Von Märchen und Sagen wollen wir gar nicht mal anfangen. Die Leute mochten eben schon immer fantastische Geschichten und das Argument, die glaubten das wirklich, greift auch nicht immer. Manches vielleicht, aber sicher nicht alles. Dass Shakespeare oder Faust kein Realismus sind, war sicher auch den Leuten, die es damals gelesen haben klar.
Aber das sind eben alte Klassiker und lässt sich doch gar nicht mit dieser Unterhaltungsliteratur von heute vergleichen - Vorsicht, Ironie. So würde aber wahrscheinlich argumentiert, schließlich hat Faust da so wichtige Motive etc drin, die man sezieren kann. Was vielen nicht auffällt, ist, dass auch die angebliche Unterhaltungsliteratur oft mit Metaphern, Bildern, Motiven und vielem mehr arbeitet. Für mich ist die Fantasy zumindest nur ein buntes Kleid, dass ich meiner Geschichte angezogen habe, damit sie eben unterhält und nicht dröge und schwer zu verdauen ist.

In dieser Aussage von wegen Klassiker etc versteckt sich übrigens wieder dieser Kunstanspruch der Deutschen. Hoch gefeiert werden hier Romane, die schwere Kost sind und die wahrscheinlich der gewöhnliche Leser Mühe hat sich überhaupt damit zu identifizieren. Hauptsache, es ist schön kritisch (so übrigens auch im Vergleich deutsche Filme/Serien vs englische Filme/Serien). Die Deutschen sind in vieler Hinsicht sehr konservativ und das spiegelt sich eben in solchen Entscheidungen wieder, nur etablierte Autoren zu nehmen. Diejenigen haben sich eben schon bewiesen und etwas Neues hat es immer schwierig.

Offline Franziska

  • Blaustern
  • *****
  • Beiträge: 4.358
  • Geschlecht: Weiblich
    • celiajansson
Re: Entwicklung am deutschsprachigen Fantasymarkt
« Antwort #109 am: 26. August 2016, 12:29:29 »
Das ist alles interessant, führt jetzt aber wirklich sehr weit vom Thema ab.  ;)

Ich denke, man darf das Interview nicht so nehmen, dass alle Verleger so denken. Deshalb habe ich ja auch erwähnt, welche Bücher deutscher Autoren demnächst erscheinen und dass mich viele davon interessieren.


Ich weiß gar nicht mehr, ob ich das schon irgendwo gepostet hatte. Ich hatte mir ja mal angeguckt, wie viel von deutschen Autoren wirklich erscheint. Die Zahlen sind von den letzten 10 Jahren von Amazon. Dass heißt wahrscheinlich nicht ganz genau, da einige Bücher gar nicht mehr verfügbar sind. Aber ich denke doch, schon aussagekräfitg.

Die erste Zahl sind die Gesamtzahl der erschienenen Fantasybücher, die zweite die von deutschen Autoren.

Knaur: 40 /90   von 21 Autoren= 44%
Piper: 177/520 von  26 Autoren= 34 %
Lübbe: 60/350? von 14 Autoren =17 %
Blanvalet: 47/540   von 11 Autoren=  8,7 %
Heyne: 89/660 von 30 Autoren= 13 %
Goldmann:  18 /160 von 3 Autoren= 11 %
Klett-Cotta: 8/130 von 5 Autoren = 6 %
rowohlt: 6/38 von 4 Autoren =15 %

Online Charlotte

  • Victoria-Versicherung
  • Blaustern
  • *****
  • Beiträge: 4.334
  • Gaiety Girl & Grüne Fee
    • Gaiety Girl
Re: Entwicklung am deutschsprachigen Fantasymarkt
« Antwort #110 am: 26. August 2016, 13:00:47 »
Ich würde jetzt auch moderne Fantasy nicht mit Klassikern der Schauer-, Gothic- und Romantikliteratur vergleichen, wenn ich ehrlich bin. Nicht, weil die Klassiker so viel besser und toller sind, sondern, weil man da zwar den Anfang der Fantasy suchen kann, aber die übernatürlichen Elemente komplett anders eingesetzt werden. Mephistopheles ist ja nicht einfach der Teufel, weil Goethe Fantasy über den Teufel schreiben wollte. Diese Symbolik hat moderne Fantasy oft (manchmal natürlich aber schon) nicht mehr, da ist ein Teufel einfach ein Teufel. Darüber sollte man jetzt keine Wertung vornehmen was besser und "wertvoller" ist, aber der Vergleich hinkt meiner Meinung nach. Phantastik um der Phantastik willen gab es damals nämlich auch schon, die liest man aber auch nicht in Schulen, obwohl alt, und zwar wohl aus denselben Gründen, weshalb moderne Fantasy es nicht auf den Lehrplan schafft. Nicht "anspruchsvoll" genug.

Franziska: Cool, sehr spannend! Ich finde besonders interessant, dass Knaur und Piper mit so viel Abstand vorne liegen, was deutsche Autoren betrifft. Hast du dir vielleicht irgendwo vermerkt, ob die deutsche Fantasy über die zehn Jahre ab- oder zugenommen hat?
"You know life isn't always like the end of your novels
All things might wind up but they always unravel"
The Lady Is Risen - Johnny Flynn

Offline Franziska

  • Blaustern
  • *****
  • Beiträge: 4.358
  • Geschlecht: Weiblich
    • celiajansson
Re: Entwicklung am deutschsprachigen Fantasymarkt
« Antwort #111 am: 26. August 2016, 13:06:06 »
Nein, das war mir dann doch zu aufwändig. Ich habe aber das Gefühl, dass es gerade eher zunimmt.

Offline Zitkalasa

  • Blaustern
  • *****
  • Beiträge: 4.081
  • Geschlecht: Weiblich
  • Fuchs im Federkleid
    • 50kwords
Re: Entwicklung am deutschsprachigen Fantasymarkt
« Antwort #112 am: 26. August 2016, 13:18:17 »
Waren bei den Autoren Dopplungen dabei, also dass ein Autor in verschiedenen Verlagen veröffentlicht hat? Für zehn Jahre finde ich die Anzahl doch sehr mager, gerade im Kontext wie viele Bücher überhaupt jedes Jahr allein veröffentlicht werden. Das sind 112 Autoren. Das wäre vielleicht der harte Kern des TiZi, unsere tatsächliche Mitgliederanzahl ist ja dreimal so groß. Und dann 90% handverlesen. Da ist es echt utopisch heutzutage in einem Publikumsverlag unter zu kommen.
"Be strong in the moments where you want to be weak cause life itself is worth living for. If you are not living the life that you want, you fight for that life." by Jensen Ackles"Wear your heart on the page, and people will read to find out how you solved being alive."
by Gordon Lish

Offline Alana

  • Die Listenreiche
  • Blaustern
  • *****
  • Beiträge: 13.765
  • Geschlecht: Weiblich
  • Je größer der Mann, desto geiler sein Mantel.
    • Alana Falk
Re: Entwicklung am deutschsprachigen Fantasymarkt
« Antwort #113 am: 26. August 2016, 13:23:45 »
Oh spannend, danke, Franziska. Ja, Knaur veröffentlicht im gesamten Programm viele deutsche Autoren und einige der erfolgreichsten Bestseller- und Midlistautoren bei Knaur sind Deutsche, was ich sehr erfreulich finde.


Offline Franziska

  • Blaustern
  • *****
  • Beiträge: 4.358
  • Geschlecht: Weiblich
    • celiajansson
Re: Entwicklung am deutschsprachigen Fantasymarkt
« Antwort #114 am: 26. August 2016, 13:36:36 »
@Zit: ja, das sind ca. 100 deutsche Autoren. Aber nicht alle davon veröffentlichen immer noch. Es gibt einige, da erschien mal ein Buch oder zwei und dann wars das. Ob sie das Pseudonym gewechselt haben oder ganz aufgehört, weiß ich natürlich nicht. Daher poste ich hier ja auch immer wieder Debutautoren. Ich finde die Anzahl der Debuts eigentlich erstaunlich hoch. Daher würde ich nicht sagen, dass es utopisch ist, bei einem großen Verlag zu landen.
Und da sind ja auch keine Jugendbücher dabei, die werde ich mir irgendwann nochmal extra angucken.
Aber ich finde auch, gerade was ebooks betrifft und High Fantasy, da erscheint nicht so viel von großen Verlagen. Daher können da Kleinverlage und SPler durchaus mithalten. Im Buchladen verkaufen sich insgesamt mehr Bücher, aber was so alles abseits der Großverlage erscheint ist schon recht viel und teilweise ja auch sehr erfolgreich. Ich habe da jetzt ca. 550 Bücher gepinnt:
https://de.pinterest.com/celiajansson/deutsche-fantasy-b%C3%BCcher/

Offline Franziska

  • Blaustern
  • *****
  • Beiträge: 4.358
  • Geschlecht: Weiblich
    • celiajansson
Re: Entwicklung am deutschsprachigen Fantasymarkt
« Antwort #115 am: 08. Mai 2017, 23:47:23 »
Ich habe mir mal wieder die Neuerscheinungen angesehen. Und da wir hier ja immer wieder diskutieren, die Verlage würden keine deutschen Autoren nehmen und immer nur das gleiche veröffentlichen, ich finde das eigentlich gar nicht.
In diesem Jahr gibt es wieder einige Debuts bei großen Verlagen. Auch einige von in der Kleinverlagsszene bekannten Autoren. Es scheint also schon möglich zu sein, vom kleinen zum großen Verlag zu kommen. Da scheinen Verlage durchaus mitzubekommen, zum Beispiel hat die Autorin, die den Fantasy Indie Autoren Preis gewonnen hat ihr Buch im Print bei Knaur.
Die Bücher: vor allem "klassische" High Fantasy. Auch wieder im Trend: Völkerromane. Aber auch einige Bücher, die mich von der Beschreibung ansprechen. Klassisch, aber interessante Plots oder Figuren laut der Klappentexte. Auch von den eingekauften übersetzten Büchern finde ich es durchaus gut gemischt.
Was ich auch interessant finde: zwei originelle Dystopien als Debuts.

  • Drucken