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Autor Thema: Anako... was? Oder: Wie ungebildet darf eine Figur sein?  (Gelesen 126 mal)

Offline Feuertraum

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Anako... was? Oder: Wie ungebildet darf eine Figur sein?
« am: 11. Oktober 2017, 19:04:04 »
Einen wunderschönen Guten Abend,

bei meiner Frage geht es weniger um ein konkretes Problem als vielmehr um eine Frage der Neugier.
Vor Kurzem lernte ich ein neues Wort - Anakoluth - was als "Bruch des Satzbaus bzw. Abbruch bei einem begonnenen Satz" definiert wird, allerdings auch als rhetorisches Stilmittel.
Es werden drei Arten eines Anakoluth unterschieden:
1) Der Abbruch mitten in einem Satz (z.B. "Eigentlich dachte ich ..."; Ihre Stimme versagte.
2) Die Verbesserung: "Ich bin ... war lange Jahre mit ihm befreundet".
3) Der grammatikalische Stilbruch: "Es ist zwar teurer. Und klein."

Der dritte Punkt wurde sehr gerne von Ernst Bloch eingesetzt, der diese Stilfigur deswegen schätzte, weil sie "der Realität nahekommt", was die Sprache des einfachen Mannes eingeht.
Und die Realität, dass ist nun ein Punkt, der mir einige Fragen liefert:
Wie viel Wörter darf man einer Figur einflößen? Wie viel Wissen darf er haben? Wie dumm/klug darf oder sogar muss er sein? Wie würden Sie den 3. Punkt bei diesem Stilmittel einsetzen?
Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich es eher verurteile, wenn man als Faustregel nimmt: Hauptschule = geringes Wissen und Wortschatz, Gymnasium = viel Wissen, sehr großer Wortschatz. Auch das soziale Umfeld ist nicht unbedingt der Maßstab für mich.
Dennoch drängt sich mir da die nächste Frage auf, ob es dem Leser sauer aufstößt, wenn der "Unterschichtler" statt "Proletendeutsch" sich mit anderen auf höherem Niveau unterhalten kann, vielleicht auch recht belesen ist, einfach deshalb, weil es nicht die Erwartungen erfüllt, die man vielleicht in seinem Kopf in die Schublade gesteckt hat (ich selbst hatte schon mal das Vergnügen, dass ich von einem Menschen "angeschnauzt" wurde, weil ich schon ein bisschen mehr weiß, dieses seiner Meinung aber nicht wissen dürfte, weil ich ja nur "ein einfacher Verkäufer sei").

Wie händeln Sie das ganze?
Neugierige Grüße
Feuertraum
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Offline Trippelschritt

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Re: Anako... was? Oder: Wie ungebildet darf eine Figur sein?
« Antwort #1 am: 11. Oktober 2017, 19:30:00 »
Jede Figur darf alles. Es ist ja meine Geschichte.

Liebe Grüße
Trippelschritt
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Offline canis lupus niger

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Re: Anako... was? Oder: Wie ungebildet darf eine Figur sein?
« Antwort #2 am: 11. Oktober 2017, 19:32:43 »
Dass die Sprache eines Charakters seinem Bildungsniveau, bzw. sozialen Umfeld angepasst wird, ist eine Notwendigkeit, wenn man diesen Charakter realistisch zeichnen will.

Dass ein Hauptschüler (um den Schulbesuch mal als Synonym für ein bestimmtes soziales Umfeld zu verwenden) mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit einen anderen Wortschatz hat als ein Gymnasiast, ist ebenfalls - zumindest nach meiner Erfahrung -  ganz einfach realistisch. Das hat für mich nichts mit einer menschlichen Wertigkeit der Charaktere zu tun, sondern einfach damit, mit wem sie üblicherweise kommunizieren, und wie. Das bedeutet nicht, dass alle Menschen mit einem höheren Schulabschluss sich gewählt und rhetorisch gekonnt ausdrücken. Das bedeutet einfach, dass sie gelernt haben sich auf eine bestimmte Weise ausdrücken zu können. Ein Gymnasiast kann trotzdem seine Freizeit mit Menschen verbringen, die sich ungeschickter, ungebildeter ausdrücken, beispielsweise "Kanak-Sprak" sprechen, bzw. die einen geringeren Wortschatz besitzen - aus welchen Gründen auch immer. Dieser "gebildete" Gymnasiast würde sich seinen Leuten sprachlich anpassen, weil die ihn sonst ziemlch schnell ausgrenzen würden. Er würde also einen geringeren Wortschatz verwenden, um verstanden zu werden, nicht weil er diesen nicht besitzt. Genauso kann ein "Hauptschüler" lernen, in ganzen Sätzen zu sprechen, eventuell seinen Wortschatz zu erweitern, weniger Fäkalausdrücke und Schimpfworte zu verwenden und korrektes Deutsch zu sprechen, wenn er sich in einer entsprechenden Umgebung etablieren will.

Sprache ist ein Können, das nicht nur gelernt, sondern auch angewendet werden will, um beherrscht zu werden. Die Schule ist nur ein Weg, um dieses Können und Wollen zu erwerben.

Und dass jemand ein geringes Bildungsniveau inclusive einem geringeren Wortschatz besitzt, macht ihn nicht zu einem geringerwertigen Menschen. Und umgekehrt ist ein gebildeter Mensch mit großem Wortschatz keineswegs ein besserer Mensch. Mein jüngerer Bruder hat "nur" einen Hauptschulabschluss erreicht und bei Gesprächen mit ihm muss ich manchmal wirklich zwei Stufen herunterschalten. Trotzdem hat er ein Herz aus Gold und ist ein liebevoller Ehemann und Vater für eine gemeinsame und zwei Stieftöchter. Ich kenne aber auch hochgebildete und hochintelligente Menschen, die einfach nur Ar***löcher sind.

Eine Figur darf und muss so ungebildet sein, wie ihre Rolle in der Geschichte es erfordert und verträgt.
 

Online Zitkalasa

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Re: Anako... was? Oder: Wie ungebildet darf eine Figur sein?
« Antwort #3 am: 11. Oktober 2017, 19:37:21 »
Über die Frage wie gebildet oder ungebildet Figuren sein sollten, müsste ich für mich nochmal nachdenken. Allerdings hätte ich eine Frage: Wo ist da der Zusammenhang zum zuvor beschriebenen Anakoluth? Ist der Eröffnungspost selbst ein Anakoluth? Man sieht, ich bin verwirrt. :versteck:
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Offline Churke

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Re: Anako... was? Oder: Wie ungebildet darf eine Figur sein?
« Antwort #4 am: 11. Oktober 2017, 19:52:49 »
Brecht war Kommunist, also zweifellos dünkelfrei, und der bedeutendste deutsche Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Wahrscheinlich das beste Vorbild, an dem man sich orientieren kann.

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich es eher verurteile, wenn man als Faustregel nimmt: Hauptschule = geringes Wissen und Wortschatz, Gymnasium = viel Wissen, sehr großer Wortschatz. Auch das soziale Umfeld ist nicht unbedingt der Maßstab für mich.
Der grammatische Stilbruch hat nicht unbedingt mit dem Bildungsniveau zu tun. Anakoluthe wie Fall 3 sind fester Bestandteil der gesprochenen Sprache. Wenn Sie darauf achten, werden Sie auch Professoren dabei erwischen, dass sie Sätze anders beenden als sie sie begonnen haben. Zu einem Gutteil mag das auch daran liegen, dass der Denkprozess während des Sprechens noch nicht abgeschlossen ist. Im Alltag merkt man das meist nicht, weil es unser Gehirn auslöscht. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass derlei Fehler bei gebildeten Sprechern häufiger auftreten, weil diese sich in komplexeren Sätzen ausdrücken.
Aus genannten Gründen ist es aber unsinnig, das 1:1 in die geschriebene Sprache übernehmen wollen, weil es sich lächerlicher liest als es klingt. Denken Sie mal an die berühmten Versprecher von Edmund Stoiber zurück. Gedruckt wirkt das wie ein dämliches Gestotter. Als Redner nannte man ihn das blonde Fallbeil. Wenn Sie ihm als Autor gerecht werden wollen, müssen Sie ihn als das Fallbeil rüber bringen. 
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Offline Witch

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Re: Anako... was? Oder: Wie ungebildet darf eine Figur sein?
« Antwort #5 am: 13. Oktober 2017, 12:28:07 »
Ich denke, wie gebildet oder ungebildet eine Figur sein sollte oder "darf", hängt von der Geschichte ab. Wenn deine Geschichte es erfordert, warum nicht? Für mich ist das keine Frage von "dürfen", sondern die Frage, welche Geschichte ich erzählen will.

Zitat
Und dass jemand ein geringes Bildungsniveau inclusive einem geringeren Wortschatz besitzt, macht ihn nicht zu einem geringerwertigen Menschen. Und umgekehrt ist ein gebildeter Mensch mit großem Wortschatz keineswegs ein besserer Mensch. Mein jüngerer Bruder hat "nur" einen Hauptschulabschluss erreicht und bei Gesprächen mit ihm muss ich manchmal wirklich zwei Stufen herunterschalten. Trotzdem hat er ein Herz aus Gold und ist ein liebevoller Ehemann und Vater für eine gemeinsame und zwei Stieftöchter. Ich kenne aber auch hochgebildete und hochintelligente Menschen, die einfach nur Ar***löcher sind.

Genau. Und deshalb @Feuertraum, denke ich nicht, dass das den Lesern zwangsläufig aufstösst. Es kann ja auch sehr interessant sein, mit diesen Dingen kann man spielen. Ich lese gerne Sachen, wo mit solchen gesellschaftlichen Vorstellungen gespielt wird. Als Autor ist man frei, man kann machen, was man will, solange es glaubwürdig dargestellt ist. Leute, die daran Anstoss nehmen, sind dann eben nicht ihre Zielgruppe.  ;)
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Offline Miezekatzemaus

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Re: Anako... was? Oder: Wie ungebildet darf eine Figur sein?
« Antwort #6 am: 13. Oktober 2017, 13:22:30 »
Meine Figuren dürfen so viel wissen, wie ich es selbst gern lese. Ich habe selbst große Schwierigkeiten damit, beispielsweise einen Dialekt auf Dauer zu lesen, nicht, weil ich ihn nicht verstehe, sondern, weil ich es unglaublich ermüdend finde, wenn alles permanent falsch aussieht, und für mich sehen viele Dialekte schriftsprachlich falsch aus. (Das hatte ich ganz extrem bei House of Nights, eine Figur hat da einen starken Dialekt oder Akzent, ich bin nicht ganz sicher, jedenfalls kam der auch in der Übersetzung mit und da die Figur ziemlich wichtig war, habe ich die Bücher irgendwann weggelegt, weil ich das so wenig mochte.)
Generell mag ich es nicht, wenn Figuren falsch sprechen. Wenn ich schreibe, achte ich darauf, die Grammatik korrekt anzuwenden, völlig egal, um was für eine Figur es sich handelt - einfach, weil es mich selbst beim Lesen unheimlich stört, wenn Figuren gewollt falsch sprechen.
Was die von Ihnen genannten Beispiele angeht: Den ersten Punkt nutze ich sehr gern, er dient mir als Stilmittel, wenn eine Figur zum Beispiel den Tränen nah ist. Auch die Verbesserung finde ich noch in Ordnung. (Sowas kommt bei mir allerdings in der Form am ehesten vor, wenn über Verstorbene gesprochen wird, zum Beispiel in Krimis, also in Richtung von "Er ist ... er war ein guter Mann." Wenn der Figur ihr Fehler aber selbst auffällt und sie ihn verbessert, finde ich das in Ordnung, solange das nicht bei jedem zweiten Satz passiert.
Die dritte Form benutze ich nicht, glaube ich, weil ich, wie oben schon erläutert, Wert darauf lege, dass mich die Sprache der Figuren beim Lesen nicht stört.
    Wenn du heute aufgibst, wirst du nie wissen, ob du es morgen geschafft hättest.

Offline Churke

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Re: Anako... was? Oder: Wie ungebildet darf eine Figur sein?
« Antwort #7 am: 13. Oktober 2017, 14:05:43 »
Dennoch drängt sich mir da die nächste Frage auf, ob es dem Leser sauer aufstößt, wenn der "Unterschichtler" statt "Proletendeutsch" sich mit anderen auf höherem Niveau unterhalten kann, vielleicht auch recht belesen ist, einfach deshalb, weil es nicht die Erwartungen erfüllt, die man vielleicht in seinem Kopf in die Schublade gesteckt hat

Da stellt sich mir die Frage, was Sie damit bezwecken. Figuren sollen regelmäßig ein konkretes Milieu oder soziales Umfeld repräsentieren.
Bezogen auf die Fantasy sind das Kategorien wie Bauer/Adeliger/Kleriker/Magier und so weiter.
Wenn Sie den Adeligen wie einen Bauern reden lassen, den Bauern wie einen Adeligen und den Barbaren wie einen Philosophen, dann fallen Ihre Figuren aus dem Milieu. Sie sind nicht mehr repräsentativ.
Das kann gewollt sein, aber wenn es nicht gewollt ist, dann wird Ihre Geschichte davon wahrscheinlich nicht profitieren.
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- Ammianus Marcellinus

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