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Die Balance zwischen stark und schwach

Begonnen von HauntingWitch, 05. Oktober 2017, 13:04:02

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HauntingWitch

Weil wir es im Thread über Romance mit starken Frauen davon hatten, möchte ich einen Punkt ansprechen, der mich in letzter Zeit beschäftigt. Was starke und schwache Figuren ausmacht, wurde in anderen Threads ausführlich diskutiert. Aber: Wie hält man die Balance? Eine starke Figur soll ja auch mal schwach sein können und eine schwache Figur soll auch mal Stärke zeigen dürfen. Aber das hinzukriegen, ohne dass die Figur gleich wie ein umgekehrter Handschuh wirkt oder als hätte sie beschlossen, plötzlich jemand völlig anderes zu sein, finde ich sehr schwierig.

Sagen wir z.B. eine starke Figur ist in einer bestimmten Situation unsicher. Wie zeigt man das, ohne dass ihre Stärke dadurch ausgehebelt wird? Beziehungsweise wie präsentiert man die Figur in der Geschichte sonst, damit diese Situation eben nicht diesen Umkehr-Effekt hat.

Wo ist die Grenze und wie findet man den Ausgleich? Optimal wäre natürlich, wenn z.B. die starke Figur in der Situation der Schwäche immer noch insgesamt stark rüberkommt, aber wie stellt man das an? Oder reicht es, zu wissen, dass die Figur eigentlich sonst stark ist, aber diese Situation sie einfach so sehr verunsichert?

Was habt ihr für Erfahrungen damit gemacht? Wie handhabt ihr das? Was ist euch beim Schreiben und beim Lesen solcher Szenarien wichtig?

Lothen

ZitatSagen wir z.B. eine starke Figur ist in einer bestimmten Situation unsicher. Wie zeigt man das, ohne dass ihre Stärke dadurch ausgehebelt wird? Beziehungsweise wie präsentiert man die Figur in der Geschichte sonst, damit diese Situation eben nicht diesen Umkehr-Effekt hat.

Ich finde, genau das macht doch einen realistischen Charakter aus. Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen, die sich in ganz anderen Bereichen manifestieren können.

Ein Charakter kann ein toller, tapferer Kämpfer, aber sozial unbeholfen bis ängstlich sein und sich in wichtigen Unterhaltungen total ungeschickt verhalten.

Ein anderer ist extrem intelligent und durchsetzungsfähig, hat aber Angst, nachhause zu gehen, weil dort seine kaputte Familie wartet.

Oder ein Charakter ist ein hervorragender Analytiker, körperlich aber total unfit und in Auseinandersetzungen zieht er den Kürzeren.

Ich sehe an diesen Gegensätzen gar keine Unstimmigkeiten, im Gegenteil. Ich glaube auch nicht, dass das beliebig oder inkonsistent wirkt, wenn der Charakter so eingeführt und seine Stärken und Schwächen angemessen repräsentiert werden.

Außerdem hat man ja, wenn aus dem POV des Charakter erzählt wird, immer die Möglichkeiten, das Innenleben darzustellen. Nur, weil eine Figur sich nach außen stark zeigt, kann sie im Inneren trotzdem zweifeln und am Ende über diese Zweifel triumphieren. Dann wirkt sie zwar energisch, aber trotzdem menschlich.

cryphos

#2
Was man von starken Persönlichkeiten sieht ist meist nur die Fassade und ihr Auftreten, also ihre äußere Haltung.
Die innere Haltung kann davon sehr stark abweichen. Hier kann ein starker Konflikt zwischen Fühlen und Handeln schwelen. Entscheidungen können nachträglich angezweifelt oder als schlecht bewertet werden.

Als Autor kann man aber beide Seiten, innere und äußere Handlung,  beschreiben und sogar die scheinbare Stärke als Schwäche entlarven.

Wenn wegen des Erzählstils auf die innere Sicht nicht zugegriffen werden kann, kann man dennoch den inneren Konflikt andeuten.

Beispiel aus dem realen Leben: Ein Geschäftsführer ist sehr schnell ins einen Entscheidungen und verteidigt eisern seine Entscheidungen und sein Revier. Fehler werden immer erst bei den anderen gesucht und gefunden und diese werden dann auch direkt (und lautstark) angegriffen. Ein sehr dominates Auftreten, kein Anzeichen von Schwäche tritt zu Tage. Wenn der Angegriffene sich aber mit Fakten wehrt und damit belegen kann, dass der Fehler ganz wo anders liegt und Hilfstellungen anbietet um den Fehler zu beheben schwindet das dominante Auftreten und der Geschäftsführer bittet um Rat. Im folgenden nimmt der Geschäftsführer eine wesentlich schwächere Position ein. Ausgedrückt durch Auftreten, Sprache und Handlung.

Den inneren Konflikt sprechen wir im Beispiel oben gar nicht an, aber die Auswirkungen sind sichtbar.
Hilft dir das weiter?

canis lupus niger

#3
Zitat von: Lothen am 05. Oktober 2017, 13:13:19
Ich finde, genau das macht doch einen realistischen Charakter aus. Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen, die sich in ganz anderen Bereichen manifestieren können.

Genau das ist auch meine Meinung. Niemand kann alles und ist immer stark.
Starke Persönlichkeit haben auch Fehler und Schwächen, sind sich ihrer bewusst und versuchen, damit umzugehen, sie zu überwinden und ihre Ziele trotzdem zu erreichen, selbst wenn sie sich dabei vor Angst übergeben müssen. Schwache Persönlichkeiten reden sich ein, keine Fehler zu haben/zu machen und das, was nicht gelingt, ist die Schuld Anderer oder der Umstände. Nicht keine Schwächen zu haben, ist Stärke, sondern die Art, wie man mit seinen Schwächen umgeht.

Churke

Zweifel ist eine Voraussetzung, um weise Entscheidungen zu treffen.
Was den starken vom schwachen Charakter unterscheidet, ist die Art, mit seinen Zweifeln umzugehen.
Kann er sie überwinden? Gibt er ihnen nach? Und was ist, wenn die Zweifel an ihn herangetragen wurden, um ihn zu manipulieren?

Sascha

Zitat von: cryphos am 05. Oktober 2017, 13:34:37
Beispiel aus dem realen Leben: Ein Geschäftsführer ist sehr schnell ins einen Entscheidungen und verteidigt eisern seine Entscheidungen und sein Revier. Fehler werden immer erst bei den anderen gesucht und gefunden und diese werden dann auch direkt (und lautstark) angegriffen. Ein sehr dominates Auftreten, kein Anzeichen von Schwäche tritt zu Tage. Wenn der Angegriffene sich aber mit Fakten wehrt und damit belegen kann, dass der Fehler ganz wo anders liegt und Hilfstellungen anbietet um den Fehler zu beheben schwindet das dominante Auftreten und der Geschäftsführer bittet um Rat. Im folgenden nimmt der Geschäftsführer eine wesentlich schwächere Position ein. Ausgedrückt durch Auftreten, Sprache und Handlung.
Öhm ... :hmmm: Ich finde ja das vermeintlich starke Verhalten eher schwach. Wer Fehler immer erst bei anderen sucht und die runterputzt, ist ein Schwächling.
Fehler zugeben und Rat annehmen, das ist ja erst Stärke.

Ansonsten schließe ich mich Lothen an: Es gibt niemanden, der nur Stärken oder nur Schwächen hat. Die Verteilung mag unterschiedlich sein und die Wahrnehmung (auch durch einen selbst) ebenso, manchmal muß man nach einer Seite ziemlich suchen, aber da ist immer beides.
Na gut ... bei manchen Typen frage ich mich, wie gut man seine Stärken eigentlich verstecken kann ...

Carolina

Für mich machen starke Charaktere aus, dass sie das Problem, das ihnen der weise, konfliktsuchende Autor stellt, an den Ohren packen. Sie mögen dabei nicht immer geschickt sein, aber sie stellen sich ihrem Schicksal.
Schwache Charaktere werden vom Setting und von den anderen Charakteren durch das Buch getrieben.

Eine Stärke kann eine Schwäche sein und umgekehrt. Das hängt auch vom Umfeld ab. Ein aggressiver Charakter wird wohl in einer Soldateneinheit eher als stark wahrgenommen, während er in einer Kneipe sicher nicht gern gesehen ist und man eher denkt, er sei ein hirnloser Idiot.

Amanita

Hier wurden ja allgemein schon einige wichtige Dinge gesagt.
Besonders bei weiblichen Figuren zeigt sich die "schwache" oder "verwundbare" Seite aber in Filmen und Büchern oft dann, wenn es um körperliche Nähe zu Männern geht. Entweder im Rahmen einer Liebesgeschichte, wo die "starke" Frau auf einmal total emotional und labil wird, oder sie wird Opfer eines sexuellen Übergriffs, ist dann traumatisiert und schutzbedürftig. Beides kann natürlich im realen Leben vorkommen, aber die Häufigkeit und die damit verbundenen Implikationen führen doch dazu, dass ich sowas in fiktiven Geschichten lieber seltener oder auch gar nicht mehr sehen würde, wenn sich die Geschichte nicht gerade um die Auswirkungen ungesunder "Liebe" oder um sexuelle Gewalt dreht.

Sprotte

Mein Cajan ist ein 1,99m-130kg-Krieger, überragt jeden und metzelt sich notfalls durch seine Feinde. Er ist tapfer und absolut loyal.

Er hat Höhenangst - und gibt diese Angst zu und kämpft tapfer gegen sie an (meist chancenlos, aber heroisch). Er ist Halbelf (Elfen in dieser Welt werden verächtlich als "eine Handbreit über einem Köter" angesehen), weiß um die ihm entgegenschlagene Geringschätzung und arbeitet daran, seinen Wert immer und immer wieder zu beweisen. Oh, und er ist schüchtern gegenüber rein menschlichen Frauen, weil er ja ein halbes Vieh ist.

Ich habe selten zuvor und danach so viel Spaß mit einr Figur gehabt wie mit ihm.

Fianna

Edit: hat sich überschnitten. Eigentlich denke ich gerade in dieselbe Richtung wie @Anja

~~~

Das klingt alles nach Charakterfehlern, situationsbedingtem Einbruch - Dinge, die von innen kommen oder in einer spezifischen Situation auftreten.
Aber man kann doch sicher ein Setting schaffen, indem sowohl die Stärke als auch die durch äußere Einflüsse bedingte Schwäche permanent existieren lässt.
Die Menschen, die einen umgeben, sind keine homogene Masse, sie gehören doch alle zu verschiedenen Kreisen. In manchen dieser Kreise ist man die Katze, in anderen die Maus.


Im NaNo werde ich eine Figur verwenden, die in ihrem eigenen Milieu eine starke Figur ist. Sie ist geradezu genial in dem schwierigsten Teil ihres Aufgabenbereiches.
Doch schon eine Etage drüber bewertet man diese Figur ganz anders. Es ist egal, was er leistet, wichtiger sind Gehorsam und in gewissem Sinne Manipulierbarkeit. Dass dies der Hauptfigur fehlt, macht sie für die Entscheidungsträger unberechenbar und hinderlich.
Deswegen ist seine Stärke auf seine winzige Welt beschränkt, und als sich diese Kreise überschneiden, nimmt niemand seinen Ratschlag an und Chaos bricht aus.

Trippelschritt

Keine einfache Frage, weil sie viele Antworten zulässt. Eine hat Cryphos bereits geliefert. Wenn einem äußeren Konflikt ein innerer gegenübersteht, gewinnt die Figur an Komplexität und Tiefe. Und damit arbeiten auch zwei Ebenen gegeneinander, was Dir die Möglichkeit einer ständigen Neugewichtung bietet.

Wenn ein starker Charakter auch einmal Schwäche zeigt, macht ihn das nur menschlich, aber nicht schwach. Als starker Charakter rappelt er sich ja auch wieder auf. Stark heißt ja nicht perfekt. Es heißt auch nicht, dass jemand alles kann. Es heißt nur, dass jemand weiß, was er will, seinen Weg geht und nicht vom ersten Windstoß umgeworfen wird. Aber selbstverständlich kann er straucheln.

Dein Cayan ist allerdings kein so ganz Starker, denn sonst würde ihm das "halbe Vieh" nicht so viel ausmachen und er wäre auch nicht schüchtern, sondern wortkarg. Aber das macht ja nichts. Ein Held muss nicht stark sein, sondern besonders. Und er sollte nicht schwach sein. Da passt bei dir alles.

Liebe Grüße
Trippelschritt

cryphos

Zitat von: Sascha am 05. Oktober 2017, 14:48:00
Öhm ... :hmmm: Ich finde ja das vermeintlich starke Verhalten eher schwach. Wer Fehler immer erst bei anderen sucht und die runterputzt, ist ein Schwächling.
Fehler zugeben und Rat annehmen, das ist ja erst Stärke.

Ansonsten schließe ich mich Lothen an: Es gibt niemanden, der nur Stärken oder nur Schwächen hat. Die Verteilung mag unterschiedlich sein und die Wahrnehmung (auch durch einen selbst) ebenso, manchmal muß man nach einer Seite ziemlich suchen, aber da ist immer beides.
Na gut ... bei manchen Typen frage ich mich, wie gut man seine Stärken eigentlich verstecken kann ...
Es geht jetzt nicht darum ob der Typ wirklich stark oder doch schwach ist, sondern darum wie man seiner (scheinbare) Stärke eine (scheinbare) schwächere Seite gegenüberstellt ohne auf die innere Handlung einzugehen, sondern rein mit äußerer Handlung den wandel zu umschreiben.

Ich weiß, ist nicht das beste Beispiel, was besseres viel mir auf die Schnelle nicht ein.

Churke

Zitat von: Witch am 05. Oktober 2017, 13:04:02
Sagen wir z.B. eine starke Figur ist in einer bestimmten Situation unsicher. Wie zeigt man das, ohne dass ihre Stärke dadurch ausgehebelt wird? Beziehungsweise wie präsentiert man die Figur in der Geschichte sonst, damit diese Situation eben nicht diesen Umkehr-Effekt hat.

Möglicherweise machst du hier zu viele Gedanken. Normalerweise legt man es in einem Plot darauf an, den Helden mit Situationen zu konfrontieren, denen er nicht gewachsen ist oder sich zumindest nicht gewachsen glaubt. Man schreibt also bewusst den Moment herbei, in dem der Held schwächelt.

HauntingWitch

Danke euch allen für eure Antworten. :) Ich sehe langsam mein Problem, nämlich:

Zitat von: LothenIch sehe an diesen Gegensätzen gar keine Unstimmigkeiten, im Gegenteil. Ich glaube auch nicht, dass das beliebig oder inkonsistent wirkt, wenn der Charakter so eingeführt und seine Stärken und Schwächen angemessen repräsentiert werden.

Das ist meine Angst, dass sie dann inkonsistent wirken. Dabei ist es vermutlich wirklich eher so, wie du sagst, dass sie dadurch erst realistisch werden. Irgendwie ist da ein Denkfehler bei mir.

Zitat von: CryphosHilft dir das weiter?

Weiss ich noch nicht, ich sehe das eher wie Sascha. ;D Aber ich verstehe, was du meinst. Wie gesagt, ich denke viel nach in letzter Zeit, ich muss eine Menge solcher "Denkfehler" ausmerzen.

Zitat von: AmanitaBesonders bei weiblichen Figuren zeigt sich die "schwache" oder "verwundbare" Seite aber in Filmen und Büchern oft dann, wenn es um körperliche Nähe zu Männern geht.

Genau so eine Situation habe ich auch. Aber ich möchte, dass eben nicht das passiert, was du als abschreckend beschreibst, nämlich dieses "hörig werden", sondern dass die Frau trotz ihrer sexuellen Unsicherheit insgesamt als starke Person rüberkommt. Dieses Klischee von der Frau, die zur willenlosen Marionette wird, sobald ihr ein ach-so-toller Mann gegenübersteht, will ich vermeiden.

Es geht aber nicht nur um diese Konstellation, ich habe überall in der Geschichte solche Dinge, deshalb war auch die Eingangsfrage sehr allgemein formuliert.  ;)

Churke

Zitat von: Witch am 05. Oktober 2017, 16:38:34
Genau so eine Situation habe ich auch. Aber ich möchte, dass eben nicht das passiert, was du als abschreckend beschreibst, nämlich dieses "hörig werden", sondern dass die Frau trotz ihrer sexuellen Unsicherheit insgesamt als starke Person rüberkommt. Dieses Klischee von der Frau, die zur willenlosen Marionette wird, sobald ihr ein ach-so-toller Mann gegenübersteht, will ich vermeiden.

Es würde wohl niemand einen Mann für schwach halten, weil er Frauen gegenüber unsicher ist. "Schrecklich in der Schlacht und furchtbar im Bett" halte ich auch nicht zwingend für Gegensätze.  ;)
Der Punkt ist nicht Unsicherheit, sondern Unterwerfung.