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Autor Thema: Gay Romance: Trennung statt Diversität?  (Gelesen 1897 mal)

Offline Tanrien

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Re: Gay Romance: Trennung statt Diversität?
« Antwort #15 am: 14. August 2017, 10:54:21 »
Zitat
Wie ich schon bereits erwähnt habe, ich hab nix gegen Romance, ich habe im Gegenteil den größten Respekt vor Leuten, die das ernsthaft und gut und mit einem gewissen Erfolg schreiben. Dazu gehört einiges, und ich selbst lese ja auch öfters mal eine Het oder auch eine Gay Romance. Allerdings, und das ist das Problem, wird unter GR eben auch viel verkauft, das eben sehr verkuschelt und sehr, ja, ver-YAOI-t ist, und wenn solche Autoren sich dann hinstellen und sagen, "Nein, ich mach das alles im Sinne der Diversität und Gleichstellung", dann hab ich damit ein echtes Problem.
Ich denke auch, man muss zwischen dem Herabschauen auf Romance als Genre allgemein und der Kritik an speziell Gay Romance trennen: Letzteres ist ja am einfachsten am schon erwähnten Lesbenporno zu sehen. Warum sollte ein von Männern für Männer produzierte Phantasie-Szene mit unrealistischen lesbischen Frauen kritisch sein, ein von Frauen für Frauen produzierte Phantasie-Szene mit unrealistischen schwulen Männern dann aber absolut unkritisch? Dinge wie Fetischisierung, der Anime-Einfluss, etc. sind ja schon sehr, sehr lange in der (Fandom-)Diskussion. Ich persönlich, als jemand, der seit zehn Jahren Gay Romance (damals noch original slash im Deutschen Raum) schreibt, würde mir da schlicht oft mehr Einsicht wünschen, eben dass es möglicherweise diese kritischen Aspekte gibt und dass es schon sehr lange Diskussionen dazu gibt. Eine eigene Meinung darüber, was Frauen dürfen und was schwule Männer fordern dürfen und was das alles bedeutet hab ich schon länger nicht mehr... Das heißt ja nicht, dass man das Genre nicht mehr schreiben sollte, oder dass es schlimm ist, auch Frauen Eskapismus (und sei es von ihrem eigenen Körper) zu bieten. Aber genau diese Ehrlichkeit und damit auch Selbstreflektion, die Steffi erwähnt, fehlen - nicht unbedingt hier im Tintenzirkel, eher insgesamt (auch bei der Leserschaft) - öfters immer noch.

Zitat
Übrigens gibt es für mich sehr wohl einen sehr deutlichen Unterschied zwischen Büchern mit schwulen Protagonisten, und Gay Romance. Sonst wäre ja logischerweise jeder Roman mit einem Het-Pärchen direkt Romance ;)
Ich würde sogar noch weiter gehen und einen Unterschied zwischen Gay Romance, schwuler Literatur und Romance mit schwulen Charakteren allgemein machen. Gay Romance als Genre hat ja schon viele eigene Tropes eben durch die Geschichte und Herkunft des Genre.
  

Online Leann

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Re: Gay Romance: Trennung statt Diversität?
« Antwort #16 am: 14. August 2017, 10:58:26 »
Zitat
Von wegen "Warnhinweis": Auch, wenn ich mich jetzt vielleicht unbeliebt mache, aber ich bin ganz froh drum, vorgewarnt zu sein, wenn es zu sehr ans Eingemachte geh
Ich bin gegen Warnhinweise auf Büchern. Dann müssten nicht nur Warnhinweise drauf, wenn Erotikszenen vorkommen, sondern z.B. auch wenn Gewalt detailliert beschrieben wird, oder wenn es um Essstörungen geht, etc. etc.. Irgendjemanden stört immer irgendwas.

Zitat
Übrigens gibt es für mich sehr wohl einen sehr deutlichen Unterschied zwischen Büchern mit schwulen Protagonisten, und Gay Romance. Sonst wäre ja logischerweise jeder Roman mit einem Het-Pärchen direkt Romance ;)
Es zweifelt wohl niemand daran, dass es so ist, aber nur im Gay Bereich werden fast alle Bücher als "Romance" einsortiert, egal, ob es wirklich Romanzen sind oder nicht.

Zitat
das ist das Problem, wird unter GR eben auch viel verkauft, das eben sehr verkuschelt und sehr, ja, ver-YAOI-t ist, und wenn solche Autoren sich dann hinstellen und sagen, "Nein, ich mach das alles im Sinne der Diversität und Gleichstellung", dann hab ich damit ein echtes Problem.
Ich verstehe nicht, wo das Problem sein soll. Wie bei allen Genres gibt es eben auch hier Bücher, die eben mehr den eigenen Geschmack treffen und andere weniger (dass es auch objektive qualitative Unterschiede gibt, trifft auch auf den gesamten Buchmarkt zu). Zum Glück haben Leser unterschiedliche Vorlieben. Manche lesen gerne die Yaoi-Sachen. Damit habe ich überhaupt kein Problem, solange ich das nicht lesen muss, und dazu zwingt mich keiner. Es gibt genug andere Romane, die meinen Geschmack treffen. Und wenn die Autoren behaupten, sie tragen zur Diversität bei, dann ist das meiner Meinung nach gar nicht so verkehrt. Natürlich bilden die schnulzigen Klischeegeschichten nicht die Wirklichkeit ab. Das ist ja auch bei vielen Hetero-Romanzen so. Aber gerade darum tragen sie doch auch zur Vielfalt bei. Warum soll denn gerade bei queeren Geschichten immer alles ganz realistisch und kritisch sein? Niemand beschwert sich, wenn da jemand einen unrealistischen, schmalzig-rosaroten Heteroliebesroman schreibt, dass da aber die Heterowelt völlig falsch dargestellt wird. Solange dieser Anspruch nicht erhoben wird, also die Autorinnen behaupten, dass sie die Realität abbilden, habe ich auch damit kein Problem.   


Offline Sascha

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Re: Gay Romance: Trennung statt Diversität?
« Antwort #17 am: 14. August 2017, 11:05:00 »
Zitat
Von wegen "Warnhinweis": Auch, wenn ich mich jetzt vielleicht unbeliebt mache, aber ich bin ganz froh drum, vorgewarnt zu sein, wenn es zu sehr ans Eingemachte geh
Ich bin gegen Warnhinweise auf Büchern. Dann müssten nicht nur Warnhinweise drauf, wenn Erotikszenen vorkommen, sondern z.B. auch wenn Gewalt detailliert beschrieben wird, oder wenn es um Essstörungen geht, etc. etc.. Irgendjemanden stört immer irgendwas.
Ich meinte auch keine Warnhinweise im wörtlichen Sinne, nur sollte halt einigermaßen aus z.B. dem Klappentext hervorgehen, daß man damit rechnen muß. Sobald das wirklich mehr ist als ein, zwei kurze Szenen, die auch im Kontext sinnvoll und nötig sind.
In meinem Fall war das bei @Sabines Reihe um Yama der Fall, da rechnet man mit viel Mythologie und Philosophie, aber nicht damit, daß detailliert der Oral- und Analssex unter Männern (oder genauso expliziter Hetero-Sex) breit ausgewalzt wird.

@EDIT: Ihr immer mit Euren Abkürzungen. Mußte erst mal googeln, was Yaoi denn nun schon wieder ist. ???
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Offline Tanrien

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Re: Gay Romance: Trennung statt Diversität?
« Antwort #18 am: 14. August 2017, 11:21:41 »
Zitat
nd wenn die Autoren behaupten, sie tragen zur Diversität bei, dann ist das meiner Meinung nach gar nicht so verkehrt. Natürlich bilden die schnulzigen Klischeegeschichten nicht die Wirklichkeit ab. Das ist ja auch bei vielen Hetero-Romanzen so. Aber gerade darum tragen sie doch auch zur Vielfalt bei. Warum soll denn gerade bei queeren Geschichten immer alles ganz realistisch und kritisch sein?
Der Vergleich hinkt etwas, da es da um eine andere Debatte geht: Natürlich kann man diskutieren, wie weit man Aktivismus definieren kann, aber genau wie ein Mann, der mit einem "Ich bin Feminist"-T-Shirt rumläuft und das als seinen (einzigen) Beitrag sieht, sich nicht als Vorkämpfer für Gleichberechtigung darstellen sollte, weil das heutzutage schlicht nicht mehr ausreicht, können auch Frauen heutzutage viel mehr für die Rechte von Schwulen tun als in einem kleinen, abgeschotteten Genre Romane für andere Frauen zu schreiben und das als ihren Hauptbeitrag zu bezeichnen. Da ist jede LGBTQ-Uni-Partygruppe produktiver. Oder der Vorstandschef, der die eine Frau in einen niedrigen Chefposten holen lässt, "im Sinne von Diversität und Gleichstellung" und sich über PR dafür feiern lässt und das war es dann.

Vielleicht war das alles mal Groundbreaking, sich so für Diversität einzusetzen, aber mit den ganzen Möglichkeiten heute ist das für viele etwas mager und das ist eben die Kritik daran, dass diese sehr einfache Tätigkeit vollkommen ohne Risiken mit dem großen, gefährlichen aber medienwirksamen Kampf für Minderheitenrechte beworben wird. Das ist ja aber auch innerhalb der Gruppen keine einheitliche Meinung und es gibt genug, die zufrieden sind, dass es so kleine Aktivitäten gibt und dass man damit langsam die Kultur insgesamt verändert. Wie in anderen Beiträgen erwähnt, schreiben ja auch viele bisexuelle Frauen Gay Romance und wenn sie zufrieden sind, sich so für ihre eigenen Rechte einzusetzen, dann kann man ihnen das ja nicht nehmen.
  

Offline Steffi

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Re: Gay Romance: Trennung statt Diversität?
« Antwort #19 am: 14. August 2017, 11:24:45 »
Niemand beschwert sich, wenn da jemand einen unrealistischen, schmalzig-rosaroten Heteroliebesroman schreibt, dass da aber die Heterowelt völlig falsch dargestellt wird. Solange dieser Anspruch nicht erhoben wird, also die Autorinnen behaupten, dass sie die Realität abbilden, habe ich auch damit kein Problem.

Wie ich bereits sagte, habe ich nichts gegen diese Art der Literatur, auch im Gay-Bereich, solange sich alle darüber klar sind, dass diese Rosaplüsch-Romane von Frauen für Frauen geschrieben werden und nichts mit der Realität gemein haben. Aber in dem Moment wo sich jemand hinstellt und behauptet, er trage damit zur gesellschaftlichen Akzeptanz bei, findet da eine Verzerrung statt. Und dass Hetero-Autoren das nicht machen liegt in erster Linie darin, dass Hetero-Beziehungen keiner gesellschaftlichen Stigmatisierung unterliegen.

Zu sagen, "Ich lese Gay Romance weil ich die schwule Community unterstütze" ist so als geht man hin und behauptet, man lese so gerne "Fifty Shades of Grey", weil man der BDSM-Community Solidarität vermitteln möchte.
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Offline Tintenteufel

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Re: Gay Romance: Trennung statt Diversität?
« Antwort #20 am: 14. August 2017, 11:25:55 »
Zitat
Von wegen "Warnhinweis": Auch, wenn ich mich jetzt vielleicht unbeliebt mache, aber ich bin ganz froh drum, vorgewarnt zu sein, wenn es zu sehr ans Eingemachte geh
Ich bin gegen Warnhinweise auf Büchern. Dann müssten nicht nur Warnhinweise drauf, wenn Erotikszenen vorkommen, sondern z.B. auch wenn Gewalt detailliert beschrieben wird, oder wenn es um Essstörungen geht, etc. etc.. Irgendjemanden stört immer irgendwas.

Da wäre ich auch gegen.
Ich kann Sascha aber nachvollziehen, insofern mich aufgezwungene Romantik ohnehin nervt. Die Einsortierung von Büchern und wie man den Inhalt gut außen auf dem Cover abbildet, ist aber ein anderes Thema. :)

Was das Diversitäts-Yaoi-Problem angeht, da sehe ich zwei Perspektiven.
Zum einen stimmt es natürlich - es kann jeder lesen, was er will und es kann auch jeder schreiben, was er will.
Zum anderen geht mit der Behauptung, für Diversität zu sorgen, eine gewisse Verantwortung einher. Wenn der Schreiber sich freiwillig ins soziale "Rampenlicht" stellt - etwa indem er behauptet, wichtige Kritik zu liefern oder unterdrückten Minderheiten eine Stimme zu verleihen oder was nicht alles - dann hat er die Verantwortung, das gewissenhaft zu tun.
Das Problem tritt dann sehr deutlich auf, wenn ein Autor behauptet sozial relevante Kritik zu liefern...das aber nicht einlöst und nur nach seiner Vorliebe schreibt. Und klassischer Yaoi und Yuri ist schon ziemlich sexistisch in seinen Tropes, genau so wie die schon erwähnten Lesbenpornos natürlich auch.
Weil ein Bild vermittelt wird von Homosexualität, das das Phänomen objektiviert, zu einem Lustobjekt macht für ein Publikum, das sich daran nur erregen will und es im Wesentlichen nur benutzt. Das ist nicht sozialkritisch und gibt Homosexuellen den gleichen "Platz" im öffentlichen Raum, wie Christen im Kollosseum: Als Unterhaltungsmaterial.
An sich ist natürlich weder die Unterhaltung noch die Sozialkritik ein Problem. Aber wenn jemand das eine tut und das andere behauptet, dann wird es problematisch.
Ich würde mich ja auch bei Srdjan Spasojević fragen, wie 'sozialkritisch' sein Gewaltporno da nun wirklich ist. Genau so, wie es höchst kritisch von PornHub ist, sich eine feministische Position auf die Fahne zu schreiben bei all dem frauenverachtenden Dreck, der auf der Plattform rumschwirrt.

Ich glaube, Leann, du hast da einen etwas zu flachen Begriff von der Forderung nach Realismus.
Natürlich muss nicht jeder Roman, der sich Diversität auf die Fahne schreibt, die "schwule Existenz" in ihrer brutalen Realität nachzeichnen und dauernd erwähnen, wie schlimm die Lage im mittleren Westen oder dem Iran für Homosexuelle ist. Aber wenn ein Schreiber behauptet, zur Diversität beizutragen, dann sollte er schon Sorge tragen, nicht einfach weiter sexistische Klischees und Vorurteile zu bedienen. Das ist dann nämlich nicht Diversität sondern in der Tat eine Trennung im besten Fall, im schlimmsten eine Objektivierung.
Das würde ich auch diesen ganzen hirnlosen Romanzen vorwerfen wie Twilight, die im wesentlichen ein Frauenbild zeichnen, das höchstproblematisch und sexistisch ist.

@Sascha: Yaoi ist keine Abkürzung, sondern ein Begriff aus der Anime-FanFiction-Hentai-Szene (da gibt's fließende Übergänge) und bezeichnet sowas ähnliches wie Gay Romance. Ähnlich, weil doch irgendwie anders. Das weibliche Pendant ist witzigerweise Yuri.

Edit: Was Steffi und Tanrien sagen.
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Online Leann

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Re: Gay Romance: Trennung statt Diversität?
« Antwort #21 am: 14. August 2017, 11:51:49 »
Zitat
Ich glaube, Leann, du hast da einen etwas zu flachen Begriff von der Forderung nach Realismus.
Natürlich muss nicht jeder Roman, der sich Diversität auf die Fahne schreibt, die "schwule Existenz" in ihrer brutalen Realität nachzeichnen und dauernd erwähnen, wie schlimm die Lage im mittleren Westen oder dem Iran für Homosexuelle ist.
Da hast du mich glaube ich missverstanden. Ich spreche nicht von Autorinnen, die sich "Diversität auf die Fahne schreiben", die damit werben, dass sie sich für Diversität einsetzen oder ähnliches. Wenn die dann mit diesen Yaoi-Sachen um die Ecke kommen, finde ich das lächerlich. Dann sollte man auch dazu stehen, dass man eben unrealistische Liebesschmonzetten schreibt, die Träume bedienen, aber nicht die Realität abbilden.
Was du über Verantwortung geschrieben hast, unterschreibe ich alles. Wer für seine Geschichten den Anspruch erhebt, Minderheiten eine Stimme zu verleihen, muss dafür sorgen, dass die Geschichten auch entsprechend ausfallen. Dann halte ich es sogar für schädlich, wenn nur Klischees bedient und evtl. noch Vorurteile bestärkt werden, wie du es ja schon geschrieben hast.

Was mir ein bisschen Magengrummeln bereitet ist das Gefühl, dass so viele offenbar unter Gay Romance ausschließlich diese Yaoi-Fanfiction-Sachen verstehen. So langsam habe ich den Eindruck, dass ich mich als Liebesromanschreiberin dafür rechtfertigen muss oder erklären muss, dass ich zwar Romanzen schreibe, diese aber weder meine Figuren zu Lustobjekten degradieren noch Kampfschriften für Akzeptanz darstellen. Vielleicht bin ich da etwas empfindlich, aber es passt mir überhaupt nicht, dass da alle Autorinnen über einen Kamm geschoren werden und die Meinung besteht "Aha, die schreibt Gay-Romance, also spielt die sich als Kämpferin für Diversität auf, obwohl sie nur niveaulose Yaoi-Fanfiction verfasst, die sexistische Vorurteile bedienen, igitt."
Es gibt diese Autorinnen, möglicherweise sind die sogar in gewissen Kreisen besonders präsent, keine Ahnung, aber es gibt auch sehr viele Autorinnen, die nicht in diese Schublade passen.

Ja, ich bin mir der Verantwortung bewusst, das gilt aber für alle meine Liebesromane, egal ob die Paare hetero- oder homosexuell sind. Unterschied: Wie Tanrien so richtig bemerkte, unterliegen Hetero-Beziehungen keiner gesellschaftlichen Stigmatisierung, daher fühle ich mich besonders in die Verantwortung genommen, wenn ich über homosexuelle Figuren schreibe. Aber ich sehe mich nicht als Kämpferin für irgendwas und werbe auch nicht damit. Ich möchte nur gute Geschichten schreiben.

Offline Sprotte

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Re: Gay Romance: Trennung statt Diversität?
« Antwort #22 am: 14. August 2017, 13:22:09 »
@Leann Ich unterschreibe bei Dir.

Augenhöhe bei meinen Heldenpaaren, sexuelle Integrität und Respekt, Zusammenwachsen zu einem Team - das bilde ich sowohl in meinen Heroic Romances als auch meinen Gay Romances ab. Weil ich es wichtig finde, egal in welcher Beziehung. Meine Romane bestehen aus mehr als Schmacht, die Liebesgeschichte macht nur die Hälfte der Geschichte aus.
Bin ich damit eine zweitklassige Autorin? Gut, damit lebe ich dann, weil ich am Schreiben Spaß habe, weil meine LeserInnen beim Lesen Spaß haben.
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Offline Charlotte

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Re: Gay Romance: Trennung statt Diversität?
« Antwort #23 am: 14. August 2017, 13:47:43 »
Ich glaube, ich habe es im anderen Post schon gesagt: Ich mag Romance, in allen Facetten. Ich lese das sehr gern auch, wenn ich es nicht schreibe. Mein Problem ist nicht die (Gay) Romance an sich. Mein Problem ist das Reduzieren jeglicher queerer Geschichten auf Gay Romance. Was Maja glaube ich meint und was auch ich gemeint habe ist, dass wir eben einfach keine Romance schreiben, aber trotzdem in diese Nische einsortiert werden, sobald queere Figuren vorkommen und das finde ich sehr schade.

Zitat von: Leann
Natürlich bilden die schnulzigen Klischeegeschichten nicht die Wirklichkeit ab. Das ist ja auch bei vielen Hetero-Romanzen so. Aber gerade darum tragen sie doch auch zur Vielfalt bei. Warum soll denn gerade bei queeren Geschichten immer alles ganz realistisch und kritisch sein?

Zum Problem wird das nur, wenn die Klischees zur sehr echten Diskriminierung queerer Männer im wahren Leben beitragen, was leider oft der Fall ist. Wenn Rollenbilder wiedergegeben werden, die es im wahren Leben so einfach nicht gibt, zum Beispiel. Das hat für mich auch nicht wirklich etwas mit Geschmack zu tun und die Diskussionen um dieses Problem sind durchaus mit Hand und Fuß. Das meinte ich ja auch in meinem ersten Post: Wenn AutorInnen sich auf alte Tropes und Klischees verlassen, anstatt zu recherchieren, dann haben wir ein Problem. Genauso wie wir Hetero-Romance nicht mögen, die veraltete und sexistische Rollenbilder wiedergibt, sollten wir auch kritisch gegenüber Gay Romance sein, die schädliche Klischees wiedergibt. Das ist jedenfalls meine Meinung dazu.

Alle über einen Kamm scheren finde ich aber auch echt nicht gut. Ich habe Gay Romance eine ganze Zeit lang auch verteufelt, weil ich immer wieder vom Genre enttäuscht wurde, aber nur, weil es viel Unschönes im Genre gibt, heißt das ja nicht, dass alle Bücher schlecht sind. Mittlerweile habe ich ein paar tolle Gay Romances gelesen und ich gucke mich im Genre immer wieder mal um.

Den Punkt mit dem Identifizieren kann ich nicht ganz nachvollziehen, @Pandorah. Vielen queeren Lesern gelingt es doch auch sich mit heterosexuellen Hauptfiguren zu identifizieren und das muss es ja sogar, weil sie im Moment 90% der Literatur ausmachen. Ich glaube nicht, dass es daher von heterosexuellen Lesern zu viel verlangt ist, sich mit queeren Figuren zu identifizieren, besonders außerhalb von Romance. So anders sind queere Menschen jetzt auch nicht, dass es keine Identifikationsmöglichkeiten gibt. 
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Online Leann

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Re: Gay Romance: Trennung statt Diversität?
« Antwort #24 am: 14. August 2017, 14:07:26 »
Zitat
Genauso wie wir Hetero-Romance nicht mögen, die veraltete und sexistische Rollenbilder wiedergibt, sollten wir auch kritisch gegenüber Gay Romance sein, die schädliche Klischees wiedergibt.
Kritisch sein find ich gut. Ich finde es auch gut, offen darauf hinzuweisen, was einem an dieser Art Roman nicht gefällt. Aber es ist nun mal so, dass die gelesen werden. Gerne gelesen. Warum sonst sind die "Liebesromane", in denen Frauen entführt und vergewaltigt werden und das Ganze dann als Liebe dargestellt wird, immer wieder ganz oben in den Amazoncharts? Das ist kein Phänomen, das sich auf queere Literatur beschränkt. Diese Diskussion verdient eigentlich einen eigenen Thread.

Zitat
Mein Problem ist das Reduzieren jeglicher queerer Geschichten auf Gay Romance. Was Maja glaube ich meint und was auch ich gemeint habe ist, dass wir eben einfach keine Romance schreiben, aber trotzdem in diese Nische einsortiert werden, sobald queere Figuren vorkommen und das finde ich sehr schade.
Ja, genau. Hab ich ja auch schon einige Mal erwähnt.

Offline Pandorah

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Re: Gay Romance: Trennung statt Diversität?
« Antwort #25 am: 14. August 2017, 14:18:36 »
Den Punkt mit dem Identifizieren kann ich nicht ganz nachvollziehen, @Pandorah. Vielen queeren Lesern gelingt es doch auch sich mit heterosexuellen Hauptfiguren zu identifizieren und das muss es ja sogar, weil sie im Moment 90% der Literatur ausmachen. Ich glaube nicht, dass es daher von heterosexuellen Lesern zu viel verlangt ist, sich mit queeren Figuren zu identifizieren, besonders außerhalb von Romance. So anders sind queere Menschen jetzt auch nicht, dass es keine Identifikationsmöglichkeiten gibt.

Ich meinte das Identifizieren nicht im Sinne von "nicht nachvollziehen können" oder "nicht mitleiden /-fiebern" können. Das geht so oder so oder so. Sonst könnte man auch keine Romane über Serienmörder, detektivische Katzen und Schwertkämpferinnen schreiben. Was ich meinte, ist, dass der Großteil der Leser_innen (auch gerade im Bereich Romance) das bekommen will, auf dass er/sie steht. Als heterosexuelle Frau stehe ich auf Männer, als bisexuelle Frau auf Männer und Frauen. Also habe ich, wenn ich Gay Romance oder Hetero Romance lese, bei beiden Genre den Mann. Viele heterosexuelle Frauen wollen sich aber lieber in der Rolle der Frau sehen als "von außen" zwei Jungs zuschauen. Natürlich kann ich mich auch als Heterofrau eine lesbische Romanze durchlesen und sie gut finden. Aber ich wage mal zu behaupten, dass das Kribbeln bei einem Romance-Roman immer auch eine Rolle mitspielt. Und da wollen die geneigten Leser_innen eben gerne das lesen, was sie berührt.

Romance ist Traumbild. Romance ist so gut wie nie Abbild der Realtität. Romance soll Freude machen und in einen Traum entführen. Aber was mich ankotzt, ist dieses elitäre Gehabe, dass Romance - egal ob Hetero (da ist es etwas besser geworden, aber noch längst nicht perfekt) oder Gay - in die anspruchslose niedere Ecke geschoben wird. Ich schreibe für das fluffige Watteweichgefühl nach dem Lesen eines Buchs, für das Sonnenscheingefühl im Bauch, für das wohlige Lächeln. Warum bitte wollt ihr mir sagen, dass meine Bücher weniger wert sind? Dass sie weniger Arbeit erfordern? Dass ich weniger Herzblut reinstecke? Und behauptet nicht, dass ihr das nicht tut. Ihr sagt es nicht wörtlich. Aber ihr steht dem Romance-Bereich "kritisch gegenüber". Ihr macht genau das, was ihr der Gay Romance vorwerft - ihr schert alles über einen Kamm. Natürlich gibt es in der Romance, egal ob gay oder hetero, schlechte Bücher. Bücher, in denen Rollen propagiert werden, die im realen Leben extrem ungesund sind. Aber das heißt nicht, dass es alle sind. Nicht mal die meisten. Es gibt verdammt gute Bücher darunter.

Was die Diversität betrifft - ja, ich trage mit meinen Gay-Romanen dazu bei. Ich schreibe sie nicht dafür, aber ich trage definitiv dazu bei. JedeR Gay-Romance-AutorIn tut das. Habe ich auf 100 Het-Romanzen eine Gay-Romanze, habe ich 1% queer. Habe ich auf 100 Het-Romanzen zehn Gay-Romancen, habe ich 10 %. Die Sichtbarkeit nimmt zu, selbst wenn es nicht jeder liest. Die/der eine oder andere LeserIn klickt dann doch mal auf den Gay-Roman, weil das Cover und/oder der Klappentext anspricht und liest ein Buch. Und leidet, fühlt mit den Figuren mit und sieht das nächste Mal ein Gay-Paar mit weniger Abwehr an. Geht vielleicht dazwischen, wenn gepöbelt wird. Nein, es bildet nicht die Lebensrealität ab. Macht ein Krimi aber auch nicht zwangsläufig. Wie viele Hobby-Detektive kennt ihr, die erfolgreich Kriminalfälle lösen? Dachte ich mir.

Ich werde mit meinen Romanen die Welt nicht retten, den Anspruch habe ich auch gar nicht. Aber wenn ihr den habt, dann schreibt doch das, was ihr so schmerzlich vermisst. Schreibt es, veröffentlicht und sorgt dafür, dass das, was ihr so liebt, mehr zu lesen ist, als auf dem rumzuhacken, was euch nicht anspricht. Es spricht an, nur euch nicht. Ich mag keine Thriller. Sind die deswegen niedere Literatur? Jahrelang war die Fantasy ein Nischengenre. Da wurde auch alles unter Fantasy gepackt, was vage einen Ansatz von Übernatürlichem hatte. Deswegen hat sich trotzdem niemand beschwert, dass "jegliche phantastische Geschichte" auf Fantasy reduziert wird. Oder doch, hat man. Das Genre ist gewachsen, und jetzt gibt es Differenzierungen. Schreibt das, was euch am Herzen liegt, damit es wachsen kann.

Fürs Kritischsehen bin ich auch - aber dann schaut euch bitte die einzelnen Bücher an und ballert nicht quer aufs Genre los. Schreibt Rezensionen, wenn euch ein Buch nicht gefällt. Aber "das Genre" auf diese Bücher zu reduzieren, ist unfair allen anderen gegenüber.

Offline Maja

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Re: Gay Romance: Trennung statt Diversität?
« Antwort #26 am: 14. August 2017, 14:21:02 »
Ich glaube, ich habe es im anderen Post schon gesagt: Ich mag Romance, in allen Facetten. Ich lese das sehr gern auch, wenn ich es nicht schreibe. Mein Problem ist nicht die (Gay) Romance an sich. Mein Problem ist das Reduzieren jeglicher queerer Geschichten auf Gay Romance. Was Maja glaube ich meint und was auch ich gemeint habe ist, dass wir eben einfach keine Romance schreiben, aber trotzdem in diese Nische einsortiert werden, sobald queere Figuren vorkommen und das finde ich sehr schade.
Ja, das ist es, was mich stört. Wenn ich sage "Ich wünsche mir mehr queere Figuren in der Literatur", und dann das Argument kommt "Aber es gibt doch Gay Romance, und das ist alles total erfolgreich". Weil sich damit alle vermeintliche Diversität in einem Reservat abspielt und alles wieder auf Romantik und Sex reduziert wird - und die Heteroleser, denen ein paar queere Figuren durchaus zuzumuten wären, denken, sie bräuchten Warnhinweise vor schwulen Figuren, weil die ja zwangsweise andauernd Sex haben und das total eklig ist (ehrlich, jede Art von Sex ist eklig, wenn man darüber nachdenkt) - einfach, weil sie außerhalb dieser Romanzen (die sie selbst nicht lesen, also nur eine vage Vorstellung davon haben, wie es darin zugeht) keinerlei Begegnungen mit queeren Figuren haben. Da gibt es so viele Vorurteile abzubauen. Aber je größer die Erfolge im Gay Romance-Bereich sind, desto weniger Anreiz haben die Verlage, queere Figuren in auch andere Literaturbereiche zu tragen.

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Re: Gay Romance: Trennung statt Diversität?
« Antwort #27 am: 14. August 2017, 14:29:57 »
Zitat
Aber je größer die Erfolge im Gay Romance-Bereich sind, desto weniger Anreiz haben die Verlage, queere Figuren in auch andere Literaturbereiche zu tragen.
Was ist das denn für eine Schlussfolgerung? Also tragen alle Gay-Romance-Autorinnen dazu bei, dass die Verlage keine anderen als Liebesromane mit queeren Figuren veröffentlichen? Vielleicht sollten wir lieber mal, statt die Schuld der Gay-Romance in die Schuhe zu schieben, die ja offenbar den Geschmack von genügend Leserinnen trifft, um erfolgreich zu sein, versuchen, mehr erfolgreiche Romane mit queeren Figuren zu schreiben, die keine Romanzen sind.

Offline Tintenteufel

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Re: Gay Romance: Trennung statt Diversität?
« Antwort #28 am: 14. August 2017, 14:31:33 »

Da hast du mich glaube ich missverstanden. Ich spreche nicht von Autorinnen, die sich "Diversität auf die Fahne schreiben", die damit werben, dass sie sich für Diversität einsetzen oder ähnliches. Wenn die dann mit diesen Yaoi-Sachen um die Ecke kommen, finde ich das lächerlich. Dann sollte man auch dazu stehen, dass man eben unrealistische Liebesschmonzetten schreibt, die Träume bedienen, aber nicht die Realität abbilden.

Ach so, ja. Da gab es ein Missverständnis.
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Re: Gay Romance: Trennung statt Diversität?
« Antwort #29 am: 14. August 2017, 15:07:08 »
Zitat
Wenn es egentlich nur um zwei Menschen geht, warum schreiben so viele Autorinnen dann (fast) ausschließlich über schwule Pärchen?

Das habe ich sowohl mit homosexuellen Autorinnen, die heterosexuelle Liebesgeschichten schreiben, und Lesern von Gay Romance schon stark diskutiert, daher hier die kurze und knappe Antwort, die sich dabei für mich herauskristallisiert hat:

Eine homosexulle Liebesgeschichte ermöglicht es sowohl dem Autor, als auch dem Leser, sich von den alten Rollenklischees in heterosexuellen Liebesgeschichten zu lösen. Soll heißen: Es stiegen (zumindest zur Anfangszeit von Gay Romance) sowohl viele Autoren als auch Leser auf Gay Romance um, die von den althergebrachten Rollenbildern und dadurch immer recht ähnlichen Storys genervt waren.

Zitat
Aber je größer die Erfolge im Gay Romance-Bereich sind, desto weniger Anreiz haben die Verlage, queere Figuren in auch andere Literaturbereiche zu tragen.

Dem möchte ich widersprechen. Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass auch die traditionellen Unterhaltungsgenres dahingehend immer mehr aufweichen (bisexuelle Hauptfiguren kommen zum Beispiel immer häufiger vor etc.) und ich führe das auch darauf zurück, dass man am großen Erfolg von Gay Romance merkt: Viele Leser haben keine Berührungsängste und wünschen sich Diversität. Natürlich ist da noch ein weiter Weg zu gehen, aber solche erfolgreichen Bücher oder Genres, egal, was man davon hält, leisten oft einen großen Beitrag dazu, alte, eingefahrene Krusten aufzubrechen.

Beispiel Shades of Grey: Vor dem Hype gab es den erotischen Liebesroman in Deutschland nicht. Es gab die Historicals und es gab ein paar tapfere Kleinverlage, die das Genre eher schlecht verkauften. Aber im Großverlag gab es im wesentlichen nur platte Erotik. Der gefühlvolle, erotische Liebesroman konnte sich nur Dank SoG in Deutschland etablieren. Und über die Salonfähigkeit von guter SM-Unterhaltungsliteratur, die sich auch nur dank SoG etablieren konnte (auch wenn SoG selbst NICHT dazu gehört), brauchen wir auch nicht zu reden.

Ich denke, was viele Leute bei der ganzen Diskussion über "das darf man und das sollte man doch als Autor nicht" vergessen, ist, dass es meist gar nicht so sehr auf den Inhalt eines Buches ankommt, sondern auf die Diskssuion, die dadurch in Gang kommt. Ich kenne keine Zahlen, aber ich möchte darauf wetten, dass vor Twilight kaum jemand wirklich wusste, was eine missbräuchliche Beziehung ausmacht. Nun wissen es sehr viele Leute, die sonst damit nie in Berührung gekommen wären. Und was die schädliche Wirkung solcher Literatur angeht: Die hat sie nur, wenn der Leser nicht durch sein soziales Umfeld ein stabiles Wertesystem mitbekommen hat. Und dann richtet ein Roman auch schon keinen (großen) Schaden mehr an.

Beispiel Vergewaltigungsfantasie: Ein Roman, der so etwas romantisiert, wird von den Lesern als Fantasie wahrgenommen. Die Leserinnen wissen, dass sie nicht vergewaltigt werden möchten, aber es macht sie eben an, es sich vorzustellen, warum das so ist, ist jetzt wieder eine andere Frage. Die Rape Culture wird aber nicht dadurch gefördert, sondern viel mehr z.B. durch Eltern, die kein Nein ihres Kindes in Bezug auf dessen eigenen Körper akzeptieren, weil sie es so niedlich finden, ihm ein Küsschen auf die dicke Backe zu geben, obwohl das Kind sich wehrt und nein sagt. Sie erziehen Kinder dadurch dazu, dass es okay ist, sich über ein Nein hinwegzusetzen. Diese kleinen Alltagssituationen machen meiner Meinung nach viel mehr aus, als ein Buch, das von den Leserinnen ganz eindeutig als Fantasie wahrgenommen wird.

Zitat
Ich möchte nur gute Geschichten schreiben.

Das.

Und solange man nicht den Anspruch erhebt, aufklären zu wollen, und dann lauter Unwahrheiten verbreitet, ist das legitim. (Schönes Beispiel hierzu "Thirteen Reasons Why". Tut so, als würde es aufklären wollen, verbreitet aber lauter gefährliche Halbwahrheiten.)

Mein Fazit: Ja, Literatur hat Verantwortung, aber Literatur kann und sollte immer im Kontext des Genres etc. betrachtet werden. Leser sind dazu in der Lage.







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