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Autor Thema: Der berühmte erste Satz  (Gelesen 4469 mal)

Offline Araluen

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #45 am: 19. Juli 2017, 23:25:17 »
Ich habe mir gerade "Das Labyrinth der Lichter" von Carlos Ruiz Zafón gegriffen und mir den ersten Satz angesehen:
Zitat
In jener Nacht träumte ich, ich kehrte in den Friedhof der Vergessenen Bücher zurück.
Warum ich diesen Satz toll finde? Er ist für mich ein Versprechen und ein Wink heim an den warmen Kamin an einem gemütlichen Abend. "Das Labyrinth der Lichter" ist der vierte Band und Abschluss einer wunderbaren Buchreihe, auf die der Leser auch lange warten durfte. Daher wirkt dieser Einstieg auf mich umso stärker.

Offline Sascha

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #46 am: 20. Juli 2017, 08:31:15 »
Zitat
»Asterix ist der doofste Doofkopf überhaupt!«

Also ich find jetzt absolut toll! Würde ich sofort große Augen bekommen und mich freuen, verspricht gute Unterhaltung. Ganz nach meinem Geschmack. Allerdings würde ich keinen Fantasy-Krimi erwarten dabei.
Und letzteres ist der Punkt. Da streiten sich zwei Kinder von 6 und 8 Jahren. Dieser Streit führt zu einem Unfall und dieser wiederum zu besagter "Gottes-Erfahrung", die allerdings dann auch anders daherkommt, als man bei dem Begriff meinen könnte. Aber wenn man mit dem Streit der Kinder um Asterix einsteigt, erwartet man eben keinen Fantasy-Krimi. Oder umgekehrt, wenn man mit der Erwartung "Fantasy-Krimi" ins erste Kapitel reinschaut und das so anfängt, könnte sehr gut ein "Was soll das denn?" die Folge sein. Und zwar ein verständnisloses, kein neugieriges.
Ich hoffe, dieser eine Satz davor macht neugierig genug und gibt dem Leser auch gleich einen Tip, warum hier so ein kindischer Streit geschildert wird und daß dieser durchaus seinen Sinn hat.
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Offline Gwendi

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #47 am: 23. September 2017, 13:34:46 »
Ich lege normalerweise beim Lesen keinen zu großen Wert auf erste Sätze oder Absätze. Jedoch gibt es einen ersten Satz der mir seit Jahren nicht mehr aus dem Kopf geht und den ich einfach fantastisch großartig finde:

Zitat
Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm.

Stephen King - Schwarz (Der Dunkle Turm)

Dieser erste Satz umreißt die Handlung, macht neugierig und wirft viele Fragen auf.

Ich finde es ist kein Muss, aber erste Sätze können viel wenn man sie nur lässt.

Offline Désirée

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #48 am: 29. September 2017, 00:35:14 »
Ich habe erst angefangen, auf den ersten Satz zu achten, als mir die Wichtigkeit in den zahlreichen Schreibratgebern begegnet ist. 

Habe daher mal einige der Bücher aus dem Regal gefischt, die mich auf ihre Art begleitet / begeistert haben und meine Erinnerungen an Inhalt und Atmosphäre mit dem ersten Satz abgeglichen :) Am Einstieg kann man schon erahnen, wie Autoren ihr Buch sehen, finde ich, wenn sie dann versuchen, das wesentliche Gefühl bzw. die wesentliche Frage/Stimmung in den ersten Satz zu packen.

Zitat
Heute, am fünften November, beginne ich mit meinem Bericht. Ich werde alles so genau aufschreiben, wie es mir möglich ist.
Maren Haushofer - Die Wand
Das Buch und vor allem die Stimmung darin haben mich noch lange nach dem Lesen beschäftigt. Es geht um Grenzen in vierlei Hinsicht und die Protagonistin gibt ihr Bestes, um zu berichten, was für unerklärliche Dinge (mit) ihr geschehen. Aus den ersten beiden Sätzen deuten sich schon die Verzweiflung und Fassungslosigkeit an.

Zitat
Die Tage waren damals länger, in jenem längst vergangenen Sommer an der See, und die Luft war milder und das Sonnenlicht goldener, dass sich flimmernd und flirrend auf einem blauen Meer brach.
Walter Satterthwait - Miss Lizzie
Neben der Geschichte ist mir bei diesem Buch vor allem die melancholische Atmosphäre im Gedächtnis geblieben. Wer kennt ihn nicht, den einen, besonderen Sommer(urlaub) in der Kindheit, an den man sich immer erinnern wird?

Zitat
Es hat etwas seltsam Beruhigendes zu wissen, dass ich in Kürze sterben werde.
Sebastian Niedlich - Der Tod und andere Höhepunkte meines Lebens
Erster Satz Prolog. Erster Satz 1. Kapitel: "Ich traf den Tod das erste Mal, als ich sieben Jahre alt war."
Beides funktioniert für mich, sofort bin ich in der Geschichte und möchte wissen, wie die Situation zu verstehen ist. Die Verbindung zum Tod macht es natürlich direkt brisant.

Offline Fledermaus

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #49 am: 29. September 2017, 21:42:49 »
Zitat
Heute, am fünften November, beginne ich mit meinem Bericht. Ich werde alles so genau aufschreiben, wie es mir möglich ist.
Maren Haushofer - Die Wand
Das Buch und vor allem die Stimmung darin haben mich noch lange nach dem Lesen beschäftigt. Es geht um Grenzen in vierlei Hinsicht und die Protagonistin gibt ihr Bestes, um zu berichten, was für unerklärliche Dinge (mit) ihr geschehen. Aus den ersten beiden Sätzen deuten sich schon die Verzweiflung und Fassungslosigkeit an.
Oh, da möchte ich mich gerne voll und ganz anschließen! Auch, wenn die ersten beiden Sätze ja an sich recht "harmlos" klingen, ist doch im Subtext eine Art Resignation oder Verzweiflung zu "hören", die einen sofort ins Buch hineinzieht. "Die Wand" ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher, alleine beim Gedanken daran kriege ich Gänsehaut.
Die anderen beiden Bücher, die du zitiert hast, kenne ich nicht. Aber die ersten Sätze ziehen mich auch sofort an, ich habe mir beide gleich mal gespeichert.

Offline Impericus

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #50 am: 31. Oktober 2017, 11:27:46 »
Hier sind schon viele gute erste Sätze dabei.
Besonders gefallen hat mir Trippelschrifts:

"The island of Gont, a single mountain that lifts its peak a mile above the storm-recked Northeast Sea, is a land famous for wizards.
aus Ursula LeGuin: A Wizard of Earthsea 1968"

Einige andere sind sehr gut, aber ich glaube, wir alle legen bereits die Emotionen des gesamten Buches auf den ersten Satz, weil wir wissen, was folgt.  :buch:
Hier einige meiner ersten Sätze:

"Everything starts somewhere, although many physicists disagree." Terry Pratchett - Hogfather
Fast alle ersten Sätze von Pratchett werden etwas Besonderes sein. :)

"I, Lucifer, Fallen Angel, Prince of Darkness, Bringer of Light, Ruler of Hell, Lord of the Flies, Father of Lies, Apostate Supreme, Tempter of Mankind, Old Serpent, Prince of This World, Seducer, Accuser, Tormentor, Blasphemer, and without doubt Best Fuck in the Seen and Unseen Universe (ask Eve, that minx) have decided - oo-la-la! - to tell all." Glen Duncan - I, Lucifer
Sagt schon fast alles und doch nichts. Duncan ist Meister der Aufzählung und hat einen enormen Wortschatz, zugleich jedoch beschreibt er den Teufel so lebensecht, dass ich zuweilen um seine Seele fürchte ;)

Genial für mich war auch die erste Seite aus Patrick Rothfuss, Name des Windes. A silence in three parts ist für mich ein unheimlich stimmiger Einstieg in einen Fantasy Roman, wobei es nur mit einer alten Taverne beginnt. Rothfuss vermag dort schon so viel Atmosphäre zu erschaffen (mit so wenig) dass ich direkt gefangen war.
Leider vermochte der Band dort nicht immer gänzlich anzuknüpfen, aber das... ist eine andere Geschichte. Folgt unten, ist aber natürlich mehr als ein Satz:

A Silence of Three Parts

IT WAS NIGHT AGAIN. The Waystone Inn lay in silence, and it was a silence of three parts.

The most obvious part was a hollow, echoing quiet, made by things that were lacking. If there had been a wind it would have sighed through the trees, set the inn’s sign creaking on its hooks, and brushed the silence down the road like trailing autumn leaves. If there had been a crowd, even a handful of men inside the inn, they would have filled the silence with conversation and laughter, the clatter and clamor one expects from a drinking house during the dark hours of night. If there had been music…but no, of course there was no music. In fact there were none of these things, and so the silence remained.

Inside the Waystone a pair of men huddled at one corner of the bar. They drank with quiet determination, avoiding serious discussions of troubling news. In doing this they added a small, sullen silence to the larger, hollow one. It made an alloy of sorts, a counterpoint.

The third silence was not an easy thing to notice. If you listened for an hour, you might begin to feel it in the wooden floor underfoot and in the rough, splintering barrels behind the bar. It was in the weight of the black stone hearth that held the heat of a long dead fire. It was in the slow back and forth of a white linen cloth rubbing along the grain of the bar. And it was in the hands of the man who stood there, polishing a stretch of mahogany that already gleamed in the lamplight.

The man had true-red hair, red as flame. His eyes were dark and distant, and he moved with the subtle certainty that comes from knowing many things.

The Waystone was his, just as the third silence was his. This was appropriate, as it was the greatest silence of the three, wrapping the others inside itself. It was deep and wide as autumn’s ending. It was heavy as a great river-smooth stone. It was the patient, cut-flower sound of a man who is waiting to die.
He who stumbles around in darkness with a stick is blind. But he who... sticks out in darkness... is... fluorescent!

Offline Thea

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #51 am: 03. November 2017, 23:06:03 »
Die Einleitung zum Namen des Windes ist grossartig, der darauf folgende Text längt extrem.


Mein Lieblingsanfang befindet sich eigentlich schon in der Mitte eines Romans, aber da die vorhergehende Geschichte eine Rahmenerzählung darstellt, halte ich meine Entscheidung trotzdem für zulässig.
Zitat
I was born in the village of Gara, which no longer exists.
(Ich wurde im Dorf Gara geboren, welches es nicht mehr gibt.)


Das ist aus David Eddings, Belgarath the Sorcerer. Die Rahmenhandlung hätte er sich wirklich sparen können.
Licht verringert sich nicht, wenn es durch zwei Fenster fällt.
Liebe wird nicht weniger, wenn man sie mehreren Menschen entgegenbringt.

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