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Autor Thema: Der berühmte erste Satz  (Gelesen 3666 mal)

Offline Trippelschritt

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #30 am: 16. November 2015, 16:29:26 »
Ja, wenn der Satz nicht neugierig macht, dann weiß ich es nicht. Und den Stil des Buches verrät er auch.  :pompom:

Trippelschritt
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Offline Foxgirl

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #31 am: 16. November 2015, 19:54:21 »
Mir fällt auch noch einer aus einem meiner Lieblingskinderbücher ein:

Zitat
The carriage gave another lurch, and Maria Merryweather, Miss Heliotrope, and Wiggins once more fell into each other's arms, sighed, gasped, righted themselves, and fixed their attention upon those objects which were for each of them at this trying moment the source of courage and strength.
-The little white horse von Elizabeth Goudge

Mich hat das Buch sofort gefesselt, weil ich schon beim ersten Satz so über die Figuren lachen musste. Damit hatten sie mich. Übrigens ein wunderschönes Buch (allerdings eher für Kinder), für alle die es nicht kennen.

Offline Big Kahuna

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #32 am: 03. Dezember 2015, 00:33:35 »
Mir ist vor kurzem erst aufgefallen, wie geil eigentlich "Das Lied von Eis und Feuer: Die Herren von Winterfell" beginnt:

Zitat
"Wir sollten umkehren", drängte Gared ...

Wenn man jetzt nicht wüsste, dass George Martin doch n recht großes Ego hat, könnte man es so interpretieren, dass er damit sagen will: "Klapp das Buch lieber wieder zu"  :rofl:
Wenn du kritisiert wirst, dann musst du irgend etwas richtig machen. Denn man greift nur denjenigen an, der den Ball hat. - Bruce Lee

Offline Barra

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #33 am: 16. Juli 2017, 00:24:35 »
Ich hab' diese 'Frage' grade wieder auf FB gesehen. Und mir gedacht, schau' mal was im Tintenzirkel dazu steht. Jetzt hab' ich auf Anhieb aber nur diesen Thread gefunden, in dem es weniger um die Wichtigkeit des 1.Satzes geht, mehr um eine Sammlung der besten ersten Sätze. (Wenn ich hier also falsch bin, bitte mit der Nase draufstossen.)

Die Frage auf FB lautete also: "Schreib den ersten Satz so, dass der Leser unbedingt auch den zweiten lesen will." (William Faulkner) Stimmst du dem zu?
Da hier einige schon viele erste Sätze genannt haben, gehe ich mal davon aus, dass viele der Aussage zustimmen.
Daher mal mein Lieblings 1. Satz.

Er stammt weder aus einem Roman noch aus einer Kurzgeschichte und ist mir dennoch für die ganze 1.Satz-Angelegenheit wichtig.
Wir haben diesen Test in der 10.Klasse gemacht. (Bewerbungsgespräche etc)

Zitat
Aufgabe 1: Lesen Sie zuerst alle Punkte durch, ehe Sie etwas tun.

aus:
3-Minuten-Test
Thema: Schnelligkeit, Konzentration und Auffassungsgabe
Zur Bearbeitung des Tests haben sie DREI Minuten Zeit.

Ja, der Test suggeriert dir schon, du sollst schnell sein und verfälscht das Ergebnis. Ich bin damals drauf reingefallen. Wie ca 95% der Klasse. Erst ALLES lesen, dann steht ganz hinten: Bearbeite nur Aufgabe 1 und 2. Ende. Man erliegt dem Wunsch: Alles in 3 Minuten muss sofort eredigt werden und deswegen: Zack, sofort alles bearbeiten. Nein, nur lesen!

Deswegen halte ich die Mystifizierung des 1.Satzes für zu viel des Guten. Ich selbst kann mich an keinen 1.Satz eines Romans erinnern. Wohl aber an das Gefühl ein verdammt gutes 1.Kapitel oder einen herausragenden Prolog gelesen zu haben.
Die Aufgabe jeden Satzes ist es, den nächsten lesen zu wollen. Doch geübte Leser sezieren die Sätze nicht, sie sind im Fluß und der erste Satz hat eine einzige Aufgabe: Den zweiten lesen zu wollen. Dafür ist jedes Mittel Recht.
Hier im Anfangspost steht sogar: "Nehmt auch ruhig den 2.Satz, wenn der erste zu kurz ist." Von wegen! Reingefallen. Somit hat der 1.Satz, und wenn er nur aus 2Worten bestand, seine Aufgabe schon erfüllt *zwinker und er war gut genug.

Hoffe, ich eck damit jetzt nicht an. ;)
Ich will nur sagen: Wir sollten uns da nicht verrückt machen. Es gibt verdammt gute 1.Sätze (Den von Moby Dick habe ich zB gesehen hier). Aber er ist nicht so wichtig. Im Schnitt lese ich im Jahr 60 Bücher und ich habe keines von ihnen fort gelegt, weil der erste Satz nicht passte. Er ist kein 'Clickbait'. Als Leser will ich 'schnell und gut' reinkommen in die Geschichte und das kann ein Satz - meiner Erfahrung nach - allein nicht (außer vlt Sätze von Heinrich von Kleist, die 3 Seiten lang sind und allein schon eine Kurzgeschichte sein könnten :P).

Offline Trippelschritt

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #34 am: 16. Juli 2017, 09:00:14 »
Ich kann mich durchaus an einige gute erste Sätze erinnern, die mich gleich dazu gebracht haben, alles von diesem Autor zu lesen. Es ist aber auch richtig, dass ein Leser auch einen mittelmäßigen ersten Satz verzeiht und mindestens den ganzen ersten Absatz liest. In so fern ist Faulkners Bonmot ein wenig überspitzt, um ein Prinzip deutlich zu machen. Es macht also durchaus Sinn nach guten ersten Sätzen zu suchen und auf diese Art auch das eigene Schreiben zu verbessern.

Und hier noch einmal einer meiner Favoriten, den ich auch am Anfang dieses Threads bereits zitiert habe:
The island of Gont, a single mountain that lifts its peak a mile above the storm-racked NorthEast Sea, is a land famous for wizards.

Er ist gleich aus mehreren Gründen großartig geschrieben und der folgende Satz nimmt den ersten Eindruck wundervoll auf und verstärkt ihn noch. Und der dritte Satz ....

Liebe Grüße
Trippelschritt

(hat die englische Version gewählt, weil dieser Satz so schwierig zu übersetzen ist.)
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Offline Barra

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #35 am: 16. Juli 2017, 12:54:31 »
Es gibt wundervolle erste Sätze, die für sich allein betrachet, so wie wir es hier tun, unglaublich viel Geschick beinhalten. Man darf nur nie den Fehler machen, zu versuchen den ersten Satz auch als erstes zu schreiben. Lieber den ersten (Ab-)Satz als letztes hinzufügen, komplett umschreiben, neu formulieren.
Ich unterstelle wirklich, dass die meisten Leser nicht innehalten nach dem ersten Satz und diesen alleinstehend wirken lassen. Daher kann und darf jede Finesse im ersten Satz unterschwellig sein. Ich finde genau das ist der Clou am ersten Satz und deswegen bejahe ich Faulkners Aussage. Der Leser soll gar nicht stoppen, stoppt er, verlierst du ihn. Die ersten Sätze müssen alle zusammenhängen und aufbauen.

Beispiel anhand eines Buches, welches ich noch nicht gelesen habe und jetzt nur für diesen Thread aufgeschlagen habe:
Andrew Prentice/ Jonathan Weil - Pandämonium
Zitat
„DAS MÄDCHEN STARB ALS ERSTE.“
Verdammt, jetzt will ich unbedingt wissen, wieso das alles in Versalien gedruckt ist.
"Das Mädchen" - nicht irgendeines ... ein bestimmtes Mädchen - welches?
"starb" - halleluja das Buch ist in der Vergangenheit geschrieben.
"als Erste." - also gibt es noch mehr Tote, von diesem Moment an.
Wenn ich dieses Buch dann irgendwann dies Jahr lese, bin ich gespannt wie oft ich an den Ersten denken werde. Weil ich ja jetzt mal ganz bewusst den Satz im Hinterkopf behalten will. (Nennen wir es ein Selbstexperiment.)

Beispiel anhand eines Buches, welches ich mehrfach gelesen habe.
Jasper Fforde - Der Fall Jane Eyre (Serie)
Zitat
„Mein Vater hat ein Gesicht, das eine Uhr stoppen kann.“
"Mein" - Pfui, Ich-Perspektive, mag ich nicht, Buch du hast es schwer, überzeug mich.
"hat ein Gesicht" - ja, das ist gut, wir wissen schon mal, Paps ist kein Mutant.
"eine Uhr stoppen kann." - wait, what? *prustend lach So eine Beleidigung habe ich ja auch noch nie gehört.
Das sagt ja schon viel über die Beziehung von Ich und Papi aus.
Aber erst als ich das zweite Mal dieses Buch las, erkannte ich die Bedeutung dieses Anfangs.  ;) Beim ersten Lesen, war das einfach nur lustig und schnell wieder vergessen.

Wenn ich wissen will, was ein guter erster Satz ist, versuche ich es mal andersrum, welche fand ich denn ebe nicht gut?

Ein für mich schlechtes Beispiel:
Walter Moers - Das Labyrinth der träumenden Bücher (Trilogie innerhalb der Zamonien-Romane)
Zitat
„Hier geht die Geschichte weiter.“
"Und hier fängt die Geschichte an." - Der Satz war so wichtig im Vorgänger (Stadt der träumenden Bücher). Und hier kriege ich als Leser nur ein: "Hier geht's weiter." ? Boah wie einfallslos. Das ist schon kein Zaunpfahl, der Autor hat mich mit 'der Nase im Buch'-Strafe zurückgeholt. Tja, immerhin weiss ich jetzt haargenau woran und wo ich bin. Hat also auch sein Gutes und andersrum wäre es auch enttäuschend gewesen, wenn genau dieser Satz nicht da gestanden hätte (Erwartungshaltung.)

Noch ein Beispiel für einen (für mich) misslungenen Anfang
Kai Meyer - Die Krone der Sterne
Zitat
„Sie trage die Sterne in den Augen, hatte einmal jemand gesagt.“
Das Buch habe ich gerade als letztes gelesen und ich muss leider sagen: mit dem ersten Satz holt mich niemand ab.
"Sie" - Gut, schon mal 3.Person-Perspektive.
"trägt die Sterne in den Augen" - klingt hübsch, ist mir aber nicht punktgenau genug
"einmal jemand" - *handwedel "Es war einmal".

Und ein letztes Beispiel, für ein Buch, mit langweiligem ersten Satz.
Sebastien de Castell - Greatcoats - Blutrecht (im Original 4Teile)
Zitat
„Man stelle sich einen Augenblick lang vor, man hätte sich seinen sehnlichsten Wunsch erfüllt.“
"man" - hmpf
"vorstellen" - hypothetisch, komm, gib mir die Geschichte, keinen Pathos
"sehnlichsten Wunsch erfüllt" - s.o.
Erst über eine Seite 'Schwafeln' später kommt das hier:
"Sie fic* schon wieder." - BOOM. Was zum Henker, wie bitte? Steht da nicht echt! Und ich dachte mir sofort, grmpfdezertifix, wieso fängt das Buch nicht genau damit an?! Das hat mächtig Eindruck hinterlassen, an den Satz erinnere ich mich. Er war ausschlaggebend dafür lesen zu wollen, ab DEM Punkt, das 'davor' war schlagartig vergessen. Später wird deutlich, dass dieses böse f-Wort völlig unwichtig ist. Das mit dem "Wunsch erfüllen" hingegen sehr wichtig. Aber das merkt man dann auch erst, wenn man den Anfang nach der ersten Lektüre noch einmal liest.

Ist aber genau das, was ich aussagen will. Gute erste Sätze müssen nicht wortgetreu im Kopf bleiben. (Ich musste jetzt alle nachschlagen und war bei dem ein oder anderen Beispiel selbst jetzt überrascht, wie wichtig sie doch sind.)
Gestern Nacht habe ich versucht mich daran aus dem Gedächtnis zu erinnern, ich kam auf keinen einzigen, bis auf den von den Greatcoats, von dem ich wusste, dass der "reißerische Satz" nicht der erste war. Das Buch hatte mich mit dem Geschwafel nämlich schon beinah verloren in der Leseprobe.

Du hast Recht, Trippelschritt, erste Sätze zusammentragen, um sich selbst zu verbessern ist ein nobler Ansatz. Ich füge nur die Ausnahme hinzu, dass ein wirklich guter erster Satz nicht dadurch gut wird, weil ein bestimmter Artikel drin steht oder eine Annahme postuliert wird, oder ein Wort gewissen 'Spielraum' "famous for XY" lässt. Sondern, weil es stimmt: Aufgabe des ersten Satzes: lies den nächsten. Egal wie. Das ist der Bonus im ersten Satz, den man lernen kann herauszukitzeln.

Das beste Beispiel was mir dieses Jahr untergekommen ist: Jana Oltersdorff. (Kurzgeschichte Einhorn)
Zitat
"Michaels Freude darüber, ein echtes, leibhaftiges Einhorn zu erblicken, währte nicht lange. Sie endete in dem Moment, als ebenjenes Wesen sein namensgebendes Horn in Tinas Brustkorb stieß."
Meine Reaktion war diese:
"Das ist doch schon die ganze Geschichte, oder? Da ist alles drin!
Prota, LoveInterest, Antagonist, Herzschmerz, Drama, Tod, Trauer, Gegensätze, Spannungsbogen. (offenes Ende, fängt offen an, dürfte der Erwartung 'kurz' in 'Kurzgeschichte' entsprechen, regt zum Nachdenken an, hat ne Pointe/ besonderes Ereignis, Ort und Zeit nicht bekannt ... es ist wirklich alles da.)"

Und mein eingangs erwähnter alltime-Favorit:
Heinrich von Kleist Novelle - Die Marquise von O...
Zitat
In M..., einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O..., eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: daß sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle; und daß sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten.
Da ist auch alles drin verwurstet was gebraucht wird an Informationen.

Wer sagte es noch gleich treffend: "The rest will take care of itself." (Ich meine nicht die Lyrics von Webb Wilder).
So krass wie in diesem Kurzgeschichten-Beispiel schaffen es die meisten Romane aber nicht, meiner Meinung nach. Müssen sie auch nicht. Ein Roman, der mich gleich im ersten Satz so zuballert wie Kurzgeschichte/ Novelle, hat es schwer mich mitzunehmen. Weil das muss ich ja dann gleich doppelt lesen und (Faulkner) damit hat der erste Satz es nicht geschafft mich zum zweiten zu bringen. ;)

Offline Trippelschritt

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #36 am: 16. Juli 2017, 13:09:13 »

Und mein eingangs erwähnter alltime-Favorit:
Heinrich von Kleist Novelle - Die Marquise von O...
Zitat
In M..., einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O..., eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: daß sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle; und daß sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten.
Da ist auch alles drin verwurstet was gebraucht wird an Informationen.


Und mehr noch. Die Novelle beginnt mit dem Ende einer Geschichte und so weiß ich bereits nach dem ersten Satz, um was für einen Typ von Geschcihte es sich handelt. Und ja, ich will wissen, wie so etwas einer solchen Frau passieren konnte. :D

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Offline Feuertraum

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #37 am: 16. Juli 2017, 18:32:58 »
Ich widerspreche hier einmal vehement

Sebastien de Castell - Greatcoats - Blutrecht (im Original 4Teile)
Zitat
„Man stelle sich einen Augenblick lang vor, man hätte sich seinen sehnlichsten Wunsch erfüllt.“

Gerade diesen ersten Satz finde ich ehrlich gesagt ziemlich clever. In diesem einen Satz wird genau das angesprochen, was der Leser insgeheim hofft und ihn auch irgendwo zu einer Gedankenreise ein: Was wäre wenn ...
Und auch dieses "'Man' stelle sich vor". Das besagt doch schon, dass der Leser in seine Gedankenreise nicht nur sich einbeschließen darf, dass er auch sein Umfeld/seine Umwelt mit einfließen lassen muss, was alles passieren kann, wie sich Wege/Schicksale, Gedanken der Mitmenschen ändern können.

Zitat
"Sie fic* schon wieder."


Interessanterweise finde ich diesen Satz schon wieder banal, langweilig, eher zum Gähnen anregend. Mag unter Umständen daran liegen, dass Sexualität in Romanen und erst recht in unserer Gesellschaft schon lange kein Tabuthema mehr ist und damit zumindest mich nicht wirklich hinter den Ofen hervorlocken kann.




Zitat
Aufgabe des ersten Satzes: lies den nächsten. Egal wie. Das ist der Bonus im ersten Satz, den man lernen kann herauszukitzeln.

Das unterschreibe ich ebenfalls nur bedingt. Der erste Satz hat irgendwie mit dem Stil des Autoren zu tun.
Ihr Beispiel von Jasper Fjorde zeigt, dass der Autor dieses mit einer Beschreibung anstrebt, die den Leser vollkommen aus der Konformität des alltäglichen Wissens herausreißen und ihn stutzen lässt.
Andere Autoren benutzen den reißerischen Moment (zum Beispiel: Er schob mir den Lauf seiner .38er in den Mund).
Marie Louise Fischer soll einmal gesagt haben, sie schreibe bewusst langweilige erste und zweite und teilweise auch dritte Sätze, um dann aber mit einem Kontrast anzukommen, der den Leser weiter die Augen über die Buchstaben wandern lässt.

Von daher ist es schwierig zu sagen, dass man lernen kann, wie der erste Satz geschrieben werden soll, weil eine Gruppe von Lesern anders reagiert als eine zweite.
Mit Ihrem Beispielsatz "Sie fic* schon wieder" kann ich nichts anfangen, Sie hingegen hat der Satz umgehauen.

Obwohl ich gestehen muss: Es gibt einen ersten Satz, den selbst ich als den perfektesten ersten Satz aller Zeiten betrachte:
Zitat
Es war eine dunkle und stürmische Nacht!
Snoopy (ja, der Beagle von Charlie Brown).
Und wer kann an dem Talent und der Weisheit dieses Vierbeiners zweifeln ... ;) ;D
Das Fahrrad heulte herzergreifend, weil an ihm ein Hund  seine Notdurft verrichtete.

Offline Barra

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #38 am: 17. Juli 2017, 08:17:05 »
Von daher ist es schwierig zu sagen, dass man lernen kann, wie der erste Satz geschrieben werden soll, weil eine Gruppe von Lesern anders reagiert als eine zweite.

Marie Louise Fischer soll einmal gesagt haben, sie schreibe bewusst langweilige erste und zweite und teilweise auch dritte Sätze, um dann aber mit einem Kontrast anzukommen, der den Leser weiter die Augen über die Buchstaben wandern lässt.


Obwohl ich gestehen muss: Es gibt einen ersten Satz, den selbst ich als den perfektesten ersten Satz aller Zeiten betrachte:
Zitat
Es war eine dunkle und stürmische Nacht!
Snoopy (ja, der Beagle von Charlie Brown).
Und wer kann an dem Talent und der Weisheit dieses Vierbeiners zweifeln ... ;) ;D

Marie Louise Fischer hat also ähnlich gehandelt wie Sebastien de Castell (oder er wie sie).
Erst etwas trockenes (bewusst langweiliges - ich nannte es 'Geschwafel') bieten und dann einen Kontrast (das olle f-Wort). Nicht, dass der Eindruck entsteht, wenn ich Reizwörter lese, wäre ich Feuer und Flamme, oder es ginge mir nur um Erotik oder ähnliches. Nein es war ja eben der Reiz daran, dass nach einer Seite für mich langweiligem inneren Monolog und zu vielen 'man' damit die Handlung anfängt. Aus heiterem Himmel schwingt der Ton um.

Und ich gebe Feuertraum Recht. Auf jeden Fall sollte der erste Satz (und natürlich nicht nur der, sondern der gesamte vorherrschende Tonus) der Zielgruppe angepasst sein. Dann ist es auch in Ordnung wenn man mal ausbricht. Zum Beispiel indem ein Charakter sich gehen lässt. Sei es nun, weil ein Charakter auf unangebrachte flätige Weise spricht oder in die andere Richtung um Längen höflicher oder altbackener daher kommt. (Das "Sie f* schon wieder." wäre eine solche wörtliche Rede gewesen (Entschuldigung, hätte ich gleich dazu schreiben sollen, um korrekt zu zitieren.)

Stimmt, Snoopy werde ich natürlich nicht widersprechen.  8)
Und dieser so schlichte Satz bewirkt im weiteren auch 'nur': lies den zweiten Satz. Kein 'reißen', kein 'philosophieren', keine 'Personen'. Eine schlichte Beschreibung der örtlichen Umstände. Und darüber hinaus so neutral, man könnte ihn für sehr viele Arten von Zielgruppen und Genren benutzen.
 

Offline Coppelia

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #39 am: 17. Juli 2017, 08:49:00 »
Berühmt ist ja auch der erste Satz von Homers Ilias. Natürlich entspricht er modernen Kriterien überhaupt nicht, und er setzt auch einiges an Hintergrundwissen voraus. Aber er ist ein kleines Wunderwerk (Übersetzung: Wolfgang Schadewaldt):

Zitat
Den Zorn singe, Göttin, des Peleus-Sohn Achilleus,
den verderblichen, der zehntausend Schmerzen über die Achaier brachte
und viele kraftvolle Seelen dem Hades vorwarf
von Helden, sie selbst aber zur Beute schuf den Hunden
und den Vögeln, und es erfüllte sich des Zeus Ratschluss.

Das ist ein extrem irritierender und aufwühlender Einstieg. Der Anfang verspricht, dass große Gefühle im Vordergrund stehen - Zorn - und zwar von einem VIP der Heldenriege. Dieser Zorn wird als zerstörerisch mit all seinen schrecklichen Folgen angerissen. Und all das soll auch noch auf den Beschluss des höchsten Gottes zurückgehen? Das ist schon fast skandalös. Da muss man doch unbedingt wissen, wie all das zusammenhängt. Und es blieb ja auch sehr lange ein Klassiker. :)
Forscher gehen davon aus, dass die Ilias-Handlung tatsächlich von Homer erfunden wurde. Sie ist ja nicht identisch mit dem Sagenkreis um den Trojanischen Krieg, sondern nutzt ihn als Hintergrund. Also dürften die Hörer zu Homers Zeit eventuell wirklich noch nicht gewusst haben, wie die Zusammenhänge zwischen Zeus' Beschluss und Achills Zorn aussahen.
     Und da verstand er scharf/bei ihren Worten, dass man sich/nicht alles anhör'n darf .../Man wird sonst doch zum Lich ...

Offline Trippelschritt

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #40 am: 17. Juli 2017, 12:03:56 »
Zitat
Von daher ist es schwierig zu sagen, dass man lernen kann, wie der erste Satz geschrieben werden soll, weil eine Gruppe von Lesern anders reagiert als eine zweite.

Doch man kann es lernen und es ist auch nicht so schwer. Es gibt viele Möglichkeiten und nicht jede Möglichkeit passt zu jedem Autor, zu jedem Genre oder zu jedem Text. Aber das macht nichts. Auch gibt es keine klare Zuordnung für eine bestimmte "Masche" und einen Autor, weil Autoren keine Maschen mögen. Aber viele Autoren haben das Ziel ihre Leser möglichst früh in ihren Text hineinzuziehen. Und oft reicht ein einziger Satz.
Man muss sich nur überlegen, wie man die Aufmerksamkeit eines Lesers einfangen kann. Und sollte einem nichts einfallen, kann man sich abschauen, wie andere Autoren es gemacht haben, wenn sie es gemacht haben. Und so etwas tun wir hier. Dass die Geschmäcker unterschiedlich sind, ist dabei kein Hindernis.

Liebe Grüße
Trippelschritt
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Offline Fledermaus

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #41 am: 18. Juli 2017, 22:03:35 »
Ich mochte diesen ersten Satz:
Zitat
Das ist die Geschichte des Musikers Johannes Elias Alder, der zweiundzwanzigjährig sein Leben zu
Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen.
Aus "Schlafes Bruder" von Robert Schneider. Ich glaube, dass mich dieser Satz so reingezogen hat, weil er eben das Ende schon vorwegnimmt. Und ich mich sofort gefragt habe, wie es denn dazu kommen wird ... Während dem Lesen habe ich trotz des ersten Satzes die ganze Zeit gehofft, dass er sich nicht bewahrheiten wird. Das Buch hat mich ganz schön durch die Mangel gedreht :gähn: Aber auf gute Art und Weise!

Ansonsten lege ich eigentlich recht wenig Wert auf erste Sätze. Mir ist eher das Gesamtbild der ersten paar Seiten wichtig. Wenn ich bei einem Buch nicht weiterlese, dann eigentlich immer erst nach den ersten 10-20 Seiten.

Offline Sascha

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #42 am: 19. Juli 2017, 10:26:01 »
Angeregt durch die hier wieder aufgeflammte Diskussion hab ich mir gestern den Anfang von Kurt 3 noch mal angeschaut und festgestellt, daß
Zitat
»Asterix ist der doofste Doofkopf überhaupt!«
nicht unbedingt der ideale Einstieg für einen Fantasy-Krimi ist.
Also hab ich noch was davorgesetzt:
Zitat
Timo Wagners erste Gotteserfahrung begann mit seinem liebsten Comichelden – und einem Streit.
Ich glaube, das macht's besser, oder?
»Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotenzial in sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen.«
Dalai Lama

Offline Churke

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #43 am: 19. Juli 2017, 11:40:02 »
Der erste Satz kann alles sein und viele Funktionen erfüllen. Wichtig finde ich aber, dass er eine Atmosphäre erzeugt, die auf die Geschichte einstimmt. Davon hängt auch ab, ob Sachas 1. oder 2. Version besser ist...

Nachdem Coppelia Homer zitiert hat, bringe ich mal - faulerweise auf Englisch - den 1. Satz der "Res Gestae" von Ammianus Marcellinus:

Zitat
After the survival of the events of an unendurable campaign, when the spirits of both parties, broken by the variety of their dangers and hardships, were still drooping, before the blare of the trumpets had ceased or the soldiers been assigned to their winter quarters, the gusts of raging Fortune brought new storms upon the commonwealth through the misdeeds, many and notorious, of Gallus Caesar.

Sprachgewaltig wirft er den Leser in einen Sumpf aus Krieg, Intrigen, Verbrechen und Staatsversagen. Die morbide Atmosphäre frisst sich ins Gemüt.

Cupitorum spes omnis Circus est maximus.
- Ammianus Marcellinus

Offline Barra

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Re: Der berühmte erste Satz
« Antwort #44 am: 19. Juli 2017, 21:08:35 »
Zitat
»Asterix ist der doofste Doofkopf überhaupt!«

Also ich find jetzt absolut toll! Würde ich sofort große Augen bekommen und mich freuen, verspricht gute Unterhaltung. Ganz nach meinem Geschmack. Allerdings würde ich keinen Fantasy-Krimi erwarten dabei.

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