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Autor Thema: Ich will Schriftsteller sein! Jetzt!  (Gelesen 46417 mal)

Offline Anja

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Re: Ich will Schriftsteller sein! Jetzt!
« Antwort #360 am: 12. Januar 2018, 22:13:40 »
Bei Bewerbungen sollte man denke ich nicht zu viel über die Optimierung nachdenken, sonst macht man sich verrückt. Übersichtlicher Lebenslauf, chronologisch von heute rückwärts, in Rubriken sortiert (Beruf, Schule, weitere Quali etc.), dann ein sauber formatiertes Anschreiben ohne Rechtschreibfehler, fertig.

Man kann auf den Job eingehen, auf den man sich bewirbt, und die Sachen in den Vordergrund stellen. Ich denke nicht, dass Personaler nach der Farbe der Mappe aussortieren, es sei denn, sie haben für einen Job 100 Bewerbungen und laden fünf zu Gesprächen ein – dann muss man auch passende Kandidaten aussortieren. Ansonsten gilt: Wenn die Person zum Job passt, dann laden sie ein.

Was Comedy angeht, da würde ich anregen, mal im Poetry Slam Erfahrungen zu sammeln. Da gibt es mittlerweile sehr viel und von lustigen bis nachdenklichen Vorträgen ist da alles dabei. Hazel Brugger, Torsten Sträter, Lisa Eckhard und viele mehr haben darüber ihre Karriere gestartet. Über die diversen Meisterschaften kann man schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erobern. Vielleicht eine Alternative?


Offline Aphelion

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Re: Ich will Schriftsteller sein! Jetzt!
« Antwort #361 am: 13. Januar 2018, 16:16:49 »
Feuertraum, ich habe den Eindruck, dass das Träumen Ihr größtes Problem ist. Träumen kann Seelentrost spenden und Mut machen. Aber irgendwann müssen Sie sich entscheiden, ob das Künstlerdasein ein Traum oder Ihr Leben sein soll.

Die meisten Schreiber (Schriftsteller, Sachbuchautoren, Texter usw.) sind Freiberufler. Da kommen Sie fast nicht drumrum - außer Sie haben schon so viele Referenzen gesammelt, dass jemand Sie fest anstellen wird. Das ist aber eher bei Werbeagenturen u.ä. der Fall, aber auch diese Arbeiten überwiegend mit Honorarkräften. Die Referenzen sammeln Sie eben durch Freiberuflichkeit. Selbst Journalisten sind größtenteils Freiberufler, Festanstellungen sind selten geworden.

Ich kenne mich ein bisschen mit Kleinkunst aus. Meiner Ansicht nach haben Sie sehr unrealistische Erwartungen. Gehen Sie Ihr Entertainment genauso an wie das Schreiben: Schrittweise. Erst müssen Sie lernen und üben, bevor Sie gut genug sind, um sich großen Erfolg erhoffen zu können. Wie lernen und üben Sie? Indem Sie Erfahrungen sammeln. In der Kleinkunst sind diese Erfahrungen zwangsläufig semi-öffentlich oder öffentlich. Aber nicht auf einer großen Tournee, sondern eben in Poetry Slams, bei gemischten Programmen, offenen Abenden(*), Wettbewerben - heutzutage auch auf Youtube.

(*) Mir fällt der richtige Begriff nicht ein. Das sind Veranstaltungen ohne Programm, wo jeder Zuschauer auch potenziell auftreten darf.

Entertainer können auch auf Firmenfeiern, Hochzeiten und Sommerfesten auftreten. Auch mit solchen kleinen Auftritten sind Sie jedoch Selbstständiger. Wie gesagt: Es führt kaum ein Weg daran vorbei.

Glück spielt eine wichtige Rolle, aber Glück ist nicht alles. Glück kommt dann ins Spiel, wenn Sie ihm entgegenlaufen - und es treffen oder verpassen. Es gibt viele Möglichkeiten, Kompromisse einzugehen. Aber wenn Sie sich nicht bewegen, kann das nichts werden. In diesem Stadium hat das wenig mit Glück zu tun.

Die Frage ist, was Sie für Ihr Leben wollen. Was Sie wirklich wollen. Und wenn Sie es wollen, suchen Sie nicht nach Ausflüchten. Sie reden sich im Moment selbst ein, dass es nicht klappen kann. Dann wird es auch nicht klappen. Selbstständigkeit muss nicht unvernünftig sein, wenn Sie sie richtig angehen. Es geht bei Ihnen im Moment nicht um "ganz oder gar nicht", sondern um "ob überhaupt".

Ich habe den Eindruck, dass Sie die Erfahrungen aus Ihrer "Brotjob"-Bewerbungssituation auf alles andere übertragen. Wenn Sie eine gute Ausbildung haben, wichtige Soft Skills besitzen und enthusiastisch auftreten, aber trotzdem immer wieder Absagen erhalten, dann ist das fehlendes Glück - ggf. auch Diskriminierung, je nachdem. Wenn Sie von einer Tournee als Entertainer träumen und nie die notwendigen Schritte unternehmen oder nicht am Ball bleiben, dann ist das Glück nicht dafür verantwortlich.

Wenn Sie lieber träumen, ist das vollkommen legitim. Möglicherweise ist es dann jedoch sinnvoll, wenn Sie sich (auch) auf Ihr Leben konzentrieren und Ihre psychischen Ressourcen nicht auf einen Traum verwenden, den Sie nicht realisieren wollen. Manchmal ist es besser, Träume hinter sich zu lassen.

Das heißt nicht, dass Sie das Schreiben aufgeben müssen oder nicht versuchen sollen, von Ihrer Kunst zu leben. Diesen Punkt müssen Sie aber erst einmal klären - und dann entsprechend handeln, egal für welche Seite Sie sich entscheiden. Anregungen zum Handeln haben Sie schon viele erhalten. Vor dem Handeln steht allerdings die Entscheidung. Sie müssen die Entscheidung nicht sofort treffen und sie muss nicht für das ganze Leben gelten. Sie sollten die Entscheidung jedoch mit Bestimmtheit treffen.

Offline Feuertraum

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Re: Ich will Schriftsteller sein! Jetzt!
« Antwort #362 am: 14. Januar 2018, 13:14:37 »
Moinsen!

Danke erstmal für die vielen neuen Antworten.
@Anja: Poetry Slam ist eine Literaturgattung, für die - so befürchte ich - mir jegliches Talent fehlt.

@Aphelion: Um Ihr Posting zu beantworten, muss ich Ihren Text ein wenig umplatzieren, bitte nicht wundern oder verärgert sein:



Die Frage ist, was Sie für Ihr Leben wollen. Was Sie wirklich wollen. Und wenn Sie es wollen, suchen Sie nicht nach Ausflüchten. Sie reden sich im Moment selbst ein, dass es nicht klappen kann. Dann wird es auch nicht klappen. Selbstständigkeit muss nicht unvernünftig sein, wenn Sie sie richtig angehen. Es geht bei Ihnen im Moment nicht um "ganz oder gar nicht", sondern um "ob überhaupt".

Nein, es geht definitiv nicht um "ob überhaupt". Ich will vom ganzen Herzen Unterhalter sein, ich will mit jeder Faser meines Körpers Unterhalter sein. Ich will schreiben und auf der Bühne stehen und Comedy spielen und irgendwann auch mal Hörspiele produzieren. Ich will Leute zum Staunen und zum Lachen bringen.
Das will ich leben!

Zitat
Wie lernen und üben Sie? Indem Sie Erfahrungen sammeln. In der Kleinkunst sind diese Erfahrungen zwangsläufig semi-öffentlich oder öffentlich. Aber nicht auf einer großen Tournee, sondern eben in Poetry Slams, bei gemischten Programmen, offenen Abenden(*), Wettbewerben - heutzutage auch auf Youtube.

(*) Mir fällt der richtige Begriff nicht ein. Das sind Veranstaltungen ohne Programm, wo jeder Zuschauer auch potenziell auftreten darf.

Zu (*) Ich kenne es unter dem Namen Offene Bühne, manche nennen es aber auch Open Mic, ich weiß aber, was Sie meinen, weil ich schon einigen als Comedian beigewohnt habe.


Zitat
Glück spielt eine wichtige Rolle, aber Glück ist nicht alles. Glück kommt dann ins Spiel, wenn Sie ihm entgegenlaufen - und es treffen oder verpassen. Es gibt viele Möglichkeiten, Kompromisse einzugehen. Aber wenn Sie sich nicht bewegen, kann das nichts werden. In diesem Stadium hat das wenig mit Glück zu tun.

Was mein Glück angeht (nur ein kleiner Auszug):

2011 hatte ich wieder an einer vom Job-Center verordneten Maßnahme mit integriertem Praktikum teilnehmen dürfen. Dieses Praktikum führte mich zu einem hiesigen Bürgerfernsehsender.
Kurz vor Ende der Praktikumszeit wurde ich zum Chef gerufen, der mich darüber aufklärte, dass das gesamte Team von meinem Schreibstil und meiner Art, mit Worten zu jonglieren und auf die Filme zugeschnittene Texte begeistert seien, dass sie mich unbedingt als Schreiber dabei haben wollen. Nur weil sie aufgrund des Budgets mich nicht bezahlen können, haben sie einen Antrag auf Zuschuss beim Job-Center gestellt.
Meine Freude war groß.
Und sank sofort auf Null, als ich dann Tage später vom Job-Center erfuhr, dass sie nicht bereit sind, diesen Arbeitsplatz zu bezuschussen.
2012. Erneute Maßnahme. Wieder mit Praktikum. Diesmal wurde ich als Radiojournalist bei einem zu diesem Zeitpunkt hier ansässigen privaten regionalen Radiosender vermittelt.
Nach vier Wochen hieß es: "Wir wollen dich unbedingt haben. Wenn Du für einen Job geschaffen bist, dann als Radiojournalist! Wenn wir die beantragte UKW-Lizenz haben, macht das gesamte Team einen Knicks vorm Chef, dass er dich einstellt."
Aber der Sender bekam die Lizenz nicht, und damit war wieder eine Hoffnung geplatzt.
Und so passiert es bei mir immer wieder: Jemand reicht mir die Hand, ich renne auf sie zu, will sie ergreifen, doch nur Millimeter, bevor sich die Finger berühren, bekomme ich von der Seite einen Bodycheck, der mich von dieser Hand wegstößt und gleichzeitig diese Türe für immer verschließt.

Zitat
Wenn Sie von einer Tournee als Entertainer träumen und nie die notwendigen Schritte unternehmen oder nicht am Ball bleiben, dann ist das Glück nicht dafür verantwortlich.

Dieser Satz erinnert mich an einen Disput, den ich vor vielen vielen Jahren einmal mit einer Brieffreundin hatte. Ich war zu diesem Zeitpunkt erwerblos (hatte jedoch Journalismus respektive Comedy noch längst nicht auf dem Schirm) und hatte ihr öfters geschrieben, dass ich mich deutschlandweit für verschiedene Branchen im Handel bewerbe und dass ich auch kein Problem damit habe, umzuziehen. Irgendwann ist ihr der Kragen geplatzt und sie maulte mich in ihrem Brief auf, dass ich auch mal über den Tellerrand schauen müsse und mich auch mal deutschlandweit bewerben müsse und auch bereit sein muss, umzuziehen.
Das war dann der Punkt, bei dem ich beschlossen habe, ihr nicht mehr zu schreiben. Warum jemandem schreiben, der meine Briefe anscheinend gar nicht liest oder versteht.
Kurzum: Ich mache etwas dafür - soweit es in meinen zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten liegt. Und genau da beißt sich die Katze in den Schwanz. Ich arbeite im Einzelhandel. Meistens Spätschicht, also von 13 - 20 Uhr (so 3 - 5, manchmal sogar 6 Tage in der Woche, wenn jemand wegen Krankheit ausfällt). Da die Offenen Bühnen meistens werktags sind und zu einer Uhrzeit beginnen, in der ich noch im Laden stehe und zu Ende sind, wenn ich bei der Location ankommen würde, kann ich an Arbeitstagen kaum hin.
Also bleibt im Prinzip nur mein Urlaub, den ich dann aber tatsächlich dafür nutze, um in Städte zu fahren, in denen eine Offene Bühne veranstaltet wird. Selbst wenn ich danach 5,6 Stunden am Bahnhof verweilen muss, ich habe dann Urlaub, kann mich also zu Hause ins Bett hauen und ausschlafen.
Ich habe einige Bücher zum Thema Stand-up-Comedy auf Englisch, die ich mit Hilfe eines Englischlexikons übersetze und damit arbeite, um zu lernen und mich zu verbessern. Ich mache. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die einen Traum haben, sich aber weigern, etwas dafür zu tun. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die ihren Traumjob suchen, aber nicht bereit sind, dafür auch mal mehr als 200 Meter von ihrer Wohnung zu suchen.
Ich kann - Jobbedingt - nicht so viel Bühne machen, wie ich gerne möchte, aber ich mache. Ich mache, weil ich Unterhalter sein will. Mit dem Herzen, mit jeder Faser meines Körpers, mit meiner Seele, mit meinen Gedanken.
Wenn da nur diese bescheidenen Bodychecks nicht wären ... :(


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Offline moonjunkie

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Re: Ich will Schriftsteller sein! Jetzt!
« Antwort #363 am: 15. Januar 2018, 09:19:56 »
@Feuertraum Oje, das war wirklich zweimal ausgesprochen ärgerliches Pech. Aber es waren zwei Stellen, die Sie wollten! Zwei verschiedene Arbeitgeber in tollen Jobs, die Sie gerne hätten. Dann ist es doch nur sicher eine Frage der Zeit, bis sich wieder so etwas auftut und dann wird auch niemand kommen, um Sie wegzuschubsen. Daran glaube ich jetzt mal ganz fest. Nach Pech muss auch mal Glück folgen.

Das mit den vielen Bewerbungen ist so eine Sache beim Vergleichen. Waren diejenigen, die nur so wenige Bewerbungen schreiben mussten und einen Job gefunden haben, denn im gleichen Bereich tätig? Von einigen Jobs gibt es nun mal viel mehr freie Stellen. Von anderen nur sehr, sehr wenige. Da hilft vermutlich einfach nur: weitergucken, weitersuchen, weiter bewerben.

Der Rest, finde ich, klingt schon mal sehr gut. Sie tun an den freien Tagen alles Mögliche, um irgendwann in den Entertainerjob reinzurutschen. Die andere Option wäre vielleicht einen Job zu finden, der bessere Arbeitszeiten hat, um mehr Gelegenheiten zu haben, zur Bühne zu kommen. Das kann ja dann vielleicht ein Job sein, der noch kein Traumjob ist, nichts mit Sprache zu tun hat, aber eben diese Möglichkeiten verbessert. Also etwas im Handel. Mit anderen Arbeitszeiten - ich weiß natürlich nicht, ob es das gibt, aber ich hoffe es einfach mal.

Offline Feuertraum

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Re: Ich will Schriftsteller sein! Jetzt!
« Antwort #364 am: 15. Januar 2018, 11:23:29 »
Danke, moonjunkie, fürs Daumenhalten. Ja, die beiden Sender wollten mich, weil ich je eine Chance bekam, mich zu beweisen.
Und das ist - glaube ich - etwas sehr Entscheidendes: Chancen zu bekommen, um zu zeigen, dass ich für diesen Betrieb geeignet bin.
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