Also ich liebe Überarbeiten.

Nur dann mag ich es nicht, wenn ich das Gefühl habe, ich kann den Text unter keinen Umständen retten - das kommt auch manchmal vor.
Ich überarbeite sehr oft, meist schon während ich schreibe zum 1. Mal. Bevor ich den Text irgend jemandem zum Lesen gebe, ist er mindestens zweimal, aber meist häufiger überarbeitet. Dann sammle ich meist Hinweise von mehreren Testlesern, wäge sie gegeneinander ab und überarbeite ihn noch mal zur vorläufig letzten Version. Je nachdem gibt es dann noch einmal eine Korrektur des ganzen Textes.
Mit zeitlichem Abstand habe ich noch nicht überarbeitet, obwohl es sicher sinnvoll wäre. Vielleicht mache ich das mit meinem letzten Roman mal, aber bisher musste ich ihn entweder immer abgeben oder hatte halt keine Lust mehr, weil ich zuletzt mit der Fassung zufrieden war.
Ich mag sehr gern, wie während des Überarbeitens Fehler und Unstimmigkeiten immer weniger werden und sich auch die Dinge verbessern, bei denen man es gar nicht mehr gedacht hätte.
Ich habe auch ein Drei-Farben-System, um mir während des Schreibens zu markieren, was ich überarbeiten muss: gelb für Inhaltliches, blau für Ausdruck, grün für Sätze/Absätze/Wörter, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie überflüssig ist. Dann gibt es noch violett für Abschnitte, die an der falschen Stelle stehen. Das habe ich mir überlegt, um nicht aus dem Schreibfluss zu kommen, damit ich aber weiß, wo ich das Problem sehe.
Ich achte dann natürlich auch auf Formulierungen und Logik. Ich bin manchmal etwas schusslig, was Logik angeht. Mein typischster Fehler ist es, Zusammenhänge nicht für den Leser deutlich zu machen, weil sie mir ja klar sind. Darauf muss ich dann besonders achten. An den 'poetischen' Formulierungen des Textes wird aber hinterher meist nichts mehr geändert. Zu kürzen versuche ich natürlich auch, aber meist mit mäßigem Erfolg, weil ich was ergänzen muss. Was ich streiche, sind meist inhaltliche Wiederholungen, sowas unterläuft mir oft. Ich versuche, alles zu beseitigen, was nicht mit der Geschichte zusammenhängt. Wenn es wichtige Informationen über die Charaktere sind, müssen sie natürlich drin bleiben. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass solche Szenen, wenn sie nicht relevant sind, doch für den Kaugummi-Effekt sorgen und verschwinden sollten. Ich habe das meiste, was ich gestrichen habe, hinterher nie vermisst.
Ich denke mal, das Überarbeiten nervt mich deswegen nicht so sehr, weil ich immer nach dem perfekten Wort/Satz/Text suche. Ich finde den Ausdruck sehr wichtig, jedes Wort muss sitzen. Das schaffe ich zwar leider noch? nicht, aber Autoren wie Michael Ende zeigen, dass der Inhalt nicht hinter der Formulierung zurückbleiben muss. Ein Roman kann genauso poetisch sein wie ein Gedicht, natürlich nicht auf dieselbe Weise. Wenn ich sehen kann, wie sich mein Text meinem Ideal annähert, ist das für mich die Mühe wert.
Vielleicht bin ich deswegen beim Schreiben nicht so schnell wie ich sein könnte.

Aber ich kann Schreiben und Überarbeiten nicht richtig voneinander trennen.
Manchmal kann ich allerdings auch auf Anhieb einen längeren Text schreiben, den ich kaum überarbeiten muss.