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Autor Thema: Maja Ilisch: Die Spinnwebstadt  (Gelesen 2482 mal)

Offline Maja

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Maja Ilisch: Die Spinnwebstadt
« am: 01. Januar 1970, 01:00:00 »
http://www.tintenzirkel.de/prologe/ilanrea.php

Entstehungszeit:

Aus:  Die Spinnweb-Stadt -1997-2003, Prolog: 1998, Vollendet
    Sing ye, bard, the song again of the island of the gamblers
Where there’s no king nor laws but many a thug and rogue and thief.
Land of the free, the last abode for refugees and ramblers,
Where you may find or may not find your luck -
And never leave
Thesilée: Gamblers' Island

Offline Breanna

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Re: Maja Ilisch: Die Spinnwebstadt
« Antwort #1 am: 24. Januar 2007, 20:46:17 »
Was soll ich dazu sagen? Der Prolog ist gut geschrieben, auch wenn er auf mich sehr befremdlich wirkt durch die Gedanken des jahrhundertealten Wesens - somit hast du das gut hingekriegt.  ;)
Allerdings finde ich den Prolog jetzt nicht so spannend, als dass ich unbedingt weiterlesen wöllte. Eigentlich enthält er nichts, was mich so reizen würde, weiterzulesen, wenn ich nicht wüsste, dass es um etwas anderes geht.
"Lesen ist für den Geist das, was Gymnastik für den Körper ist." Joseph Addison

annorra

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Re: Maja Ilisch: Die Spinnwebstadt
« Antwort #2 am: 27. Februar 2007, 14:28:52 »
Hallo Maja
wie Breanno schon sagte, sage auch ich: gut geschrieben, heißt: guter Satzbau. Die Zitate passen zum Prolog, sind ein schönes, zusammenhängendes Gedicht geworden. Stilistisch hast du meinen Geschmack getroffen bzw. die Stillrichtung, in die ich auch gerne schreibe und daher mag, konkret: Die vielen gedanklichen Selbstfragen des Sprechers. Auch der abstrakt-weise-philosophische Inhalt gefällt mir, die Sprachspiele/-mittel: „Es konnten nur Stunden gewesen sein, aber auch Tage, Jahre, Jahrhunderte. Jahrtausende.“ Und ich mag solche Weisheitssätze wie: „Zeit war bedeutungslos, schon immer.“

Danach aber ziehst du bei mir im Gedanken an zwei Strängen, der Effekt ist verwirrende Gefühlsneutralität. Diese Verwirrung ist zwar nicht sehr minimal, aber dennoch. Du schreibst:

„Dunkel erinnerte sie sich noch, hierher gekommen zu sein und sich schlafen gelegt zu haben. Aber danach? Seitdem konnte alles geschehen sein. Es war ihr gleichgültig. Dies war nicht mehr ihre Welt.“

Der unterstrichene Teil, besonders das „Aber danach?“ vermittelt das Gefühl, dass dem „ich“-Sprecher das nicht gleichgültig ist. Durch deine Wortwahl blähst du das, was dem Sprecher gleichgültig sein soll, zur Wichtigkeit auf (ich weiß, ich übertreibe hier mit meiner Wortwahl, das hier ist nur ganz feine Detailkritik).

Ansonsten das „hierher gekommen zu sein“ streichen. Da der Leser sowieso nicht weiß, wo sie ist, ist das ein inhaltsleerer Satz für ihn, der noch dazu umständlich wirkt. Weckt bei mir Assoziationen zu: „Er sagte, das gesagt zu haben.“ Oder du ersetzt das „hierher“ durch einen konkreten Ort, denn nur dann finde ich diesen Teil sagenswert.

Dann das Unterstrichene kürzen:
 „Lange hatte sie geschlafen, und genaugenommen tat sie es noch immer“

Einfach den Absatz beginnen mit „Genau genommen schlief sie noch immer.“ Denn der erste Satz deines Prologs endet auch auf „geschlafen“.

Ansonsten gefällt mir, dass du genau diese widersprüchliche Waage hältst zwischen schlafen und nichtschlafen, träumen und nichtträumen. Dass man es wirklich nicht genau weiß. Ist dir gut gelungen, wenn du das wolltest. Machst schöne Sprachspiele mit diesem „Schlafen oder nicht? Das ist hier die Frage“ :-)

Schön ist auch das mehrmalige Feuer-Metapher, immer in der richtigen „Temperatur“: „Irgendwo mußte doch noch etwas von ihrem Leben sein, ihrem Feuer! Aber sie fand keinen Funken. Nur Spuren von Wärme.“

Aber es kann auf Dauer ein wenig nerven, wenn es immer so weitergeht wie jetzt:

„Bevor sie nicht erkannte, was mit ihrem Körper geschehen war und wie sie ihn wieder dazu bringen konnte, ihr zu gehorchen, konnte sie nicht vollständig erwachen. Doch da sie nun wußte, daß etwas geschehen war, würde sie auch nicht mehr richtig einschlafen können.“

Das ist mir selbst für die abstrakt-philosophische Stimmung dieses Prologs zu umständlich und klingt, wie schon x-mal gesagt. Versteh mich nicht falsch: Wenn man sich deinen Text genau ansieht, wird man feststellen, dass jede Kritik in Richtung unlogisch/doppelt/undurchdacht unangemessen ist. Du sagst tatsächlich mit jedem Satz etwas minimal anderes und/oder betrachtest etwas aus einer neuen Perspektive. Aber beim „normalen“ Lesen wird wohl der Eindruck entstehen, dass du dich wiederholtst und umständlich wirst – selbst wenn ich finde, dass es bei dir Sinn macht. Egal, an welcher Stelle, aber irgendwo würde ich den Prolog kürzen. Deine Botschaft kommt auch mit weniger rüber. Ich persönlich würde den gerade zitierten Teil weglassen.

Und den folgenden Teil vielleicht auch, kann mich nicht entscheiden:

„Gefangen zwischen Schlaf und Wachen versuchte sie, einen Funken zu erhaschen, nach der Wärme zu greifen und sie zum Wachsen zu bringen, langsam, behutsam. Sie durfte es nicht ersticken.“

Einerseits klingt es wieder sprachlich so schön, dass ich’s drin lassen würde. Aber ich habe den Eindruck, du tendierst in diesem Prolog dorthin, wo ich beim Schreiben meine Probleme habe: Ich will drei gute Alternativen gleichzeitig in die Geschichte einbringen, auch wenn nur Platz für eine ist. Das Ergebnis: andere finden meinen Text unlogisch oder verstehen meinen komplizierten, aber logischen Gedankengang nicht.

Genau diese Unlogik/Unglaubwürdigkeit ist im obigen Zitat der Fall: Wieso findet sie so urplötzlich doch einen Funken, wo es weiter oben hieß „Aber sie fand keinen Funken“? Das wirkt unglaubwürdig, denn „Aber sie fand keinen Funken“ hat so einen entgültigen Klang.

Schön weise-poetisch ist wieder dieser Satz:  „Wie tief mußte man schlafen, um das Atmen zu vergessen?“

Der Satz steht für mich hingegen wieder in der Luft, irgendwie so ein Füllsel: „Verwirrende Traumbilder zogen durch ihren Kopf und lenkten ihre Aufmerksamkeit ab.“

Bleib dabei, dass sie sich aufs Atmen konzentriert. Außerdem hat man nicht den Eindruck, dass sie abgelenkt wird, da sie sich im ganzen folgenden Teil mit dem Armen beschäftigt.

Originelle und kraftvolle, gut vorstellbare Bilder finden sich wieder im Rest des Prologs: „Ihre Lungen füllten sich mit schneidend kalter Luft, die das bißchen Wärme sofort zu erdrücken suchte.“ und „Ihr Körper schien vor Kälte zu bersten.“

Leider passen diese beiden Sätze nicht zueinander und nicht zum dazwischen stehenden Satz: „Sie spürte, wie es sie innerlich fast zerriß.“ Erstens: Was ist „es“? Vermutlich die Luft. Aber davor hast du das Bild gefestigt, dass sie Luft „erdrückt“. Und „erdrückt“ und „bersten“ sind wieder solche Gegensätze, die ein wenig neutrale Verwirrung hervorrufen. Soll diese Kälte nun etwas erdrücken (nach innen drücken) oder bersten lassen (nach außen drücken)? – Oder „zerreißen“?? Das bedeutet „ziehen“, also wieder was anderes. Eigentlich kann die Kälte nicht alles gleichzeitig. Da du aber den ganzen Prolog in diesem Widerspruch geschrieben hast, passt es aber noch. Kann mir vorstellen, dass man diesen Widerspruch beim normalen Lesen nicht fühlt.

Der Rest klingt auch schön:
“Träume brachen über sie herein. (hat eine Assoziation zu Wasserwellen, wirkt daher kraftvoll)
Sie vergaß, daß sie versucht hatte, aufzuwachen.
Aber in ihr loderte ein kleines, zerbrechliches Flämmchen.“

Ein Schwachpunkt ist, dass der Prolog so nichtssagend ist und eben daher würde ich ihn kürzen. Er sagt nichts über die eigentliche Geschichte, er könnte der Prolog von zig Geschichten sein. Der Leser weiß nicht, was für eine Art Geschichte ihn erwartet. Ich glaube, dieser Prolog hat nicht viel Relevanz für die Leserfrage „Kaufen, oder nicht.“ Das kann der Leser wohl erst beim ersten Kapitel entscheiden. Nun gut, eigentlich ist das bei einem fertigen Buch aber kein Problem: Titelblatt und Klappentext werden deinem Text wohl zwangsläufig irgendeine Farbe geben.

Aber an sich (im leeren Raum schwebend) ein guter Text. Wenn das erste Kapitel die Erwartungen/Stimmung des Prologs aufnimmt und nicht „völlig fernab“ wirkt, finde ich den Prolog gut.

So, das war’s mal.

Grüße

Annorra


Tzulan

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Re: Maja Ilisch: Die Spinnwebstadt
« Antwort #3 am: 25. September 2007, 19:58:51 »
Irgendwie erwische ich immer die alten Texte,  :wums: aber egal.
Grundlegend kann ich mich meinen Vorrednern nur anschließen, ein wirklich gut geschriebener Anfang.
Interessant geschrieben, und weckt ein gewisses Interesse.
Ich schildere dir mal einige Eindrücke die mir so durch den Kopf schossen als ich den Text las.
1. Genau diese Empfindungen kenn ich wenn ich mich im Halbschlaf befinde, und beeindruckte mich die Plastizität bzw "Realitätsnähe"(Komisch in dem Zusammenhang)
2. Was ist das Ziel des Textes? Wohin führt mich die Geschichte, Emotional besteht bei mir ein gefühl der ziellosigkeit, der diffusität. Ist es das Ziel mich ratlos dastehen zu lassen, um dann irgendwann später erklärend auf die Fakten einzugehen? Wenn ja Bravo ! Ansonsten muss nach meinem Geschmack schnell zug in die Geschichte.
In diesem Zusammenhang sei noch angemerkt das es wichtig ist den ort wo - was auch immer - sich hingelegt hat nicht näher zu bezeichnen, denn das war einer der interessantesten Fragen für mich - Gibt es einen bestimmten Grund warum gerade hierher?

Offline Maja

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Re: Maja Ilisch: Die Spinnwebstadt
« Antwort #4 am: 25. September 2007, 20:39:46 »
Dieser Prolog ist komplett vom Rest des Buches losgelöst, zusammen mit dem Epilog - dann schließt sich der Kreis, und dann, hoffe ich, verstehen die Leser, um was es geht. Bis dahin ist es meine Absicht, den Leser nach dem Prolog mit einem fetten Fragezeichen über dem Kopf dastehen zu lassen. Es geht um Wirklichkeit, oder besser: Wirklichkeiten - der Held trifft im Verlauf der Geschichte einen schwarzen Drachen, aber immer nur im Traum: Woraufhin der Drache ihm erklärt, daß es genau umgekehrt ist, daß der gute Mowsal selbst nur ein Traum des Drachen ist (die Traumsequenzen sind auch alle online, zum Beispiel -> hier <-. In dem Zusammenhang fängt man dann langsam an, den Prolog zu verstehen.
Der Ort, das hier, ist eigentlich nicht so wichtig - es ist ein warmer Ort, an dem sich die Drachen schlafen gelegt haben, einer neben dem anderen. Heute ist dort nur noch ein Gebirge. Früher trug es sogar einmal den Namen Drachenzacken, doch der ist längst vergessen. Aber noch schlafen die Drachen nur...

Ich habe zum gleichen Thema auch ein Lied geschrieben, das Draketo auf seiner Webseite hat (ich selbst, zu meinem großen Erstaunen, offenbar nicht): The Wakening - da gibt es sogar ein MP3 mit einer Wohnzimmeraufnahme. Erstaunlich. Hatte ich selbst völlig vergessen.

Der Grund, warum ich den Prolog geschrieben habe, ist viel prosaischer: Das Buch, immerhin ein Wälzer von über 800 Seiten, beginnt ganz und gar unfantasymäßig mit den Problemen eines schwererziehbaren Jugendlichen. Erst peu à peu sickern die phantastischen Elemente in die Handlung. Um also den Leser doch schon auf Fantasy einzustimmen und ihm zu sagen "Nein, das ist nicht deine Welt. Nein, das ist meine eigene Welt. Ja. Ja, ich weiß. Es sieht so aus wie deine Welt. Ist es aber nicht. Und jetzt gib Ruhe!" - habe ich diesen Prolog davorgesetzt.

Danke, daß er dir gefallen hat. Das Buch befindet sich gerade in der X-ten Überarbeitung, und dann soll es, endlich, an einen Verlag geschickt werden. Also keine so alte Kamelle, wie das Datum vielleicht impliziert!
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